Simultan-Krush

Simultan-Krush

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Wir freuen uns, dass es das Internet gibt. Denn sich mit jemanden, der in Japan lebt, persönlich zu treffen, ist mit ziemlich viel Zeitaufwand und Reisekram verbunden. Wir wollten DJ Krush aber unbedingt nochmal persönlich vor seiner Europa-Tour sprechen. Morgen geht es nämlich endlich los!

Wir haben mit ihm bei einem Skype-Interview über Filmmusik, seine Platten-Sammlung und natürlich sein Album gesprochen. Also indirekt mit ihm. Denn DJ Krush ist der englischen Sprache nur fast mächtig und hat seinen Manager als Dolmetscher an der Seite. Das klappt aber tadellos und so wurden uns alle Fragen ausführlich beantwortet. Es ist nur schade, dass die heftige Gestikulation von DJ Krush sich nicht 1:1 übersetzen oder in Worte fassen lässt. Viele Lacher gab es trotzdem und wir legen auch direkt los mit dem Thema Musik, ganz ohne Einstiegslobesgesang.

Der Name deines Albums ist Butterfly Effect. Warum hast du dich für diesen Namen entschieden? Gibt es etwas in deiner Vergangenheit, das du verändern möchtest?
Das Konzept hat was zu tun mit dem Erdbeben 2011 in Japan und damit auch mit der Fukushima-Katastrophe. Das hatte großen Einfluss auf mich und so kam ich auf die Idee mit dem Butterfly Effect.

Das Album wurde in Deutschland bei dem Label VinylDigital veröffentlicht. Wieso hast du dich dafür entschieden, dass es hauptsächlich auf Platte und im MP3-Format erscheint?
Mein letztes Album habe ich ja vor zehn Jahren rausgebracht und in dieser Zeit ist downloaden sehr populär geworden. Aber viele DJ Krush-Fans hören immer noch am liebsten auf Vinyl. Deshalb war es mir besonders wichtig, es auch in diesem Format zu veröffentlichen. Den Fans gefällt es auch und ich mag den Sound natürlich auch.SLEAZE.Butterfly Effect 7

Dann hörst du auch am liebsten Schalplatten?
Ja, besonders als DJ benutzt du eher Platten. Man versucht auch immer, diesen typischen Vinyl-Sound einzufangen. Damit fühle ich mich auch am wohlsten. Als ich klein war, habe ich ja auch nur Schallplatten gehört.

Gehörst du denn auch zu den Leuten mit Schränken voller Platten?
Das kann ich dir sogar zeigen. Ich habe extrem viele Vinyl-Platten und schon Probleme damit, alle aufzubewahren.

Daraufhin steht DJ Krush auf und zieht ganz stolz aus dem Regal hinter sich eine Kiste voll mit Platten, um sie uns zu präsentieren.

Hast du Alben von jedem Genre?
Ich habe auch viel klassische Musik und alles Mögliche. Platten sind für mich ein bisschen wie Gemälde. Das Artwork vom Cover ist sehr wichtig.

Malst du denn selbst auch?
Tatsächlich ja. In der Grundschule viel und ich habe sogar mal einen Wettbewerb mitgemacht.

Ist denn in deiner Plattensammlung irgendetwas Peinliches, für das du dich vielleicht sogar ein bisschen schämst?
Nicht so richtig peinlich, aber ich habe ein paar wirklich lustige Sachen in meiner Sammlung. Ich habe zum Beispiel noch eine 7-Inch-Platte von vor 30 oder 40 Jahren, die zu einem Magazin gehört hat. Die ist ganz dünn und so biegsam. Darauf sind ein Soundmix und auch die Geräusche von einer Mutter, die gerade ein Kind zur Welt bringt. Das ist schon ziemlich ungewöhnlich. Vielleicht kann ich das ja sogar mal verwenden. Auch den Teil, wo alle „Einatmen und Ausatmen“ sagen und so.
Mir fällt gerade ein, dass meine Tochter vor kurzem ein Kind bekommen hat, das hätte ich aufnehmen können.

Wenn du auf der Bühne stehst als DJ, macht es dir immer noch so viel Spaß wie am Anfang, als es noch dein Hobby war oder fühlt es sich jetzt richtig wie ein Job an?
Ganz am Anfang war es wirklich nur ein Hobby. Aber als ich dann tatsächlich Geld dafür bekommen habe, andere zu entertainen, habe ich auch versucht, das Ganze professioneller zu betrachten. Spaß will ich natürlich auch haben, das versuche ich immer. Sonst würde es auch zu steif werden.

Kannst du Spaß dabei nur haben, wenn du live spielst oder kann dieses Gefühl auch im Studio entstehen?
Bei der Produktion im Studio muss man sich sehr konzentrieren und das verbraucht viel Energie. Spaß macht es trotzdem. Es fühlt sich einfach nur anders an, als wenn man auf der Bühne steht. Die Arbeit im Studio muss ja auch sein, damit du die Musik danach im Club so gut spielen kannst. Das gehört beides zusammen und macht dazu noch Spaß.

In deiner Musik kann man auch verschiedenste Einflüsse hören. Du nutzt Elemente aus den unterschiedlichsten Ländern. Die gesamte Musiklandschaft hat sich so entwickelt, dass es immer weniger Grenzen gibt und die Stile vermischen sich immer mehr. Unterstützt du diese Entwicklung?
Ich mag es, wenn es keine Grenzen zwischen den Ländern gibt. Das ist auch meine Philosophie. Ich besuche ständig andere Länder. Ich denke auch nicht in Ländergrenzen. Für mich gibt es nur einen Planeten. Natürlich ist meine Herkunft auch wichtig, aber ich sauge gerne die verschiedensten Kulturen in mich auf. Das kann man vielleicht auch in meiner Musik hören.

Du sprichst oft von dem Film „Wild Style“ und wie sehr er dich beeinflusst hat. Gibt es auch neue Filme, die vielleicht so einen Einfluss auf dich hätten haben können?
So viele Filme gucke ich gar nicht. Eigentlich nur, wenn ich im Flugzeug oder so bin. Im Moment gucke ich echt wenig, also ist das schwer zu sagen. Ein paar Serien habe ich gesehen. Breaking Bad finde ich toll und auch Walking Dead. Das hat natürlich keinen Einfluss direkt, aber macht Spaß. Ich mag eigentlich jede Art von Filmen, ich habe da kein Lieblingsgenre. Da bin ich sehr offen.

Gab es auch ein paar Filme, die dir aufgrund der Musik gefallen haben?
Ich finde den französischen Film Fahrstuhl zum Schafott ganz toll. Da hat Miles Davis die Musik gemacht, das ist ein toller Soundtrack. Er ist auch im Hintergrund zu sehen, wenn er spielt. Die Musik bei Blade Runner mag ich auch sehr. Ich glaube, es soll sogar bald einen zweiten Teil geben. Der Film ist zwar schon älter, aber damals war das wirklich futuristisch.

Hättest du denn Ideen für den Soundtrack von Blade Runner 2?
Darüber möchte ich gar nicht so viel nachdenken. Ich lasse mich lieber überraschen und möchte die Musik dann genießen.

Selbst hast du ja auch schon den Soundtrack zu einigen Filme gemacht. Wie fängst du da an? Kennst du am Anfang schon die Handlung oder die Charaktere?
Ja, ein paar Tracks für Filme habe ich geschrieben. Das ist aber immer unterschiedlich. Manchmal zeigt der Regisseur das Material schon oder erklärt das Konzept. Manchmal wollen sie auch etwas vom DJ Krush-Sound. Oft hat der Regisseur eine Vorstellung, die ich versuche zu erfüllen und seine ganz eigenen Ideen, die ich dann auch einbinde.SLEAZE.Butterfly Effect 1

Fällt es dir leichter, Musik für andere zu machen, wenn die Grundidee schon da ist oder machst du lieber Songs für deine eigenen Platten?
Ich mache meinen eigene Musik natürlich sehr gerne, aber manchmal ist es auch schon gut, ein Konzept zu haben. Ohne diese Vorgaben artet es manchmal zu sehr aus. Ein Konzept hilft, die Lieder mehr auf den Punkt zu bringen. Es ist auf besondere Art der Herausforderung und man lernt dabei sehr viel.

Den ersten Teil deiner Welt-Tournee hast du ja schon beendet. Wie geht es jetzt weiter?
Ja der ist geschafft und auch schon ein Teil von Europa. Nächste Woche beginnt dann Part 2 der Europa-Tour. Im Moment bereite ich mich auf alles vor. Wir überarbeiten die Setlist und das Material und nehmen ein paar Änderungen am Equipment vor. Es ist also noch einiges zu tun. Ich bin die ganze Zeit am Computer und im Studio, also zurzeit ein echter Einsiedler. Ich gebe mein Bestes. Ich bin so viel zu Hause, ich trinke ein ganz bisschen zu viel Alkohol. Das sollte etwas weniger werden. Aber ich freu mich schon auf den zweiten Teil.

Dann hast du für die kommenden Konzerte eine andere Show vorbereitet mit neuer Setlist?
Ja, es wird ein bisschen anders. Es gibt ein paar neue Sachen und ich möchte dem Ganzen eine andere, neue Note verleihen. Die Klassiker bleiben natürlich drin. Es ist ja auch ein bisschen langweilig, immer das Gleiche zu spielen. Für das Publikum auch, deshalb wollte ich ein bisschen Abwechslung reinbringen.

Planst du alles im Voraus oder improvisierst du auch mal auf der Bühne?
Es gibt verschiedene Basic-Sets. Da nehme ich auch mal ein paar Korrekturen oder Änderungen vor, das kommt immer auf die Show an. Da muss ich dann auch ein bisschen improvisieren.

Hast du auf Tour schon mal besonders schlechte oder lustige Erfahrungen gemacht?
Lustige Sachen passieren immer wieder. Aber als wir letztes Jahr in Europa auf Tour waren, gab es auch ein paar traurige Momente. Die Terror-Attacke in Frankreich und kurz bevor wir in Rumänien waren, hat der Club gebrannt und dabei sind auch Menschen ums Leben gekommen.
Ich war schon in über 50 Ländern und vielen verschiedenen Städten. Auf Tour gibt es immer lustige oder auch peinliche Momente. Manchmal aber eben auch diese traurigen Zeiten. Ich versuche einfach, alles zu genießen und dankbar zu sein für das, was ich erleben darf. Menschen sind auch von Natur aus faul und wir übersehen oft vieles. Wir müssen uns immer wieder mal daran erinnern, was für ein Glück wir eigentlich haben mit dem, was wir machen dürfen, und einfach das Leben genießen.

In weniger als zwei Wochen spielst du ja auch in Deutschland. Ist dafür irgendwas Besonderes geplant?
Bevor wir da sind, sollte ich das noch planen. Ich bin aber schon dabei mich vorzubereiten. Ich bin da ziemlich spontan. Ich hoffe einfach, es gefällt dem Publikum.

Aufgrund der Zeitverschiebung endete die Unterhaltung mit der Verwirrung darüber, ob wir uns noch einen schönen Tag oder doch lieber gute Nacht wünschen sollen. Wie auch immer: Vielen Dank an DJ Krush und seine englische Stimme, dass wir trotz des indirekten Gespräches das Gefühl hatten, ihn wirklich kennenzulernen. Wir freuen uns auf die kommenden Konzerte vom 09. bis zum 12. März in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Hamburg.

Maurin

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