Steine sind die besseren Menschen

Steine sind die besseren Menschen

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Menschen sind Arschlöcher. Vielleicht nicht alle, aber die meisten. Wir können eigentlich nicht besonders viel außer fortschrittliche Technik erfinden und die Umwelt zerstören.

Menschen-unter-Wasser4Genauso scheint auch der britische Künstler Jason de Caires Taylor über Menschen zu denken. Doch anstatt irgendwelche halbinteressante, für den Normalbürger unverständliche Pseudo-Kunst zu produzieren, ist er in seiner Arbeit sehr klar: Er schafft Skulpturen, versenkt sie im Meer und rettet so die Unterwasserwelt vor dem Aussterben. Er schafft neuen Lebensraum, den die Meeresbewohner dringend brauchen. Bis 2050 werden wir Menschen durch die Umweltverschmutzung, den Klimawandel und die Überfischung 80% aller Riffe zerstört haben. Auch die 750.000 Tauch-Touris in Unterwasserparadiesen wie Cancún gönnen der bedrohten Unterwasserwelt keine Pause. Als Robin Hood der Meere schafft Taylor neue Riffe, die auf Grund ihres Rufs Kunst zu sein, selbst Taucher anziehen. So werden die natürlichen Riffe entlastet und die Gesellschaft erhält eine Erinnerung an die eigens verschuldete Meeresproblematik.

Menschen-unter-Wasser5Dieses Thema interessiert den Korallenriff-Fetti auf dem Sofa natürlich gar nicht. Der hat besseres zu tun und starrt lieber auf seinen Fernseher. Natürlich kritisiert Taylor mit der Skulptur des übergewichtigen Nichtstuers den geistig-emotionalen Zustand der Menschen. Dem britischen Künstler scheint auch nicht besonders zu gefallen, was da so im Fernsehen läuft, und hat deswegen die Flimmerkiste mit Löchern versehen. Dort können sich Korallen hervorragend ansiedeln und fest verankern. Endlich hat die Glotze mal einen tieferen Sinn.

Diesem tieferen Sinn folgen alle Skulpturen von Taylor. Er baut einen VW Beetle, der durch eingeschnittene Schächte Hummerbrutkästen ersetzt und errichtet Betonhäuser, auf dessen Dächern sich Algen in den Strömungen des Meeres festklammern können. Zusammen mit Meeresbiologen hat Taylor einen ph-freundlichen Beton entwickelt, der es den Meeresbewohnern erleichtert, sich auf der glatten Oberfläche heimisch zu fühlen. Dieser Beton sorgt dafür, dass sich innerhalb weniger Wochen ein lebendiger Teppich auf den Kunstwerken bildet. Schwefelgelbe Algen wachsen auf der Betonhaut des Man on Fire und die entstehenden Korallen an seinem Kehlkopf werden in ein paar Jahren sicher aussehen wie Flammen im Meer. In der Welt des Unterwassermuseums funktioniert viel nach dem Gesetz der Zeit. Die glatten Oberflächen werden mit den Jahren zu Teilen der Unterwasserwelt. So findet man eine sich ständig verändernde Skulptur vor, vorausgesetzt man kann tauchen.Menschen-unter-Wasser1

Das Meer selbst arbeitet konstant an dem Gips, folgt dabei keiner Farb- oder Formlehre und schafft so sein eigenes Kunstwerk. Besonders toll kann man das an Taylors bekanntestem Werke sehen: Silent Evolution ist eine Menschenarmee von 400 Skulpturen vor der Küste Cancúns. Hier findet man nicht nur Krabben, Fische und Hummer, die sich zwischen den starren Körpern verstecken, sondern vor allem Korallen und Algen, die auf den Gesichtern der Skulpturen leben und dort ihre Spuren hinterlassen. Die Unterwasserwelt lässt die Gesichter der Steinmenschen natürlich altern. Da können die Menschen an Land wirklich noch einiges lernen von ihren Kollegen auf dem Meeresgrund. Die verstehen wenigstens, dass sie nichts weiter sind als temporäre Besucher auf der Erde und nehmen es gelassen hin, wenn die Natur endlich ihr Reich zurückerobert.

Lisa

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