Spider-Man, der Flachschwinger

Spider-Man, der Flachschwinger

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SLEAZE + PS4 Spider-Man
Die Unterhaltung auf dem Kopf darf nie fehlen.

Spider-Man ist ein ziemlich gehemmter Zeitgenosse. Zumindest im neusten Spiel um den Marvel-Superhelden, das seit Freitag vergangener Woche exklusiv für die PlayStation 4 erhältlich ist, präsentiert sich der Spinnenmann aka Peter Parker als zwar nach außen hin lässiger wie verletzlicher Typ.

Doch seine angedeutete Komplexität verdunkelt nicht nur seine spielmechanische Repetition. Auch erzählerisch wissen die Entwickler von Insomniac Games leider nicht viel mehr mit dem populären Heroen anzufangen als bekannte Superhelden-Motive in ein interaktives Werk zu verpacken. Das vermögen dann auch die inszenatorische Opulenz und das flüssige Schwingen durch die leblosen Häuserschluchten des virtuellen Manhattans nicht zu verbergen.

Die Spinne krabbelt auf bekannten Wegen

Narrativ geht Spider-Man zumindest anfangs andere Pfade als etwa Sam Raimis Auftakt seiner Filmtrilogie mit Tobey Maguire oder auch Mark Webbs The Amazing Spider-Man mit Andrew Garfield in der Titelrolle. Denn im Spiel erleben wir einen längst etablierten Superhelden, dessen Vergangenheit mit Schurken – darunter Shocker – sowie weiteren bekannten Figuren aus dem Comic-Universum (etwa Love Interest Mary Jane) immer wieder zur Sprache kommen.

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Kämpfen kann er

Wir erleben nicht die Werdung Peters zu Spidey, wenngleich das Thema der Ursprungsgeschichte an anderen Stellen ihre Erwähnung findet. Wer sich ein wenig mit den Comics, Filmen oder auch erzählerischen Handlungsbögen im Allgemeinen beschäftigt, dürfte die Fährte der kommenden Ereignisse rasch aufnehmen und zu einem gewissen Teil vorhersehen.

Übermensch Peter Parker

Hier liegt denn auch schon ein wunder Punkt in der Geschichte dieses Spider-Mans. Er fügt sich in die bereits etablierten Tropen ein – sei es von den literarischen Vorlagen oder den diversen Kino- wie Fernsehabenteuern. Zwar mühelos, aber eben auch ohne Ecken und Kanten.

Das mag all jene, die einfach nur darauf hoffen, den populären Marvel-Charakter in bekannter Form selbst spielen zu können, genügen. Für mich persönlich fühlte sich der letztlich und bis auf wenige Ausnahmen inkonsequente Plot um den Wissenschaftsnerd mit Liebesproblemen und großem Herzen zu gewohnt an.

Er hat Witz, kommentiert launig die Ereignisse seines Spiels sowie anderer Werke um die Figur und jongliert zwischen Menschenrettung und seiner Alltagsarbeit im Labor mit einem gewissen Dr. Otto Octavius, den so mancher besonders als Gegenspieler Dr. Octopus aus anderen Inkarnationen kennen dürften.

Doch Insomniac geht es vollkommen ab, diesem Spinnenmann in unbekanntes Terrain zu führen. Er ist und bleibt die durch und durch gutherzige Spinne aus der Nachbarschaft, die selbst kaum an ihre Grenzen stößt.

Da ist es offenkundig auch egal, wenn es eines Tages zu einem Anschlag kommt, der Teile des New Yorker Stadtteils in Rauchschwaden einhüllt und Erinnerungen an 9/11 wach werden. Peter bleibt ein Übermensch, dessen innere Spannungen in nur sehr wenigen Momenten fühlbar sind.

Es regiert vor allem eine Regie der Opulenz, die hie und da exzessive, aber hauptsächlich laut dröhnende, jedoch nicht nachhallende Action-Momente auffährt. Besonders die Bosskämpfe sowie einige geskriptete Storymissionen samt auf Wunsch deaktivierbarer Quicktime-Events werden mir in Erinnerung, aber womöglich nicht im Herzen bleiben.

Spielmechanik aus der Vorzeit

Das Spiel wirkt auf mich daher wie ein Comic, aus dem die Autoren einige Seiten herausrissen oder diverse Panels wegschnitten, damit die Gameplay-Designer ausreichend Platz hatten, um die Leerstellen mit ihren Ideen zu füllen. Das spielmechanische Fundament steht allerdings auf rostigen Säulen.

Klar, das Schwingen durch die Schluchten New Yorks und das Entlangspurten an den Wolkenkratzern ist eine flüssige Herrlichkeit. Die ebenfalls nur so dahinfließende Kampfmechanik entwickelt sich über die Spielzeit von etwa 15 bis 20 Stunden (Konzentration auf die Hauptgeschichte) abgesehen von neuen, meist aber unbrauchbaren oder ineffektiven Gadgets aber nicht merklich weiter, was sich auch an den Bosskämpfen mit ihren schnell durchschaubaren, sich wiederholenden Strukturen ausdrückt.

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Von solchen Extensions träumen auch Menschen, die nicht oberflächlich sind.

Die Verstärkung bzw. das Hinzukommen diverser Fähigkeiten erleichtern euch den Kampf gegen die fast immer gleichen Gegner zwar. Allerdings fehlt ihnen die spürbare Auswirkung, so wie es die britischen Rocksteady Studios beispielsweise mit ihrer Arkham-Reihe um DCs Batman schafften. Die neuen Skills waren hier zum Teil erzählerisch, in der Regel spielerisch sinnvoll ins Geschehen eingebunden. In Spider-Man kommen sie nicht über ihr optionales Wesen hinaus.

Die immer gleiche Gameplay-Leier

Apropos Arkham: Die ersten Gameplay-Videos ließen es bereits vermuten und tatsächlich fühlt sich das Kampfsystem des Marvel-Spiels ein wenig wie eine Light-Version vom Freeflow-System des Dunklen Ritters an. Letzteres machte noch einen weitaus präziseren, körperlicheren und anspruchsvolleren Eindruck, was sich beispielsweise am Timing in Kombination mit dem Gegnerverhalten ausdrückte.

Mit Spidey kloppte ich vor allem munter (zuweilen ermüdet) drauf los und wechselte lediglich zwischen denselben Angriffsmustern, Ausweichmanövern und Spinnennetzbeschuss ohne Herausforderung hin und her, während der Dark Knight genauer sowie situationsbezogener angefasst werden wollte.

Des Weiteren erwiesen sich Arkham Asylum, Arkham City sowie ganz Gotham in Arkham Knight als die belebteren Spielwelten im Vergleich zu Spider-Mans Manhattan. Verschiedenste Nebenaufgaben wie die Rätsel des Riddlers und zum Teil unvorhergesehene Momente abseits der Hauptgeschichte füllten die offenen Welten Batmans mit Leben, welche zudem tiefer im Comic-Universum fischten.

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Sollte man von Spider-Man Abstand halten?

Das Marvel-Pendant verharrt dagegen an einer Oberfläche der Wiederholung. Mit dem erfolgreichen Abschließen von Zusatzmissionen erhältst du so genannte Tokens aus verschiedenen Bereichen, darunter Crime und Science, die du u.a. in neue Gegenstände und Anzüge plus neue Fertigkeiten investieren kannst.

Doch die spielerische Vielfalt ist beschränkt auf Open-World-Relikte wie Sammeln und der Konfrontation von Gegnerwellen. Ohnehin wirkt hier vieles prähistorisch: So ist die Spielwelt voll von noch mehr einzusammelnden Items und will auf der Karte erst durch das Freischalten von Türmen offengelegt werden.

Bock auf Schleichen ohne Spannung?

Das wäre per se keine allzu große Sache, wenn Insomniac dieses belanglose, insbesondere stimmungslose Überbleibsel vergangener Tage nicht aktiv fördern würde. Manchmal ist das Starten der nächsten Hauptmission nur möglich, wenn zuvor eine solche Aufgabe erledigt wurde.

Damit bremsen die kalifornischen Entwickler ihren Spielfluss immer wieder gehörig aus. Dieses Abarbeiten verkommt zu einer Gameplay-Albernheit, zu der Peter Parker selbst nach abgeschlossener Mission ständig aufruft nach dem Motto: „Komm, ich habe etwas Zeit, schlagen wir sie mit Aufabe XY tot.“

Das macht auch dahingehend keinen Sinn, als dass manches Sammelobjekt schon nach wenigen Sekunden gefunden und die Zeit plötzlich totgeschlagen ist. Das Gameplay steht hier in heftigem Wettstreit mit der Geschichte und des Story-Erlebnisses.

Zu allem Überfluss bringt die Spielmechanik außerdem kleinere Spielsektionen hervor, in denen du entweder als Peter und anderen Figuren Räume untersuchst, kleinere Minispielchen löst (zum Glück deaktvierbar) oder um Widersacher schleichst.

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Hätte gern mehr Action: Spidey

Besonders die Stealth-Abschnitte ziehen sich teils beträchtlich, zumal sie dermaßen geleitet, schienenartig und anspruchslos sind, dass ihnen jeder Thrill abhanden geht. Stets, und das betrifft die Hauptmissionen ebenso, zeigt dir ein Marker das nächste, zum Teil nur wenige Meter entfernte Ziel an. Dieses Verharren auf meist einem Pfad verwundert angesichts des hier ohnehin müden New Yorks nicht.

Ich will zurück nach Gotham

Manhattan ist in Spider-Man nämlich dann am Schönsten, wenn man nicht zu tief hinter seine teils Postkarten-artigen Motive blickt. Es funktioniert als Pappkulisse, doch sobald der Blick näher ans Geschehen rückt, wirst du entdecken, dass es sich bei der Bevölkerung um eine gesichtslose Klonarmee handelt, die durch eine nicht minder gesichtlose Umgebung schlendert. Manhattan ist eine künstlich am Leben gehaltene Totgeburt von einer Spielwelt, die auf einschneidende Ereignisse nicht nachvollziehbar reagiert.

Erst sehr viel später wagt es Insomniac Games, dem Stadtteil einen neuen Anstrich zu verpassen, innerhalb dessen aber auch kaum Bewegung stattfindet. Welch Gänsehaut ich noch heute bekomme, wenn ich an die von Kriminellen verseuchten, verregneten Straßen Gotham Citys denke, die als Geisel von Superschurken ihre Pforten in eine düstere, einladende Noir-Vision der fiktiven Metropole weit öffnet und durch dessen Dunkelheit sich grelle, bunte Neonlichter ihren Weg in unser Gemüt bahnen. Manhattan kommt dagegen nicht aus dem Schnarchen heraus.

Und so reiht sich die Spielwiese Spideys konsequent in die Inkonsequenz dieses so heiß erwarteten Spiels ein. Es ist vor allem das Ergebnis einer jahrelangen Prägung des Superhelden, aber keine ausreißerische Vision desselben.

Dieser Spider-Man wagt es nicht, sich aus seiner inszenatorischen, erzählerischen und spielmechanischen Komfortzone herauszuspinnen. Damit ist er letztlich eher ein ziemlich gehemmter Flachschwinger.

Alex

Titel: Spider-Man
Publisher: Sony Interactive Entertainment
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4

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