Streaming Killed The Videostar: Der Untergang der Videothek

Streaming Killed The Videostar: Der Untergang der Videothek

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Es ist Sommer. Genau genommen, der letzte Schultag vor den großen Sommerferien. Noch genauer genommen, der letzte Schultag, bevor es ab aufs Gymnasium geht. Das Jahr 2005. Habe ich ein Glück!

SLEAZE + Videothek
Warum immer dem Mainstream folgen?

Ich bin gerade mal zehn Jahre auf dieser verwirrenden Welt, habe mich endlich mal an das Konzept des Schulwesens mit all seinen Irrungen und Wirrungen gewöhnt, und schon werde ich wieder ins kalte Wasser geworfen. Aber hey, ich bin zehn, das wird so oder so ein irrer Sommer. Nervös blicke ich auf die Uhr an der anderen Seite des Klassenzimmers. Verdammt, noch zehn Minuten. Ich will einfach nur schnell mein verdammtes Zeugnis abholen, und dann nichts wie raus hier. Es ist schließlich der letzte Schultag.

Draußen, endlich vom Sachkundeunterricht befreit, wird selbstverständlich die Bande versammelt. Wie soll der erste Tag unserer neu gewonnenen Freiheit gefeiert werden? Die beste Idee, die sich in unseren unschuldigen kleinen Köpfen materialisiert, ist, solange auf dem Bolzplatz durchzudrehen, bis wir genauso platt sind wie der Ball.

Und wenn es dann langsam dunkel wird, ab zum „Video-Express“, unserem bescheidenen Paradies für Filme und amerikanische Snacks. Heute arbeitet auch der Typ aus der Oberstufe, und wenn keine Erwachsenen da sind, können wir uns sogar Filme ab 16 ausleihen. Es wird großartig werden.

Das Ende

14 Jahre später… „Video-Express“ ist längst genauso in Vergessenheit geraten wie die Filme, die wir damals ausgeliehen haben. Erst kam ein Laden mit überteuerten Bio-Produkten in die geweihten Hallen des Nerdtums. Dann ein Geschäft für Reitbedarf. Kein Scherz!

Und mittlerweile ziert die Hauptstraße meines Heimatortes ein mysteriöser chinesischer Massagesalon, der nie aufzuhaben scheint. An „Video-Express“ denkt fast keiner mehr. Genauso wenig wie an „World of Video“, im Nachbarort, der noch zwei Jahre länger überlebte. Genauso wenig wie an die über 3.672 anderen Videotheken in Deutschland, die seitdem geschlossen wurden. Sie sind in Vergessenheit geraten, und durch anderes ersetzt worden. Nur knapp 600 haben überlebt. Bisher…

Aber was ist passiert? Sehen die Leute keine Filme mehr? Ist das Filmbusiness selbst genauso tot wie die Videotheken? Nein. Filme sind immer noch hoch im Kurs. Tatsächlich ist das Konsumklima für Kinofilme so hoch wie das letzte Mal im Jahr 2000. Letztes Jahr, 2018, wurden allein in Deutschland fast 900 Millionen Euro durch Kinokarten eingenommen. Das sind recht eindrucksvolle Zahlen, und vor allem zeigen diese klar und deutlich, dass die Leute definitiv nicht das Interesse am Medium Film verloren haben. Vielmehr haben sie das Interesse an den guten alten Silberlingen verloren. Die DVD ist out.

Mit dem Verkaufen von DVDs wurden im deutschen Videomarkt im Jahr 2016 Umsätze in Höhe von 610 Millionen Euro erzielt. Das klingt jetzt erst mal gar nicht so wenig, wenn man die Zahlen des Kinogewinns im Hinterkopf hat. Aber die Relation kommt erst im Vergleich mit den Zahlen der Vergangenheit. Denn zehn Jahre zuvor waren es noch rund 1,32 Milliarden Euro. Und das ist dann schon ein gewaltiger Unterschied.

Die Filmindustrie kann das natürlich noch halbwegs verkraften, aber für diejenigen, die die DVDs nur verleihen, kommt dieser Interessenverlust schon fast einem Todesurteil gleich. 2017 gab es in etwa 2,1 Millionen Kunden, die DVDs ausliehen. Das waren etwa 1,5 Millionen weniger als noch im Vorjahr.

Auf der Überhol(t)spur

Die einen werden jetzt vermutlich sagen, dass das einfach an den sich entwickelnden Technologien des Home-Entertainment-Bereichs liegt. Die VHS-Kassette ist ja auch schon längst tot. Und das Wort Laserdisc hat schon seit den späten 90ern niemand mehr benutzt. Die DVD wurde einfach auch überholt, und zwar von dem neuen großen Ding: dem Streaming.

Streaming ist in. Die neuen Videotheken heißen heutzutage Netflix, Amazon und Maxdome. Die größte unter ihnen, Netflix, konnte im letzten Jahr fast 150 Millionen monatlich zahlende Abonnenten verzeichnen. Damit macht das kalifornische Unternehmen einen jährlichen Umsatz von rund 16 Milliarden Dollar.

Das sind Zahlen, von denen selbst die allergrößten Videothek-Ketten in ihren allerbesten Zeiten nur träumen konnten. Fairerweise muss man sagen: Der Wandel überrascht nicht wirklich. Es ist schon einfach bequem. Man muss das Haus nicht verlassen, man hat mit einem Preis im Monat unendlichen Zugriff auf das gesamte vorhandene Sortiment und man muss nicht einmal mehr eine Disc ins Laufwerk schieben.

SLEAZE + Videothek
In Kreuzberg…

Aber die Bequemlichkeit täuscht. Wer wirklich Filme genießen möchte, der ist beim Online-Streaming an der falschen Adresse. Zumindest lautet so die Devise der letzten verbliebenen Videotheken.

Programm statt Mainstream

Eine der richtigen Adressen wäre zum Beispiel das „Videodrom“ (alleine die Cronenberg-Referenz im Namen sollte Filmfans schon überzeugen) in Berlin-Kreuzberg. Die kleine Videothek in der Nähe des Bergmannkiezes ist nämlich eine sogenannte Programmvideothek, was grob umschrieben so viel bedeutet, dass sie sich abseits des Mainstreams befindet. Und das schon seit Mitte der 80er Jahre, wo man anfing, neben den Blockbustern auch Filmkunst, ungeschnittene und originale Fassungen sowie jede Menge Genrefilme aus aller Herren Länder in die Regale zu stellen.

In der Videothek versucht man einfach, einen guten Querschnitt durch die Filmlandschaft zu machen, was bei den Online-Streamingdiensten bisher nicht so ganz der Fall ist. Wenn man online auf der Suche nach einem Bergmann- oder Hitchcock-Film ist, so findet man meist nur ein Werk, wohingegen in dem Laden ganze Ordner mit Material zu finden sind.

Diese Diversität und Bandbreite ist bei Netflix & Co. einfach nicht gegeben. Nicht zuletzt durch die Monopolbildung. Disney zum Beispiel kauft im Moment die halbe Filmlandschaft, was durchaus gefährlich ist. Die großen Firmen haben leider nicht das Interesse des Einzelnen im Auge, sondern vielmehr den eigenen Profit, was langsam aber sicher den Untergang des Undergrounds und den in ihm aktiven Leuten zu bedeuten hat.

Aber auch die mediale Rezeption von Filmen im Allgemeinen. Mittlerweile gibt es im Fernsehen keine eigenen Filmsendungen mehr, Filmkritiken ist den großen Zeitungen beziehen sich im Grunde ausschließlich auf die Millionenproduktionen und der Filminteressierte kann sich im Grunde nur noch auf Nischenformate beziehen, die meist von Privatpersonen als eine Art Hobby geführt werden.

Dies ist auch ein Ziel des Videodroms, den Umgang mit dem Medium Film zu fördern. Der Film ist, wie oben bereits angedeutet, mit das wichtigste Medium überhaupt, aber seine Rezeption spielt überhaupt keine Rolle.

Im Gegensatz zu Musik oder Literatur wird beispielsweise der Film in der Schule praktisch nicht behandelt. Wenn Kindern nicht beigebracht wird, das Medium zu analysieren und zu verstehen, wenn man nicht von klein an weiß, mit dem Medium umzugehen, dann werden Kinder und Heranwachsende sich noch viel unwahrscheinlicher auf etwas Neues einlassen beziehungsweise dies auch zu verstehen. Und das wäre schade.SLEAZE + Videothek

Gibt es denn überhaupt noch Hoffnung für die Videotheken? Leider vermutlich nicht. Die Ketten werden wohl eine nach der anderen pleite gehen. Der ehemalige US-Gigant Blockbuster Video musste vor einigen Jahren bereits Insolvenz anmelden.

Höchstens spezialisierte Läden – wie eben das Videodrom – haben durch ihr ausgewähltes und exotisches Programm noch eine Überlebenschance gegen die Bedrohung aus dem Netz. Ein Film ist ein Kunstwerk und kein Wegwerfprodukt, was man mal so schnell weggucken sollte. Alles gehört dazu, vom Filmposter über die Verpackung bis hin zum Gespräch über den Film.

Aber vielleicht holt ja noch der Retrotrend die Videotheken genauso ein wie die Plattenläden vor ein paar Jahren. Haptik ist ja einfach eine tolle Sache, und das fällt den Leuten nach etwas Zeit auch auf. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Simon

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