Aus dem Seelenleben einer Pistole

Aus dem Seelenleben einer Pistole

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SLEAZE + Tech N9ne

An einem verregneten Sonntagabend trafen wir uns mit dem King of Darkness aka Tech N9ne zum Interview vor seinem ausverkauften Konzert im Berliner Club Lido. Nachdem wir eine Stunde auf der Straße verharren mussten, bis seine etlichen VIP-Meet-and-Greets vorbei waren, wurden wir durchgefroren, aber erleichtert in seinen Tourbus gelassen.

Wir trafen auf einen Vollblutkünstler, der schwer davon abzubringen war, seine ausführlichen Antworten in der Schnelligkeit eines Maschinengewehrs von sich zu geben. Das Interview hatte den Charakter eines Privatkonzerts, das ab und an von einem Gespräch unterbrochen wurde.

Wie war die Europa-Tour bis jetzt?

Es war bisher echt cool. Ich war überrascht, weil die ganzen Leute meine Texte mitrappen konnten, obwohl ich noch nie in den Städten aufgetreten bin.

Wo hat es dir am besten gefallen?

Ich habe mich in Amsterdam sehr wohl gefühlt. Hamburg ist auch schwer zu schlagen. Stuttgart war krass. Finnland letzte Nacht war sehr überraschend. It was crazy as fuck.

Du hattest 24 Veröffentlichungen in den letzten 13 Jahren…

Verdammt! Wirklich?

Ja. Ich wollte wissen, wie man es schafft, über einen so langen Zeitraum einen so kontinuierlichen kreativen Output zu haben?

Ich bin Hip-Hop-Fan. Ich bin ein großer Musikfan und will Musik machen, die mir selbst gefällt. Ich möchte wirklich gute Musik machen, die ich mir selbst anhören kann. Manchmal höre ich alte Sachen von mir an; Oder die Klassiker, die ganzen Meister des Hip Hop. Ich habe das alles auf meinem Ipod.

Ich denke, ein Fan der Musik zu sein, lässt dich hungrig bleiben. Meine Musik bedeutet nicht etwas, weil ich mir damit Diamanten kaufen kann, sondern, weil es etwas ist, was in meinem Kopf entstanden ist. Ich will immer noch neue Dinge finden, den Leuten immer noch zeigen, was ich kann. Ich bin ein Fan und ein Student dieser Musik und das lässt mich hungrig bleiben.

SLEAZE + Tech N9ne
So ruhig ist er selten!

Ist das der Grund, warum du weitermachst? In dem Song „Alone“ mit Krizz Kaliko redest du über die Schattenseiten eines Rapstars. Denkst du manchmal daran, es langsamer angehen zu lassen und vielleicht mehr Zeit mit deiner Familie zu verbringen?

Ich wünschte, ich könnte das tun. Aber je älter ich werde, desto mehr scheinen die jungen Leute Tech N9ne zu wollen. Ich mache jetzt sogar Super Sweet 16s und sowas. Ich habe vor langer Zeit gelernt: „If you keep it young, your song is always sung“. Doch die andere Seite der Medaille ist, dass du umso einsamer wirst, desto mehr Fans du hast. Deine Security sagt dir dann, dass du noch nicht aus dem Bus kannst oder sie dich zum Klo eskortieren müssen. Und ich musste diese Erfahrungen verarbeiten.

Gerade nachdem ich einige wütende Songs gemacht habe, musste ich die Fans auch mal wissen lassen, dass ich auch oft einsam bin. Die Jungs, mit denen ich auf Tour bin, haben andere Sachen zu tun und eine eigene Familie. Also bin ich oft alleine mit meinem Engineer im Studio.

Ich habe oft daran gedacht aufzuhören und einfach ein Fan zu sein. Ich möchte einfach mal vier Monate Pause machen und zu einem System-of-a-Down- oder Prince-Konzert gehen. Aber das geht nicht. Die Musik ist in meinem Blut. Außerdem habe ich ein großes Label mit vielen Mitarbeitern und ich bin zu hungrig. Ich habe jeden Tag neue Ideen.

Wie schreibst du denn deine Songs?

Ich schreibe mein Leben. Ich mache das nicht wie viele andere Rapper, die sich einfach einen Beat nehmen und irgendetwas darauf rappen. Ich erzähle immer eine Geschichte. Quincy Jones hat mir beigebracht, wenn du von dem redest, was du erlebt hast, wird man das auch fühlen. Ob es mir gut geht oder scheiße, ich schreibe das.

Wenn ich zu meinen Produzenten gehe, dann sage ich ihnen, was ich ungefähr haben will. Ich erkläre, wie mein Album sein soll, aggressiv, größenwahnsinnig, traurig, verwirrt, nachdenklich, Chaos, Clusterfuck, egal was. Und dann geben sie mir Beats. Ich stelle mich dann hin, höre mir das an und sage: Nein, nein, nein, nein, ja. nein, nein, ja , nein, nein, nein. Ich kann nur zu Musik schreiben, die ich fühle. Und wenn ich einen Beat höre, der mich anspricht, dann geht’s los. (Er fängt an, den Beat von URALYA nachzumachen).

Und dann fange ich an zu schreiben. Ich muss das tun. Mein Stil ist viel zu kompliziert, als dass man das freestylen könnte. Ich schreibe alles auf, was mir einfällt, damit ich nichts vergesse. Ich sitze oft vorm Fernseher (ohne Ton) und schreibe. Alles inspiriert mich einfach. Dann mach ich die Mucke an. Und wenn ich den Rhythmus und die Melodie kapiert habe, dann weiß ich, wie ich anfangen muss.

Danach mache ich die Musik aus und alles wird irgendwie mathematisch. Es kommt in Stücken raus, aber ich bleibe dort sitzen, bis ich den ganzen Part rappen kann. Ich denke auch manchmal, ich müsste nicht so viel reimen, aber ich kann es nicht ändern.

(Rappt einen Teil von: HE’S A MENTAL GIANT, Anm. d. Red.)

Narcissistic, hard to grip it, Dark and wicked, arts prolific, Mars with the stars, this is far lifted

Lyrics quit the bar with it, bar scriptures are terrific Getta spitta witta bit of bitter marketing’ Wit

skrilla then a fifth of henny liquor, start to twist it Critics sit and shiver In the slit of zillas Pit of killas grittas hittas Click of silly niggas are ficticous

Ich liebe es den Leuten zu zeigen, was ich da gemacht habe. Ich benutze zwei unterschiedliche Reimschemen. So etwas kann man nicht freestylen. Das macht mir Spaß und so etwas lässt mich weitermachen. Ich will das auf dem nächsten Album toppen und alles inspiriert mich dabei.

Wir haben den Song „Should i kill her“ gehört, der sich um eine Frau dreht, die gegen deinen Willen von dir schwanger geworden ist und du darüber nachdachtest, sie umzubringen. Ist das eine wahre Geschichte?

Ich schäme mich so krass dafür. Das ist die abgefuckte Sache an Tech N9ne: Ich gebe alles! Und da kommt auch mein Wahnsinn durch. Ich habe eine Frau gefickt, die ich nicht hätte ficken sollen. Sie war wunderschön, aber absolut verrückt. Jedenfalls ist sie von mir schwanger geworden, weil das Kondom gerissen ist. Ich habe ihr gesagt, dass ich das Kind nicht will, doch sie wollte es austragen.

Das ist zwar Vergangenheit, aber ich dachte ich muss irgendwas tun. Und ich hatte den Gedanken, sie umzubringen. Ich habe keine Angst das zuzugeben, aber ich schäme mich sehr dafür. Das war ein echter Gedanke. Das Ganze ist eine echte Story. Letztendlich dachte ich daran, mich selbst zu töten, bevor ich jemand anderem wehtue. Ich schäme mich wirklich dafür, aber ich schreibe mein Leben und diese Seite von mir ist ein Teil davon. Ich habe immer noch Angst vor dem Moment, wenn sie diesen Song hört, weil er ihr sehr wehtun wird, aber sie sitzt zurzeit im Knast.

Mit Rittz, Krizz Kaliko, Kutt Calhoun und CES Cru hast du außergewöhnlich talentierte Künstler auf deinem Label. Es ist selten, dass ein Rapper sich mit Leuten umgibt, die ihn vielleicht übertreffen können. Hast du kein Problem damit, das Rampenlicht zu teilen?

Mir geht es darum, die Liebe zu teilen. Ich möchte die härtesten Mutterficker in meinem Team haben. Aber es gibt auch andere leute, die so sind. Lil Wayne hat mich angerufen und mir gesagt: „Oh, Scheiße, komm vorbei und mach dieses Ding mit mir“.

Mein Plan ist, dass alle Künstler auf meinem Label irgendwann erfolgreicher sind als ich. Tech N9ne ist etwas merkwürdig, komisch; Strange Music eben. Bei mir sind viele Leute sehr vorsichtig und ängstlich wegen meinen Maskeraden und denken, ich wäre ein Satanist oder so. Aber mit den Jungs kann man sich identifizieren. Die sind cool und ich habe einen Vogel. Ich mag das auch so. Ich werde mich für kein Geld der Welt verändern.

Aber wie findest du die Künstler für dein Label?

Ich bin ein Fan. Ich gucke mir ständig Shows an. CES Cru habe ich bei einem Konzert von Devin the Dude als Vorgruppe gesehen und fand die echt großartig. Am nächsten Tag war ich in einem Nobelretaurant, Houstons, richtig swanky, weil das die Art und Weise ist, wie ich mich verwöhne. Jedenfalls ging ich an die Bar und der Barkeeper hat mich erkannt und mir das Album der CES Cru in die Hand gedrückt.

Ich dachte mir, das kann doch nicht wahr sein. Ich bin nach Hause gefahren, habe mir das Ding angehört und gleich ein Video bei Twitter hochgeladen, wie ich zu ihrer Mucke abgehe. Also habe ich sie gesignt.

Auf der Tour in Europa haben mich ständig Leute auf sie angesprochen. Ich würde sie gerne heute anrufen und ihnen sagen, dass sie sich Reisepässe besorgen sollen.

Wir haben auch versucht, Hopsin zu signen. Wir hatten ein Treffen mit ihm, aber er meinte, er kann das auch alleine und wir haben ihm viel Glück gewünscht. Er hätte wirklich gut zu uns gepasst. Aber alles ist gravy.

Du hast schon mit vielen Musikern kollaboriert, wann kommt endlich ein Feature mit Eminem?

Ich habe schon etwas mit D-12, Slaughterhouse und Yelawolf von Shady Records (Eminems Label) gemacht. Und ich will immer die härtesten Mutterficker auf meiner Seite haben. Mit Eminem hat das leider noch nicht geklappt. Aber ich habe eine Idee und ich habe riesen Respekt vor diesem Typen.

Strange Music kreiert sehr viel Aufmerksamkeit mit ihrem Marketing und Social Networking. Warum funktioniert dieses Indielabel so gut?

Travis (O’Guin, Geschäftsführer von Strange Music, Anm. d. Red.) ist ein verdammt gewandter Geschäftsmann. Wir sind beide Genies auf unserem Gebiet. Er auf der Business-Seite und ich auf der musikalischen Seite. Wir haben beide die gleiche Einstellung zur Arbeit. Egal, was wir anfangen, wir machen das mit 150% Einsatz. Es ist stressig.

Ich bin auf Tour und zieh das durch und er sitzt in Kansas City und plant alles. Er sagt mir: „Wenn du zurückkommst, müssen wir das Rob-Zombie-Ding machen. Wir haben hier noch ne Klage und da einen Haufen Merchandise, der deine Unterschrift braucht. Dann haben wir da noch einen Videodreh usw.“

Er hat ein unglaubliches Händchen für Merchandise und Marketing. Er weiß, was man wie wohin packen muss, damit es funktioniert. Er hat einfach ein riesiges Gehirn. Er ist auch ein guter Designer. Wenn du sein Haus siehst, denkst du, dass er Innenarchitekt von Louis-Vuitton-Stores ist oder so. Viel Arbeit. Viele Ideen. Das ist Strange Music.

Wer macht denn eigentlich deine Masken und dein Facepaint?

 Ich habe einen Designer dafür namens Scenario. Er ist aber ein Gangster und kann deswegen nicht einfach ins Flugzeug steigen und hier rüberfliegen. Ich muss aber meine Bemalung haben, in Erinnerung an meinen besten Freund, der vor ein paar Jahren an Heiligabend gestorben ist. Er hat früher mein Gesicht bemalt. Er ist an Weihnachten gestorben, als der Ex-Ehemann seiner damaligen Freundin in ihr Haus eindrang und ihn und sie vor den Augen ihrer kleinen Tochter erschoss. Er hat die Darkness auf mein Gesicht gebracht und mich noch dunkler gemacht als ich schon war.

Ich höre damit nicht auf. Da Scenario nicht mitkommen konnte, habe ich ein paar Sachen vorbereitet. Scenario ist eigentlich ein Graffiti-Künstler und ich wünschte mir so sehr, dass er hier wäre. Ich brauche das. Irgendwann wird er mich auf allen Gigs begleiten. Aber das ist auch nicht so einfach, weil damit immer riesige Kosten verbunden sind, wenn du deine ganze Crew nach Übersee mitnehmen willst.

Aber wir wachsen. Das ist heute unsere erste Show in Berlin und es ist ausverkauft. AUSVERKAUFT. Wir kommen hierher und es gibt keine Tickets mehr. Wow! Ich war beim Splash und die Leute in Hamburg sprechen uns darauf an. Das ist verrückt, verdammt. Dope. Wir wachsen.

Noch eine letzte Frage. Wird es nach den sehr dunklen Platten „E.B.A.H.“ und „Boiling Point“ auch wieder Regenbögen und Fröhlichkeit von Tech N9ne geben?

 (Lacht) Hoffentlich. Siehst du das an meinem Handgelenk? Auf dem Armband steht „happy as fuck“. Manchmal bin ich in dieser Stimmung. Aber manchmal brauchen die Leute um mich herum Hilfe, um zu diesem Punkt zu kommen. Es ist schwer, happy as fuck zu bleiben. Aber das ist mein Ziel. Ich habe immer ein paar dabei und gebe sie an besondere Menschen.

Ich habe Lil Wayne eins gegeben und ihm gesagt: „Ob du schon da bist oder nicht, das ist, wo wir alle sein sollten.“

Ich trage es die ganze Zeit und drehe es nur um, wenn Kinder um mich herum sind. Manchmal gebe ich Autogramme und gucke zufällig auf das Armband und denke mir: „Oh Scheiße“.SLEAZE + Tech N9ne

Ich hoffe die Musik wird wieder fröhlicher. Aber ich feiere hin und wieder. Bei dem Dreh zu „Don’t tweet this“ waren wir alle wirklich betrunken. Wir haben einen Shot nach dem anderen getrunken. Es war schwierig, an dem Abend nach Hause zu kommen, obwohl ich immer einen nüchternen Fahrer dabei habe. Da haben wir bei der Arbeit gefeiert. Ich drehe noch ab und zu frei.

Vielen Dank.
Felix

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