Someday You’ll Return: Lang geratener Psycho-Thriller

Someday You’ll Return: Lang geratener Psycho-Thriller

Spoilerfreier Test

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Someday You’ll Return ist wie 96 Hours, nur ohne die Action und ohne Liam Neeson. Im Indie-Spiel begeben wir uns in einen Wald in Tschechien, um unsere verschwundene Tochter wiederzufinden. Doch die Suchaktion entwickelt sich nach und nach zu einem psychisch schockierenden Wagnis. Ist Someday You’ll Return packender Nervenkitzel oder bloß öder Walking-Simulator? Das finden wir jetzt heraus!

SLEAZE + Someday You’ll Return
Ganz allein im düsteren Wald? Was kann da schon passieren?

Das Geheimnis liegt im Wald verborgen

Das neuste Abenteuer vom tschechischen Indie-Duo CBE Software lässt uns in die Rolle des besorgten Vaters Daniel schlüpfen. Stela, unsere Tochter, ist spurlos im Wald Chřiby verschwunden. Da die Polizei gerne länger Trdelnik-Päuschen (tschechisches Pendant zur Donut-Siesta) macht, liegt es allein an uns, Stela zu finden. Aber unser jahrelang angereichertes Wissen über besagten Wald lässt uns mit einer Zuversicht als Einmann-Armee den Ausflug unternehmen.

Was sich zunächst wie ein einfacher Krimi anfühlt, entwickelt sich immer mehr zu einem Psycho-Thriller. Denn der Wald ist nicht so harmlos, wie er anfangs wirkt. Dieser Wald lebt. Und es passieren eigenartige Dinge: Wir hören seltsame Stimmen, magische Totems blockieren unseren Weg und dann auch noch dieses Biest. In Someday You’ll Return wissen wir über weite Strecken nicht, was wahr ist und was nicht. Und dieses Geheimnis macht auch einen großen Reiz des Spiels aus.

Der Psycho-Pfadfinder

Unser Protagonist ist kein Held, wie er im Buche steht. Er wird schnell laut und ist chronisch genervt. Im Laufe der Handlung erfahren wir durch Erinnerungsfetzen und surreale Begegnungen mehr über Daniel und seine Vergangenheit. So entsteht ein interessantes Story-Puzzle. Die wenigen Figuren, die wir auf unserem Weg kennenlernen, sind geheimnisvoll und fügen sich seltsam gut in die wirre Erzählweise von Someday You’ll Return.

Auf der Gegenseite haben wir das Biest. Wir wissen nicht, wer oder was das Biest ist. Aber wir merken schnell, dass es irgendwie mit Stela zusammenhängen muss. Erst am Ende ergibt sich dann ein Bild. Oder auch nicht. Denn die gesamte Erzählung passiert auf einer Meta-Ebene und lässt viel Spielraum für Interpretationen. Zudem lassen sich verschiedene Enden freischalten, die weitere interessante Theorien aufstellen.

SLEAZE + Someday You’ll Return
Das Biest wird alles daran setzen, uns aufzuhalten.

Ein Gruselabenteuer ohne Horror

Someday You’ll Return wird zwar als Psycho-Horror deklariert, der Gruselaspekt fällt aber eher mau aus. Und mit den Kreaturen kommen auch weitere Probleme hinzu. Mal abgesehen davon, dass man die ersten zwei Stunden keiner einzigen Gefahr begegnet und vom Horror jegliche Spur fehlt, sind die Monster, denen wir letztendlich begegnen, kein bisschen gewieft. Tatsächlich handelt es sich bei den wenigen Konfrontationen um ein simples Vorbeischleichen bzw. Vorbeisprinten. Wir tragen zwar noch ein magisches Totem mit uns, um die Kreaturen kurzzeitig aufzuhalten, aber wirklich brauchen tut man die Wunderwaffe nicht.

Der wahre Schrecken ist aber die Controller-Steuerung. Vor allem die Bedienung im Menü oder am Handy und die Klettereinheiten gelingen viel einfacher mit Maus und Tastatur. Hoffentlich wird das ausgebessert, wenn der Konsolen-Release im Laufe des Jahres erfolgt.

Indie-Titel kann sich sehen lassen

Technisch wiederum erfreut Someday You’ll Return. Der Psycho-Thriller läuft mit der Unreal Engine 4 überwiegend flüssig und Farben sowie Texturen fangen das Geschehen gut ein. Fingerabdrücke auf dem Smartphone beweisen die Liebe zum Detail. Beeindruckend, was ein so kleines Team auf den Bildschirm zaubern kann. Lediglich Animationen sehen hin und wieder steif aus, wie zum Beispiel beim Klettern.

SLEAZE + Someday You’ll Return
Das Smartphone dient nicht nur zur Navigation, sondern auch zum Simsen

Story Top, Gameplay Flop

Leider plagen Someday You’ll Return kleine Spaßbremsen, die in ihrer Gesamtheit das Spielerlebnis jedoch massiv beeinflussen. Während wir die ganze Zeit wissen wollen, was mit Stela passiert ist, erwarten uns zwischen den Story-Häppchen gähnende Spaziergänge und schleppende Kletterpassagen. Klettern kommt in diesem Spiel nicht wirklich gut weg.

Gerade in den langweiligsten Phasen hätte CBE Software versuchen können, die Leere mit interessanten Dialogen zu füllen. Der Indie-Titel leidet einfach an extremen Tempo-Problemen. Selbst gegen Ende wird der Spielspaß mit unnötig umständlichen Pfaden von A nach B gedrosselt. Mit einer Spielzeit von bis zu 15 Stunden fällt das Psycho-Abenteuer deutlich zu lang aus.

Ein Rucksack voll Krimskrams

Diese 15 Stunden werden mit unterschiedlichen Gameplay-Elementen vollgestopft. Unser multifunktioneller Rucksack dient als eine Art Anlaufstelle für so gut wie jede Aufgabe. Wir haben eine Werkzeugtasche, mit der wir häufig Gegenstände reparieren oder kombinieren müssen. Dann gibt es noch teils typische, teils untypische Sammelgegenstände, die alle im Notizbuch vermerkt werden. So kann man QR-Codes zu realen Sehenswürdigkeiten einsammeln.

Im Laufe der Geschichte erhalten wir auch Zugriff auf Stelas Tagebuch, in dem wir ebenfalls einen Teil der Story aufdecken können. Wir schleppen sogar eine komplette Werkstatt für Kräuterkunde mit uns mit. Wir müssen Pflanzen sammeln, um Tränke herzustellen, mit denen wir wiederum bestimmte Fähigkeiten kurzfristig freischalten, um Hindernisse zu passieren oder die Stimmen im Wald verstehen zu können.

Mit einer Taschenlampe, einem Handy zum Navigieren und dem bereits erwähnten Wundertotem – muss ich es laut aussprechen? Hier kommt wahnsinnig viel zusammen für einen Walking Simulator. Aber leider bremsen genau diese Gameplay-Mechaniken nach einer Weile das Spielgeschehen, denn Someday You’ll Return ist kein Rollenspiel. Der Fokus liegt auf einer immersiven Story-Erfahrung und genau die wird damit abgebremst, dass wir zu oft irgendwelche Kräuter mixen oder Schrauben drehen.

SLEAZE + Someday You’ll Return
Hör mal, wer da hämmert!

Ein frustrierendes Labyrinth

Die größte Schwäche macht sich früh bemerkbar und liegt im grausigen Leveldesign. Es gibt viele Stellen im Spiel, wo ich einfach nicht weiter weiß, weil häufig der Weg nicht ersichtlich ist oder mir ein bestimmtes Objekt fehlt, das ich am Startpunkt übersehen habe. Das ist leider ein großer Stimmungskiller in diesem eigentlich atmosphärisch spannenden Mystery-Thriller.

Die Knobelspielchen erleiden ein ähnliches Schicksal. Beispiel: Um einen Türcode herauszufinden, muss ich die wirren Zeichen über der Tür entschlüsseln. Und wie geht es weiter? Die Lösung befindet sich am anderen Ende des Camps in einem anderen Gebäude in einem Buch auf einem Stapel anderer Bücher. Wenn man nicht gerade zufällig daran vorbeiläuft, hat man wohl oder übel Pech gehabt. Hinweise gibt es nämlich keine.

Das alles nun gepaart mit den eh schon langen Plot-Pausen machen Someday You’ll Return nicht gerade attraktiv. CBE Software versucht hiermit mehr als nur einen Walking Simulator abzuliefern, was dem Spiel selbst aber nicht gut tut.

SLEAZE + Someday You’ll Return
Ein Abenteuer mit Höhen, aber auch mit Tiefen.

Spiele wie Soma, What Remains of Edith Finch oder Everybody’s Gone to the Rapture – sie alle zeigen, dass ein „simpler“ Walking Simulator fesselnd und faszinierend sein kann. Man muss bloß die Pfade zwischen den Story-Highlights clever und interessant gestalten. In Someday You’ll Return stecken viele Ideen, aber keine ist besonders gut umgesetzt.

Fazit

Wie im Indie-Genre üblich, spielen wir keinen austauschbaren Gutmenschen, sondern eine vielschichtige Person mit eigenen Problemen. Und diese Probleme formen letztendlich die Geschichte von Someday You’ll Return zu dem, was sie ist: Ein surrealer Thriller.

Leider fehlt dem Titel der Spaßfaktor. Es ist ein 5-Stunden-Erlebnis auf ganze 15 Stunden gestreckt. Oft scheitert es an der Umsetzung vieler Gameplay-Elemente, sodass wir im ständigen Konflikt zwischen Spannung und Langeweile stehen. Zwischen interessanten Story-Momenten verbergen sich zu viele lange Spaziereinheiten und unnötig verkomplizierte Knobelspielchen. Someday You’ll Return scheitert leider an der Umsetzung und vor allem an seinem Erzähltempo.

CBE Software hat hier sichtlich versucht, viele Ideen in einem Spiel zu vereinen. Eine Art Walking Simulator Plus. Am Ende leidet aber ganz stark die Essenz, die Geschichte, darunter. Obwohl es formidabel ist, was das Indie-Duo auf die Beine gestellt hat, kann man die Schwächen trotzdem nicht herunterspielen. Für Someday You’ll Return ist Durchhaltevermögen nötig. Wem also nicht einmal die wirre Handlung zusagt, der wird mit Someday You’ll Return wenig Spaß haben. Ich kehre für die anderen Enden nicht noch einmal zurück.

Titel: Someday You’ll Return
Entwickler/Publisher: CBE Software
VÖ: bereits erhältlich

Plattform: Nur PC. Konsolen-Release erfolgt irgendwann 2020.

San L

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