SLEAZE PLATTEN

SLEAZE [+] PLATTEN

TEILEN

Heute gibt es wieder eine Runde SLEAZE [+] PLATTEN. Diesmal mit dabei Tocotronic, The Whigs, Tyro und Diving For Sinken Treasure.

wie-wir-leben-wollen Artikelbild

Deutschrock

Wie wir leben wollenTocotronic

Label: Universal

VÖ: 25.01.2013

Klingt wie: Tocotronic, noch Fragen?

3/5 Sterne

Nach mittlerweile zwanzig Jahren Bandgeschichte und dem nun zehnten Studioalben gibt es also wieder ein Lebenszeichen von Tocotronic, der vielleicht einzigen deutschen Indiepathosrockpopband, auf die sich so ziemlich alle Hörer deutscher Musik an irgendeinem Punkt einigen könnten. An Dirk von Lowtzow und Kumpanen kommt man eben nicht vorbei, möchte man die letzten Dekaden deutschsprachiger Musik beschreiben. Ähnlich wie ein Kaugummi an der Sohle sind uns allen Songs von Tocotronic schon einmal über den Weg gelaufen und womöglich auch an uns hängen geblieben. Zumindest für eine gewisse Zeit, während wir uns auf dem Weg des Lebens in andere Kaugummis getreten haben. Ob man Tocotronic dabei mag oder nicht, spielt keine Rolle. Sie kleben eben.

Wie wir leben wollen wird dieser Hassliebe zu den gutfrisierten Herren keinen Abbruch tun. Sie haben ihn immer noch drauf, diesen ganz lockeren, zutiefst verschwurbelten und bedeutungsschwangeren Singsang zwischen Melancholie und Begeisterung, zwischen großer Melodie und textlicher Raffinesse. Musikalisch bleibt das also alles sehr solide beim Alten – gut durcharrangiert, hier und da ein Streicher, ein klirrendes Schlagzeug und ein brummiger Basslauf. Textlich fällt jedoch auf, dass sich die Band auf Wie wir leben wollen inhaltlich aus ihrer Anti-Anti-Ecke herausbewegt hat. Klar ist das auch jetzt kein Pop der guten Laune, den von Lowtzow da ins Mikro kreischt, aber von der so typischen Verneinung spürt man nur noch einen leichten Hauch in seiner geerdeten Stimme. Wie wir leben wollen bietet eher Antworten auf die Frage „Wie wollt ihr leben?“ Und die richtet sich nicht ausschließlich an die Band, sondern eher an eine ganze Generation von erwachsenen Heranwachsenden, die ihre traurigen Weisheiten, ihre trotzigen Ratschläge und ihre zynischen Beobachtungen in den letzten zwanzig Jahren mit Tocotronic geteilt, erlebt und gefühlt haben. Es sind in jedem Fall siebzehn feine, in bester Tocotronic-Manier produzierte Tracks, die alte Fans zahm und Kritiker wild werden lassen. Eine allzu große Abwechslung oder gar Neuausrichtung findet sich nicht – dafür bleiben sich Tocotronic treu: „Never change a winning team.“ Die Aufmerksamkeit im Frühjahr hätte ihnen durch eine Veröffentlichung ohnehin gehört, umso schöner, dass die neue Platte zumindest versöhnlich stimmt. In die Top3 ihrer Alben gehört Wie wir leben wollen dennoch nicht.

Julian

Garage/College RockEnjoyTheCompany-Artikelbild

The Whigs

Enjoy The Company

Label: New West Records/ ADA Global-Warner Music

VÖ: 22.2.2013

Klingt wie: Nada Surf, Wintersleep

3/5 Sternen

Es lebe der amerikanische Garagen/College Rock, mit einer gewaltigen Portion Patriotismus inklusive. Die Amerikaner aus Athens / Gorgia, die bereits mit Kings of Leon, The Black Keys oder Black Rebel Motorcycle Club auf Tour waren, sind mit ihrem vierten Studioalbum zurück. Nach ihrer letzten, eher auf der Depri-Seite angesiedelten Platte, beweisen sie diesmal, dass sie auch etwas fröhlicher können. Das Album soll nach eigener Aussage für einen neugefundenen Sinn im Leben der Musiker stehen, soll optimistisch und zielgerichtet klingen. Und dafür braucht es wohl die absolute Isolation vom Partyleben, Freundinnen und was einen Rocker sonst noch so vom Rocken ablenkt. So entstand das Album in den abgeschiedenen Dreamland Studios in Woodstock / New York, die eine alte Kirche ihre „Heimat“ nennen. Die zehn Songs klingen nach Amerika, nach Freiheit und nach endlosen Highways, die sich in der Hitze der gleißenden Sonne aufzulösen scheinen. Trotz der positiven Grundstimmung sind die Tracks aber trotzdem nicht kitschig verblümt oder  mit der rosaroten „Wir lieben die ganze Welt“-Brille geschrieben – alles in allem ist „Enjoy The Company“ ein stimmiges, aber dabei wenig überraschendes Road-Album à la Nada Surf oder Wintersleep.

Mariella

Weltmusikalbum-ladilafe Artikelbild

Tryo

Ladilafé

Label: Sony Music

VÖ: 18.01.

Klingt wie: Ohrbooten und The Cat Empire…auf französisch

3/5 Sternen

Man darf von Franzosen halten, was man will. Was man ihnen, oder vielmehr ihrer Sprache aber keineswegs vorwerfen kann, ist, dass sie nicht musikalisch sei(en). Was gesprochen harsch und kantig klingt, entfaltet sich gesungen zu purer Melodie. Man sollte ihnen das Sprechen verbieten und sie nur noch singen lassen! Ansonsten bleibt mir nicht viel Gutes über die französische Vier-Mann-Kombo Tryo zu sagen – viel Schlechtes zwar auch nicht – außer: „Man muss so etwas einfach mögen, um so etwas zu mögen‟. Es stellt sich als Vorteil heraus, der französischen Sprache mächtig zu sein, aber man kann auch mit nicht vorhandenen Kenntnissn die Intention der sozial- und gesellschaftskritischen Texte deuten. Es wird über die Natur, den Menschen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen gesungen, über Schwule in Jamaika sinniert und Konsumdenken im Allgemeinen kritisiert. (Soweit meine Einschätzung – jeder, der die Texte wirklich versteht, darf mich da gerne eines Besseren belehren.) Untermalt werden diese Themen von einem bunt zusammengewürfelten musikalischen Potpourri. Reggae-Rhythmik, treibende Streicher, dreistimmiger Gesang und südländischer Swing werden einfach zusammengeschmissen, gut vermengt und mit Flügelhorn und Kontrabass abgeschmeckt.

Fred

Gypsy-Punk3869475556-1 Artikelbild

Diving For Sunken Treasure

Motherfucker Jazz Bar

Label: Rookie Records

VÖ: 15.02.2013

Klingt wie: Django Reinhardt zusammen mit Rancid auf hoher See

3/5 Sternen

Gypsy-Punk klingt ja irgendwie sehr gestelzt und hört sich an, als wollte ein Label seine Schützlinge mal wieder auf ironisch augenzwinkernde Weise bewerben und ganz nebenbei darauf hinweisen, dass die Musik nicht in Schubladen gesteckt werden könne, wobei sich dann meist recht schnell herausstellt, dass dem doch so ist.

Anders verhält es sich mit Diving For Sunken Treasures, die diese augenzwinkernde Attitüde in ihrer Musik voll und vor allem ungezwungen ausleben. Akustikgeschrammel, Kontrabassläufe und ein Stakkato-Schlagzeug bilden die Basis für den Sound, der nach Heimat und Fernweh gleichermaßen klingt. Man vermutet die Herkunft der Band an einer stürmischen Küste im hohen Norden der Republik, verortet sie dann allerdings in der Hauptstadt, was womöglich den Punk-Einschlag und die Rockabilly-Soli erklärt. Alles klingt ein wenig unfertig und einfach so dahingespielt, was den Charme der Band ausmacht, einen feucht-fröhlichen Kneipenabend gut untermalen und auch in einem Tarantino-Film eine gute Figur abgeben würde – ordentlich Twang, ein wenig seltsam, aber im Endeffekt doch sehr harmonisch. Live macht das Ganze sicher ordentlich Spaß, wenn man den Erzählungen vom Jubel-äh-um-SLEAZE anno 2009 glauben darf, wo sie auftraten.

Fred

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT