Spike, Metaphysik und Menschlichkeit

Spike, Metaphysik und Menschlichkeit

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SLEAZE.spike1Hat dich mal ein Musikvideo geflasht? Dann ist es bestimmt von Spike Jonze. Ist dir eine Werbung nicht mehr aus dem Kopf gegangen? Dann steckt fast sicher Spike Jonze dahinter. Hat dich ein Film gleichermaßen verwirrt wie beeindruckt? Dann… genau.

Spike Jonzes Karriere ist so etwas wie ein popkulturelles Märchen. Vom Skater zum Oscar-Gewinner. Er war Skateboarder, drehte Musikvideos, Werbefilme und dann Spielfilme: Und grade hat Spike mit seinem neuen Film „Her“ den Oscar gewonnen.

Relativ klein ist er, Eins-siebzig, und schmal. Im Gesicht hat er einen Vollbart mit einzelnen grauen Strähnen, darunter leichte Bräune von der Sonne Kaliforniens. Spike Jonze ist Regisseur, Produzent und insgesamt eines der kreativsten Genies, die dir je begegnen werden. Er hat Musikvideos für Björk, The Pharcyde, den Beastie Boys oder Fatboy Slim gemacht. Und ganz ehrlich: Dem Mitbegründer des Jackass-Franchise‘ hätte man so viel Sensibilität, wie der Film Her verlangt, nicht zugetraut.

Man kann nicht bestreiten, dass er eine Vorliebe für Identitätskrisen hegt. Nicht so dramatisch wie Woody Allen, aber von seinem Regiedebüt Being John Malkovich(1999) bis zu Adaptation (2012) und jetzt Her erkennt man einen gewissen roten Faden. Dazu schauspielert er in Filmen wie Three Kings oder The Wolf of Wall Street, ist Mitinhaber der Skateboardfirma Girl Skateboards und ist kreativer Leiter des Online-TVs von VICE.

So vielschichtig, so interessant und anders Spike Jonze rüberkommt, so ist auch sein neuer Streifen „Her“. Der für das beste Drehbuch Oscar-prämierte Film ist ein romantisches Science-Fiction-Filmdrama mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle.

Der Film spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die fortgeschrittene Digitalisierung der Gesellschaft nicht nur das Leben einfacher macht, sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Strecke bleiben. Der Hauptdarsteller Theodore Twombly ist ein introvertierter, schüchterner Mann, der sehr talentiert ist, sich in andere einzufühlen. Er nutzt dieses Talent, um im Auftrag der Menschen Briefe an ihre Nächsten zu schreiben. Er offenbart dabei seinen Auftraggebern deren eigenen Gefühle, die sie selbst nicht mehr wahrzunehmen in der Lage sind.SLEAZE.spike.her-cover

Dabei belastet in seine eigene Gefühlswelt sehr. Er nagt an der Trennung und der bevorstehenden Scheidung von seiner Jugendliebe Catherine (Rooney Mara). Nach dem auch die Versuche, sich wieder mit Frauen zu treffen, schieflaufen, entdeckt er eines Tages ein neu auf dem Markt erschienenes Produkt. Es ist ein Betriebssystem, mit dem er eine weibliche Identität auf seinem Rechner installieren kann. Er kann über Headset und Videokamera mit der digital erschaffenen Frau interagieren. Das erschaffene Wesen nennt sich selbst Samantha (im Original gesprochen von Scarlett Johansson). Theodore ist ebenso fasziniert von den Fähigkeiten von Samantha wie sie von den seinen. Es folgen Stunden von intensiven Gesprächen und die beiden bauen eine innige Beziehung zueinander auf.

Theodore gesteht in einem dieser Gespräche ein, das er die Unterzeichnung der Scheidungspapiere hinauszögert und dass er einsam ist. Samantha, die sein emotionales Leid gut nachvollziehen kann, will mittels eines Blind Dates mit einer realen Frau ihn von diesem Leid befreien. Doch das anfänglich gut laufende Date wird durch die Frage, ob er auch an einer langfristigen Beziehung interessiert sei, jäh beendet. So kommen Theodore und Samantha aber auf das dominierende Thema, das Erleben von zwischengeschlechtlicher Liebe, zu sprechen. Im Zuge dessen reden sie auch über die emotionale Qualität der Beziehung zu seiner Jugendfreundin Amy (Amy Adams), bei der es trotz Dates in der Schulzeit nie zu mehr als einer tiefen Freundschaft gereicht hat. Die Gespräche zwischen ihm und seinem Betriebssystem werden immer privater und eine neue Lebensfreude erwacht in Theodore. Nach dem Motto: Das Leben ist zu kurz um nicht zu lieben, verliebt er sich in Samantha. Die fehlende körperliche Nähe macht dabei beiden sehr zu schaffen. So organisiert Samantha eine Frau, die die körperliche Aufgabe übernimmt. Doch Theodore wird mit dem körperlichen Kontakt direkt überfordert und bricht das spezielle Date ab.

Dann nehmen die Dinge schneller ihren Lauf, als das es ihm recht ist. Samantha gesteht, eine Zweitbeziehung mit einem dem britischen Philosophen Alan Watts nachempfundenen Betriebssystem zu haben. So kommt auch heraus, dass sie mit 8.316 weiteren Menschen in Kontakt ist und in 641 davon auch verliebt ist. Kurz darauf verabschiedet sich Samantha und verschwindet mit allen anderen Betriebssystemen in die Sphäre zwischen Raum und Zeit. Rückblenden verraten dann, dass Theodore endlich einen Brief für sich selbst verfasst und damit seiner Exfrau Catherine erklärt, dass er es jetzt akzeptieren kann, dass sie beide sich auseinander gelebt haben. So geht Theodore zu seiner langjährigen Freundin Amy, die ebenso von ihrem Betriebssystem verlassen wurde. Zusammen steigen sie auf das Dach ihres Wohnhauses und bemerken, was eine richtige zwischenmenschliche Beziehung ausmacht.

„Her“ ist eine moderne „Love Story“, aber auch eine Meditation über Identität und Existenz, über Kopf und Bauch, die berührt, beschäftigt und lange nachwirkt, wie der Schmerz einer gescheiterten Beziehung.

Titel: Her
VÖ:
4.9.14
Dauer:
121 Minuten
Format:
1.77:1 (16:9)
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
FSK: ab 12
Studio: Warner Home Video

Jonathan

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