Sneaker Freaker: Das ultimative Sneaker-Buch?

Sneaker Freaker: Das ultimative Sneaker-Buch?

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SLEAZE + Sneaker FreakerIch gebe es zu: Ich war nie ein richtiger Nerd. Ich habe Präferenzen, aber so richtig bis auf den Meeresgrund tauchen? Selten! Daher fand ich Leute, die komplett in einer Sache aufgehen und sich so gut wie für nichts anderes interessieren, schon immer spannend – und gleichzeitig auch sehr merkwürdig. Irgendwie hängen geblieben.

Dennoch: Es gibt auch Sachen, wo ich irgendwie – ein Stück weit zumindest – hängen geblieben bin. Hip Hop zum Beispiel. Oder, nur ein paar Schritte entfernt: Sneakers. Ich weiß, dass dafür oft Tiere gequält werden (bitte Schuh-Industrie, ändert das endlich!) und ich weiß, dass Mode insgesamt nicht nur wortwörtlich oberflächlich ist, aber trotzdem finde ich Turnschuhe jeglicher Couleur immer noch geil. Punkt!

Woody Sneak(peck)er Freaker

SLEAZE + Sneaker Freaker
Sieht aus wie Mike Myers, ist aber Woody

Und aus dem Grund kann ich Woody (in der Spießerwelt auch unter Simon Wood bekannt) mehr als verstehen. Genauso wie der Grund, warum er sein Magazin Sneaker Freaker eigentlich ins Leben rief: aus primitiven, egoistischen Motiven. Er wollte Sneakers für umme! Samples oder geile Turnschuhe umsonst.

Und daraus formte sich ein veritables, globales Geschäftsmodell mit Ausgaben in verschiedenen Sprachen und einem gewissen Kultfaktor. Und dass es trotz dieses recht großen Sneaker-Markts gar nicht einfach ist, so ein Magazin am Leben zu halten, haben einige Turnschuh-Magazine wie das von mir auch sehr gemochte Lace (wo übrigens in der ersten Ausgabe auf der Rückseite ein Patrick-Ewing-Schuh von mir drin ist, harhar) schmerzhaft erfahren müssen. Und selbst die deutsche Version von Sneaker Freaker hat nicht überlebt.

SLEAZE + Sneaker Freaker
R.I.P.

Kultur über Kultur

Natürlich gibt es bereits zig Bücher über Sneakers. Auch über die Macher von der schrägen Sneaker-Hauptstadt Herzogenaurach mit dem ungleichen Paar Turnschuhe namens Puma und adidas. Oder auch die sehr spannende Autobiographie von Nike-Ritter Phil Knight.

Aber ein Buch über ein Sneaker-Magazin? Davon hab ich zumindest noch nichts gehört. Darum war ich mehr als gespannt, ob das Buch sich lohnt. Klar, es ist vom legendären Taschen Verlag. Die nutzen Papier selten, das man höchstens als Kaminanzünder nutzen kann.SLEAZE + Sneaker Freaker

Und so auch diesmal: Das Buch ist für jeden Turnschuh-Liebhaber Pflicht. Für mich persönlich sogar mehr als das Magazin Sneaker Freaker selbst. Auch wenn das Buch die gleichen Schwächen aufweist wie das Magazin. Doch dazu später mehr.

Was finden wir nun in dem Buch?

Das Buch ist eigentlich eine Chronologie des langen Wegs der Turnschuh-Industrie. Die ist ja noch gar nicht so alt, auch wenn es merkwürdig erscheinen mag. Denn schließlich tragen Menschen Schuhe schon seit mindestens 40.000 Jahren. Aber so richtig los ging es für Turnschuhe eigentlich erst vor gut über 100 Jahren, als die US-Marken Keds, New Balance und Converse anfingen, spezielle Schuhe für Sportler zu entwickeln.SLEAZE + Sneaker Freaker

Ganz so weit geht das Buch nicht zurück. Es ist wie das Magazin – es geht mehr um Marken und erst indirekt um Geschichte. Und da auch nicht um alle Marken, sondern natürlich hauptsächlich um die großen Namen.

Das ist manchmal etwas schade, wo doch kleine Firmen immer wieder Innovationen bringen – und sich gerade die echten Sneaker-Freaks immer gern abheben und das mit kleinen Marken nun mal besser gelingt als mit großen. Aber zu weit vom Mainstream traut sich ja doch keiner zu entfernen, gell? 🙂

Klammert man den Aspekt mal aus, findet sich in dem Buch eine unglaublich Fülle an Informationen. Von Kollabos über technische Innovationen und Werbeanzeigen hin zu wichtigen Industrie-Kapitänen und Phänomenen wie Michael Jordan mit seiner Schuhmarke Air Jordan, die inzwischen fast genauso wichtig ist wie Mutti Nike selbst.

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Manche tragen alles – solang es „in“ ist.

Was fehlt?

Natürlich, wie in (fast) allen Mode-Magazinen: Kritik. Sowohl in Sneaker Freaker selbst als auch im Buch. Denn es geht darum, einen Lifestyle zu zelebrieren. Dass die Turnschuh-Firmen dafür z.B. endlos „Material“ von gequälten Tieren verwenden – das würde doch etwas stören. Das ist schade, weil nicht ehrlich, aber so ist die Industrie nun mal. Es geht halt auch immer um ein transportiertes Image.

Darum werden selbst simplere „Probleme“ wie Schuhe, wo sich jedem ästhetisch interessierten Fuß seine Nägel hochkrempeln (ich sage nur ganz aktuell: diese gruseligen Dad-Schuhe) oder Sohlen mit Rillen, die sich zwar sehr gut als Hundekacke-Einsammler lohnen, aber ansonsten nicht viel taugen, werden so gut wie nicht kritisiert.

Und dabei ist doch gerade, wenn man bei einer Sache – Achtung, oberbilliges Wortspiel – so richtig drin ist, nahezu eine Pflicht, auch die negativen Sachen zum Ausdruck zu bringen. Also, ich zumindest glaube kaum noch einem Politiker, weil die eigene Partei immer alles richtig macht und die gegnerischen immer alles falsch.

An alle YouTuber da draußen: Setzt doch mal ein Konzept um, wo ihr Politiker, Unternehmer usw. dazu bringt, (nur) Gutes über die Konkurrenz zu sagen. Doch ich schweife ab…

Ansonsten kann man an dem Buch kaum etwas bemängeln. Es ist halt ein US-Magazin, und so kommen regionale wichtige Sneaker-Momente wie die Vereidigung von Joschka Fischer in Sneakers leider nicht vor.

Schade ist, dass z.B. der legendäre TROOP-Schuh von LL Cool J nicht in dem Buch drin ist. Und ein ganz großer Patzer: Wo verdammt noch mal sind die Patrick-Ewing-Schuhe?

Überhaupt fehlt eine eigene Basketball-Rubrik. Dafür, dass diese Sportart die Sneakers so vorangebracht hat, wird das herzlich wenig fokussiert. Schade!

Schön ist das ausführliche Inhaltsverzeichnis. Zig Rapper, Kollabos und Marken findet man auf den unterschiedlichen Seiten und kann so mehr als nur querlesen. In das Buch kann man sich für einige Stunden und immer wieder vertiefen. Und jedes Mal danach hat man Bock, sich neue Sneakers zu besorgen.SLEAZE + Sneaker Freaker

Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, es ist das ultimative Sneaker-Buch! In diesem Sinne: Viel Spaß mit diesem wunderschönen Stück Subkultur – und genieße das Leben auf dem großen Schuh.

danilo

Titel: Sneaker Freaker. The Ultimate Sneaker Book
Autor: Simon Wood
Verlag: Taschen Verlag
Preis: 40 Euro
verfügbar ab: April 2019
sonstiges: Hardcover, 21 x 31,5 cm, 672 Seiten

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