The Quarry: ein Sommernachtsalbtraum

The Quarry: ein Sommernachtsalbtraum

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Eine letzte Nacht in einem Sommercamp wird für eine Gruppe junger Erwachsener zum Überlebenskampf. Zwei Monate lang haben sie als Kinderbetreuer in Hackett’s Quarry gearbeitet und nun stehen sie auf einem enorm schmalen Grat zwischen Leben und Tod.SLEAZE + The Quarry

Das Ende des Blutvergießens ist ungewiss, denn mit seinen über 180 möglichen Schlusspunkten wird man im Videospiel The Quarry selbst zum Entscheider. Damit setzt Entwickler Supermassive Games (Until Dawn, Dark-Anthology-Reihe) konsequent die eigene Softografie der vergangenen Jahre fort und lehnt einmal mehr an den starken Schultern von Genregrößen des Horrors.

In seinem in einer verträumten, bewaldeten Seen- und Bergwelt Amerikas gelegenen Lager könnte sich ebenso ein gewisser Killer mit weißer Hockeymaske herumtreiben. Friday the 13th ist nur eine der vielen filmischen Genreeinflüsse, zu denen etwa auch The Thing, The Hills Have Eyes und Evil Dead gehören.

Unbeschwerter und gewaltsamer Teenie-Slasher trifft auf Motive des Monsterfilms in einer Geschichte, die immer weiter in die Tiefen des Mysteriums vordringt, welches sich unter der romantischen Atmosphäre des nun nur scheinbar verlassenen Camps verbirgt. The Quarry ist eine spielmechanisch simple und hochwertig produzierte Horror-Melange im inszenatorischen, erzählerischen und atmosphärischen Geiste seiner Filmidole.

Auch für seine namhafte Schauspielriege orientierten sich die Schöpfer teils an Akteuren aus bekannten Genreverwandten. Erfahrene Darsteller wie David Arquette (Scream-Reihe), Lance Henriksen (Alien-Reihe), der etwa aus der Evil-Dead-Reihe und den Spider-Man-Filmen seines Bruders Sam bekannte Ted Raimi, Twin Peaks‘ Grace Zabriskie und Lin Shaye aus der Insidious-Reihe treffen auf etliche jüngere Mimen wie Miles Robbins aus Halloween von 2018, Detective Pikachus Justice Smith und Ariel Winter (Modern Family). Sie sprachen ihre Rollen nicht nur ein, sondern sind via Motion-Capture-Verfahren auch mit ihren digitalen Ebenbildern zu sehen.

Nacht der Entscheidungen

Während und nach seinem Einstieg auf einer einsamen Waldstraße und einem unheimlichen Auftritt Ted Raimis als Sheriff, der fast schon sinister an seinem Stift leckt, lässt sich The Quarry zunächst Zeit für die Etablierung seiner Charaktere, die immerhin einen Sommer lang unterschiedlich ausgeprägte Beziehungen zueinander aufgebaut haben.

Der frische und bittersüße Duft eines langsam dahinscheidenden Sommers liegt in der angenehmen Luft, die alle Beteiligten mit einer zumindest nach außen gerichteten kecken Leichtigkeit atmen. Besonders in der charakterstarken englischen Vertonung sitzen ihre mal scharfen und mal unbeholfenen Humorspitzen und errichten einen kompensierenden Gegenpol zu manch unerfüllten Hoffnungen und Träumen, ihren Unsicherheiten und Gedankenwelten. In ihren vor allem aus diversen Filmeinflüssen entlehnten Figurenzeichnungen finden sie dank ihrer starken Vertonung und der gelungenen Mimik die nötige Subtilität, um sie zu interessanten Wegbegleitern zu machen.

Immerhin übernimmt man im Laufe der rund acht Stunden die Rollen der einzelnen Betreuer in einem Mix aus rudimentärer Erkundung in klar begrenzten Gebieten, simplen Quick Time Events aka QTEs (drücke den dargestellten Knopf oder die Stickrichtung rechtzeitig), Augenblicken von Button Mashing und Luftanhalten per Dauerdruck auf einem Knopf, kleineren Zieleinlagen und unterschiedlich gewichteten Entscheidungen in Dialogen und Handlungen.

Während in Until Dawn (2015) noch zu findende Totems einen kurzen Blick in eine mögliche Zukunft ermöglichen, sind es hier Tarotkarten, die bei einer zwischen den Kapiteln auftauchenden Wahrsagerin bei Bedarf mit einem Blick in die Glaskugel belohnen.

Ein großer Reiz liegt in der Tatsache, dass jeder Betreuer entweder überleben oder sterben kann. Nach erstmaligem Durchspielen oder von Beginn an mit der Deluxe Edition können Entscheidungen, die zum Tode führen, bis zu dreimal rückgängig gemacht und neu gefällt werden.

Indes ist es schade, dass man nach dem Durchspielen nicht einfach und jederzeit die unterschiedlichen Kapitel betreten kann, um zu experimentieren. Wählt man eines auf Basis des komplettierten Durchgangs aus, ist nur die Rückkehr zum ausgewählten Kapitel oder eben ein ganz neuer Durchgang möglich.

SLEAZE + The Quarry
Opfer des Grauens oder Überlebende des Schreckens? Ein Spiel der Entscheidungen.

Gesammelte Beweise, das Abschneiden in den leichten und auch an weniger spielerfahrene Menschen gerichtete QTEs und die zum Teil unter Zeitdruck getroffenen Entscheidungen beeinflussen den Pfad und den Ausgang der Geschichte.

Eine richtige Entscheidung gibt es nicht, worauf bereits eines der urkomischen Erklärvideos im Zeichentrickstil hinweist, die an die herrlich brutalokomischen Tutorials des Vault Boy aus Fallout erinnern.

Letztlich ist es die Motivation des Spielers oder der vor dem Bildschirm versammelten Gruppe, die den Verlauf der Horrornacht definieren, wobei einige Entscheidungen deutlich schwerer wiegen als andere. Mit Blick auf die Reaktionstests muss man mit etwas Erfahrung am Controller oder der Tastatur allerdings schon aktiv gegen den betroffenen Charakter wirken und ihn quasi ins offene Messer stolpern lassen, sofern man ihn denn noch mehr leiden oder gar sterben sehen will.

Gleichzeitig können interaktive Elemente zeitlich oder in ihrer Ausführung bis hin zur Automatisierung vereinfacht werden. Zugänglichkeit wird hier großgeschrieben.

Ein optional höherer Schwierigkeitsgrad oder komplexere Mechaniken hätten aber sicher nicht geschadet, um den spielmechanischen Herausforderungen auch für erfahrene Spieler mehr situatives Gewicht zu verleihen.

Ein besonderes Merkmal mancher Entscheidungen ist nämlich, dass ihre Auswirkungen nicht immer sofort ersichtlich sind und das Spiel die Spannung des akuten Moments und des womöglich Bevorstehenden damit noch erhöht.

Als Spieler hat man gegenüber den Charakteren zwar meist einen Informationsvorsprung, was allein schon in der multiperspektivischen Erzählweise begründet liegt. Dennoch steht man ein ums andere Mal vor einem blinden Fleck, auch weil das Spiel zusätzlich rote Heringe auslegt bzw. Charakterzügen Raum für Twists einräumt und Auswahlmöglichkeiten nicht immer klar im Ergebnis formuliert sind.

Das tut dem narrativen Sog von The Quarry außerordentlich gut, das mit fortschreitender Spielzeit die Ereignisspirale zunehmend und immer konsequenter einengt. Nach meinem erstmaligen Durchspielen habe ich mir einen Durchlauf eines anderen Spielers und diverse Szenen weiterer Herangehensweisen angesehen. Bereits zu Beginn zeigten sich teils deutlich veränderte Szenen als bei mir.

Wohliger Grusel in einem vibrierenden Sommer

Einige Schlüsselmomente gehören dabei zu den unveränderlichen und verbindenden Elementen der Erzählung. Ein zunächst unbeschwertes Wahrheit oder Pflicht am Lagerfeuer etwa endet für so manchen Beteiligten in Frustration, die einen auch örtlichen Keil durch die Gruppe treibt. Und wir wissen alle, was das meist in Horrorstoffen bedeutet.

Der Horror von The Quarry definiert sich nicht über den inflationären Einsatz von Jumpscares, die hier wohldosiert in Erscheinung treten. Das Spiel taucht vielmehr in eine Stimmung wohligen Sommergrusels mit möglichen Gore-Momenten ein, die zunehmend Hackett’s Quarry vereinnahmt.

Es spannt die Nerven letztlich nicht bis zum Resignieren an, zumal die Macher den launigen Humor nicht fallenlassen und in ihm eine Gegenkraft des sich heranwachsenden Grauens aufbauen.

Erfreulicherweise schmiegt sich die Komik auch auf Grund der ungezwungen lockeren, scharfen Dialoge ans atmosphärische Gesamtbild des interaktiven Teenie-Horrors harmonisch an. In der deutschen Sprachausgabe geht allerdings einige stimmige Substanz des Originals verloren.

Auch diverse technische Unzulänglichkeiten trüben die an sich prächtige Kulisse mit ihrem Spiel aus detaillierten Umgebungen, Farben, Licht und Dunkelheit etwas. Besonders bei Szenenwechseln kommt es immer wieder zu nachladenden Texturen und die teils stacksigen Animationen halsabwärts stehen im Kontrast zu den insgesamt ausdrucksstarken Gesichtszügen. Die erreichen zwar insgesamt nicht die Klasse eines The Last of Us Part II, aber können in der oberen Liga mitspielen.

The Quarrys Schöpfer nutzten technische Möglichkeiten von Heute für ihre dynamische Regie, die gekonnt mit Tiefenschärfe und unterschiedlichen Kamerabewegungen und Bildeinstellungen eine pulsierende Inszenierung hinlegt. Die erzählt vom eigens komponierten Score und etlichen lizenzierten Liedern quer durch verschiedene Genres einen vibrierenden Traum vom Sommer, der von Romantik, Gewalt, Herzschmerz, Geheimnis, Furcht und jugendlicher Unbeschwertheit geprägt ist.

Dieser Sommernachtalbtraum ist kein Revolutionär im Horrorgenre, sondern mit Blick auf die Historie des Entwicklerstudios ein konsequenter Ableger, den ich mit viel Freude bis zum Schluss durchgespielt habe.

SLEAZE + The Quarry
Schrei! Der aus Scream bekannte David Arquette in The Quarry.

Bis zu acht Spieler können zudem im Couch Co-op gemeinsam und mit zuvor zugewiesenen Charakteren die Ereignisse in Hackett’s Quarry erleben, wobei der Onlinemodus mit ebenfalls bis zu acht Spielern auf einem Abstimmungssystem bei Entscheidungen gründet.

Letzterer stand zum Zeitpunkt des Tests noch nicht zur Verfügung und soll am 8. Juli 2022 per Update erscheinen. Im Movie Mode kann man sein Eingabegerät dann gänzlich zur Seite legen, nachdem zuvor einige Charakterparameter für die Betreuer festgelegt wurden oder man die Wahl getroffen hat, sie alle leben oder sterben zu lassen. Besitzer der Deluxe Edition können zudem die Option Gorefest auswählen, die nach Angaben der Entwickler „grauenerregendste Nacht“.

The Quarry ist eine aus Horrorinspirationen zusammengebraute Mischung, die in ihrer Mixtur ihre eigene Identität findet und die Spannung bis zum Schluss auch dank ihres interessanten Mysteriums und Entscheidungscharakters aufrecht erhält. Das Spiel als Potpourri seiner Horroreinflüsse ist das Ergebnis passionierter Schöpfer, denen die Leidenschaft für ihre Vorbilder und ihres eigenen Werks anzumerken ist.

Alex

Titel: The Quarry
Entwickler / Publisher: Supermassive Games / 2K Games
VÖ: 10. Juni 2022
Plattform: PC (Microsoft Windows), PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S

Getestet wurde die Xbox Series X-Version von The Quarry.

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