Tacheles reden mit Sam Vance-Law über Ignoranz und verpasste Chancen.

Tacheles reden mit Sam Vance-Law über Ignoranz und verpasste Chancen.

...ergänzt durch schwule Lebensrealitäten, Oscar Wilde und Lizis ältere Brüder. Sam Vance-Law hat einiges mitzuteilen!

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„I wanted to know how it feels like to dance with a boy from my high school.“ singt Sam Vance-Law fast schon melancholisch im Opener seines Debüt-Albums. In Kanada mit klassischer Musik aufgewachsen, lebt er heute in Berlin, hat sich mittlerweile dem Pop verschrieben und vor ein einer Woche seinen Erstling „Homotopia“ herausgebracht. Darin versucht er, verschiedene Perspektiven schwuler Lebensrealitäten darzustellen, die er jeweils durch eigene Erfahrungen und Empfindungen erweiterte, um eben jene Geschichten besser nachzuvollziehen und damit wiedergeben zu können.

SLEAZE + Sam Vance-Law
Tiefenentspannt…

Am Tag seiner offiziellen Veröffentlichung habe ich mich mit dem Wahlberliner in einem Café getroffen, um ihm ein paar Fragen zu seinem Album zu stellen und über eine imaginierte Insel voller Männer sowie den Begriffs des Dandys zu sprechen.

SLEAZE: Allem voran dir einen herzlichen Glückwunsch zu deiner Veröffentlichung. Heute ist der offizielle Releasetag deines Debütalbums. Wie fühlt es sich an?

Sam Vance-Law: Danke. Ein verrückter Tag. Es fühlt sich sehr gut an. Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlen wird. Aber es fühlt sich sehr gut an.

Also bist du glücklich?

Ja, das bin ich. Sehr sogar.

Wird das heute Abend gefeiert?

Morgen. Morgen findet die Release-Show statt. Also kann ich heute wegen der Show nicht feiern. Aber morgen wird bestimmt gefeiert.

Homotopia… Als ich den Titel deines Debüts zum ersten Mal gelesen habe, musste ich an eine Kombination aus „Homosexualität“ und „Utopie“ denken. Was war der Gedanke hinter diesem Titel? Was denkst du, muss noch immer geändert werden, um diese Utopie zu erreichen?

Ich muss zugeben, dass es einen Ort meint, weniger eine Utopie oder gar eine Dystopie. Es geht um einen Ort, an dem wir uns 2018 befinden. Das Album erzählt Geschichten über das, was um uns herum im Leben schwuler Männer passiert, so wie ich es verstehe. Es geht also weniger um eine Utopie, eine perfekte Welt. Es wird einfach ein Ort beschrieben, mit seinen guten und schlechten Seiten.

Es geht also mehr um heutige Lebensrealitäten?

Genau. Es geht um das alltägliche Leben und wie es gelebt wird. Entschuldige, dass da nicht mehr dahinter steckt.

Als ich den Text zu „Wanted To“ gelesen habe, habe ich mich gefragt, inwiefern du eine selbst erlebte Erfahrung mit uns teilst oder zumindest einen Teil deiner eigenen Geschichte in dem Song verarbeitet hast.

Nein. Ich war zwar auf dem High-School-Prom, allerdings bin ich mit meiner besten Freundin gegangen, die super war. Wir hatten eine klasse Zeit, aber das war‘s auch. Der Rest der Geschichte ist erfunden. Es ist also keine autobiographische Erzählung. Aber ich kann mir die Situation vorstellen.

Ich glaube, auf deiner Homepage schreibst du, dass viele anfangen zu lachen, wenn du singst, deine Nase würde bluten, wohingegen dich diese Zeile beim Schreiben zum Weinen brachten.

Ja. Ich glaube, sie lachen bei „I was fucked up by Lizis big brother“. Die Zeile ist durchaus lustig. Gleichzeitig ist sie aber auch der traurigste Part in dem Song. Aber das ist perfekt. Da sollte diese Balance sein. Das ist witzig, aber auch traurig. Und es hat mich zum Weinen gebracht, als ich es aufgenommen habe.

Empathie, Mitgefühl und Verständnis

Generell wirkt das ganze Album auf mich so, als würdest du die heutige Situation betrachten und sie auf eine gewisse Weise auch kritisieren. Allerdings machst du dies auf eine sehr sarkastische Art und Weise, was es schwer macht, deine eigene Haltung zu bestimmten Themen zu erkennen. „Lets get married“ ist hierfür ein gutes Beispiel.

Ich bin wirklich froh, dass du das ansprichst, denn genau darum geht es. Keiner dieser Songs soll belehren. In keinem geht es darum, dass ich euch sage, was ich denke, was ihr tun oder wie ihr über gewisse Dinge denken solltet. Es sind lediglich Geschichten anderer Menschen Leben. Und jede*r kann diese interpretieren, wie sie*er möchte.

Ich versuche nicht, den Zuhörer*innen eine Interpretation vorzugeben, so dass sie sich selbst keine Gedanken mehr über bestimmte Themen machen müssen. Darum geht es mir in eigentlich jedem Song. Sie sollen keine Antworten geben. Sie sollen viel eher darstellen, wie Menschen leben. Und wenn man sich diesen verschiedenen Lebensrealitäten mit Empathie, Mitgefühl und Verständnis nähert, kommt man für sich auch zu einem eigenen Ergebnis.

„Faggot“ ist für mich ein Song, der ziemlich klar und unmissverständlich klingt. Zumindest wie ich ihn verstehe. Allerdings ist es für mich wohl auch der traurigste Song. Ich höre eine starke Sehnsucht nach Akzeptanz. Und auch ist Gott sehr präsent. Was bedeutet Gott für dich, beziehungsweise warum spielt er hier eine so große Rolle?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass die Religion einer dieser Orte ist, in dem Homophobie fest verankert ist. Es gibt kaum einen Denkprozess bezüglich der Homophobie in der Religion. Es steht in den Büchern oder wird gepredigt und damit ist es wahr. Es findet keine Diskussion statt.

Natürlich gibt es Kirchen, die offen für Homosexuelle sind. Und das ist super. Aber es gibt wohl mehr, die es nicht sind. Damit ist es ein guter Ort, um an dessen Beispiel über Homophobie zu reden, wo sie keinen Bezug zum tatsächlich täglich gelebten Leben hat.

SLEAZE + Sam Vance-Law
Das schicke Cover-Artwork „Musa Tropicana“ von Norbert Bisky

Homophobie zeigt sich hier, meiner Meinung nach, als Konstrukt, das aus Ängsten und altmodischen Idealen entstanden ist.

Meine eigene Beziehung zu Gott endete vor langer Zeit. Ich glaube, dass Jesus rockt. Aber ich glaube nicht an einen allmächtigen Gott, der die Erde erschaffen hat. Ich hatte nicht die Probleme, mit welchen der Charakter in „Faggot“ zu kämpfen hat. Aber ich kann die Schwierigkeit, die es mit sich bringt, versucht man, den eigenen Glauben und die Homosexualität miteinander zu vereinbaren, durchaus nachvollziehen. Zwar liebe ich Gott, aber er scheint mich nicht zu lieben. Wie verbinde ich meinen Glauben und meine Sexualität miteinander? Er hat am Ende des Songs noch keine Lösung gefunden.

Ich habe heute erst wieder gelesen, dass es in Deutschland noch immer erlaubt ist, Menschen von ihrer Homosexualität zu „heilen“.

Das sollte verboten werden. Das sollte definitiv verboten werden.

Dies wäre die erste klare politische Aussage, die du machst.

Meiner Meinung nach ist das Persönliche politisch. Und das Politische ist persönlich. Demnach ist alles irgendwie politisch. Und für mich geht es dabei nicht einmal um eine notwendige politische Verantwortung. Homosexualität ist keine Krankheit. Es ist nicht heilbar. Das ist schlicht logisch. Das ist nicht politisch. Es könnte ein politisches Statement sein, aber für mich ist dies ein rein logischer Gedankengang.

Du hast bereits gesagt, dass du weniger aus deiner eigenen Perspektive als aus der anderer schreibst.

Ja, das ganze Album besteht aus Geschichten, die mir Freund*innen erzählt haben oder zufällige Gespräche, die ich in einer Bar aufschnappte oder Dinge, die ich der Zeitung gelesen habe. Daher kommen die Geschichten. Und dann habe ich ein Stück von mir selbst mit dazu geschrieben, um sie besser verstehen zu können. Ich glaube, was ich singe. Also habe ich in alle Songs auch was von mir hinzugefügt. Aber die Geschichten sind die Anderer.

Nacktheit als Zufluchtsort

Wer ist die Person in „Island of Men“, die keinen Schnee mag?  

Es meint nicht, dass er keinen Schnee mag. Er hat die Tropen im Kopf, wo es niemals schneit. Was bedeutet, dass alle die ganze Zeit nackt sein können. Ich glaube, dass „Island of Men“ im Zentrum des Albums steht. Wenn du über klassische Utopien nachdenkst, denkst du sofort an eine Insel. Die „Island of Men“ ist also eine utopische Vision, in die er sich flüchten würde, wäre er nicht mit einer Frau verheiratet und hätte zwei Kinder.

Ich habe an Oscar Wilde gedacht, der verheiratet war und Kinder hatte. Dann habe ich an diesen US-Senator gedacht, der mit 45 sein Coming-Out hatte und anfing, sich mit Kerlen zu treffen und erst mal absolut überfordert war. Die Geschichte von Männern, die in einer Zeit aufgewuchsen, in der sie keine Möglichkeit hatten, eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu führen. Und plötzlich leben sie in einer Zeit, in der es irgendwie in Ordnung zu sein scheint. Plötzlich müssen sie sich entscheiden, ob sie ihre Frau verlassen wollen. Was sagen sie ihren Kindern? Und diese Person muss damit umgehen.

Mein Lieblingslied ist „Pretty Boy“. Ich liebe diesen Song, auch das Video. Es war der erste Song, den mir dein Label geschickt hat, da ich dich zuvor, um ehrlich zu sein, gar nicht kannte. Ich muss jedoch leider auch gestehen, dass ich den Song nicht verstehe.

Keiner wusste von mir. Immerhin gab es ja noch keinerlei Musik zuvor. Um fair zu sein, wo die meisten Lieder auf dem Album einem linearem Narrativ folgen, ist bei „Pretty Boy“ nur ein kurzes Narrativ zu finden. Hauptsächlich werden Situationen beschrieben. Die Idee dahinter, für mich persönlich, war es, eine Person zu haben, die – warum auch immer – falsch gelesen wird, in diesem Fall als ein Mädchen.

„So all the straight boys want him and all the pretty girls just want to look like him.“ Und dann kommt dieser langsame Part in der Mitte, wo er über sich selbst singt: „Give me the bottle of Gin, my love, and the smokes. I am tired of being misread. I am a boy.“ Er wird falsch gelesen, auch wenn es positiv dargestellt wird. Alle begehren ihn, wollen aussehen wie er. Aber er will einfach nur richtig gelesen werden. „I am a boy. I am a boy. I am a boy.“ Und dann kommt wieder der Refrain und alle um ihn herum ignorieren weiterhin seinen Wunsch, als Junge gelesen zu werden, als der, der er tatsächlich ist. Das war meine Idee bei dem Song. Aber jede*r darf ihn interpretieren, wie sie*er möchte, solange es mit dem Text funktioniert.

Also handelt das Lied vor allem von Ignoranz?

Ignoranz und nicht zuhören, wenn Menschen dir sagen, wer sie gerne wären oder sind. Jemand teilt dir mit, mit welchem Pronomen sie*er gerne angesprochen werden würde und du verweigerst dich dessen, da du meinst, es sei nicht wichtig. Aber es ist wichtig.

Diesen kleinen Aufwand kann jede*r aufbringen. Es ist kein großes Ding, um eine Person als die Person wahrzunehmen, die sie gerne wäre oder ist. Es geht, für mich, also um Ignoranz als auch um eine Masse, die für dich entscheidet, wer du bist. Aber, wie bereits gesagt, dass darf jede*r für sich selbst gerne auch anders interpretieren.

Wie gesagt, ich hatte gar keine Vorstellung. Aber deine Interpretation klingt logisch. Vielleicht werde ich sie einfach übernehmen und als meine ausgeben…

Ja, klar. Übernimm sie einfach…

…und werde allen erklären, worum es in dem Song geht.

Spread the word.

Es scheint zu einer Tradition geworden zu sein, dass du in Interviews gefragt wirst, ob du ein Dandy bist oder nicht. Demnach fühle ich mich quasi schon gezwungen, dir dieselbe Frage zu stellen.

Tatsächlich scheint es zu einer Tradition geworden zu sein. Ich sollte jedes Mal anders antworten. An manchen Tagen stehe ich voll dahinter. An anderen wiederum kann ich es kaum glauben, dass mir tatsächlich eine solche Frage gestellt wurde und schicke Leute empört aus dem Raum.

Nein, ich sollte vor allem erst einmal nachschlagen, was es bedeutet, ein Dandy zu sein. Dann könnte ich solche Fragen vermutlich besser beantworten. Ich denke nicht, dass ich ein Dandy bin. Dafür bin ich nicht wohlhabend genug, kann mir die Klamotten eines Dandys nicht leisten, bin nicht so stylish wie ein Dandy. Ich denke, Dandys sind sehr stylish. Ich würde mich nicht selbst als einen Dandy beschreiben. Und damit wären wir wieder bei derselben Antwort wie immer.

Das war deine Chance.

Das war meine Chance.

***Das Interview führte Pascal.***

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