Spitzzüngige Distanz

Spitzzüngige Distanz

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Niemand kann gleichzeitig so scheu und verschroben sein wie Sibylle Berg. Das Autorinnen- und Regisseurinnen-Team Böller und Brot hat die Schriftstellerin ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Herausgekommen ist die etwas andere Dokumentation Wer hat Angst vor Sibylle Berg.

Der Titel ist berechtigt. Wenn man Sibylle reden hört, klingt es beim ersten Hören oft sehr bösartig. Doch entdeckt man schnell, wenn man sie nicht schon vorher erlebt oder gesehen hat, dass das ihre Art ist. Ihre Wortwahl entspricht nicht dem, wie man ihn sich bei einer Bestseller-Autorin vorstellen würde. Was sie sagt und wie sie es sagt, ist immer geradeaus und eine Mischung aus Zurückhaltung und Sarkasmus. So war sie schon immer und genau das wollten die Filmemacher Sigrun Köhler und Wiltrud Baier auch einfangen.

SLEAZE+Sibylle Lautner
Im Haus von James Goldstein.

Sibylle Berg hat elf Romane, 20 Theaterstücke und noch viel mehr Reportagen und Essays für verschiedene Zeitungen und Magazine geschrieben. Bereits ihr Debütroman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ wurde zu einem Theaterstück und folgende Romane wie „Der Mann schläft“ oder „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Trotzdem ist es der dadurch oft im Rampenlicht stehenden Autorin unangenehm, gefilmt zu werden. Bei Gesprächen mit den Regisseurinnen hält sich bei Sibylle die Balance zwischen geschmeichelt fühlen und genervt sein. Sie ist eindeutig jemand, der sich schnell langweilt und wusste das Kamerateam hinter sich für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Als Gegenleistung wollte sie von ihren „Doku-Schlampen“ beispielsweise in das bekannte Lautner-Haus Sheats-Goldstein-Residence gebracht werden. Gleich zu Beginn sorgen diese Szenen für Lacher, da Sibylle selbstbewusst mit eher mittelklassigem Englisch versucht, ein Gespräch mit James Goldstein zu führen.

Hier gibt es Untertitel, doch gibt es häufig sogar welche, wenn deutsch geredet wird. Die Untertitel fungieren hier mehr als Stilmittel. So werden bestimmte Gespräche oder auch nur einzelne Wörter hervorgehoben und man kann Sibylles für Außenstehende manchmal sinnloses – aber durchaus belustigendes – Umschreiben nicht verpassen.

Wer hat Angst vor Sibylle Berg zeigt nicht ihr Leben oder was sie genau macht. Es geht eher darum zu erleben, wie sie bei dem ist, was sie macht. Die Kameras folgen ihr nicht zu alltäglichen Situationen oder ihrer Arbeit, sondern an besondere Plätze wie Los Angeles oder Orte, die mit ihrer Vergangenheit zu tun haben.

Dazu kommen einige wenige Ausschnitte mit anderen Personen an ihrer Seite wie Olli Schulz oder Katja Riemann. Extrem bereichernd für diese Doku ist Helene Hegemann. So wie die junge Autorin und Regisseurin von Sibylle und gemeinsamen Erlebnissen erzählt, durchbricht sie für den Zuschauer eine Distanzmauer. Es macht Spaß, ihr zuzuhören. Und die Protagonistin wird nicht durchweg als überirdisches Wesen dargestellt.

SLEAZE+Sibylle und Helene
Sibylle Berg zwischen Helene Hegemann und Katja Riemann.

Trotzdem bewahrt sich Sibylle den ganzen Film über einen gewissen Abstand zum Zuschauer und hält die Waage zwischen Arroganz und Zurückhaltung. Sie erzählt aus ihrer Vergangenheit und von ihren Träumen, doch trotzdem ist man sich nie sicher, ob sie wirklich sagt, was in ihr vorgeht. Böller und Brot haben es perfekt geschafft, das Mysteriöse an Sibylle Berg einzufangen. Als Zuschauer hat man das Gefühl, sie besser kennengelernt zu haben, doch versteht man sie deshalb nicht besser als Schriftstellerin. Wer hat Angst vor Sibylle Berg ist ein überraschend kurzweiliger und lustiger Film. Als Zuschauer braucht man kaum versuchen herauszufinden, was in ihr vorgeht und sollte diese Persönlichkeit mit all ihren Macken, ihrer Scheu und Eitelkeit einfach auf sich wirken lassen.

Maurin

Titel: Wer hat Angst vor Sibylle Berg
Regie: Böller und Brot – Wiltrud Baier und Sigrun Köhler
Dauer: 84 Minuten
VÖ: 28.04.2016
Verleih: Zorro Film

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