Der L.A.-Sound ist zurück: The Raveonettes im Interview!

Der L.A.-Sound ist zurück: The Raveonettes im Interview!

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Die dänische Band The Raveonettes haben ihrer Heimat schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Ihr Weg führte sie zuerst nach London, dann nach New York und schließlich in die Stadt der Engel, wo sie den besten Nährboden für ihren unvergleichlichen Sound fanden. Letzte Woche spielten die sympathischen Musiker mit den klingenden Namen Sune Rose Wagner und Sharin Foo in Berlin und stellten ihr sechstes Album „Observator“ vor. Wir trafen sie zum Interview und quatschten mit ihnen über das nötige Selbstvertrauen, das erste China-Restaurant in Kopenhagen und über eine sehr offene Beziehung.

The Raveonettes 1

Das ist nun euer sechstes Album.  Welche Bedeutung hat diese Platte für euch?

Sune: Gar keine (beide lachen).

Langes Schweigen.

Sharin: Oh Gott, das ist echt schwierig.

Ähm, ok…das war mal ’ne gute erste Frage. Dann versuche ich es mal weiter: Ursprünglich war dieses Album als ein L.A.-Album geplant (was es letztendlich doch nicht wurde)? Wieso?

Sune: Weil die Band in L.A. gegründet wurde.

Nur deswegen?

Sune: Jip, nur deswegen. Wir waren immer schon stark von Musik aus L.A. geprägt. Wir haben ja auch sehr viel Zeit da verbracht und ziemlich viele verrückte Erfahrungen gemacht. Es gibt dort einfach viel, worüber man schreiben kann. Diese Stadt inspiriert uns.

Wieso seid ihr so verrückt nach Amerika?

Sune: Sind wir eigentlich gar nicht. Ich mag es nur dort zu leben – also in manchen Städten. Ich lebte zehn Jahre in New York und liebte es. Irgendwann brauchte ich aber eine totale Veränderung. Ich wollte etwas ganz anderes. Deshalb bin ich vor kurzem nach L.A. gezogen. Ist aber nicht meine Traumstadt und irgendwann kann ich mir auch gut vorstellen, wieder nach Europa zurückzugehen. Nur eben nicht gerade jetzt. In Amerika habe ich einfach so viele Kontakte zu Bands, Labels usw. Es ist perfekt für die Arbeit, für unsere Musik und das ist es, was ich momentan tun will.

Du meintest, dass das neue Album sehr von der Musik der Doors beeinflusst ist. Wieso?

Sune: Die haben einfach tolle Musik gemacht und haben aus meiner Sicht den West-Coast-Spirit und L.A. am besten eingefangen.

Sharin: Ich denke, wir haben einfach versucht, eine Inspiration für unser neues Album zu finden. Wir sind nicht vernarrt in diese Band, aber sie hat uns eine Richtung vorgegeben.

Wart ihr mal so richtig besessen von einer Band?

Sune: Mhm…ja, als ich ein Kind war, gab es da so ein paar dänische Bands, die ich echt gut fand.

Zum Beispiel?

Sune: Da gab es Disneyland After Dark, The Sandmen oder Madonna.

Sharin: Und natürlich Duran Duran.

Sune, du sprichst ja sehr offen über deine Probleme, mit denen du in letzter Zeit zu kämpfen hattest (Bandscheibenvorfall, Depression, Alkohol etc.). Hat das alles Einfluss auf das neue Album?

Sune: Ja klar. Sehr sogar. Es ist wirklich ein sehr deprimierendes Album geworden.  Ich glaube, das hört man auch. Das war echt keine glückliche Zeit für mich.

Würdest du dich selbst als melancholischen/traurigen Menschen beschreiben?

Sune: Ich würde mich selbst eher als hoffnungslos romantisch und sehr nostalgisch beschreiben. Das schwankt aber ständig. Nur wenn ich auf Tour bin, fühle ich mich noch am ehesten „normal“. In dieser Zeit gibt es nicht viel, worüber ich nachdenken muss, also gibt es auch keinen Grund, nostalgisch oder depressiv zu sein.

Brauchst du diese Nostalgie und Romantik, um Musik zu machen?

Sune: Nein eigentlich nicht. Ich kann immer schreiben. Egal, wie ich drauf bin. Keine Ahnung, wieso das, was ich schreibe am Ende immer so traurig klingt (lacht).

Vermisst ihr Kopenhagen bzw. Dänemark manchmal?

Sune: Ähm…ich nicht!

Sharin: Ich schon. Ich vermisse meine Familie und Freunde und natürlich gewisse Dinge des europäischen Lifestyles.

Wieso bist du dann nach L.A. gezogen?

Sharin: Also zuerst bin ich nach London gezogen, dann nach New York und dort traf ich dann meinen jetzigen Ehemann. Er war der Grund, weshalb ich nach L.A. gezogen bin.

Wie funktioniert das Songwriting bei euch? Habe mal gelesen, dass ihr das so wie Lars von Trier macht und euch komplett betrinkt. Stimmt das?

Sune: Nein, wo denkst du hin! (lacht) Natürlich kommen mir beim Ausgehen viele Ideen. Aber wenn man betrunken ist, ist man ja nicht wirklich konstruktiv.

Nein, echt jetzt?

Sune: (lacht) Also ich bin es zumindest nicht. Ich schreibe am liebsten ganz in der Früh. Ich mag es nicht, nachts zu arbeiten.

Sharin: Aber deine Inspiration kommt meistens schon von einem angeheiterten Zustand.

Sune: Ja das stimmt wohl. Meine Ideen kommen ja auch immer von Leuten, die um mich herum sind, die ich beim Ausgehen treffe. Am nächsten Tag versuche ich das dann zu verarbeiten, sofern ich mich daran erinnere (lacht).

Also schreibst nur du die Songs?

Sune: Ja.

The Raveonettes 23

Mögt ihr es auf Tour zu sein? Alles Sex, Drugs and Rock’n’Roll?

Sune: Hab ich was verpasst? (lacht) Naja, das hat sich über die Jahre ziemlich verändert. Als wir anfingen, waren wir ja noch sehr jung. Da entsprach das vielleicht noch am ehesten diesem Klischee. Natürlich hatten wir diese Phase, in der wir uns ausprobierten und bis an unsre Grenzen gingen. Da kam es schon manchmal zu ziemlich kranken Situationen. (zu Sharin) Atlantic City!

Was war denn in Atlantic City?

Sharin: Wenn wir dir das verraten, müssten wir dich leider umbringen (beide lachen, ich kriege Angst).

Sune: Ja…naja…wie auch immer. Jedenfalls erreicht man dann irgendwann auch einen Punkt, an dem das alles nicht mehr so interessant ist. Was aber nicht heißen soll, dass wir nicht mehr ausgehen. Es ist einfach so, dass man auch realisiert, dass man eine gewisse Verantwortung hat. Wenn man vor ausverkauften Häusern spielt, dann kann man da nicht mehr einfach so auftauchen und mal eben locker-flockig ein Konzert spielen. Das ist heute schon was anderes als damals.

Heißt das, dass ihr jetzt total ernst geworden seid?

Sune: Ja, in gewisser Weise schon. Wir haben einfach gesehen, wie sehr dieses Nicht-ernst-nehmen unsere Karriere und unsere Musik (negativ) beeinflusste. Wir sind jetzt viel fokussierter und wissen was wir wollen. Wir sind in Berlin, um ein gutes Konzert zu spielen und nicht, um Party zu machen. Zuerst kommt also immer das Konzert, was danach passiert, passiert eben. Solange wir am nächsten Tag wieder fit sind, ist das auch ok.

Angeblich sollst du mal gesagt haben, dass du immer schon wusstest, dass ihr berühmt werdet. Stimmt das? Wie konntest du dir da so sicher sein?

Sune: Ja, das hab ich wohl gesagt. Als wir anfingen, an unsrem ersten Album zu arbeiten, entstand da Musik, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Ich dachte einfach, dass es Zeit für einen neuen Sound war und dass die Leute bereit dafür waren. Wir waren eine gute Band und machten etwas Neues, Einzigartiges. Niemand klang wie wir. Wir liebten unsere Musik und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das für tausende andere Leute nicht auch so war.

Sharin: Wir waren einfach Anfang zwanzig, unbeschwert und unglaublich selbstbewusst. Heute sind wir das zwar immer noch – vor allem in Bezug auf unsere Kreativität – aber ich würde mich nicht mehr trauen zu sagen, dass z.B. unser neues Album auf jeden Fall ein voller Erfolg wird. Da hat sich einfach viel geändert. Es ist nicht mehr so eindeutig, was die Masse gut findet und was nicht.

Stimmt es, dass dein Großvater das erste chinesische Restaurant in Kopenhagen eröffnet hat?

Sharin: Ja.

Ist das jetzt der Pilgerort für alle The Raveonettes-Fans geworden?

Sharin: (lacht) Nein, ich glaube nicht. Ich weiß gar nicht, ob es das Lokal überhaupt noch gibt. Auf jeden Fall hat ihm unser Banddasein leider kein merkbares Umsatzplus beschert.

Was würdet ihr machen, wenn ihr nicht Musik macht?

Sune: Darüber hab ich nie wirklich nachgedacht. Irgendwas, was Spaß macht. Film zum Beispiel.

Sharin: Irgendwas mit gutem Essen!

Essen?

Sune: Ja essen ist gut. Eigentlich weiß ich genau, was ich machen würde. Ich würde mir einen Weinberg kaufen und Winzer werden.  Wein, gutes Essen und Filme – perfekt!

Sharin: Ich würde irgendwas mit Kunst machen.

Sune: Außer „clowning“ (beide lachen).

Wie würdet ihr eure Beziehung zueinander beschreiben?

Sune: Offen (beide lachen).

Sharin: Ein wirklich altes, seit Ewigkeiten verheiratetes Ehepaar in einer offenen Beziehung.

Sune: Seeeehr offen…Wir verbringen sogar Weihnachten zusammen dieses Jahr.

Sharin: Manchmal tut es auch gut, mal etwas anderes zu machen, als immer nur gemeinsam zu arbeiten und ständig unter Druck zu sein. Das bereichert und erfrischt unsere tiefe Freundschaft.

Wenn ihr an die letzten zehn Jahre eurer Bandkarriere zurückdenkt: Gibt es da etwas, was ihr anders machen würdet?

Sune: Unendlich viel. (beide lachen) Das betrifft eigentlich alles, wie Lieder für ein Album aussuchen, keine Shows mehr versauen etc. Aber im allgemeinen können wir stolz darauf sein, dass es uns nach zehn Jahren immer noch gibt. Das können nicht viele Bands von sich behaupten.

Sharin: Ich glaube, eine Band ist ein eigener Lernprozess. Die ersten Jahre haben wir einfach so viel falsch gemacht, weil wir nicht fokussiert genug waren und über viele Dinge die Kontrolle abgegeben haben. Das würde ich heute auf jeden Fall anders machen.

Einen eurer Songs, den ihr hasst und einen, den ihr liebt?

Sune: Naja, im Grunde spielen wir gar keine unsrer Songs, die wir nicht leiden können (lacht). Aber momentan liebe ich, „Gone Forever“ und „Hallucinations“ zu spielen. Die sind einfach cool.

Sharin: Ähm…Ich stehe total auf „Aly, Walk With Me“. Ich könnte den dauernd spielen. Ich liebe den einfach. Einen, den ich zwar nicht hasse, aber den ich nicht so gerne spiele, ist „My Boyfriend’s Back“. Ich liebe das Original. Ich mag nur nicht, was wir daraus gemacht haben.

Welches eurer Alben ist euer Lieblingsalbum?

Beide: Definitiv Lust Lust Lust.

Mariella

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