The Medium: Horror der neuen Generation?

The Medium: Horror der neuen Generation?

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Marianne ist eine geplagte Seele. Auf ihren Schultern trägt sie seit dem Tod ihres geliebten Ziehvaters die Last der Trauer. Zudem wird sie heimgesucht von einer Vision um ein ermordetes Mädchen, was ihr den letzten Nerv raubt.

Dann erreicht sie eines Tages ein Anruf. Eine mysteriöse Stimme weiß um ihre inneren Grabenkämpfe. Es ist Zeit für Antworten, die sie hofft, in einer verlassenen Erholungsanlage zu finden. Es ist Zeit, das Medium in ihr zu entfesseln.

SLEAZE + The Medium
Stimmungsvoller Beginn: Marianne vor den Toren des Niwa Resorts.

„The Medium” ist das neuste Spiel des für seine Gruselstoffe bekannten Bloober Team („Layers of Fear”, „Blair Witch”), das Ende Januar exklusiv für Microsofts neue Konsolengeneration Xbox Series X/S und Windows-Systeme erschien. Schon im Vorfeld weckte der Titel Erinnerungen an einen der größten Vertreter des Survival Horrors: „Silent Hill”.

Ab Ende der 90er hinterließ die japanische Spielereihe besonders mit ihren ersten drei Teilen wiedererkennbare Spuren im Genre. Melancholie, Terror und menschliche Abgründe verwoben sich zu einem schaurigen Fiebertraum, der nach der eingestellten Wiederbelebung „Silent Hills” von Hideo Kojima („Metal Gear Solid”, „Death Stranding”) und Guillermo del Toro („Pans Labyrinth”) vorerst weiter auf seine Reinkarnation warten muss.

Mit seinen visuell atmosphärischen, festen Kameraperspektiven aus der dritten Person, der Kreuzung zweier Realitäten und der Auseinandersetzung mit schwergewichtigen Themen deutete manches bei „The Medium” auf ein zumindest in der Tradition des großen Vorbilds stehendes Projekt des polnischen Entwicklerstudios hin. Selbst der langjährige „Silent Hill”-Stammkomponist Akira Yamaoka konnte für den Titel gewonnen werden.

Spätestens nach dem noch angenehm zurückhaltenden Auftakt gerät ihr Spiel aber in eine spektakuläre Abwärtsspirale, die den Spieler geradewegs in einen zähflüssigen Spielfluss ständiger Wiederholung und eine oberflächliche Erzählung stürzt. Dieses selbsternannte „psychologische Horrorspiel” entblättert sich als ein nur seichtes Adventure, das seine Spieler nicht ernst nimmt.

Zwischen den Welten

Anders lässt sich das ständig ausgebremste und vor allem stets geleitete Spielkonzept kaum erklären. „The Medium” ist im spielerischen Kern eine Aneinanderreihung von simpelsten Knobeleien: Mal muss ein Gegenstand oder Hinweis gefunden und kombiniert, mal ein blockierter Weg geöffnet werden.

Dank Mariannes übernatürlicher Gabe erlebst du das Geschehen oft aus gleich zwei Perspektiven gleichzeitig. Als Weltenwandelnde interagiert sie sowohl in der diesseitigen Realität sowie in der an eine apokalyptische Vorhölle erinnernden Geisterwelt.

Das übernatürliche Element verleiht ihr zudem spirituelle Fähigkeiten, mit denen sich etwa Echos aus dem Jenseits auffinden und dunkle Kräfte bekämpfen lassen sowie hilfreiche Geisterspuren sichtbar werden. Manche Handlungen können nur in einer der Dimensionen ausgeführt werden, sodass eine entsprechende Kombination der Fertigkeiten in den beiden Welten von Nöten ist.

SLEAZE + The Medium
Doppelt gescheitert: Der Splitscreen bleibt, wie vieles im Spiel, nur ein Ansatz.

An Komplexität gewinnen die Aufgaben trotz doppeltem Boden aber nicht. Die allzu strenge Linearität und der arg kontextualisierte Einsatz der Geisterkräfte münden in der spielerischen Realität nicht etwa in rätselhaften Nüssen, die geknackt werden wollen. Vielmehr trottest du an der Perlenschnur gekettet von einer Knobelei ohne Anspruch in die nächste. Als Spieler bist du samt deiner Intuition nie herausgefordert.

Der zum Großteil aus solchen Simpelheiten bestehende Spielfluss trocknet rasant aus und kommt nahezu zum Erliegen, weil auch das Aufgabenset kaum Variationen kennt. Es ist ein rund acht bis zehn Stunden langes Malen-nach-Zahlen in Spielform, welches auch trotz direkter Monsterbegegnungen in Gestalt einfachster Schleich- und unpräzisen, an Trial and Error leidenden Fluchtsequenzen keine wesentliche Wandlung erfährt. Zumal daneben weitere triviale Spielelemente wie das häufige und extrem langsame Durchschneiden großer Hautfetzen das Geschehen zusätzlich ausbremsen.

Wortreich in die Ohnmacht

Das ebenso oberflächliche, mächtig überladende Drehbuch wirkt da fast schon wie die logische Konsequenz eines bedrohlich wackelnden Spielkonzepts. Der angekündigte Horror findet in „The Medium” keinerlei atmosphärische Echokammer, in der sich das stimmungsvolle, von Verfall und historischen Gräueltaten gezeichnete Resort in Osteuropa frei entfalten könnte.

Stattdessen entpuppt sich die Erzählung als ein einziger, nicht abreißender Strom an Exposition. Alle paar Meter findet sich die nächste Notiz oder ein weiteres Geisterecho. Und selbst, wenn man die zum Teil immerhin nur optionalen Informationsfetzen ignoriert, rieselt der ständige Mitteilungsdrang auf den Spieler ein.

Mit Marianne triffst du nämlich auf einen der geschwätzigsten Videospielcharaktere der jüngeren Zeit. Ungefragt kommentiert sie jedes Ereignis und jede spielerische Herausforderung mit einem oft der Atmosphäre zuwiderlaufenden Monolog und serviert dir häufig die passende Lösung für die etlichen anspruchslosen Knobelspielchen.

Es ist, als säße das Autorenteam des Spiels stets als erklärende Betreuer auf deinen Schultern. Leider fehlt eine Option, dieses Tutorial in Endlosschleife auszuschalten.

In Folge verkommt man als Spieler zum passiven Infoschlucker, dessen eigener Bewusstseinsstrom unter der Last der kontinuierlichen Berieselung zum Erliegen kommt. Schulterzuckend sitze ich denn nur noch vor dem Bildschirm, müde den Controller in den Händen haltend.

Als gefütterte Maschine fühle ich nicht mehr, sondern führe nur noch die vom Entwicklerteam geforderten, stets berechenbaren Wiederholungsaufgaben in eisiger Routine aus. Zwischen mir und ihrer Kreation hat sich längst eine Mauer errichtet, die keinen empathischen, emotionalen und intellektuellen Austausch mehr zulässt. Aus anfänglichem Interesse ist monotone Pflichterfüllung geworden.

Abstumpfen – die neue Horror-Formel?

Schwere Themen wie Kindesmissbrauch und historische wie persönliche Traumata sind nur noch Schlagworte, die in einer Dramaturgie ohne Suspense, in einer Erzählung ohne Wucht und in den Worten oft erzwungen anhörender Dialoge verhallen.

Technische Unzulänglichkeiten wie steife Animationen und Gesichter sowie Ruckler in den Zwischensequenzen sind da fast nur beiläufige Randnotizen. Ich weiß alles und mein leerer Kopf ist voll von einer Geschichte, die jede mysteriöse Ecke in fahlem Licht ausleuchtet und sich letztlich in Wirkungslosigkeit auflöst.

Alles Symbolhafte, Surreale und Metaphorische ist nicht sicher vor dem erzählerisch grobschlächtigen Dampfhammer der Exposition. Ich als Spieler fühle mich nicht ernst genommen und spüre weder Angst, Trauer noch eine andere Emotion, die man in einem selbsternannten psychologischen Horrorspiel erwarten könnte.SLEAZE + The Medium

Und so kann ich „The Medium” denn auch nicht mehr ernst nehmen. Was ist los, liebe Entwickler von Bloober? Es ist mir nahezu unbegreiflich, wie man den instinktiven und empathischen Fähigkeiten seiner Spielerschaft dermaßen misstrauen kann. Die gesamte Spielzeit über bin ich ein an der Hand genommener Tastendrücker, dem hinsichtlich der Spielmechanik und Erzählung jegliche Intuition abgesprochen wird.

Ich sehe mich mit dauerhaften Erklärungen konfrontiert, die überhaupt keine Eigeninitiative und kein Einfühlungsvermögen in die Spielwelt mit ihren Regeln erfordert. Die oberflächliche Erzählung liefert mir dazu nichts als allzu klare, versimplifizierte Antworten.

Psychologischer Horror? Mitnichten! Denn dazu bedarf es einen Raum, der nicht nur der Exposition, sondern besonders auch dem Spieler selbst seinen notwendigen Platz einräumt. Einen Platz, der es ihm ermöglicht, sich selbst im Erlebten ein- und wiederzufinden. Ich suchte und fand ihn hier nie.

Alex

Titel: The Medium
Entwickler / Publisher: Bloober Team
VÖ: 28. Januar 2021
Plattform: Xbox Series X/S, Microsoft Windows

Getestet wurde The Medium auf der Xbox Series X. Sowohl auf Konsole als auch auf PC ist The Medium in Microsofts Spieleabo Game Pass seit Release verfügbar.

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