The Inner Friend: Unheimliche Suche nach dem inneren Kind

The Inner Friend: Unheimliche Suche nach dem inneren Kind

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Manche Spiele fliegen dermaßen tief unter dem Radar der Öffentlichkeit, dass sie in Zeiten von digitalen Massenmärkten à la Steam, Epic Games Store & Co. kaum eine Chance auf Beachtung erhalten. SLEAZE + The Inner Friend
The Inner Friend ist einer dieser Titel, der ursprünglich sogar schon Anfang September 2018 zunächst für den PC erschien. Dank der jüngsten Veröffentlichung auf PS4 und Xbox One haben nun auch wir die interessante, unheimliche Suche nach dem inneren Kind entdeckt.
Hinter dem Spiel steht das noch recht unbekannte kanadische Studio PLAYMIND, das The Inner Friend selbst als „psychologisches Horrorspiel über die Konfrontation deiner Kindheitsalbträume, um das innere Kind zu retten” beschreibt. Den Nordamerikanern gelingt es, insbesondere audiovisuell einige erinnerungswürdige Eindrücke zu erschaffen. Die nur im Ansatz funktionierenden Spielmechaniken erweisen sich jedoch als ärgerlicher Stolperstein auf der bizarren Reise.

Hallo, Mr. Kubrick

Aus der Perspektive der dritten Person steuerst du eine Art zerbrechliches, vollständig in Weiß getauchtes Abbild eines Kindes, das verschiedene Herausforderungen in verfremdeten Albtraumwelten bewältigen muss. Schnell bricht sich der Horror in Schule, Friseursalon oder auch einem Krankenhaus Bahn.
Zwar erzählt sich das Spiel ausschließlich über Bild, Musik und Ton und verzichtet auf das gesprochene Wort. Die Suggestionen sprechen aber bei aller Abstraktion und Symbolik eine vergleichsweise deutliche Sprache, wodurch sich der Titel trotz aller raum- und zeitsprengenden Eindrücke oberflächlicher anfühlt, als der erste Blick womöglich vermuten lässt.
Dieser sieht sich zunächst nämlich mit verzerrten Bildern der uns bekannten Realität konfrontiert. Flure verändern ihre Form, Türen verschwinden und Spiegel werden zu Pforten, die in einen neuen Abschnitt führen. Die sich verändernde Architektur beschwört einige surreale Überraschungsmomente herauf und scheut sich nicht, selbst ganz offenkundig Stanley Kubricks existenziellen Science-Fiction-Film 2001: A Space Odyssey zu zitieren.

SLEAZE + The Inner Friend
Ein Stück Filmgeschichte: Erinnerungen an Regisseur Stanley Kubrick.


Doch während der 1968 erschienene Film noch heute nachhallt und sein ihn umgebendes Mysterium Hirn und Herz gleichermaßen erregt, versandet The Inner Friend zunehmend. Erzählerisch geht das Spiel für mein Empfinden nicht in die allerletzte Konsequenz und entzaubert seine anfangs aufgestellte Rätselhaftigkeit durch sich aufdrängende Konkretisierungen selbst.

Spielerischer Flickenteppich

Besonders problematisch erweist sich hier zusätzlich eine sich einstellende Routine im Spielablauf, der sich ein wenig wie ein Blick in die Vergangenheit des Mediums anfühlt, in der sich über Jahre bestimmte Stereotypen zum Teil bis heute festgesetzt haben.
Die verschiedenen Level sind durch eine Unterbrechung in Form eines kurzen Aufenthalts im Kinderzimmer getrennt, das du unnötigerweise mit zu findenden Gegenständen ausfüllen kannst, um eine geheime Endsequenz freizuschalten.
Ein Sturz in einen dunklen und mit gestapelten Gebäudeblöcken ausgefüllten Raum bringt dich schließlich in den nächsten Abschnitt, der sich sowohl in der Wahl seiner Umgebung als auch spielerisch von den anderen Level unterscheidet.
Im Wesentlichen besteht die Herausforderung im Meistern eines Querschnitts traditioneller Geschicklichkeitseinlagen, Sprungpassagen oder Fluchtsequenzen.
Einmal musst du etwa einer irren, entkleideten Friseurin entkommen, deren Gesicht und Haare nur noch in Form dunkler Kugeln angedeutet werden. Ihr unaufhörliches Scherenschnippen bereitet mir noch immer Gänsehaut. Ohnehin ragen sowohl die Toneffekte als auch der ambientische Synthie-Teppich atmosphärisch heraus.
Ein anderes Mal gilt es beispielsweise eine nicht minder bizarre Lehrerkreatur zu überlisten und dir ähnlich sehende Schüler bzw. Projektionen deiner Selbst zu befreien, indem du von dem Schulmonster ausgehende Strahlen mit Büchern korrekt blockierst.

Idee vs. Praxis

In diesen Momenten krachen Artdesign und Ausführung aufeinander. Die künstlerische Vision mit ihren Freiheiten in Bildsprache und Sound trifft auf ein allzu enges Spielkorsett, das sich erzählerisch nicht fließend ins Gesamterlebnis einfügt.
Für mich fühlen sich die spielerisch klar differenzierten Level an wie das Best Of – oder hier vielmehr: Worst Of – verschiedener spielmechanischer Versatzstücke.
Diese Rädchen im Gameplay-Getriebe fassen nicht harmonisch ineinander und erzeugen damit einen rauschenden Spielfluss, erscheinen in ihrem auf ein Gebiet limitiertem Dasein wie verlorene mechanische Artefakte, die spielerische Abwechslung suggerieren, aber im Wesentlichen den inneren Zusammenhang des Titels und seiner Spielwelt beschädigen.
Als klar voneinander getrennte Elemente fristen sie eine isolierte Existenz, die nicht zueinander finden und das Gesamterlebnis zu einem zerbrochenen Checklisten-Mosaik degradieren.
Hinzu kommt die nur zweckmäßige Qualität ihrer Ausführung. So wie The Inner Friend versucht, ins Unbewusste der Angst vorzudringen, so versucht besonders flüssiges und ineinander greifendes Gamedesign (gewissermaßen am Unbewussten), an der Intuition des Spielers anzusetzen. Instinktiv entstehen so etwa Gefühle der Orientierung und des Fortschritts.
Playmind gelingt es auf der Suche nach dem inneren Kind zwar mit einigen wenigen Ausnahmen wortlos klarzumachen, wo was zu tun ist. Allerdings grätscht die praktische Umsetzung ein ums andere Mal ins Geschehen.
Der Steuerung fehlt Präzision, was sich gerade bei Feinjustierungen vor Absprüngen oder dem genauen Platzieren der Hauptfigur bemerkbar macht. Sie dürften besonders unerfahreneren Spielern den Weg für so manche Trial and Error-Momente ebnen. Die zu bewältigenden Aufgaben sind dazu nicht mehr als massiv vereinfachte Versionen ihrer Vorbilder, denen Schwung, Überraschung und Geistesblitz fehlt.

SLEAZE + The Inner Friend
Jetzt schnell weg: Horrorbesuch beim Friseur.

Auch technisch merkt man dem Spiel seine eng gesteckten Grenzen an. Den stark limitierten Animationen gerade des Protagonisten fehlen flüssige Übergänge in den surrealen Spielwelten, die vor allem von ihrer kreativen Idee und weniger ihrer grafischen, teils unsauberen Umsetzung angetrieben werden.
Es erscheint mir, als sei die faszinierende Vision von The Inner Friend irgendwann im Laufe der Entwicklung von zu vielen Kompromissen sowohl spielmechanisch als auch erzählerisch ausgebremst worden.
Zu sehr ausgesprochen waren mir die Andeutungen der Geschichte, während das Spielerische unausgereift und zusammenhangslos mit möglichst vielen, aber mäßig umgesetzten Variationen bekannter Gameplay-Klischees aufwartet.
Ein interessanter, wenn auch holpriger und sich selbst verplanender Kurztrip von etwa zwei bis drei Stunden war es dank einiger atmosphärischer Momente dennoch.

Alex

Titel: The Inner Friend

Publisher: PLAYMIND

VÖ: bereits erhältlich

Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows

Wir haben das Spiel auf einer regulären PS4 getestet.

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