SLEAZE trifft die Straight-Outta-Compton-Posse

SLEAZE trifft die Straight-Outta-Compton-Posse

TEILEN

Nun ist es endlich soweit. In drei Tagen kommt der viel gehypte Film „Straight Outta Compton“, benannt nach dem großen Durchbruch-Album (was übrigens NICHT das Debüt war, wie einige meinen), in die deutschen Kinos. Wir hatten vorab die Gelegenheit, die beiden Schauspieler O’Shea Jackson Jr. (spielt seinen Vater Ice Cube) und Jason Mitchell (Eazy-E) sowie die Legende selbst, Ice Cube, zusammen mit einigen anderen Journalisten zu befragen.

Ritz Carlton Berlin, 13.52 Uhr
Das Interview hat noch nicht begonnen, aber der junge Mann mit dem gestreiften Shirt hat schon am Tisch Platz genommen. Freundlich reicht er allen die Hand und die ersten Journalisten beginnen mit kleinen Fragen, die noch eher nach Smalltalk klingen als nach der großen Story. Aufnahmegeräte und Handys werden noch einen Moment ungeduldig zurückgehalten.
Zur Europapremiere des Films Straight Outta Compton ist die Entourage des Films in Berlin zu Besuch. Es wird sich auf sie gestürzt wie auf warme Semmeln, Hip Hop lebt wieder auf, denn The Most Dangerous Group ist in der Stadt. Und wir sitzen ganz gesittet am Tisch mit dem Hauptdarsteller Jason Mitchell, der im Film den jungen Rapper Eazy-E verkörpert, trinken gekühlte Getränke und warten darauf, dass Ice Cubes Sohn, O’Shea Jackson Jr., sich zu uns gesellt. Der spielt in S.O.C. nämlich…Ice Cube, welch Überraschung. Währenddessen beantwortet Jason Fragen über Deutschland (scheinbar etwas, wonach die Deutschen gern mal fragen), über seine Großeltern und über seine Tattoos. Die haben alle eine Bedeutung, sagt er, aber er wäre morgen noch dabei, würde er jedes einzelne erklären.
Dann kommt O’Shea rein und kurz denken alle, Ice Cube hätte sich einer Verjüngungskur unterzogen, so ähnlich sieht er seinem Vater. O’Sheas Goldkette klimpert, während er auch allen höflich die Hand gibt und dann seinem Freund Jason auf die Schulter klopft.
Wir kriegen das Go und die Fragerunde beginnt.SOC_A4_4C-1

Reden wir mal nicht mehr über Deutschland, sondern über die USA. Kalifornien. Compton. Wie war es in der Gegend zu drehen, in der N.W.A seine Anfänge genommen hat?
Jason: Es war toll dort zu shooten, weil für uns dabei alles so authentisch war. Dabei komme ich eigentlich nicht von dort und war das erste Mal dort. Du musst die Essenz von dem haben, was Kalifornien ausmacht. Wenn die Leute, die dort leben, dir deine Performance nicht abkaufen, hast du verloren. Dann hast du am Ziel vorbei geschossen. Es war auch eine Menge Arbeit, meinen Akzent los zu werden. Alle meinten, es klingt, als würd’ ich singen, wenn ich rede! Du merkst halt nicht, dass du einen Akzent hast, bis du von Zuhause weggehst.

O’Shea: In Compton, das N.W.A zu dem gemacht hat, was es ist, hat sich nicht viel geändert. Was anders ist als früher, ist die ganze Technologie, die wir heute haben. Aber die Menschen haben noch die gleichen Probleme wie früher. Die Machenschaften in der Stadt, die Brutalität der Polizei… Aber heute gibt es Fotohandys und Social Media und die Leute können auf solche Sachen aufmerksam machen. Wenn du genug Menschen diese Probleme bewusst machen kannst, dann führt das meistens zu einer Lösung.

Jason: Es ist auch ein bisschen komisch durch die Stadt zu gehen. Es sind wirklich nicht so viele Menschen unterwegs, wie man vielleicht denkt. Wahrscheinlich, weil eine Gruppe von nur drei Leuten jetzt schon als Gang gilt. Sie können dich einfach anhalten und komplett durchsuchen, wenn sie wollen, nur weil du mit ein paar Freunden abhängst. Ich weiß nicht, ob ich’s als Weißer dort gefährlich fände, es gibt eine Menge toller Menschen dort. Aber die Bullshit-Toleranz ist extrem niedrig.

O’Shea, im Film spielst du deinen eigenen Vater. War das nicht manchmal merkwürdig für dich?
O’Shea: Nein, es war eigentlich eine Ehre. Ich musste sicher gehen, dass alles in meiner Hand liegt. Ich hab die Rolle auch beinah nicht bekommen, Universal ist ein riesiges Filmstudio. Ich musste Produzenten zufrieden stellen und mich gegen erfahrene Schauspieler durchsetzen. Dabei hab ich selbst eigentlich noch nie für so was auf der Bühne gestanden. Ich bin zwei Jahre von Vorsprechen zu Vorsprechen gedackelt, bis ich überhaupt für die Rolle in Betracht gezogen wurde. Aber ich hatte die richtige Unterstützung und tolle Coaches wie Aaron Spiser und Susan Batson, die auch mit Leuten wie Will Smith und Nicole Kidman arbeiten. Hätte ich die Rolle nicht bekommen, wäre ich verrückt geworden. Ich hätte unmöglich jemand anderen auf der Leinwand sehen können, der meinen Dad verkörpert. Es ging um das Erbe und die Ehre meiner Familie und der Film ist viel größer als sein eigentlicher Inhalt. Ich bin wirklich dankbar für diese Möglichkeit.

Wir haben uns gerade alle über dein Aussehen gewundert. Natürlich wissen wir, dass man deinem Vater und dir die Verwandtschaft nicht absprechen kann, aber die Ähnlichkeit ist doch verblüffend.
O’Shea: Dabei wurde ich nicht im Labor geklont! Die Leute starren manchmal, weil wir uns so ähnlich sehen. Wahrscheinlich denken sie: „Na ja, Ice Cube hat sich heute aber sehr jugendlich gekleidet!“ Und der Film trägt noch mehr dazu bei. Es ist wirklich was anderes, auf der anderen Seite der Kameras zu sein und ihn zu spielen, aber ich bin sehr dankbar, das mein Dad hier ist und die ersten Schritte meiner Karriere mit mir zusammen geht. Viele Söhne kommen nicht gut mit ihren Vätern aus.

Was sind deine nächsten Pläne?
Auf jeden Fall habe ich irgendwie eine besondere Leidenschaft für Film. Ich bin im Süden von Kalifornien zum College gegangen, um Drehbuchschreiben zu lernen. Das Filmbiz ist eher was für mich und die Schecks sind besser.soc cube

Schecks oder Chicks?
Beides.

Wie würdest du deinen Vater beschreiben, was ist er für ein Kerl?
Er ist mutig und seine Integrität kennt keine Grenzen. Vertrauen und Selbstsicherheit sind auch das, was er versucht hat, uns allen vier Kindern beizubringen. Wenn du nicht komplett daran glaubst, was du tust, dann sieht man dir das an.

Hast du während der Arbeit am Set Dinge über ihn gelernt, die du vorher nicht wusstest?
Vor allem Dinge, die mein Bild von ihm noch verstärken. Er ist ein Stratege und berechnet jede seine Aktionen ganz genau. Für alles hat er einen Plan. Aber für mich neu war die Tatsache, dass er keinen hatte zu Zeiten von N.W.A. Als er die Gruppe verließ, wusste er nicht, so es hingehen würde. Während all seine Freunde an der Spitze der Welt standen, wusste er nur, dass es für ihn so nicht weiterging. Er hatte keine Ahnung, ob seine Solokarriere hinhauen würde.

Auf was an ihm bist du am meisten stolz?
Darauf, dass er immer noch derselbe ist. Das Einzige, was sich an ihm verändert hat, ist, dass er keine langen Haare mehr hat. Aber obwohl die Entertainment-Industrie genug Leute dazu bringt, sich zu verändern, politisch korrekt zu sein, niemanden zu beleidigen und es allen recht zu machen, hat mein Dad sich nie was sagen lassen. Das hab ich mir auch selbst zum Vorsatz gemacht. Always stay true to Shea.

Hat er dir, was die Rolle angeht, Tipps gegeben?
Er hat allen Tipps gegeben! (Klopft Jason auf die Schulter, der irgendwie schon lange nicht mehr zu Wort gekommen ist). Er hat uns alle mit einer Menge Munition versorgt, die wir nutzen konnten. Er war der Coach und Team-Captain. Jason hier hatte ja nicht mal die Figur anwesend, die er im Film verkörpert. Er war für die Rolle komplett auf Tipps von außen angewiesen, um Eazy-E so ähnlich wie möglich darzustellen. Mein Dad war für alle da. Aber sobald die Kamera lief, übergab er uns an Gary Gray.

War es manchmal komisch für dich, bestimmte Szenen zu drehen, wenn dein Dad dabei war? Sex- und Partyszenen zum Beispiel?
Leider gibt’s ja gar keine richtigen Sexszenen. Danke Gary, an dieser Stelle! Aber eigentlich war nichts komisch daran. Die merkwürdigste Szene am Set war eher, zwei kleine Kinder im Hintergrund spielen zu sehen. Das waren die kleinen Schauspieler, die meinen jüngeren Bruder und mich darstellen sollten!

Noch mal zurück zu N.W.A: Die Most Dangerous Group hat Rapmusik populär gemacht und den soc eazyWeg für zahlreiche andere Künstler geebnet. Wie hat die Gruppe die amerikanische Gesellschaft verändert?
Jason: Sie waren die Ersten, die wirklich gesagt haben, an was sie glaubten, wie sie fühlten und wie ihr tägliches Leben da draußen aussah. Alle Songs sind irgendwie politisch und mit einer glorifizierenden Sicht auf sich selbst. Aber sie kommen von einem sehr ehrlichen Standpunkt. Und so hat N.W.A die Leute angeregt, aufzustehen und sich eine Stimme zu verschaffen. Vorher gab’s kein Gefluche und keinen Gangsterrap im Radio. Und das ganze Parental-Advisory-Ding auch nicht.

Was haltet ihr von Hip Hop und Rap von heute?
O’Shea: Ab Mitte der 90er wurde sich plötzlich nicht mehr für diese Art der realitätsbewussten Musik interessiert. Es lief nicht mehr im Radio, stattdessen wurden nur noch Clubsounds gespielt. Als junger, aufstrebender Musiker hast du das Gefühl bekommen, dass das die einzige Art Musik ist, die du machen kannst. Damit du überhaupt mal im Radio läufst. Jetzt ist es von diesen Clubsongs völlig übersättigt. Wir müssen zurück zu Dingen wie N.W.A. Es gibt nur ein paar, die nicht aufgeben. Die Kendricks und die J. Coles und Lupe Fiascos.

Jason: Irgendwie war’s nicht mehr cool, das zu sagen, was einem am Herzen lag. Die Industrie formt dich und bringt dir bei, dass Geld alles sei, worum es ginge.

Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass dein Dad ein Star ist?
O’Shea: Ich wurde im Jahr 1991 geboren, da begann gerade seine Filmkarriere. Ich bin ein Studiobaby, ich hab die Musik von meinem Dad gehört, bevor ich überhaupt wusste, was ich höre. Irgendwann wurde mir schon klar, dass mein Dad anders war als die meisten anderen Dads, aber wenn du in diesem ganzen Zirkus drin steckst, dann ist das normal für dich. Dad macht Filme, Dad geht auf Tour, Dad gibt Konzerte… Aber als ich 18 wurde, war ich öfter mit ihm unterwegs und es gibt einen Moment, der mir noch ziemlich im Gedächtnis ist. Da waren wir in Adelaide, Australia und ein Mann erzählte mir, dass die Musik von meinem Dad ihn inspiriert hätte, Arzt zu werden. Das war krass! Dass das, was Dad da zuhause in der Küche geschrieben hat, einem Typen am anderen Ende der Welt solche Impulse gibt. Das hat mir auch beim Spielen seiner Rolle in Straight Outta Compton geholfen. Ich wusste, wie wichtig die ganze Sache ist.

Du rappst auch außerhalb des Films unter dem Namen OMG. Gibt es Leute da draußen, die sagen, dass du nicht real bist, weil du keine Street Credibility hast?
Viele Leute denken, ich muss über die gleichen Dinge rappen wie mein Vater. Dabei sind wir unter komplett verschiedenen Umständen aufgewachsen. Wenn du Kunst machst, die für dich selbst nicht echt ist, dann kann sie das auch für niemand anderen sein.

Was ist mit dir, Jason: War es schon immer nur das Schauspielern oder auch Rap, der dich interessiert?
Rapping interessiert jeden, aber jeder will ein Schauspieler sein. Ich hab das Glück gehabt, durch den Film beide Welten kennenzulernen. Ich konnte ein paar richtige Gangster-Rockstar-Erfahrungen machen. Ich glaube, ich hätte auch das Zeug zum rappen, aber – ich denke, schauspielern reicht mir.

kl8Was war die größte Herausforderung für dich, Eazy-E zu spielen?
Ich glaube, das war nicht mal das Nachahmen seiner Haltung und seiner Gangart. Und auch nicht die dreieinhalb Stunden Make-Up jeden Morgen. Die größte Aufgabe war wirklich, den Mut zu fassen und sich zu sagen: „Okay, ich mach das jetzt.“ Da kamen wirklich Leute zum Set, nur um mir zu sagen, sie wollen sicher gehen, dass ich alles richtig mache. Wäre Straight Outta Compton schief gegangen, wär’ dies das Ende meiner Karriere gewesen.

Wie kam also dieser Riesenerfolg bei euch an? Habt ihr damit gerechnet, 60Mio. Dollar einzuspielen?
O’Shea: Auf keinen Fall! Wir haben gehofft, dass es zumindest 35 werden. Dann haben wir die Marke gekackt und ein bisschen größer geträumt und auf einmal wachen wir am nächsten Morgen auf und es sind 60Mio! Das war unglaublich, ich bin wirklich stolz und mein Vater genauso. Er ist verrückt und schaut sich jeden Tag den Filmtrailer an! Wir sind bereit, so weiter zu machen. Wir sind hier noch nicht fertig.

Jason: Und es war toll, die Leute zu sehen, die wirklich Geschichte geschrieben haben. Die Jungs haben es verdient, dass alles so gut gelaufen ist. Es gibt dir das Gefühl, ihnen verpflichtet zu sein, vor der Kamera das Richtige zu tun. Und das haben wir.

Was sind dabei F. Gary Grays Eigenschaften als Regisseur?
Jason: Er heißt ja eigentlich F. Gary Gray. Und das „F“ steht für „finding shit“. Er hat ein anderes Auge auf die Dinge, bemerkt Dinge anders und hat immer chronologische Pläne. In der zweiten Drehwoche zum Beispiel haben wir ziemlich emotionale Szenen gedreht, als Dre seinen Bruder verliert. Und eigentlich weinen Männer nicht wirklich viel zusammen. Aber an dem Tag haben alle geweint. Das hat uns wirklich auf einem ganz anderen Level zusammen geschweißt. Als ich dann irgendwann die Krankenhausszenen shooten musste, waren alle wirklich niedergeschlagen, weil’s nicht einfach für sie war, mich so zu sehen. Eher so ein Gefühl von: „Shit, wir sehen Jason hier!“

O’Shea: Gary ist ein teuflisches Genie. Er hat uns das ganze Album neu aufnehmen lassen, sodass wir Stunden zusammen verbringen mussten. Es ging darum, eine Chemie zwischen uns herzustellen. Gary hat uns innerhalb von zwei Monaten zu lebenslangen Freunden gemacht.

 

Hier geht’s zu unserem Interview mit Ice Cube.

Laurie

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT