SLEAZE trifft Jen Dale

SLEAZE trifft Jen Dale

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jen dale 2Vielleicht bist du letzte Woche in Berlin schon der Schweizer Singer / Songwriterin begegnet, als sie mit der Konzertreihe ACROSS Berlin ihr EP-Release feierte.
Jetzt hat SLEAZE Jen Dale beim Kaffeeklatsch vor dem Micro gehabt. Bei Milchkaffee und Soya-Latte erzählt sie uns, warum sie uns ihre Musik in kleinen Portiönchen serviert, wie der Name ihrer EP zustande kam und warum sie sich für die Charity Organisation Falling Whistles engagiert.

Das erste Mal, dass du gemerkt hast, dass du singen kannst, war, als du deinen Opa bei deiner Konfirmation zum Weinen gebracht hast. Ist dein Talent vorher niemandem aufgefallen?
Ja, ich glaube, da habe ich das erste Mal realisiert, dass es anderen Leuten gefällt, wie ich singe. Mein Bruder und ich haben vorher schon immer mit diesen alten Dictaphones rumgespielt, die meine Mutter von der Arbeit mitgebracht hat, und haben damit Sachen von Mariah Carey und Whitney Houston aufgenommen. Dann immer zurück gespult und angehört. Das fanden wir wahnsinnig lustig. Irgendwann hat unsere Mutter dann so einen Kassettenrecorder gekauft, mit dem man richtig Karaoke machen konnte. Also, wir haben eher gespielt, aber wussten nicht, dass es jemandem gefallen könnte. Unsere Eltern fanden das super, aber die hätten wahrscheinlich alles toll gefunden, was wir taten.

Aus deiner Familie macht also ansonsten keiner Musik?
Nee, nicht wirklich. Meine Eltern wären bestimmt Künstler geworden, wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt geboren worden wären. Aber in den 50ern, 60ern waren das noch wirklich andere Möglichkeiten und Weltbilder. Ihre Eltern, also meine Großeltern, wollten, dass sie einen richtigen Job machen.

Wen würdest du mal gerne mit deiner Musik zum Weinen bringen?
Quincy Jones wahrscheinlich.

Dein Vorbild?
Er ist eine Legende, ich würde sehr gerne mit ihm zusammenarbeiten. Er ist für mich einer der besten Musikschaffenden, die’s gibt. Ich glaube, wenn man jemanden wie ihn mit seiner Musik berühren kann, dann ist das wahrscheinlich das Höchste der Gefühle.

Vor kurzen warst du mit der ACROSS-Berlin-Konzertreihe unterwegs. Wie hat es dir gefallen?
Super, super interessant auch. Wir hatten viele unterschiedliche Locations. Am besten hat mir gefallen, dass die Leute an den Abenden wirklich da waren für die Musik und dass sie die Livemusik wirklich geschätzt haben. Das hatte ich sonst auch, aber schon eher wenn ich in der richtigen großen Band gespielt hab. Wenn ich sonst in so einer kleinen akustischen Formation unterwegs war, dann wird das sehr schnell zu Background-Music. Da ist es dann schnell zu leise, wenn man in einer Bar oder in einem Café spielt und man hat nicht mehr so den Fokus. Aber bei ACROSS Berlin war das Schöne, dass Auftritte vorher angekündigt wurden und die Leute dann auch wirklich dafür da waren.

Was hast du während dieser kleinen Tour gespielt?
Hauptsächlich meine eigenen Tracks und zwischendurch auch Coverversionen. Aber grundsätzlich alles passend zu der EP, die jetzt gerade rausgekommen ist.

Wie war dein Publikum drauf?
Gut! Mir wurde teilweise gesagt, dass die Leute manchmal erst am Schluss der Lieder gemerkt hätten, dass es eigentlich eine Coverversion war. Da haben wir unser Set anscheinend ziemlich gut ausgewählt. Fand ich super cool, damit hab ich nicht gerechnet. Von den Locations haben mir bisher alle gut gefallen, die Grießmühle ganz besonders. Aber schwierig zu sagen. Ich mag’s, wenn’s so super intim ist. Das war echt toll, so nah an den Leuten zu sein.

Deine musikalische Karriere hatte schon einige Stationen. Du kommst aus Zürich, hast in London studiert, dann in New York. Von welchem Ort hast du am meisten für dich und deine Musik mitnehmen können?
Am meisten hab ich aus New York mitgenommen. Für mich war’s zu dem Zeitpunkt in meinem Leben das Beste. Wie ich immer sage, die Stadt war für mich die beste Schule. Da ist jeder größer, schneller, besser. Aber trotzdem ist dort die Competition in jedem Fach so hoch, dass man zu jeder Zeit sein Bestes geben muss. In der Schweiz wächst man ein bisschen wie in einer Bubble auf. Ziemlich behütet. Aber in dieser Branche geht’s gar nicht ohne Wettbewerb. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich da war, kannte ich auch noch kaum jemanden, der das Gleiche wollte wie ich. In New York hab ich super Leute kennengelernt und gelernt, wie schön es ist, mit Leuten an Musik zu arbeiten und nicht allein.

Was hat dich in London daran gehindert?
Dort habe ich Musik studiert, aber hatte nicht so viele Gleichgesinnte. Und da war ich selbst in meiner Entwicklung noch nicht so weit, dass ich noch nicht so wusste, was ich wollte. In New York hatte ich schon mehr eine Vorstellung davon. Mehr Selbstvertrauen, einfach raus zu gehen. Das schöne an New York ist, wenn man sein Talent showcased, kommt quasi automatisch jemand auf einen zu und es ergeben sich Sachen. Aber auf New York gekommen bin ich durch einen Kontakt, den ich an der Red Bull Music Academy knüpfen konnte.

IMG_0443Warum bist du nicht in New York geblieben?
Na ja, wahrscheinlich wegen der Lebensqualität. Und wegen des Geldes. Aber hauptsächlich wegen der Lebensqualität. Da ist Berlin ein krasser Gegensatz. Hier kannst du dir als kreative Person ohne reguläres Einkommen mehr Zeit nehmen. Die Stadt gibt dir mehr Zeit zum Kreativsein. Kommt natürlich auch auf den Job an, aber im Prinzip kann man auch mit sieben Tagen Arbeit im Monat durchkommen. Da brauchst du in New York schon drei Jobs, nur um deine Basic-Kosten abzudecken. Außerdem gibt’s hier Krankenversicherungen usw. und ich bin in einem Alter, in dem ich mir Familie überlege.

Trotzdem fandst du es in Berlin zunächst frustrierend. Woran lag das?
Mittlerweile hab ich die Schönheit darin entdeckt, dass, solange man weiß, wie man voran kommt, man auch alles andere annehmen kann. Es war ein bisschen gewöhnungsbedürftig, mit meinem Gitarristen und Produzenten in New York immer wieder die Arbeit aufzunehmen, wenn ich dort war. Irgendwann hab ich mir dann eine Open-Mic-Show als Hauptbeschäftigung gesucht und mir gedacht, ich entwickle meine eigene Musik währenddessen übers Internet in New York weiter und präsentier ich sie, wenn es soweit ist. In Berlin gibt’s natürlich auch viele professionelle Musiker, aber die sind sehr gefragt. Manche haben Familie und sind sehr gefragt. Und Studioaufnahmen usw. brauchen ihre Zeit.

Mit ACROSS Berlin ging’s in die verschiedenen Kieze der Stadt. Welcher ist dir am liebsten?
Der Prenzlberg wahrscheinlich. Weil wir dort wohnen. Am Anfang hat mich nur Mitte und nur Prenzlauer Berg gereizt, aber mittlerweile auch Friedrichshain und Kreuzberg. Mein Mann und ich machen uns immer ein bisschen lustig über Freunde, die nie ihren Kiez verlassen. Wir haben so den Vergleich. In Brooklyn hast du echt weitere Entfernungen als hier. Und die kleinen versteckten Ecken, die Berlin überall bietet, hab ich inzwischen echt zu schätzen gelernt.

Dein Geheimtipp?
Oh, da gibt’s einen verdammt guten Inder an der Ossietzkystraße. Der ist super und wir sind wirklich viel zu oft dort. Aber ansonsten liebe ich Smoothies. Den neben Fast Rabbit am Mauerpark kann ich empfehlen. Sau lecker.

Du bist quasi in drei großen Städten aufgestellt. Macht es das nicht schwieriger, sich überall gleichzeitig einen gewissen Bekanntheitsgrad aufzubauen?
Ich glaube, ich hab inzwischen meinen Fokus auf Zürich und Berlin eingeschränkt. Die Schweiz ist mein Zuhause und macht deshalb Sinn, weil der Zuhausebonus immer hilft. Obwohl ich lange nicht mehr dort gespielt hab. Aber ich reise auch super gerne und nehme auch immer wieder Inspiration für meine Songs daraus mit. Unsere Eltern haben uns schon früher immer viel mitgenommen, obwohl sie viel gearbeitet haben. Da war der Urlaub dann immer die gemeinsame Zeit.

Wie sieht deine Zukunft aus?
Erstmal bleib ich in Berlin. Bald spiele ich noch auf einem Festival in der Schweiz, dann hab ich drei Daten in New York im August.

Du bist auch bei einer Charity Organisation aktiv. Worum geht’s da?
Das ist die Falling Whistles Charity, die sich für den Frieden im Kongo einsetzt. Obwohl ich noch nie dort war und auch noch nie in der Region. Aber ich habe in New York die Jungs kennengelernt, die das Ding ins Leben gerufen haben. Die sind genauso aufgewachsen wie ich, hatten ein unbeschwertes schönes Leben und haben zu der Zeit für Keds gearbeitet. Mit der Firma machen die jedes Jahr Tracks, um Schuhe in Afrika zu verteilen. Auf ihrer Reise haben sie dann fünf Jungs getroffen, die dort einem Soldatencamp entflohen sind. Sie waren total bewegt, als die Kinder ihnen ihre Geschichte erzählt haben. Und in unserer Welt bekommt man davon so gut wie nichts mit. Zurück in New York haben die Jungs dann die Charity gegründet. Sie gehen nicht einfach hin und sagen, was die Leute im Land mit ihrem Geld machen sollen, sondern bieten ihnen eine Plattform, sich selbst zu entwickeln. Das hat mit der Rehabilitation von Kindersoldaten und Vergewaltigungsopfern angefangen. Mittlerweile gibt es ein lokales Radio, ein Internetcafé, Künstlerförderung und eine Friseurinnenschule. Ich hab auch schon oft Charitykonzerte für Falling Whistles dafür gegeben und am Human Rights Day am 10. Dezember gibt es auch hier in Berlin immer ein Charity-Event.

Was hörst du privat?
Raphael Saadiq, Jimi Hendrix, Otis Redding, Bobby Brown… Da nehme ich viel Inspiration für meine eigene Musik her.

Warum machst du Soul?
Weil ich mit meiner Musik Menschen berühren will. Ich weiß, was für mich Musik ausmacht, warum ich Songs vor zehn Jahren toll fand und jetzt immer noch höre. Ich mach mir auch immer eine Playlist pro Jahr, die nenn ich dann Smile 2014 zum Beispiel und sammle dort alles, was mich ins Herz trifft irgendwie. Kann auch klassische Musik sein. Aber keine Opern, die mag ich nicht so. Ich hab das Glück, mit einem DJ verheiratet zu sein, der konstant auf der Suche nach neuer Musik ist. Dadurch höre ich auch viel Modernes.

Schämst du dich für eine Platte, die du besitzt?
Na ja, doch es gibt zwei. Oder eigentlich drei. Die erste ist wohl Ace of Base. When I woke up in the morning light… Dann La Bouche. Und Haddaway, What Is Love. Der Kerl mit der Achtziger-Flattop-Frisur. Aber da hab ich letztens ein cooles Cover entdeckt, da fand ich’s dann doch nicht mehr so peinlich.

JOBE-Cover1Deine eigene Platte heißt Jimi Otis & Bacon and Eggs. Googlet man den Kerl, kommt man auf die Seite eines amerikanischen Footballstars. Bist du Fan?
Lustig, ja das wusste ich gar nicht. Aber mit dem hab ich nix zu tun. Eher damit, dass die Platte eine Hommage an Zuhause ist. Dort lief meistens Jimi Hendricks und Otis Redding. Daraus haben wir den Namen zusammen gebastelt. Am Wochenende gab’s Speck und Eier zum Frühstück. Die Platte ist wie eine Erinnerung daran, zusammen zu frühstücken und die Musik im Hintergrund zu haben.

Das ist der erste Teil der Trilogie. Warum machst du nicht gleich ein ganzes Album, sondern unterteilst die Tracks?
Ich konsumier alles gerne in kleinen Häppchen. Eine Geschichte aus drei Blickwinkeln. Mit einem roten Faden durch alle drei. Und sehr motowny. Die nächste EP ist dann eher von meiner Jugend geprägt, da hab ich mehr Bobby Brown gehört und es wird etwas elektronischer. Immer noch Soul mit gleichem Gefühl. Aber zu dem letzten komm ich noch. Bisher steht nur der Ansatz einer Idee. Wir wollten die verschiedenen Stile auch nicht mischen, schon separat halten. So gibt’s immer wieder mal ein bisschen. So wie man eine TV-Show schaut. Da lassen sie die Leute auch zappeln. Das wollte ich auch ausprobieren.

Du hast mal bei The Voice of Germany mitgemacht. Wie kam’s dazu?
Das war nicht meine Idee, muss ich zugeben. Als meine Freunde gemerkt haben, dass ich singe, wollten sie mich überreden. Irgendwann hatte ich genau dieses Gespräch mit dem Moderator meiner Openmic-Show und ich wurde von deren Scouts angeschrieben. Da war mir aber nicht so wohl bei dem Vertrag. Nach einem Jahr sind sie noch mal auf mich zu und ich war in der Zwischenzeit nicht besonders weit gekommen. Da dachte ich mir, ich hab nichts zu verlieren und ich hab mitgemacht, bin weitergekommen, aber in der Blind-Audition rausgefallen. Aber ich hab nicht bereut, mitgemacht zu haben. War schon super, weil’s mich auf den Boden geholt hat. So eine Art Ego Slap. Das hat mich dann umso mehr angespornt, mit meiner eigenen Musik weiter zu machen. Zwar hat keiner in der Show den Knopf gedrückt, aber bei mir hat’s den Schalter umgelegt.

Danke für das Interview!

Hier kannst du in den Soundtrack für dein nächstes Kaffeekränzchen (oder den entspannten Abend mit jeder Menge Wein) reinschnuppern:

Laurie

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