SLEAZE trifft auf L’Aupaire

SLEAZE trifft auf L’Aupaire

TEILEN

l'aupaire.sleazemagDie Festivalsaison ist langsam vorbei und die Künstler starten nach einem anstrengenden Sommer alle wieder ihre eigenen Touren. Einer von ihnen, dessen Sommer mit unzähligen Festivalgigs und Konzerten in Europa und den USA prallgefüllt war, hat letzte Woche einen kurzen Stopp in Berlin eingelegt und sich mit uns auf einen Kaffee getroffen. Und auf eine Apfelschorle. Während wir versuchten, den Wespen die Stirn zu bieten (nicht als Lande- und Stechplatz natürlich) und nicht panisch um uns zu schlagen, sprachen wir mit L’aupaire über seine Liebe zur Musik, das Reisen und das Alleinsein.

 


Dein Name hat nicht viel mit Babysitting zu tun, oder?

Nene. Ich heiße Robert Laupert. L’aupair ist mein Nachname quasi auf Französisch.

Wie bist du zur Musik gekommen?
Da gibt es verschiedene Geschichten, aber eine ist, dass ich mal auf einem Schüleraustausch war. Ich hab in Phoenix, Arizona gelebt. Mit native Americans, die aus einer indianischen Kultur kommen. Dann kam ich so mit meinem deutschen Musikschulding dort hin und bei denen standen überall Instrumente im Wohnzimmer. Schlagzeug, E-Bass, Gitarren, Klavier und so. Ich wollte wissen, ob die alle eins spielen würden und die meinten, sie jammen jeden Abend zusammen. Da war ich 16. Und das haben wir dann gemacht jeden Abend, während ich da war. Da gab’s kein Fernsehen und stattdessen hat man dann Musik gemacht. Da hab ich angefangen. Also mit Gitarre. Auch wenn ich vorher schon mal so ein bisschen Klavier gespielt hab und Saxophon, aber da war Gitarre das Ding. Ich hab mir zurück in Deutschland dann auch eine besorgt, eine alte vom meiner Mutter vom Dachboden.

Ist dir schon während deiner Zeit in Amerika klar geworden, dass du Musiker werden willst?
Nee, das nicht. Aber ich war irgendwie so ein Outsider, bis ich 16 war. Ich bin auf ’ne neue Schule gekommen und war irgendwie anders als die anderen. Hab mich ein bisschen in die Musik geflüchtet, war dann total schnell gut und hab dann darüber Freunde und so mein eigenes Ding gefunden. Wie so eine Flucht war das, weil ich auch so sauklein war. Nur 1,60. Ich war son Spätzünder und durch die Musik fanden dich dann Leute cool. Dazu hab ich’s halt einfach geliebt, darin zu versinken, weil das richtige Leben nicht so schön war zu der Zeit.

Wie kam dann der Entschluss, es mit dem Musikstudium zu probieren?
Ich hab mit Freunden viel Musik gemacht, eine Band gehabt und bin über Umwege nach Holland gekommen. Da hab ich dann eine Zeit Jazz studiert. Aber nicht durchgezogen. Nach anderthalb Jahren hab ich gemerkt, irgendwie aus verschiedensten Gründen, dass ich das ganze Ding überdenken muss. Rausfinden, was ich machen will. Hatte am Anfang gar keine Idee. Aber ich hatte ’nen Laptop und Mikrophon und hab recordet, angefangen, Lieder zu schreiben. Das war 2011. Seitdem hab ich eigentlich jeden Tag geschrieben oder recordet, wenn ich konnte.

Also hast du nach deinem Abbruch alles für die Musik auf eine Karte gesetzt? Kam für dich nichts Anderes mehr in Frage?
Nee. Also schon zu der Zeit war’s schon so’n Kampf. Hab auch ganz viel gemacht, um Geld zu verdienen, auch musikalisch. Dann irgendwann war’s doch so alles auf eine Karte, aber das kam ein bisschen später. Aber da war’s noch so, dass man sich immer wieder irgendwo eingeschrieben hat an der Uni, um irgendwie safe zu sein. Als Student bist du safe irgendwie. Ich meine, man kann dem Staat nicht sagen, dass man erstmal drei Jahre sein eigenes Ding machen will. Das geht echt so schwer, da muss man ein bisschen so einen Übergang finden, deswegen hab ich mich immer wieder eingeschrieben und ein bisschen nebenbei studiert.

L'Aupaire am 09. September live im Klunkerkranich, Berlin
L’Aupaire am 09. September live im Klunkerkranich, Berlin

Wenn man über dich recherchiert, findet man auch eine Menge über Budapest, wo du dir mal eine zeitlang eine Auszeit genommen hast. Wie kam’s dazu?
Das war der Moment, in dem alles auf eine Karte ging. So ’ne Flucht, wo ich gemerkt hab, ich komm nur langsam voran. Hab 2011 angefangen, dann war’s schon wieder 2013 und ich konnte noch keine Konzerte spielen, hatte noch keine Visionen gefunden. Da hab ich überlegt, ich muss irgendwohin und ganz krass dran arbeiten. Muss irgendwie durch diese Schule, dass ich mich mal zwingen muss. Bis dahin war kein Fokus da und darum ging’s eigentlich. Um den Fokus.

Und warum Budapest?
Meine Großeltern haben da eine Wohnung. Es war die billigste Alternative von der Fahrt her. Schweden wäre auch geil gewesen oder Spanien. Ich wollt natürlich aufs Land und ans Meer, aber wäre zu teuer gewesen. Ich hab auch beinah mein ganzes Studioequipment mitgenommen.

Dort sind auch die meisten deiner bisherigen Songs entstanden. Wie entstehen deine Lieder?
Ich schreib jeden Tag, immer wenn ich Zeit hab. Immer wenn’s irgendwie geht, schreib ich so vor mich hin, an der Gitarre oder am Klavier. Ich schreib ganz viele Gedichte, ganz viele Texte und dann guck ich, ob ich was Musikalisches dazu finde. Am schönsten ist es, wenn beides zusammen kommt zur gleichen Zeit. Das war in Budapest so, aber das muss nicht zwingend so sein.

Bevorzugst du es da auch, alleine zu sein?
Am Anfang hab ich gedacht, das ist beim Songschreiben wichtig für die Vision. Das war auch so, als ich noch geguckt hab, wo ich hin will. Aber mittlerweile schreib ich auch gerne mit anderen zusammen. Also auch so mit Freunden, wo ich mir dann Hilfe hole, aber das allermeiste hab ich alleine geschrieben. Aber es macht viel mehr Bock, mit anderen zusammen Musik zu machen. Nur sind da dann schon auch so die Fingerabdrücke von anderen dabei und das ist cool, wenn du genau weißt, was du machen willst, aber das musste ich dann auch erst herausfinden. Jetzt kann ich mich auch so der Sache öffnen und es macht total Spaß, mit Leuten was zu machen, die an das gleiche Ding glauben.

Du hast mal gesagt, du nimmst viel deiner Inspiration und Kreativität aus Schmerz und Leid. Hast du das auch abgelegt oder was inspiriert dich beim Musikmachen?
Das ist die schwierigste Frage. Aber ich würd’ sagen, dass die größten Songs der Musikgeschichte natürlich schon aus Leid entstanden sind. Oder aus Verlust und Abschied. Aber ich find Lieder genauso schön, die das Leben feiern. Manchmal ist es auch geiler, wenn eine andere Person etwas erzählt, die das Ganze ein bisschen kühler betrachtet als so krass emotional. Es ist auch total spannend, zwischen Perspektiven zu switchen. Ich schreib schon sehr autobiografisch, aber zieh mich dann doch wieder zurück oder twiste die Dinge auf bestimmte Weise.

Letztes Jahr wurdest du auf das South Southwest Festival in Austin, Texas eingeladen und hattest die Chance, mit dem Produzenten Mocky zusammen zu arbeiten. Mit wem würdest du sonst noch mal gerne zusammen Musik machen?
Ja, da gibt es verschiedene, ich hab total viele Heroes und es gibt ’ne Menge Leute, die ich so auf der Liste hätte. Mocky war auch einer davon. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber kannte seine Musik und dachte mir halt, dass er ein cooler Typ sein muss. Das ganze Feist-Umfeld find ich auch furchtbar gut.

Wenn du keine Musik machen würdest, was dann?
Also, auf jeden fall was mit Kreativität. Und mit netten Leuten. Ein Freund von mir hat mal gesagt: Überleg dir nicht, was du machen willst, sondern mit wem du was machen willst. Das sag ich auch immer zu jungen Leuten, die zu mir kommen auf Konzerten und mich fragen, wie ich dazu gekommen bin. Ich sag dann, ich hatte halt am meisten Bock, viel unterwegs zu sein und mit coolen Leuten unterwegs zu sein. Das ist was anderes, als wenn man Praktika gemacht hat und so weiter. Du wirst in so eine Position gedrückt. Hierarchie hast du in der Musikindustrie auch extrem, aber du kannst dir aussuchen, mit wem du’s machst im besten Fall. Ob du ’ne Band machst. Oder ein Projekt. Also ich hatte das Glück. Und mittlerweile kann ich mir aussuchen, was ich mache. Ich hab das früher immer sehr gehasst, so reingewürftelt zu werden und dann versteht man sich mit der Hälfte der Menschen nicht. Ich wollte immer geiles Team haben, was eine Synergie erzeugt, dass da ganz viel entsteht. Das ist mir total wichtig bei allem. Ich hab letztens auch irgendwo gesagt, dass ich gerne mal eine Beachbar leiten würde. So zwischen zwei Alben. An einem einsamen Strand, wo man sich gute Freunde einlädt und dann gutes Essen macht und gute Drinks. Eine Sommersaison lang. Das wär’ total geil.

Inwiefern ist dein Album anders als die Budapest-EP, weil ein Großteil davon nun in Amerika entstanden ist?
Ich darf euch leider noch nicht sagen wie’s heißen wird, es gibt einen Favoriten, aber es ist noch wie so’n Baby, die Geburt war noch nicht, ich sag’s lieber erst, wenn die Geburt war. In Amerika wurde eher geschrieben, nicht L'aupaire.sleazemag.deaufgenommen. Das Album wird schon sehr wie die EP. Ein bisschen weiter noch entwickelt vielleicht, aber es werden auch zwei Songs von davor drauf sein. Ich denke, es werden zehn Lieder. Es gibt total viele, die ich jetzt hab, aber ich werde wahrscheinlich nur zehn aussuchen.

Reisen an sich ist ein großes Thema bei dir. Bist du ein rastloser Mensch?
Ich liebe das irgendwie, dieses Reisen. Ich mag auch total gerne Hotelzimmer. (lacht) Es ist schön, nach langer Zeit wieder nach Hause zu kommen, dass ich das nie aufgeben könnte. Obwohl’s manchmal auch so viel ist, dass man richtig kotzt. Jetzt gerade der Festivalsommer war echt eine Zickzacktour durch Europa. Wir haben nur in sechs Ländern gespielt, wenn’s noch mehr werden würden, wär’s schon krass, aber ich fänd’s super. Also wenn man immer unterwegs ist, will man irgendwie nach Hause, aber wenn man nach Hause kommt, will man wieder unterwegs sein.

Und was ist gerade dein Zuhause?
In Gießen wohne ich.
(Meine Begleitung Lisa ruft: „Ich komm aus Gießen!“ Die beiden geben sich eine überraschte Ghettofaust.)
Das ist jetzt gerade wieder mein Zuhause, wohne seit drei Monaten da. Aber ich hab auch zeitweise mal gar keine Wohnung gehabt, weil’s sich nicht gelohnt hat, 2014 haben wir über 100 Auftritte gespielt, da war man dann mit Reisetagen 200 Tage unterwegs. Wir waren überall. Haben angefangen, Konzerte in Wohnzimmern zu spielen und dann haben wir da auch gepennt. Oder bei Supporttouren. Da kannst du dir kein Hotel leisten, ist auch schon so viel zu teuer, dann spielst du halt immer in den Städten bei deinen Freunden. Das war echt voll verrückt.

Was ist dir lieber?
Ich mag große Bühnen. Ich hab sehr viel dieses ganz Kleine gehabt und auch mal nur vor fünf Leuten gespielt. Aber es ist auch cool, wenn viele Leute da sind. Mir gefallen auch große Festivals und große Konzerte. Mir ist immer wichtig, dass der Sound gut ist, aber so lange das irgendwie schön ist, kann ich mir alles vorstellen.

Was war bisher dein coolster Reiseort?
Dieses Jahr war das Highlight für mich die Westküste von Amerika. Highway No. One. Die ganze Strandkultur dort. Das hat mich sehr geflasht, die Natur und die ganze Küstenlinie. Da wo Mocky wohnt, in Silverlake, hab ich mich auch sehr wohlgefühlt. Mit vielen Hügeln, du kannst viel laufen. Und das kannst du in Amerika ja oft kaum. Aber dort in dem Viertel von LA schon, das ist fast wie in Europa mit kleinen Straßen und Cafés. Und da fliegen Kolibris und es laufen Stinktiere rum und nachts kommen Kojoten. Dieses Ballungsgebiet da ist ja riesig, aber da gibt’s auch ein paar echt sauschöne Sachen. Da würde ich auch wohnen, wenn ich in LA wohnen würde.

Hast du vor, irgendwann irgendwo anders sesshaft zu werden oder wieder in Gießen anzukommen?
Weiß ich nicht. Ich glaube, ich hätte irgendwann mal gerne ein Haus auf dem Land. Aber auch sehr puristisch und so, dass man immer wieder gehen könnte. Besitz hemmt einen immer ein bisschen. Das war bei mir bisher immer so. Wenn ich was besessen hab, hab ich immer Angst gehabt, dass es kaputt geht. Ich find die Idee, was nicht zu besitzen, sondern es einfach zu teilen, prinzipiell besser als das Prinzip, mein Auto, mein Pool, mein Ferienhaus… Ich hab immer Leute gesehen, die das alles haben und die waren immer am unglücklichsten. Am glücklichsten waren L'aupaire.sleaze4immer die, die nicht so viel hatten.

Was hörst du privat?
Ich hör mittlerweile auch sehr gerne Freunde, weil man einfach viele andere Musiker kennt. Die Bands, mit denen wir unterwegs sind oder waren, zum Beispiel David le Maitre. Sein erstes Album liebe ich und warte schon aufs zwote. Ich hör auch immer noch voll viel Jazz aus meiner Jazz-Zeit. Was ich liebe, sind so Amerikana-Sachen. Und Folk. Und guten Country.

Du hörst das was du machst, sozusagen.
Genau. Aber auch 40er-, 50er-Jahre-Sachen mag ich. Ich hör auch ganz viel Blues immer wieder. Und ganz viel, was ich auf den Festivals sehe und höre und was mir dann gefällt. Man ist ja sehr nah dran an der Musikindustrie. Das letzte Album, was ich gekauft hab, war die neue Platte von Boy.

Gibt es eine, für die du dich schämst?
Meine erste Platte war Ace of Base. Und die zwote war eine Maxi-CD von Scatman. Ich hör’s nicht mehr, aber ich könnte dazu stehen. Was ist mir peinlich? Ich hab das glaub ich gar nicht. Es gibt schon so ein paar Sachen bestimmt, aber die würd’ ich auch nicht sagen. Da müsst ich jetzt wahrscheinlich drei Bier getrunken haben.

Sollen wir bestellen?

Laurie

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen