Thriller „Dark Waters”: Das Gift in uns

Thriller „Dark Waters”: Das Gift in uns

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Wusstest du eigentlich, dass du vergiftest wurdest? Ja, ganz recht. Du gehörst zu den schätzungsweise 99 Prozent aller Menschen weltweit, die die Chemikalie Perfluoroctansäure, kurz PFOA, in sich tragen.

PFOA befindet sich wahrscheinlich im Blut aller Lebewesen auf der Erde, so die Annahme. Über Jahrzehnte pumpte der US-amerikanische Chemiekonzern DuPont nicht nur dieses schädliche Mittel in Produkte und die Umwelt und hinterließ gravierende Schäden – und wurde trotzdem in der EU erst letztes Jahr verboten.

SLEAZE + Dark Waters
Ein langer Kampf gegen ungeheure Machenschaften: Mark Ruffalo in
„Dark Waters“.

Regisseur Todd Haynes („Carol”) nahm sich dem auf Nathaniel Richs New York Times Magazine-Artikel „The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare” basierenden Skandal mit seinem Thriller „Dark Waters” (dt. Titel: „Vergiftete Wahrheit”) an und zeigt darin den Kampf des Anwalts Robert Bilott (Mark Ruffalo) gegen ein kaputtes System.

Dunkle Aussichten

Dabei steht der aufstrebende Jurist als Unternehmensverteidiger anfangs selbst noch auf der Seite von DuPont & Co. Erst der wütende Hilfegesuch des seiner Großmutter bekannten Farmers Wilbur Tennant (Bill Camp), der mit einer Kiste Videokassetten zur Firma des Anwalts fährt, pflanzt erste Zweifel in Roberts Kopf.

Das Land Wilburs ist nur noch kahle Einöde, in der ein Hügelmeer von den fast zweihundert verendeten Kühen zeugt, die der Farmer im Laufe der Zeit begraben musste. Der Verdacht für den Niedergang des Grundes fällt auf eine nahegelegene Deponie von DuPont.

Ab Ende der 90er entblättert sich langsam die Erkenntnis über ein ungeheures Ausmaß von Profitgier, die etwa von der bekannten Teflonpfanne ausgehend auch über Menschenleben geht. Immerhin ist PFOA für diverse Krebserkrankungen und Geburtsfehler verantwortlich, wie diverse Studien noch zeigen sollen.

Neben ihren toxischen Eigenschaften verfügt die Chemikalie über eine enorme Stabilität und Widerstandsfähigkeit, weshalb sie etwa kaum vom menschlichen Körper und der Umwelt abgebaut wird. Sie gilt als Teil der so genannten „Forever Chemicals”, also Chemikalien, die nicht komplett abgebaut werden.

Todds Stamm-Kameramann Edward Lachman findet für diese dunklen, weitreichenden Aussichten ein visuell bedrückendes Echo. Düster dokumentiert er karge und durchnässte Natur. Verfall und Trostlosigkeit bedecken die Szenerie, der nicht zu entfliehen ist. So wie auch wir uns dem Einfluss einer massenhaften Verbreitung schädlicher Stoffe besonders in den Industrienationen kaum entziehen können.

SLEAZE + Dark Waters
Der Anwalt im kahlen Land: Mark Ruffalo als Robert Bilott und Bill
Camp als Farmer Wilbur Tennant.

Der in Innenräumen dominierende Sepiastich verdrängt die Farbvielfalt, scheint das Leben aus den Wänden zu saugen, so wie der jahrelange Kampf zunehmend das Leben aus seinen Figuren zu zehren scheint.

Seine druckvolle, entsättigte Bildsprache hat mich besonders in den bläulich verhangenen Außenaufnahmen an das Videospiel „The Last of Us Part II” erinnert, das immerhin in einem postapokalyptischen Szenario spielt. Für Anwalt Robert avanciert der Kampf gegen den Industriegiganten tatsächlich zu einer schier endlos wirkenden Odyssee voller Enthüllungen, Verstrickungen und Widerstände.

Fundamental kritisch

Das Drehbuch von Mario Correa und Matthew Michael Carnahan durchläuft dabei einige bekannte dramaturgische Elemente anderer Investigativ- bzw. Whistleblower-Thriller wie der anfängliche Zwiespalt seines Protagonisten oder der Druck auf das Privatleben nicht nur der Hauptfigur.

Gleichzeitig bereitet es die massive Dimension des Skandals verständlich, atmosphärisch und wütend auf. „Das ganze System ist korrupt. Wir sollen denken, dass es uns beschützt, aber das ist eine Lüge!”, entfährt es dem enttäuschten Robert einmal gegenüber seiner Frau Sarah (Anne Hathaway).

„Dark Waters” avanciert in solchen Momenten zu einer Generalanklage gegen die Unfähigkeit und den Unwillen jener, die auf großer Bühne Verantwortung tragen: Institutionen, Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer. „Nicht irgendwelche Konzerne, nicht die Wissenschaft, die Regierung genauso wenig”, sondern wir seien es, die uns beschützen. Wir, die Bürger. Er hat allen Grund, den offiziell Verantwortlichen ein solch verheerendes Zeugnis auszustellen.

Der Thriller ist nämlich auch filmisches Zeugnis dafür, in welch ungesunder Abhängigkeit Politisches, Gesellschaftliches, Wissenschaftliches und Sozioökonomisches zu wirtschaftlichen Mächten oft steht. Kritik, Enthüllungen und konsequente Folgen drohen in einem System hyperkapitalistischer Geiselhaft zu verpuffen.

Das Heilsversprechen dieses an Profit nimmersatten Biestes sind Arbeitsplätze für die Untergebenen und fettere Zahlen für die Steuermänner auf dem Rücken des Ungetüms. Es frisst den Wunsch nach Würde, Gesundheit und Wahrheit und lockt an ihrer Statt mit einem für viele Menschen existenzsichernden Einkommen.

Dark Waters mit deutlichen Lichtblicken

„Dark Waters” ist damit auch eine energetische, fundamentale Systemkritik nicht nur an den Vereinigten Staaten, sondern allen Industrienationen, deren aufrechterhaltende Kreisläufe ähnlich erodierten oder denselben Mechanismen unterliegen.

Nach den rund zwei wie im Flug vergehenden Stunden überkam mich aber nicht das Gefühl, gerade eine pathoserfüllte Lektion in Courage gesehen zu haben. Regisseur Todd Haynes verwehrt seinem zunehmend selbst leidenden Helden die Inszenierung im großen Scheinwerferlicht.

SLEAZE + Dark Waters
Kann der Anwalt diesen Sisyphos-Kampf gewinnen?

Der Kampf des Anwalts ist keine von gleißendem Sonnenlicht angestrahlte Erlösergeschichte. Hier genügt es schon, einen einstigen und inzwischen schwer von Krebs gezeichneten Weggefährten in einem sterilen Flur noch ein vermutlich letztes Mal gesehen zu haben. Es reicht schon das unterstützende Wort, ein anerkennender Blick, etwa von seinem Chef Tom (Tim Robbins). Robert weiß, warum und für wen er diesen Kampf führt.

Und dieser Film setzt ihm und allen Mitstreitern nicht nur in diesem Kampf ein würdiges, geerdetes Denkmal, das in seiner unbändigen Wut fesselt, mitreißt und aufrüttelt. Es erinnert, mahnt und beschwört die Wichtigkeit des Einzelnen, bei dem letztlich alles anfängt und der die Folgen weitreichender Handlungen ebenso zu tragen hat.

Alex

Titel: Dark Waters (dt. Titel: Vergiftete Wahrheit)
Kinostart: 08.10.2020
Heimkinostart: VoD bereits erhältlich, DVD & Blu-ray erscheinen am 12.02.2021
Dauer: 126 Minuten
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: USA
Filmverleih: Tobis

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