SLEAZE Plattenteller #5, heute: The Sword, Philipp Poisel, Alin Coen Band und...

SLEAZE Plattenteller #5, heute: The Sword, Philipp Poisel, Alin Coen Band und The Wave Pictures

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Moin Moin,

zwischen HALDERN, DOCKVILLE und HIGHFIELD gibts ja neben regnerischer Live-Musik auch noch ein paar neue Alben, die den Weg in eure Ohren, Herzen und Plattenregale suchen. Was wir euch heute kredenzen, ist durch und durch geschmackssicher und kopffreundlich. Zu aller erst: Metal mit THE SWORD. Ein Konzeptalbum welches nicht nur den Metal-Fans unter euch zusagen könnte. Der gute PHILIPP POISEL sorgt für lyrische Tiefe und musikalisch-emotionale Höhepunkte mit seinem neuen „Bis nach Toulouse“ betiteltem Meisterwerk der deutschen Songwriter-Szene. Alin Coen, Teil der ALIN COEN BAND, besticht durch herrlichen Lounge-Pop mit zuckerweichen Texten und eindringlicher, atmosphärischer Melodie. Zu guter Letzt legen wir euch die neue EP der Engländer von THE WAVE PICTURES nahe. Unbedingt mal reinhören, am Besten zum Feierabend mit Bier, Burger und Sonne. Cheers.

 

 

 

The Sword – Warp Riders
VÖ: 20.08.2010
Kemando Records / RTD
Metal / Rock

Der Volksmund würde sagen, für THE SWORD gibt es nicht mehr so viel zu tun. In der Vergangenheit brachte die Metalband zwei durch und durch exzellente Studioalben heraus, ist auf dem Soundtrack von drei „GUITAR HERO“-Ausgaben und tourte mit Bands wie METALLICA mehrmals um den Globus.

„Sie erinnern mich an DEEP PURPLE, BLACK SABBATH oder JUDAS PRIEST. Die Jungs sind nicht wirklich wie die jungen METALLICA, aber nur weil sie viel cooler sind als wir“, entgegnet Lars Ulrich, seines Zeichens Drummer von METALLICA, auf die Frage, warum man nun gerade THE SWORD die Chance gegeben hatte. Hat der Volksmund also Recht, der Schuft? Nein. Es gibt immer was zu tun. THE SWORD beispielsweise bringt mit ihrem neuen Tonträger ein Konzeptalbum auf den Markt, welches buchstäblich nach den Sternen greift. „Warp Riders“ ist eine interstellare Mischung aus apokalyptischen Zukunftsvisionen, bedrohlich-chaotischen Arrangements und meteoritenhaften Gitarrenriffs und Schlagzeugwänden.

Auch die Nicht-Metaler werden bei diesem Album einen klaren Unterschied zum oft dröge und fad gewordenen Metal-Gewabber der letzten Jahre hören. Wingo (Drums), Richie (Bass) und Shutt (Gitarre) brennen ein Feuerwerk ab, wie man es in dieser Größenordnung nur von – ja, genau – METALLICA auf so hohem Niveau gewohnt ist. „J.D.“ Cronise (Gesang) intoniert die Kompositionen in alter Metalmanier, teilweise könnte das noch ein wenig erfrischender und vor allem soundtechnisch „fetter“ daherkommen.

Live sind die vier Texaner sicher eine Ohrenweide, „Warp Riders“ reiht sich als drittes Album perfekt in den Werdegang der Band ein – und der führt steil nach oben.

Philipp Poisel – Bis nach Toulouse
VÖ: 27.08.2010
Grönland | Holunder | Rough Trade
Singer-Songwriter

Talente gibt es Heuschreckenschwarmweise in der deutschen Musiklandschaft. Musiker, die eben jenes nicht in Casting-Shows verschwenden sind rar. Musiker, welche ernsthaft Fuß fassen und zum Inventar einer sich verändernden, selbstbewussten jungen Musikszene gehören kann man leider immer noch mit zwei Freunden an je einer Hand abzählen. Talentierte Musiker, die es darüber hinaus schaffen, sich neben ihrem unglaublich authentischen Auftreten einen eigenen Stil in ihrem Genre zu sichern – unverwechselbar, eigen, sympathisch, ehrlich – gibt es kaum ein halbes Dutzend.

Philipp Poisel gehört zu diesem halben Dutzend, und dort zur obersten Liga. „Bis nach Toulouse“, so der Name der neuen Platte, besticht neben der gewohnten Leichtigkeit und verspielten, alltäglichen Naivität mit den so angenehmen „Poisel’schen“ Texten. Was bei anderen deutschsprachigen Kollegen nach Krampf und Kampf mit jeder Silbe klingt, scheint dem 26-Jährigen von der Hand zu gehen wie derzeit keinem anderen deutschen Solokünstler. Der unscheinbare, auf der Bühne mal zerbrechlich wirkende, dann energiegeladene Sänger legt mit „Bis nach Toulouse“ einen über alle Maßen gelungenen Zweitling in die Plattenläden, welcher sich vor dem so erfolgreichen Debut „Wo fängt dein Himmel an“ in keinster Weise zieren muss.

Die Texte sind tief und intelligent, die Musik gewohnt gitarrenlastig mit Ausbrüchen in Folk und Pop. Philipps Stimme variiert stärker, pulsiert, traut sich mehr als auf dem Debut – das ist der große Gewinn der Platte. Das Spektrum erweitert sich, Songs wie „Zünde alle Feuer“ wachsen innerhalb ihrer 3 Minuten und 46 Sekunden zu wahren Wasserfällen an Klang und Gesang, treiben einen aus dem Sessel auf die Straßen. Ein Album zum Genießen ist es geworden, weil es auch beim fünfzehnten Mal mitsingen nicht langweilig wird. Weil man diesem Jungen abkauft was er verkauft. Weil die Texte ehrlich sind, Ecken und Kanten haben, welche nicht auffallen oder stören, sondern den Inhalt der Lieder wahr machen. Es geht um Freundschaft, Liebe, Einsamkeit, Trauer. Die Inspirationsquellen vieler, wenn nicht aller Musiker auf dem Markt. Die Umsetzung dieser Inspiration, das Endergebnis von Poisels Schaffensphase, diese zwölf Tracks als Gesamtkunstwerk zeigen das ungeheure Talent, die persönliche Leidenschaft und das Herzblut in jeder Note und jedem Textfetzen dieser Platte.

Das sind wir vom jungen Herrn Poisel gewohnt, die Dynamik ist auf „Bis nach Toulouse“ allerdings eine ganz andere, vielschichtigere, diffizilere als auf dem Vorgänger. Philipp Poisel entwickelt sich weiter, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Er hält an dem fest, was ihn von so vielen unterscheidet und derzeit zum besten deutschsprachigen Singer-Songwriter macht: Herz und Verstand.

Alin Coen Band – Wer bist du
VÖ: 27.08.2010
Pflanz einen Baum
Melodie-Pop

Sollte man die Alin Coen Band schon kennen? Ist das ein Muss? Immerhin nahmen sie als eine von fünf ausgesuchten Bands am 2008er Popcamp teil, waren Support für Philipp Poisel oder Regina Spektor, liefen im ZDF und auf 3Sat. Reicht das? Sollte es. Hat es das bis jetzt nicht, so richtet euer Interesse auf „Wer bist du“, den Erstling der Band um Alin Coen.

Die gebürtige Hamburgerin mit mexikanischen Wurzeln zaubert mit ihren drei Bandherren herrlich leichte, sommerliche Tracks aus den Boxen, die sich musikalisch irgendwo zwischen Folk, Pop, Jazz und Latino bewegen. In feiner Manier weiß die Band sowohl deutsche als auch englische Texte musikalisch in breiter Farbenvielfalt zu inszenieren, Spannungen aufzubauen und durch plötzliche inhaltliche und rhythmische Wechsel den geneigten Hörer zu überraschen.

Coens Stimme harmoniert perfekt zu den vollen Klangwänden ihrer Bandgefährten, die Kompositionen sind eindrucksvoll – man spürt den Ehrgeiz und den Perfektionsdrang, den die Band in jede einzelne Melodie legt. Eine durch und durch gelungene Platte, ein sehr reifer Erstling und eine Band, die hoffentlich über den Sommer hinaus mit Konstanz und Kreativität bald zum verdienten Platz in der Szene kommt.

The Wave Pictures – Sweetheart EP
VÖ: 03.09.2010
Moshi Moshi
Indie

Die jungen Engländer um David Tattersall veröffentlichten im Frühjahr 2010 erst das fantastische Album „Susan Rode The Cyclons“, als Nachfolger ihres im letzten Jahr in den Plattenschrank gestelltem „If You Leave It Alone“. Also erst mal Ruhepause. Weit gefehlt.

Gleich zu Beginn des Septembers steht schon der nächste Lauschangriff an. Aber, Moment mal? Die „Sweetheart EP“ ist im Prinzip eine abgespeckte Variante des letzten Albums, kein neuer Track, nur die alten Gassenhauer. Neben dem namensgebenden „Sweetheart“ auch das hochemotionale „Blind Drunk“, „Cinnamon Baby“, „Kittens“, „I Shall Be A Ditchdigger“ und „American Boom“. Liest sich fast wie ein Best-Of der letzten Platte. Ist es auch. An Charme verliert das trotzdem nicht. Die Kombination aus peinlichst genauen Arrangements und Passagen, welche ebenso gut improvisiert sein könnten, Tattersalls Stimme die sich permanent zwischen Zerbrechen und Aufbegehren bewegt.

Eine Gute-Laune-Melodie jagt die nächste und der Zynismus und die Komik in den Texten zaubert ein Schmunzeln nach dem anderen. Verändert hat sich demnach also nichts bei der wohl derzeit sympathischsten Indiefolkband der Insel. Gut so, das freut uns.

julian.

Unser Coverbild wurde wieder freundlicherweise bereitgestellt von Tomi Tirkkonen, http://pnuk.net/.

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