SLEAZE trifft Buddy Buxbaum

SLEAZE trifft Buddy Buxbaum

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DSC01159Es ist das Jahr der Rückkehrer. Schon wieder will ein Bush in Amerika Präsident werden, Kate kriegt ihr zweites Baby, Full House läuft wieder im TV, das Poptrio a-ha aus Norwegen ist zurück, Cro battled wieder auf RBA…
Und letzte Woche trafen wir noch jemanden, der nach langer Zeit wieder auf der Bildfläche erscheint. Nach achtjähriger Pause hat der ehemalige Deichkind-Frontmann und Bandmitbegründer Buddy Buxbaum einiges zu erzählen. Bei Sonnenschein und Kaffee in einem hübschen kreuzberger Biergarten hielten wir mit dem gutmütigen Teddy ein Pläuschchen – und zwar ganz ohne Strobo, Lichteffekte und Pyros sondern in komplett echt und unverzerrt. Genauso eine Überraschung ist sein Album „Unkaputtbar“, das im August erscheint.

Starten wir mal mit einer etwas langweiligen Frage: Von Buddy Inflagranti zu Buddy Roulette zu Buddy Buxbaum – deinen Namen hast du ja einige Male gewechselt. Wie ist dein jetziger Künstlername entstanden?
Irgendwie hält sich so ein Trugschluss, was meinen Namen angeht. Als ich bei den Jungs ausgestiegen bin, hab ich mich zum ersten mal Buddy Buxbaum genannt – als DJ. Daraus ist dann der Name entstanden, so war ich irgendwie bekannt und den hab ich beibehalten. Aus der Deichkindzeit gab’s da noch ein paar andere Versionen – Buddy Casino, Burrito… und einmal hab ich so einen Abschiedsbanner gemacht, da hieß ich Buddy Inflagranti. Seitdem stürzen sich alle auf den Namen, obwohl das nur einmal so ein Gag war. Aber eigentlich heiß ich seit eh und je Buddy Buxbaum.

Dabei macht der neue Buddy ja ganz andere Musik.
Hab kurz überlegt, wegen des Namens. Mein echter Name ist so kompliziert, dass ihn keiner aussprechen kann. Aber ich bin ja immer noch ich. Der Sound hat sich geändert und ich hab mich auch irgendwie entwickelt, aber unterm Strich ist es ja immer noch irgendwie Buddy.

Wer dein neues Album „Unkaputtbar“ oder auch die bisherige Single „Ballast“ anhört und da einen Deichkindverschnitt erwartet, wird mit sehr klassischen Klängen überrascht. Hast du selbst diese neue Richtung deiner Musik erwartet?
Also, dass es musikalischer wird schon, aber jetzt hab ich einfach losgelassen und geguckt, was daraus wird. Geplant waren jetzt nicht genau der Sound und diese Art Songs, aber schon, dass es irgendwie so ein bunt gemischtes Album wird.

Mit Deichkind wolltet ihr es eigentlich mal machen wie die Beastie Boys und mit jedem Album ein neues Genre ausprobieren. Dann hat der Tech-Rap irgendwie gezogen und es ist dabei geblieben. Hast du vor … (Buddy bestellt sich schnell einen Michkaffee mit doppeltem Espresso und ein Glas Orangensaft, ich nehm’ einen Kaffee.) … jetzt diesen Weg weiter zu gehen, den ihr damals als Gruppe nicht weiter verfolgt habt?
Ja, ich denke, die Idee hab ich mir so beibehalten. Das ist auch das, was ich nach wie vor durchziehen will. Narrenfreiheit behalten und dass man nicht in eine Schublade gesteckt werden kann. Dann bleibt es für alle spannend. Inklusive mir.

DSC01294Hast du dich gefunden?
Nee, dafür bin ich zu vielseitig. Mir wird schnell langweilig. So typisch ADS-ler.

Nach deinem Ausstieg hat man ziemlich lange nichts von dir gehört. Was hast du gemacht?
Ich war hinter den Kulissen aktiv. Hab angefangen für andere zu produzieren, andere Künstler gesucht, dann für Agenturen gearbeitet und mich mit Sounddesign und so ein paar Konzeptionsgeschichten über Wasser gehalten. Damit hab ich mir die Phasen finanziert, in denen ich mich dann mal so komplett auf Mucke konzentrieren kann. Weil, jobben neben ’nem Album war eher schwierig.

Keine Aussteigerphase?
Es war nicht komplett klar, dass ich jetzt so komplett solo irgendwas veröffentlichen will, sondern eher so hinter den Kulissen als Produzent. Aber durch diese ganzen Layouts hat sich dann irgendwann abgezeichnet, dass auch ein Buddy Buxbaumalbum dabei herauskommen könnte. Das hat sich so puzzlemäßig über die Jahre verteilt. Jetzt hab ich ein Jahr konstant an dem Album gearbeitet. Vorher immer so phasenweise. Und dann hat sich das Puzzle irgendwann so zusammen gefügt und jetzt ist es ein buntes Potpourri.

Ich hab gelesen, du hast mal zwei Wochen während der Zeit in einer alten Hütte im Wald verbracht.
Ja, stimmt. Wo hast du denn das gelesen? Ja, Medizin und Termin im Park sind da entstanden. Das war so ein Tapetenwechsel. Mal raus aus dem vertrauten Studio und mal irgendwie komplett woanders sein, so mit kleinem Setup einfach schreiben.

Machst du das sonst auch? Du warst erstmal eine Zeit fern von der Öffentlichkeit und bist eine Weile abgetaucht, aber nun bist du wieder zurück. Ist das bei dir irgendwie so ein stetiger Wechsel?
Nicht so bewusst, aber jetzt hat sich das so ergeben. Ich mag irgendwie sehr gerne live auftreten. Und ich mag aber auch tierisch gerne diese ganze Produktionsphase, wenn man an so einem Song sitzt und man merkt, dass der Song langsam geknackt ist und rund wird. Das brauch ich auch. Manchmal brauch ich da auch ein paar Anläufe. An manchen Tagen flutscht das, da ist der Song direkt klar und dann gibt’s Tage, da bist du dann immer noch am Feilen, weil du denkst, irgendwas stimmt da noch nicht so.

Aus was für einer Perspektive schreibst du so einen Song? Hast du das Thema schon vorher im Kopf oder entwickelt sich das mit deiner Stimmung zur Musik?
Unterschiedlich, aber hauptsächlich bin ich so’n Typ, der von der Musik ausgeht. Weil ich auch die Musik selber mache. Wenn ich so die Stimmung von dem Song merke, schießen mir sofort irgendwie Bilder und Themen durch den Kopf. Das bring ich dann zusammen. Ich lass ich mich dann von der Stimmung leiten und so inspirieren für den Text. Und eigentlich entsteht das bei mir immer in der Reihenfolge. Gibt auch Leute, die so ins Blaue texten. Das hab ich auch mal gemacht, aber irgendwie ist das nicht mein Weg. Ist irgendwie komisch. Nicht so organisch. Also, es ist schwerer, zu einem Gedicht oder zu Poesie passende Melodien zu finden, die das irgendwie unterstützen, als andersherum. Wenn du eine Stimmung hast, die das Thema vorgibt, dann klingt das am Ende auch wie aus einem Guss und nicht konstruiert.DSC01296Ballast ist der erste Track aus deinem Album, den man sich auch jetzt schon mit Video anschauen kann. Den Track hast du als Ausnahme auf dem Album bezeichnet.
Ja, der hüpft so aus dem Rest heraus mit Klavier und Gesang. Sehr, sehr klassisch. Eigentlich ist das nicht so das, wofür ich stehe. Früher stand ich für Computergrooves, Speeds, alles Moderne und was auch immer. Und nun ist das hier eben doch ein sehr klassischer Song. Auf dem neuen Album sind immer noch ziemlich viele verschiedene Stile drauf, von denen sich Ballast aber auch abhebt. Deshalb wollte ich ihn auch noch mal so nach vorne kehren. Weil er sowieso für was ganz anderes steht. Damit war er nur so ein Anklopfer dafür, dass da jetzt was anderes kommt. Und man weiß eben noch nicht genau, was man da ansonsten noch erwarten kann.

Für das Video dazu hast du Peter Behrens (Drummer von Trio) engagiert. Du selbst kommst gar nicht vor. Da könnte man fast denken, dass der Hauptdarsteller in dem Filmchen derjenige ist, der das Lied singt. Warum habt ihr euch für so eine Inszenierung entschieden?
Ganz viele Bands stellen ja im Moment so die Show in den Vordergrund. Aber diesen ganzen Zirkus hatte ich ja quasi schon in meiner Vergangenheit. Das wurde echt immer doller. Pyro, Strobo und am besten noch Federn obendrauf. Das kann man irgendwann nicht mehr toppen. Braucht man aber auch gar nicht. Als da dann zum Beispiel diese Philipp-Poiselgeschichten um die Ecke kamen, ging dann alles wieder ein wenig zurück zu den Basics. Da wurde die Musik wieder wichtiger als die Verpackung. Das war mir halt auch wichtig, dass man bei dem Album mal wirklich auf die Musik den Akzent legt. Mein Albumcover ist eine Papphülle auf der draufsteht: Das Album von Buddy Buxbaum ist unkaputtbar. Damit ist alles gesagt. Es geht um den Inhalt, die Verpackung ist scheißegal. Die kann man kaputtmachen, zerknüllen, wegschmeißen, aber die Musik bleibt. Und entweder man lässt sich auf die Songs ein – oder eben nicht. Aber das ist auf jeden Fall der Akzent. Ich komm nicht mit Zylinder auf ’nem Elefanten oder sonst was angeritten.

Stattdessen holt im Video ein älterer Herr sein verstaubtes Klavier aus der Garage und schiebt es trotz einiger Hindernisse durch die Stadt. Metaphorisch gesehen: Fühlst du dich wie der alte Mann im Videoclip, der Altes wieder aufleben lässt oder wie das Klavier, das nach Jahren zurück ans Tageslicht kommt?
Ich bin natürlich das Klavier. Das einzige klappbare Klavier der Welt. Das war auch ein Haufen Arbeit. Wenn man das dann im Nachhinein sieht, ist es verrückt, dass wir drei Wochen an dem Klavier rumgesäbelt haben, obwohl man es nur drei Sekunden aufgeklappt sieht. Ein befreundeter Orgelbauer hat extra auf jede Taste ein Bleigewicht legen müssen, weil wir das Ding aushöhlen mussten, damit man’s überhaupt tragen kann. Aber wenn die Mechanik draußen ist, kommen die Tasten nicht mehr hoch. Das hatte ich auch nicht aufm Zettel. Rabiat wie ich bin dachte ich, zersägen, schwarz anmalen, passt. Aber alleine das war echt eine irre Aktion. Nur damit die Leute einmal lachen müssen. Aber ich würd’s immer wieder machen.

DSC01234Wie war bisher die Resonanz zu der Musik, die du jetzt machst?
Das war ein riesiges Abenteuer. Ob man das überhaupt versteht, ob man das einordnen kann, oder ob Leute das verstehen. Oder ob sie sich so was denken, wie „Mensch ich hab gedacht da kommt jetzt irgendwie so was Modernes, Freshes, und nicht irgendwie so ein klassisches Songwriting.“ Es war ein Experiment, so was retromäßiges zu versuchen. Aber ich bin total zufrieden, wie sich das gerade so entwickelt. Es entwickelt sich langsam, das war auch klar. Aber ich hab eigentlich keine Hater entdeckt. Vielleicht so zwei drei. Aber das war nicht wirklich ernstzunehmende Kritik. Nichts von dem ich dachte, da wäre was Wahres dran und da muss ich was ändern. Andererseits biete ich ja auch einen ziemlich großen Fächer.

Zeichnet sich bei denen Fans schon ein Lieblingssong ab?
Wenn ich frage, welcher Song die Leute denn so am meisten anspringt, dann ist es wirklich immer komplett unterschiedlich. Weil alle Songs verschiedene Stimmungen und Themen haben. Termin im Park kommt jetzt raus, den finden viele sehr gut. Der hat auch ein gutes Timing, weil jetzt gerade perfekt der Sommer mal endlich einschlägt. Da kommt mal eine Good-Vibe-Nummer mit ’ner guten Message. Als Kontrastprogramm zu Ballast im Winter hat sich das ganz gut gefügt. Im Sommer kommst du gar nicht in so eine Stimmung und du willst dir nicht über Probleme Gedanken machen. Und andersherum kommst du bei uns in Hamburg, wo’s Monate lang grau ist und nur pisst, gar nicht auf solche sommerlichen Gedanken.

Was hörst du privat?
Ich hör viel instrumental Hip-Hop-Kram. Madlib, J Dilla ist das was mich so kickt. Im Gegensatz dazu hör ich aber auch ganz viel Black-Keys-Schrammelrock, Bluesrock und so was. Und dann auch wiederum Library Jazz. Das heißt, da haben Arrangeure und Komponisten Musik für Filme zugeschnitten. Und da gibt’s dann einen riesigen Katalog von Stimmungspassagen. Das wurde von Verlagen dann gesammelt, sodass man dann in dem Fundus wühlen konnte. Alle Genres durch, aber auch total skurrile Geschichten. In meiner Random-Playlist sammle ich den ganzen Wahnsinn, der mich irgendwie zum Musikmachen inspiriert. Querbeet. Da kommt dann Frank Ocean und Psychojazz mit J Dilla und Rock zusammen. Daraus entsteht dann dieser Crossover-Kram, den ich mache.

Vorbilder?
Das sind wahrscheinlich alles so Spezialisten, die kaum einer kennt. Der Bekannteste ist vielleicht Madlip. Das ist echt ein genialer Typ, weil der auch so musikalisch ist, obwohl instrumental. Und geschmacklich find ich diese ganze Hip-Hop-Beats-Szene super, die sich parallel entwickelt hat. Wahnsinn, dass das so gut ankommt und Clubs voll sind und alle dazu abbouncen und feiern, als würde gerade irgendein Frontman oder MC auf der Bühne stehen. Aber das brauch’s in dem Fall gar nicht. Die machen irgendwie echt innovativen Kram und machen mit diesen ganzen Samples ein ganz neues Fass auf. Und klar, das gab’s auch schon vor zehn Jahren, aber niemals so auf dem Level und in der Qualität und Menge.

DSC01228Hast du eine Platte, für die du dich schämst?
Meine erste Scheibe war Alexander O’Neill: Fake. Das ist so ein Achzigerjahre-Glatzenopa, so’n Radiopopper. (Buddy singt uns ein kurzes Ständchen.) Und Gott sei dank, hab ich die getauscht. Gegen LL Cool J. Das Album I’m Bad. Single gegen Maxi. Ab da war ich dann so auf dieses ganze Hip-Hop-Ding mit Public Enemy & Co. geeicht, dass ich mir dann eigentlich keine Fehlkäufe mehr geleistet hab.

Wie bist du zum Musikmachen gekommen?
Ich hab drei Jahre in Moskau gelebt, weil mein Vater da einen Job angenommen hat. Und in Moskau gibt’s internationale Schulen. Da waren dann dreitausend internationale Kids, Kinder von irgendwelchen Gesandten oder Diplomaten auf der jeweiligen Landesschule. 1989 bin ich hin. Und aus der französischen Schule dort hab ich dann Mohammed und Elvice aus Kongo und Kamerun kennengelernt und bei einer Reise nach Singapur meinen ersten Sampler gekauft. Mit den beiden Jungs hab ich dann meine erste Band gegründet. Da war ich glaub ich 14, 15. Seitdem war ich aber nicht mehr in Moskau und wir sind leider nicht mehr in Kontakt. Meinem Freundeskreis aus der deutschen Schule ist auch über den ganzen Erdball verstreut, aber wir halten immer noch Kontakt. Total absurd, wo wir jetzt alle gelandet sind. Ich muss die irgendwie mal alle zusammenkriegen, das ist echt spannend. Völlig unterschiedliche Entwicklungen. Irgendwann muss das mal definitiv gefeiert werden.
Aber umziehen mitten in der Pubertät war schon schwierig. Und dann auch noch in so ein rohes und damals noch schwierigeres Land. Ich war auch dort während der Wiedervereinigung. Ich hab dann erst drei Monate in der Westschule verbracht, in der es 300 Kids gab. Und dann in der Ostschule, da waren’s 800. Da wurde ordentlich gehated, weil wir die Scheiß-besser-Wessis waren. Und dann auch noch in der Minderzahl. Aber im Nachhinein war der Umzug das Geilste, was ich hätte machen können. Horizont erweitern. Aber meine Freunde in Hamburg hab ich natürlich komplett vermisst und dachte, ich verpass gerade echt was. Nach vier jahren sind wir dann auch wieder zurück. Da war’s dann nicht so schlimm, ein zweites Mal wieder aufzubrechen, weil ja alle in diesem Rhythmus drin waren und alle anderen Familien auch wieder weiter gezogen sind. Freundschaften fürs Leben gefunden hab ich da aber auf jeden Fall.

Was ist dein nächstes Reiseziel?
Ahrenshoop. Da ist Zingst. So eine alte Hippiekommune. Ab an den weißen Strand, der so karibisch anmutet. Nur mit nordischem Buchenwald statt Palmen. Da kann man sich auch echt geile Konzerte angucken. Einmal im Jahr ist da ein Jazzfestival. Mittlerweile nicht mehr so der Geheimtipp, aber mit einem Kulturprogramm, das dir die Schuhe auszieht.

Danke, Buddy!

Hier kannst du in Buddys Track „Ballast“ reinhören/-schauen:

Noch nicht genug? Dann gönn‘ deinen Ohren das Album ‚Unkaputtbar‘.

Laurie

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