SLEAZE PLATTENTELLER #3

SLEAZE PLATTENTELLER #3

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Heidewitzka,
gerade vom MELT! zurück und schon wieder mit einigem an neuer Musik auf dem SLEAZE PLATTENTELLER. Wir bleiben dabei gewohnt zuverlässig in der Wahl unserer Protagonisten und sagen Bühne frei für die Klitschkos des Elektro-Punks: Kap Bambino. Sie ist klein, zierlich und schlägt sich bei Live-Gigs gern die Nase und Ellenbogen blutig. Er steht nur da. Auf der Bühne ein Erlebnis, die Platte hier für euch im Test. Ebenso punkig aber weniger mit Strom kommen The Gaslight Anthem daher. Hymnen wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat, eine saubere Sache. Juniper Leaf lassen den Folks unter euch das Herz bis zum Kinn schlagen. Die Band um Chikinki-Sänger Rupert Browne schafft es mittelalterlich angehauchten Folk wieder Disko-fähig zu machen. Hut ab. Als letztes schicken wir euch mit Kid Atari einen echten Geheimtipp in die Synapsen. Trashiger Name, gute Musik, wir dachten, das passt zu uns. Cheers.

Übrigens: das Coverfoto stammt heute von Tomi aus Finnland. Klick hier, denn sein Blog ist absolut einen Besuch wert.

Kap Bambino – Blacklist
VÖ: 18.06.2010
Because Music Elektro-Punk

Sieht man die blonde, zierliche Französin Caroline Martial und ihren Bandkollegen Bouvier Orion auf der Straße, passen sie wohl oder übel klar in die Indie-Schublade: Martial mit Hornbrille, keck zurecht gemachtem Haar und allerlei Ketten, Orion mit Oberlippenschnäuzer, Schlafzimmerblick und Karo-Hemd. Aber halt, so Indie sind die gar nicht. Auf der Bühne brauchen sie einen Stromstecker für Orions Laptop und ein Mikro für Martial, das war’s. Keine Gitarren, keine Folk-Streicher, keine Indie-Band im Hintergrund. Orions hervorgezauberter Beat ist drückend, sanft, melodisch, unglaublich verzerrt, dumpf und klar, voll wie eine Wand oder dem Zerbrechen nah. Martials Stimme – meist bis ins Unermessliche hochgeschraubt – quietscht, schreit und kreischt uns auf zwölf treibenden Tracks entgegen. Verschnauft wird da kaum, erinnert mich (aus welchem Grund auch immer) an Daft Punk gemixt mit absurdem japanischen Manga. Vor allem live sollte diese Scheibe den beiden Franzosen den nötigen Rückhalt geben, dem Publikum den Schweiß aus jeder Pore zu treiben. Wer sie schon live gesehen hat, weiß, Martial macht als Front-Sau auch vor Blutergüssen und Platzwunden nicht Halt.

The Gaslight Anthem – American Slang
V: 18.06.2010
Side One Dummy / Cargo Punkrock

Vor drei Jahren erschienen Sie mit „Sink or Swim“ zum ersten Mal auf dem Radar der weltweiten Musikpresse. Mit dem 2008er Album „The ’59 Sound“ setzten sie sich in Ohr und Feuilleton fest. In diesem Jahr avancieren sie mit der neusten Platte aus der Feder von Sänger Brian Fallon zur nächsten Stadion-Rockband. Und das kann man sagen, ohne faden Beigeschmack, ohne Wehmut an eine bessere musikalische Vergangenheit, ohne die peinliche Rührung, die einem entgegenschlägt, wenn man gleiches über Placebo oder The Killers sagt. The Gaslight Anthem sind angekommen, am Etappenziel, auf der ersten Stufe von vielen. Ja, das neue Album ist melodiöser, die Nummern eingängiger, vielleicht glatter. Aber dennoch finden sich auf „American Slang“ zehn Punk-Perlen allererster Güteklasse. Vielseitig, tiefsinnig, tanzbar und mit Potenzial zu den ganz großen Hymnen des Sommers. Schon jetzt ein Lieblingsalbum, live noch besser als gepresst, was nicht zuletzt auch an der einmaligen Stimme von Fallon liegt. So stellen wir uns Punkrock vor.

Juniper Leaf – Broom, Briars, Torches From The Fire
VÖ: 23.07.2010
Universal / Snowhite Folk-Pop

Die Liste der Nebenprojekte von gestanden Musikern ist lang. Man könnte meinen, es gehört zum guten Ton, seiner Kreativität auch in Zweit- und Drittprojekten gehörig Luft zu verschaffen. Bei Juniper Leaf gilt das für Rupert Browne, dem geneigten Chikinki-Hörer als Frontmann der Band ein Begriff. Ins Boot geholt hat er Bandkollege Boris Ming sowie Vanessa Marlowe und George Bradley. Beim ersten Hören ist, natürlich wegen Browne’s eingängiger Stimme, eine klare Parallele zu Chikinki nicht abzustreiten. Das Album als Gesamtwerk wirkt jedoch vielschichtiger, romantischer und mit einem riesigen Schritt in Richtung Indie-Folk. Der Opener des Albums „Witch‘s Book“ ist eine feine, beatgetragene Perle, die klar die Richtung der Platte vorgibt. Wie der Titel vermuten lässt, erzählt jedes Lied eine an ein Märchen erinnernde Geschichte- düster und romantisch in mittelalterlicher Folklore. Paradebeispiel dafür ist ohne Zweifel der letzte Track „King William‘s Lady“, ein Stück Musik, wie es von Barden und Troubadouren auf der Geige im Festsaal gespielt worden sein könnte. Trotz allem ist „Broom,Briars, Torches from the Fire“ kein Mittelalter-Epos, sondern ein feines Stück Folk. Hört, hört.

kid atari

Kid Atari

Gebürtig aus Eisenhüttenstadt, lebt auch dieses Talent hauptsächlich in Berlin. Grob könnte man seinen Stil der elektronischen Tanzmusik zuordnen, jedoch die Einbindung von „echten“ Instrumenten, ständige Rhythmuswechsel und der loungige Sound machen seine Musik zu etwas Besonderem und schaffen neue Klangwelten, fast schon melancholisch.

Seit wann machst du Musik? Seit ca. zehn Jahren.

Aus welcher Ambition entstand das Musikmachen (Geld / Leidenschaft)? Es war wohl mehr eine gesunde Mischung aus Leidenschaft und Wahnsinn. Der pure Konsum des Mediums Musik und die Zeichnerei (ich habe damals sehr viel gezeichnet) waren nicht mehr genug. Ich brauchte noch ein anderes Ventil um meinen kreativen Wahn zu kompensieren. Und da bot sich nach ein wenig Probiererei das Musizieren an.

Ist es zum Minusgeschäft geworden oder kannst du davon auch die eine oder andere Rechnungen begleichen? Auf finanzieller Ebene kann man schon die eine oder andere Rechnung begleichen. Wesentlich wertvoller ist die Selbstverwirklichung.

Was macht deine Musik deiner Meinung nach anspruchsvoll? „Die richtige Antwort lautet wie immer 42“.

Unternimmst du etwas, um berühmt zu werden oder lässt du es laufen? Eigentlich mache ich nur wenig, was die Werbung angeht. Da mein Hauptantrieb eher das musikalische Schaffen ist. Ich bin kein Marketingfachman oder Promoter. Vielmehr denke ich, dass die Musik, die man macht, die beste und vor allem ehrlichere Werbung ist.

Hast du national/ international größere Projekte geplant? Die Weltherrschaft…Spaß bei Seite…Ja, es ist einiges geplant!

Was war die Inspiration für Kid Atari, solch experimentelle Musik zu machen? Einerseits waren es Impressionen aus dem alltäglichen Leben, andererseits auch die Einflüsse anderer Künstler wie zum Beispiel Autechre, Amon Tobin, Boards of Canada oder Jimi Hendrix und Jefferson Airplane. Mich selber faszinieren abstrakte Audioarchitekturen, ich liebe es immer wieder neue Details bei einem Track zu entdecken, selbst wenn ich ihn schon zum hundertsten Male gehört hab.

Die technischen Möglichkeiten machen es leicht auch ohne die Fähigkeiten Noten zu lesen oder ein Instrument zu spielen, Musik zu machen. Greifst du auch manchmal auf klassische Instrumente zurück oder nur auf deren elektronische Klangnachbildung?

Ja, zum Beispiel eine Gitarre, Klangschalen, Bambusxylophon. Im Endeffekt geht beides Hand in Hand.

julian & jule.

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