The Forever Purge: Aufstand der Rassisten

The Forever Purge: Aufstand der Rassisten

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Es ist der 6. Januar 2021. Wer weiß, was an diesem Tag hätte geschehen können. Jenem Tag, an dem zum Teil gewaltbereite Demonstranten das Kapitol in Washington, D.C. und damit die legislative Machtzentrale der Vereinigten Staaten von Amerika stürmten.

SLEAZE + The Forever Purge
Forever Purge oder Kapitol-Purge? Wer ist wessen Vorbild?

Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie den damaligen US-Vizepräsidenten Mike Pence angetroffen hätten. Teile des Mobs forderten die Erhängung des Politikers.

Warum? Weil er sich als Leiter der entscheidenden Kongresssitzung für die rechtmäßige Anerkennung der Wochen zuvor gesammelten Wahlstimmen entschied damit gegen seinen einstigen Chef – den im November abgewählten US-Präsidenten Donald Trump.

Monate der unhaltbaren Vorwürfe einer gestohlenen Wahl gingen der Erstürmung voraus. Ein Galgen jedenfalls stand vor dem Kapitol schon bereit.

Ob es wirklich zum Tod des „Verräters”, wie er in manchen Kreisen genannt wird, gekommen wäre, ist unklar. Wohl aber war das Ereignis ein Spiegelbild einer nicht nur in den USA zunehmend rauer werdenden Gesellschaft.

Der abermals von Franchiseschöpfer James DeMonaco verfasste neue Purge-Streifen The Forever Purge ist ein Film dieses Klimas, geboren unter dem Eindruck der Ära Trump. Nun war der Geschäftsmann nie wirklich erste Ursache, wohl aber lautstarker Katalysator für die sich mehr und mehr voneinander entgrenzenden Amerikaner bei gleichzeitigem Aufleben nationalistischen Gedankenguts, in dem auch Rassisten ihre legitimierte Chance sehen, ihre Nation „reinzuwaschen”.

Der eskalierende Krieg

Diese Möglichkeit behandelt der inzwischen fünfte Teil in Gestalt eines geradlinigen Thrillers mit kritischen Untertönen. Zur Erklärung: Im Zuge der titelgebenden Purge findet einmal im Jahr eine Nacht in den USA statt, in der sämtliche Verbrechen legal sind – bis hin zum Mord. Das ist die grundlegende Idee der Reihe, die diesmal ihr eigenes Konzept erweitert.

Denn vergleichsweise schnell ziehen die bangenden und blutigen Stunden diesmal vorüber, um Platz zu machen für die Forever Purge. Es ist der Aufstand der Unglücklichen und Unzufriedenen, die sich selbst als Unterdrückte verstehen. Und darunter finden sich in Forever Purge vor allem Rassisten, die Amerika von allem Fremden säubern wollen. Diese Purge findet nun nicht mehr in einer Nacht, sondern gegen jede Regel im Zweifel eben für immer bis zum Erreichen des (End)Ziels statt.

Vor diesem Hintergrund entspinnt sich in rund hundert Minuten eine zwar oberflächliche, aber auch sich irgendwie erschreckend real anfühlende Anklage des Mythos des American Dream, der für viele schon lange auch oder schlicht nur Albtraum ist.

Schon die im Zentrum der Handlung stehende Figurenkonstellation arbeitet sich an einer stereotypischen Annäherung zwischen den Völkern ab: Das mexikanische Einwandererpaar Adela (Ana de la Reguera) und Juan (Tenoch Huerta) findet sich gemeinsam mit Kumpel T.T. (Alejandro Edda) bald auf einem Roadtrip mit der amerikanischen Familie Tucker wieder, auf dessen Hof Juan arbeitete.
Früh keimen die ethnischen Spannungen auf, als der Immigrierte seinem Gegenüber Dylan (Josh Lucas) zeigt, was ein Cowboy ist. Nach der Realisierung, dass die Purge weitergeht, machen sie sich auch unter dem traumatischen Eindruck persönlicher Verluste zusätzlich mit Dylans schwangerer Frau Cassidy (Cassidy Freeman) und seiner Schwester Harper (Leven Rambin) auf den Weg, nicht selbst Opfer der Aufständischen zu werden.

Dabei erzählt die dystopische Zukunftsvision nur stichwortartig von Ursachen wie Klassenkämpfen zwischen Armen und Reichen und zeigt apokalyptische Konsequenzen einer erodierten Gesellschaft, auf der nun auch bei Tageslicht auf offener Straße erschlagen und erschossen wird.

SLEAZE + The Forever Purge
PURGeil! Endlich endlos metzeln…

Konvois „wahrer Patrioten” ziehen schwer bewaffnet durch die Straßen, fangen Ausländer ein und begehen Bluttaten im Namen eines Amerika, das wiederauferstehen soll. Das ist entfesseltes Make America Great Again mit gewaltsamem Endlösungswahn.

Und mittendrin folgen wir dem US-amerikanisch-mexikanischen Ensemble, dessen Spannungen sich vor allem zwischen den beiden männlichen Hauptcharakteren Dylan und Juan zeigen. Das Szenario zwingt sie zur Kooperation, aus der mehr und mehr Erkenntnis, Annäherung und Verständnis erwächst.

Bei all dem schwingt die Frage mit, ob es wirklich erst soweit – also mindestens zu einem Bürgerkrieg – kommen muss. Denn den inszeniert Regisseur Everardo Gout hier letztlich in rauen Bilderwelten vor echten Kulissen, was diesem neuen Wilden Westen eine räumliche Wirklichkeit und Intensität verleiht. Er versteht es, der allgegenwärtigen Gewalt unheimlichen Ausdruck zu verleihen und verwandelt die US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion zu einem Kriegsschauplatz.

Lautstarke Symphonie der Waffen

Dieser Krieg von innen ist ein Actionplakat, das immer wieder die großen Symbole auf die Leinwand projiziert, sei es zwischenmenschlich, gesamtgesellschaftlich oder anklagend. In einem Gefangenentransport kommentiert ein sichtbarer Nazi etwa die sich draußen abspielende Symphonie Amerikas, deren Noten von AKs, Glocks und doppelläufigen Schrotflinten vorgetragen werden. Es ist eine Komposition der Waffengewalt in einem Land, das den Besitz derselben zu großen Teilen noch immer als Grundrecht versteht – sei es die kleine Handfeuerwaffe oder das ratternde Maschinengewehr.

2020 starben knapp 20.000 Menschen in den USA durch die Kugel. Natürlich ist das plakativ, aber damit befindet sich The Forever Purge zugleich auf Augenhöhe mit den fiktiven wie realen Parolen selbst. Der Film ist eben keine tiefenpsychologische Analyse, sondern schnell erzählter Actionthriller, in dem Blut fließt und Kugeln fliegen.

Eines ist klar. Er zeigt ein Amerika, das am Ende, aber nicht ohne Hoffnung ist. Seine etwas oberflächliche Schilderung von der Völkerverständigung ist zwar arg an die Betonung der Gemeinsamkeit interessiert, aber hält sich immerhin kleine Grauflächen frei, auf denen nicht die ultimative Katharsis gedeiht.

Für alle xenophoben, von einer weißen Herrschaft träumenden Amerikaner ist er nicht weniger als ein Schlag in die Fresse mit einer Einfachheit, die oft ihren Parolen entsprechen. Denn am Ende ist es nicht das Sternenbanner, welches im gleißenden Sonnenlicht weht, sondern die Flagge Mexikos. Wer heute gegen Einwanderer wettert, kann schon morgen selbst zu einem werden, so eine zentrale Aussage des Films.

SLEAZE + The Forever Purge
Klassische Wild-West-Logik: Überleben ist leichter schwerbewaffnet.

Zu einem tieferen Verständnis für die Verhältnisse trägt The Forever Purge so nicht zwingend bei. Immerhin aber sagt er klar seine Meinung heraus und zeigt holzschnittartig, wie es vielleicht einmal sein könnte. In Amerika und in all jenen Ländern, die es nicht schaffen, ihre inneren K(r)ämpfe zu überwinden.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, liegt es an jedem selbst, sich gegen Ausgrenzung und Rassenwahn zu erheben. Auch das suggeriert der Film. Vielleicht aber steuern Systeme, in denen verhältnismäßig kleine Gruppen von der Ausbeutung und vom Elend der Masse profitieren, früher oder später unweigerlich auf einen solchen Kollaps zu.

Denn letztlich bereiten erst solche Verhältnisse, die Ängste und Stress und Unglück freisetzen, den Nährboden für die Zerstörung des vermeintlich anderen. Da sich The Forever Purge eben nur beiläufig dafür interessiert, bleiben die Quellen des Aufstands hier letztlich im Dämmerlicht. Er sucht keine größeren Antworten nach dem Warum, wobei er weder für die amerikanische noch mexikanische Seite der Hauptfiguren endgültig Partei ergreift. Er betont über Grenzen hinweg die Gemeinsamkeit.

Aber eines sagt er ganz deutlich: Es darf niemals dazu kommen, dass es zu einer solchen Eskalation kommt. Die Überwindung derselben geschieht im Alltag des Zwischenmenschlichen. Und das ist ein Anfang, der vielen schon schwerfällt.

Alex

Titel: The Forever Purge
Kinostart: 12.08.2021
Dauer: 103 Minuten
Genre: Action, Drama, Thriller
Produktionsland: USA, Mexiko
Filmverleih: Universal Pictures

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