Star Wars: Squadrons – Ein Stern am Mehrspielerhimmel

Star Wars: Squadrons – Ein Stern am Mehrspielerhimmel

TEILEN

Star Wars: Squadrons ist eine Anomalie in der Videospielgalaxis. Befeuert von einem der nach wie vor zugkräftigsten Franchises der Mediengeschichte wagt Electronic Arts‘ hauseigene Entwicklerschmiede Motive Studios den Sprung ins Space-Combat-Genre, das heutzutage eher ein Nischendasein fristet.

Längst verwelkt sind die prachtvollen Blüten jener goldenen Zeit des Genres, das besonders in den 90ern mit Titeln wie Wing Commander und den zur Sternensaga gehörenden X-Wing und TIE Fighter begeisterte.

SLEAZE + Star Wars: Squadrons
Ein Klassiker: X-Wing vs. TIE Fighter

Doch mit dem primär als teamorientierten Mehrspielertitel konzipierten Squadrons könnte EA die Euphorie neu entfachen. Dabei verzichtet der US-amerikanische Branchenriese sogar auf unangenehme Nebenwirkungen moderner Multiplayertrends und inszeniert altmodische Weltraum-Action mit Tiefgang.

Schnörkellos und hart ist das Fliegerleben

Kurz nach dem Release Anfang Oktober betonte Creative Director Ian Frazier nämlich, dass Squadrons nicht als so genanntes Live-Service-Spiel begriffen werde. Hiermit sind jene Titel gemeint, die auch nach der Veröffentlichung über einen längeren Zeitraum mit neuen Inhalten gefüttert werden, um möglichst viele Spieler für eine möglichst lange Dauer ans Spiel zu binden.

Zum offiziellen Preis von vierzig Euro bekommst du also ein fertiges, abgeschlossenes Spiel, das darüber hinaus und im Gegensatz vieler anderer heutiger Mehrspielertitel ohne Mikrotransaktionen auskommt.

Hier erwartet dich kein Ingame-Kaufhaus mit unübersichtlichen Regalen voller unnötiger, bunter Gegenstände zu überteuerten Preisen oder gar eine müffelige Hinterzimmerabteilung, in der naive Kids dank dubioser Pay-to-Win-Angebote (Erwerb von spielmechanischen Vorteilen gegen Echtgeld) die Kreditkarte ihrer Eltern zum Schmelzen bringen. Äußerliche wie innere Anpassungsmöglichkeiten, darunter eine Reihe verschiedener Raumschiffkomponenten und Charakterdesigns, stehen zum Freischalten gegen ausschließlich im Spiel verdiente Punkte bereit.

Somit ist Squadrons auch ein überaus selbstbewusster virtueller Star Wars-Ableger, der seinen großen Namen nicht dem Dogma der Gewinnmaximierung unterwirft, sondern spielerisch herausfordert. Besonders Anfänger des Genres und unerfahrenere Spieler könnten vor Orientierungslosigkeit fast erschlagen werden, zumal das Geschehen stets in der Ego-Perspektive (wahlweise auch in VR) stattfindet.

Die insgesamt acht Sternjäger (vier pro Fraktion) – darunter der ikonische X-Wing und der TIE Fighter – wollen mit all ihren Flugmöglichkeiten irgendwann sicher manövriert, ihre detaillierten Cockpit-Instrumente richtig gelesen und die Bildschirmanzeigen korrekt eingeordnet werden.

Die Geschichte ist schnell erzählt

Neben verschiedenen Trainingsszenarien erlernst du grundlegende Spielmechaniken im Storymodus, dessen Geschichte während bzw. nach der originalen Filmtrilogie spielt. Sie erzählt vom weitertobenden Kampf der Rebellen aka Neue Republik gegen das Imperium, auf derer beider Seiten du in die Rolle zweier eigens im rudimentären Charakter-Editor erstellter Piloten schlüpfst.

SLEAZE + Star Wars: Squadrons
Durchatmen, Pilot. Ist ja nur ein Sternzerstörer…

Wie schon in Star Wars Battlefront 2 von 2017, für dessen Einzelspielerkampagne Motive Studios verantwortlich zeichnete, macht die narrative Ausgangslage neugierig auf eine Erzählung um Verrat und persönliche Schicksale.

Damals wie heute gelang es dem Studio aber nicht, eine fesselnde Geschichte mit ausdrucksstarken Figuren auf die Beine zu stellen. Mit den Mitgliedern deines Trupps kannst du zwischen den Missionen sogar einseitige Gespräche im Hangar und Briefing Room führen, denn dein Charakter bleibt ein stummer Zeuge des Krieges. Ihre statische Inszenierung ermüdete mich aber schnell so sehr, dass ich mir die optionalen Monologe meiner Mitstreiter schenkte und mich von Zwischensequenz zu Briefing zu Auftragsausführung entlanghangelte.

Trotz zugstarker Lizenz verbrachte ich die Missionen selbst überwiegend im geistigen Autopiloten. Ihre sich ständig wiederholenden Aufgaben aus Verteidigung und Zerstörung von Zielen lassen kaum Platz für spielmechanisch und erzählerisch dramatisch ineinandergreifende, erinnerungswürdige Augenblicke. Laut HowLongToBeat dauert die Kampagne im Schnitt übrigens neun Stunden.

Taktischer Flottenkampf

Von vornherein kommunizierten die Macher aber ohne Umschweife, dass Star Wars: Squadrons in erster Linie ein Mehrspielertitel ist. Bis zu zehn Spieler bekriegen sich als Rebellen oder Imperialisten in 5-gegen-5-Partien auf insgesamt sechs Karten entweder im Modus Weltraumgefecht (Team-Deathmatch) oder dem Multiplayerkernstück Flottenkämpfe, der zusätzlich auch allein mit KI-Kameraden oder kooperativ mit menschlichen Mitspielern gegen die KI zu bestreiten ist. Hierbei handelt es sich um eine mehrphasige Schlacht, in der Rebellen und imperiale Truppen versuchen, das große Flaggschiff der Gegenseite zu vernichten.

Zu Beginn geht es zunächst darum, durch den Abschuss kleiner Sternjäger ausreichend Moralpunkte zu sammeln, um grünes Licht für den Angriff zu bekommen. In Phase Zwei muss das angreifende Team zwei große Begleitschiffe zerstören, um im finalen Stadium schließlich den Kampf mit dem gigantischen MC75-Sternkreuzer (Rebellen) oder Sternzerstörer (Imperium) aufzunehmen.

Spätestens in der Konfrontation mit einem dieser mächtigen Raumschlachtmonolithen zeigt sich, wie stark die Teammacht in deinem Pilotengeschwader tatsächlich ist. Denn stumpfes Draufballern mit dem Standardlaser kratzt das Ungetüm wenig. Mehrere Subsysteme (Schilde, Zielerfassung und Energie) sollten im Zusammenspiel mit deinen Mitspielern ausgeschaltet werden, damit seine Hülle freiliegt und effektiv an mehreren aufplatzenden Schwachstellen angegriffen werden kann.

Doch Vorsicht: Die Flottenschlacht folgt einem dynamischen Kampfgeschehen, in dem sich Fronten je nach Kriegsverlauf verschieben. Hat der Feind erst einmal ausreichend Moralpunkte gesammelt, geht es in die Verteidigung.

Ohne ein abgesprochenes Team droht die schonungslose Zerstörung, denn die insgesamt acht zur Auswahl stehenden Sternjäger sind letztlich nichts anderes als Klassen mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen.

X-Wing und TIE Fighter dienen als verlässliche Allrounder zwischen Offensive und Defensive, während weitere aus den Filmen bekannte Flugmaschinen besonders großen Schiffen zusetzen, kleine Jäger zu Gejagten machen oder dein Geschwader durch die Auffrischung deiner Ausrüstung und Energie sinnvoll unterstützen.

Nach einem Update stehen zudem drei Loadout-Slots (vorher waren es zwei) pro Schiff zur Verfügung. Durch die Ansammlung von Punkten lassen sich neue Laser, Schilde, Antriebe, Raketen etc. freischalten und ans Schiff der Wahl montieren, um möglichst breit aufgestellt in den Kampf zu ziehen und so rasch auf aktuelle Umstände sowie den zu bekämpfenden Feind mit dessen unterschiedlichen Stärken und Schwächen reagieren zu können.

Im Cockpit sitzend wirst du schließlich dein eigener Herr über Leben und Tod. Die Energie in den insgesamt schadensanfälligen Schiffen kannst du je nach Situation und Vorliebe jederzeit entweder gleichverteilt auf die Systeme Laser, Schild und Antrieb verteilen oder einem System höchste Priorität einräumen.

Der priorisierte Antrieb etwa führt zu einer rasanteren Manövrierbarkeit und lädt zudem einen Boost auf, mit dem sich sogar wendige Driftmanöver ausführen lassen. Mit Ausnahme des Supportschiffes steht den imperialen Jägern zwar kein Schild zur Verfügung, welches seinerseits auf Vorder- oder Rückseite fokussiert werden kann.

SLEAZE + Star Wars: Squadrons
Schlacht-Vorbereitung: Welche Ausrüstung darf es für diesen TIE Fighter sein?

Stattdessen haben sie die Möglichkeit, eines der beiden verbleibenden Systeme zu priorisieren und sämtliche Energie sogar auf einem zu kanalisieren, um im Handumdrehen etwa totale Feuerkraft oder vollen Schub zu generieren. Im Zusammenspiel mit dem taktisch geprägten Fundament des Flottenkampfes, dessen Schlachtgefühl durch eine Vielzahl umherschwirrender KI-Einheiten an Schaugröße gewinnt, ergeben sich so teils lang anhaltende, taktische und rasiermesserscharfe Weltraumschlachten mit Star Wars-Flair.

Spektakulärer Weltraumkrieg und eine letzte Frage

Originale und variierte Stücke des bekannten Soundtracks begrüßen dich bereits im aufgeräumten Menü des Spiels, das seine Kämpfe brachial und wuchtig zu inszenieren weiß. In der Ferne wummern die einschlagenden Laser, Raketen und Ionen-Torpedos vor teils malerischer Kulisse über den von der Sonne orangenrot gefärbten Wolken Yavins oder inmitten eines Asteroidenfelds, das aus den Trümmern des zerstörten Monds Galitan hervorging und nun als Jagdgrund für die Neue Republik und dem Imperium dient.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd unter Laserbeschuss mit zahlreichen Ausweichmanövern über und unter den riesigen Felsbrocken folgt der laute Schrei meines Droiden dem aufgeregten Piepen und Aufblitzen meiner Cockpitinstrumente und signalisiert mir, dass es das wohl gewesen ist. Schaffe ich es noch in die Supply-Zone, um meine Ausrüstung aufzufrischen und mich zu reparieren? Oder schaffe ich es gar zurück in den Hangar meines Kreuzers, um mein Schiff zu wechseln?

Squadrons fängt das aus den Filmen bekannte Fliegerleben technisch famos und ohne Bildwiederholungsschluckauf ein. Die audiovisuelle Kulisse erinnert an die legendären Schlachten von der großen Leinwand. Mit gezündetem Boost an der vor Geschütztürmen wimmelnden Oberfläche eines Sternzerstörers entlang zu rauschen, um ihm einen schmerzhaften Stich zuzufügen, setzt Adrenalin und Dopamin in rauen Mengen frei. Meinen Kontrahenten geschickt auszumanövrieren, ihn plötzlich in meinem Fadenkreuz zu sehen und Raketen wie Laser auf ihn zu richten, beschwört große Mehrspielermomente.

Doch wie lange bleibt die Euphorie? Star Wars: Squadrons könnte auf längere Sicht gesehen zum Fliegerkick für zwischendurch avancieren. Schon jetzt schwankt die Qualität der Schlachten grundlegend stark in Abhängigkeit von der Stärke des Miteinanders, was in der Natur dieses teamorientierten Ansatzes liegt. Freude dem, der vier flugwillige Freunde oder sprechfreudige Mitspieler hat.

Als problematisch könnte sich nicht nur die Limitierung der Maps auf insgesamt sechs erweisen. Den Schauplätzen selbst mangelt es an Komplexität, da es sich im Kern allesamt um mehr und minder breite, schlauchartige Karten samt Mittelpunkt und diverser Charakteristika (Asteroidenfeld, Raumstation etc.) handelt. Ihre Struktur ist simpel und bietet meist nur wenige oder lediglich einfache Unterstrukturen, dafür aber reichlich Freiraum, der insbesondere erfahrenen Piloten einen Vorteil bietet.

Zusammengefasst…

Neulinge haben oft kaum Fluchtmöglichkeiten, wenn sie einmal anvisiert wurden, da verschachtelte Levelstrukturen fehlen. Planetenoberflächen gibt es nicht und sind auch künftig nicht vorgesehen.

Trotzdem überwiegt der positive Eindruck nach durchspielter Kampagne und besonders den etlichen geschlagenen Mehrspielerschlachten. Squadrons ist ein aufgeräumtes Spiel ohne Firlefanz, das im Flugwind seiner mächtigen Star Wars-Lizenz bestenfalls rasante und dramatische Gefechte auf den heimischen Bildschirm zaubert.

SLEAZE + Star Wars: Squadrons
Immer schön die Windschutzscheibe putzen vor dem Kampf.

Der taktische Ansatz bringt eine mutige Dynamik ins Geschehen, der man sich stellen muss. Als Belohnung winkt nicht nur einer der interessantesten Mehrspielertitel der jüngeren Zeit, sondern auch eines der herausstechendsten Star Wars-Spiele der vergangenen Jahre.

Der vergleichsweise geringe Umfang und die recht simplen Maps allerdings drängen mir immer wieder diese eine Frage auf. Es ist eine Frage der Zeit: Wie lange noch? Bis jetzt ist die Macht jedenfalls noch stark in diesem galaktischen Fliegerspektakel.

Alex

Titel: Star Wars: Squadrons
Entwickler / Publisher: Motive Studios / Electronic Arts
VÖ: bereits erhältlich (02.10.2020)
Plattform: PS4, Xbox One, PC (Microsoft Windows)

Star Wars: Squadrons wurde auf einer Standard-PS4 ohne VR getestet.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT