The Division 2 – So schön, so abschreckend

The Division 2 – So schön, so abschreckend

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In The Division 2 krachen Faszination und Abgestoßen-sein in einem irren Tempo ineinander. Der neuste Online-Shooter aus dem Hause Massive Entertainment spielt Monate nach dem 2016 erschienenen Erstling.

SLEAZE + The Division 2
Kein Tower, aber dafür ohne orangenes (Augen-)Aua!

Während man in diesem noch durch die vereisten Häuserschluchten New Yorks stapfte, scheint dir nun ein sonnendurchflutetes, verschwitztes Washington D.C. nach einem Virenausbruch entgegen. Vergangene Woche lud uns Publisher Ubisoft zum Probespielen ein, woraufhin ich mich am Wochenende zusätzlich in die offene Beta stürzte.

Washington, du Schönheit

Division 2 offenbarte sich mir während des Anspielens als einziger Konflikt. Auf der einen Seite steht wieder einmal eine Ostküstenmetropole, in der ich am liebsten mit einer Kamera in der Hand die zahlreichen, oft unausgesprochenen Geschichten dieser Dystopie dokumentarisch festhalten würde.

Wie schon im tiefgefrorenen Big Apple verstehen es die Schöpfer der schwedischen Spieleschmiede Massive auch im Nachfolger, ihr sonniges Hauptstadt-Setting mit etlichen Dramen und Katastrophen am Wegesrand zu füllen.

Versteckte Botschaften, zurückgelassene Autokolonnen, riesige Gepäckberge und verlassene, teils kaum geplünderte oder nur durchwühlte Wohnungen zeugen von einem vergangenen Leben, das wie ein immer leiser werdendes Echo langsam stirbt, dir aber vor seiner Unkenntlichkeit auf jedem Meter neue Einblicke in sich und seine Geschichte gewährt.

Wanderungen durch die leeren und gleichzeitig voller Leben sprühenden Straßenzüge, Parks und Häuser bei unterschiedlichen Witterungsverhältnissen beschwören magische Momente des Geschichtenerzählens. The Division 2 gewinnt auch dadurch an geisterhafte Präsenz, als dass seine Spielwelt wie schon im Vorgänger unheimlich realistisch erscheint. Das Chaos und die Verzweiflung und die Panik während einer durch einen Virus verordneten Massenevakuierung sind greifbar und man denkt sich, dass es so aussehen könnte.
Bis du deinen ersten Schuss abgibst.

Plötzlich kommt der große Schreck

Denn plötzlich tun sich massive Risse in diesem fiktiven Überlebenskampf auf. Plötzlich verlässt The Division 2 seinen faszinierenden Weg und beugt sich tief kniend dem Spielprinzip.

SLEAZE + The Division 2
Krieg im Zentrum der Macht.

Einmal mehr findest du dich in einer Art Bürgerkrieg zwischen gemeinschaftlich zusammenlebenden Menschen und marodierenden und grundsätzlich feindlichen Gruppierungen, von denen es vier gibt, wieder. Wie der erste Teil ist auch die Fortsetzung im spielerischen Kern ein Action-Rollenspiel-Shooter, bei dem mich der starre Fokus auf seine spielmechanischen Wurzeln zutiefst abschreckt.

Nach einem kurzen Prolog beginnt deine Reise im Weißen Haus, das US-Präsident Donald Trump nun nicht mehr als Amtssitz, sondern dir als Operationsbasis dient. Der symbolische Ort der Macht ist zunächst Dreh- und Angelpunkt und dient als sicherer Hafen ebenso wie zum Erlernen neuer Fähigkeiten, dem Kauf neuer Waffen oder das Zusammentreffen mit anderen Spielern.

Das historische Gebäude ist zugleich Sinnbild für mein Verhältnis zum Spiel: Gerne hielt ich mich in seinen verwinkelten Gängen auf, sah dem Treiben seiner neuen Bewohner zu und lauschte ambientischen Klängen, die sich wie ein trauriges, aber auch hoffnungsvolles Klagelied auf die Szenerie legten. Sobald ich aber dessen schützendes Gelände verließ, war die erste Handlung meines selbst erstellten Charakters das Zücken seiner Waffe. Und plötzlich wurde aus The Division 2 das abschreckende Monster.

Die Spielwelt fällt dem Spiel zu Opfer

Das bisher zu spielende war vor allem monotone Fleißarbeit. Im Rahmen der von diversen Charakteren erhaltenen Missionen verschlägt es dich in diverse Abschnitte Washingtons, in denen man bisher nicht viel mehr zu tun bekam als Gegnerwelle um Gegnerwelle niederzumetzeln, um beispielsweise am Level-Ende an ein Medikament für die Überlebenden zu kommen. Das so genannte Gunplay, also die Intensität und Spielbarkeit des Ballerns, scheiterte hierbei an seiner fehlenden Wucht.

Die Klonhorden des Feindes sind nichts als Kanonenfutter ohne Persönlichkeit, auf denen sich weder physisch die Spuren meines leergeschossenen Maschinengewehrmagazins zeigen noch die Kraft meines gewählten Tötungsinstruments. In der Fachsprache nennt man diese Art Gegner Bullet Sponge (Kugelschwamm), die tatsächlich etliche Projektile und Granaten aufzusaugen scheinen, bevor ihr Lebensbalken zu Ende geht.

Ich hatte nie das Gefühl, dass unterschiedliche Trefferzonen in der Inszenierung oder der Tötungspraxis fundamentale Unterschiede gehabt hätten. Hinzu kommt das oft suizidale Verhalten der Schergen, die stumpf auf dich zurennen oder noch nicht einmal in der Lage sind, sich hinter einer Deckung vor Kopftreffern zu schützen.

SLEAZE + The Division 2
Schöne neue Welt. Die Natur holt sich Washington zurück.

Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer von vornherein festgelegten defensiven wie offensiven Stärke, die oftmals aber schlicht nur deshalb existiert, um beispielsweise am Ende einer Mission noch einmal die Schwierigkeit künstlich in die Höhe zu treiben.

Um dem noch stärker entgegenwirken zu können, schaltest du mit der Zeit bestimmte Fertigkeiten und Gadgets, etwa Kampfdrohnen, frei. Gleichzeitig legt auch The Division 2 einen großen Fokus auf das so genannte Looten, also das Einsammeln von Waffen, Gegenständen oder Ressourcen, mit denen sich natürlich auch neue Dinge anfertigen lassen.

Viele Hürden verderben Washington

Diese Art von spielmechanischem Grundgerüst ist besonders innerhalb des erzählerischen Kontexts ein wackliges. Da steht dein Streben nach Menschlichkeit, Gemeinsamkeit und Vereinigung in einer seuchengeplagten Welt in einem blutigen Widerstreit mit dem entscheidungslosen Missionsdesign, das dich stets zwingt, meist aus der Deckung heraus Dutzende Widersacher niederzuschießen.

Seltsam ist auch die aufgezwungene Grenzsetzung innerhalb des Handlungsortes. Zwar kannst du grundsätzlich von Beginn an Washington frei erkunden, doch sind dessen unterschiedlichen Areale mit ihren berühmten Wahrzeichen wie dem Kapitol oder das Lincoln Memorial mit verschiedenen Gegnertypen gefüllt, die sich erst bei höherem Level effektiv bekämpfen lassen.

Diese Hürden scheinen nicht organisch, sondern vor allem starr als künstliche Hindernisse in die Welt installiert worden zu sein. Der innere Zusammenhalt dieses fiktiven Washingtons fällt der womöglich erhofften Motivation des ständigen Auflevelns zum Opfer.

Laut Game Director Mathias Karlson soll die Hauptgeschichte insgesamt rund vierzig oder mehr Stunden umfassen, wobei das Spiel in den Folgemonaten bzw. -jahren um weitere Inhalte in so genannten Seasons erweitert werden soll. Ein großer Schwerpunkt werde auf dem Endgame liegen. Hast du also das maximale Level erreicht, soll noch lange nicht Schluss sein.

SLEAZE + The Division 2
Zeit zum Aufräumen.

Darüber hinaus gibt es besondere Herausforderungen erstmals in Form von Raids für bis zu acht Spieler. Und auch die aus Teil Eins bekannte Umgebung der Dark Zone, in der du auf der Jagd nach besonders kostbarem Loot auch auf feindlich gesinnte Spieler triffst, welche auch an deine Beute wollen, ist etwas abgewandelt wieder mit von der Partie.

Angesichts der spielerischen Starre bestehend aus sich wiederholender Auftragsarbeit, mieser KI sowie künstlich eingeschränkter Freiheit und den damit verbundenen atmosphärischen Schäden an der eigentlich faszinierenden Washingtoner Dystopie ist jedoch meine persönliche Partie mit The Division 2 vorerst beendet.

Alex

Titel: The Division 2
Publisher: Ubisoft
VÖ: 15.03.2019
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows

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