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„Kalk is a band from Kiel“. Sehr vielsagend, danke. Ich würde sagen, Kalk bedeutet knapp eineinhalb Minuten pro Wutausbruch. Emoviolence, dessen Wurzeln hörbar im Punk liegen. Intelligent eingesetzte Synthesizer, die mich daran erinnern, wie ich als Kind meine Wut auf meine Lehrer*innen bei Street Fighter auf meiner Super Nintendo ausgelassen habe. Erinnerungen an die Vergangenheit, die auch heute noch wütend machen. Und genau das höre ich auch bei Kalk. In ihren Texten verarbeitet Sängerin Anna vielmals ihre Erfahrungen aus ihrem Geburtsland Russland, auf die sie im Folgenden selbst näher eingeht.

Pascal: Hallo Anna. Mir ist die Tage aufgefallen, dass ihr mich an Antitainment erinnert. Nur dass ich euch musikalisch als etwas aggressiver empfinde.

Anna: Tatsächlich haben wir neulich auf den Weg irgendwohin mal wieder Antitainment gehört und mir ist aufgefallen, dass die viel mehr Synthesizer nutzen als ich, was mich ein bisschen neidisch gemacht hat. Allerdings wäre es nicht das Gleiche, würde ich mehr Synthies einsetzen. Auch wenn es eine meiner größten Sorgen ist, dass mein Synthesizerspiel so rudimentär ist. Es könnte mehr sein, aber dann würde es das Ganze wieder in eine Richtung bringen, wo wir gar nicht hin wollen.

SLEAZE + Kalk
Anna einmal mehr privat…

Aber Antitainment war für mich auf jeden Fall schon immer ein großer Einfluss. Mit denen habe ich auch angefangen, mehr oder weniger Deutsch zu lernen. Ich habe die durch meine damaligen Freunde kennengelernt und mir die Texte reingezogen und hab mir die dann alle übersetzt. Ich habe ihnen dann auch geschrieben, worauf sie erstaunt waren, dass man sie in Russland kennt.

Du hast dich also noch in Russland mit ihnen auseinandergesetzt?

Genau. Das war so in der Übergangszeit, als ich mich bereits dazu entschieden hatte, nach Deutschland zu ziehen, aber noch auf den ganzen Papierkram gewartet habe. In der Zeit habe ich mich ganz ausführlich mit deutscher Musik auseinandergesetzt. Eben auch mit dem Ziel, dadurch besser Deutsch zu lernen.

Integration durch Hardcore

Quasi also Integration durch Hardcore. Wo wir jetzt schon bei Russland wären: In „Slut from Butovo“ geht es um den Umgang mit Sexismus in den Moskauer Bezirken. Siehst du diesbezüglich qualitative Unterschiede zu deinen Erlebnissen in Moskau und denen hier in Deutschland?

Auf jeden Fall. In dem Song geht es ja um eine Frau, die irgendwo langläuft und beispielsweise einfach nur in einen Laden möchte, als plötzlich ein Auto heranfährt, hupt und anbietet, sie irgendwo hinzubringen. Und das passiert täglich. Als Frau kann man solche Typen in diesen Momenten nur ignorieren, weiterlaufen und nichts machen, damit nichts Schlimmeres passiert.

Hier ist das natürlich ganz anders. Auf jeden Fall nicht perfekt. Allerdings hat man als Frau in den letzten Jahren schon mehr Stimme bekommen und hat mehr Plattformen, solche Sachen anzusprechen. Ich merke gerade beispielsweise auch, dass ich in russischen Foren nicht mehr diskutieren möchte, weil ich merke, dass die noch nicht so weit sind und mich dafür auslachen, wenn ich zum Beispiel sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kritisiere, was von ihnen als harmloses Flirten abgetan wird.

Du sprichst ja auch in schon in „Marshmallow“ an, dass Frauen von klein an dahingehend erzogen werden, dass ihr einziges Ziel eben auch darin bestehen sollte zu heiraten, bestmöglich einen Mann, der sich zeigen lässt, der etwas darstellt.

Richtig. Status ist ganz wichtig und immer gewesen. Auf jeden Fall noch in meiner Generation sowie in der davor. Meine Eltern haben mir diesbezüglich zum Glück keinen allzu großen Druck gemacht. Meinem Vater war vor allem meine Bildung wichtig. Er wollte mich immer ins Ausland schicken, weil er gemerkt hat, dass die russische Hochschulbildung nicht so qualitativ hochwertig ist, beziehungsweise dass ich unterfordert werde mit dem Schulsystem.

Meine Mutter hat mich das dagegen allerdings schon unterschwellig spüren lassen. Sie hat mir durchaus vermittelt, dass sich unser Leben vor allem um den Mann an unserer Seite dreht. Meine Kommilitoninnen in der Uni waren zum Beispiel alle mit 19-20 bereits verheiratet und hatten Kinder. Ich habe mich immer gefragt, wo deren Ambitionen sind. Sie studieren zwar, aber ihr Ziel blieb es, einen guten Mann zu finden, der sie mitfinanziert. Das fand ich immer schon scheiße. Ich hab´s nie verstanden, wieso sie so wenig Eigenständigkeit an den Tag bringen.

Feminismus und Russland

Du hast vorhin bereits angesprochen, dass du mittlerweile genervt von Diskussionen mit Leuten in Russland bist, sobald es zum Beispiel um Sexismus geht. Wie steht es denn in Russland um feministische Diskurse? Hier in Deutschland tut sich diesbezüglich ja schon seit einer ganzen Weile recht viel.

Das ist schwer zu beurteilen. Der kleine Teil der Bevölkerung, der auch über größere Bildung verfügt und auch politisch eher aufgeklärt und interessiert ist, der macht sich da schon Gedanken. Die schauen auch eher Richtung Westen und auf das, was da passiert. Immerhin betreffen aktuelle Geschehnisse wie z.B. die Debatte um #metoo Frauen auf der ganzen Welt. Und gerade auch in Russland wird man schnell fündig.

Mir ist aufgefallen, dass es wenig bis gar keine Unterstützung von Männern gibt. Die belächeln das sogar eher. Die Frauen kümmern sich um sich selbst und um einander. Es tut sich was. Sehr langsam. Viel langsamer als hier natürlich. Aber es gibt auf jeden Fall Menschen, die erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Allerdings ist das auch mit einer sehr hohen Frustration verbunden, weil eben oft das Verständnis fehlt, Dinge belächelt werden und so weiter.

Spielt der Feminismus in der Punk- und Hardcore-Szene eine Rolle?

Ja natürlich, klar. Ich bin allerdings inzwischen nicht mehr so wirklich drin. Ich bekomme nur minimal was mit. St. Petersburg soll groß sein, was das angeht. Die haben auch ein Ladyfest, das von einer Bekannten von mir organisiert wird. Die machen auf jeden Fall sehr viel feministische Arbeit. Die Szene ist natürlich sehr männlich dominiert und auf mich wirkt es manchmal so, als gäbe es nur sehr wenig Reflektion darüber, inwiefern dies problematisch sein könnte und warum gerade Bands mit Frauen unterstützt werden sollten. Es gibt tatsächlich wenig Awareness für diese Problematik.

SLEAZE + Kalk
…und einmal in Action.

Klar sind alle vertraut mit den typischen Parolen, die sich eben für die Szene gehören. Aber ich habe noch nicht das Gefühl, dass sie auch konsequent gelebt werden. Es wird schon in die richtige Richtung gedacht und gearbeitet. Aber auf jeden Fall gibt es da noch sehr viel zu erledigen. Aber wie gesagt, ich kann auch nur aus der Zeit erzählen, als ich noch dort gelebt habe. Inzwischen ist es schon viel besser geworden. Aber ich steck da eben nicht mehr so richtig drin.

„Sie haben sich auch daran gewöhnt, sich an Sachen zu gewöhnen oder sich an Sachen gewöhnen zu müssen.“

Generell merkt man, dass Russland politisch als auch gesellschaftlich gerade auch für Kalk eine ganz große Rolle spielt bzw. deine Erfahrungen, die du auch dort gemacht hast. Aber klar, du bist in diesem Land geboren, aufgewachsen und es hat dich geprägt. Könntest du sagen, was das größte Problem der russischen Gesellschaft ist, insofern dies überhaupt so singular benennbar ist?

Ich glaube, ich könnte es tatsächlich benennen, auch wenn es ein bisschen verschwörungstheoretisch klingen mag. Ich habe den Schluss so für mich schon vor einiger Zeit gezogen. Ich glaube, in Russland wurde das Oppositions- und das Freidenker-Gen konsequent weggezüchtet. Durch die Repressionen, durch die Gulags, durch die politische Unterdrückung im Allgemeinen, zu Zeiten der Monarchie, während der Sowjetunion, und auch später in den 90ern. Auch jetzt, wo politisch marginale Gruppen gezielt einfach ausgelöscht werden.

Das ist nicht das größte Problem, da sich doch immer wieder Leute finden, überall auf der ganzen Welt, die mit gewissen Umständen nicht leben können und was dagegen unternehmen. Das Problem aber ist, dass sich die Menschen in Russland unter anderem durch die Religion, durch diese stupide Akzeptanz, sich einfach an alles gewöhnt haben. Sie haben sich auch daran gewöhnt, sich an Sachen zu gewöhnen oder sich an Sachen gewöhnen zu müssen. Deswegen unternehmen sie einfach nichts.

Die Menschen sind es gewohnt, dass viele Dinge nicht funktionieren, viele Dinge nicht vorhanden sind. Sei es Gas, Strom, Wasser oder auch Menschenrechte. Und sie sind es auch gewohnt, nichts dagegen zu unternehmen. Denn wenn sie das täten, müssen sie mit Konsequenzen rechnen. Und das kennen sie. Deswegen denken sie, dass so wie es ist, es von Gott gewollt sei. Und damit muss dann klargekommen werden. Denn wenn sie etwas unternehmen würden, gibt es nur Stress.

Putin als Hoffnungsträger?

Irgendwann hat mir mal ein Bekannter aus Russland erzählt, dass russische Bürger*innen unter anderem deswegen hinter Putin stehen, nicht weil sie tatsächlich mit seiner Politik d´accord gehen, sondern weil sie sagen, dass es mit ihm viel sicherer wurde, sie also seitdem weniger Angst haben müssten, sich auf der Straße zu bewegen.

Ich glaube, das ist nur ein Schein. Putin hatte einfach ein großartiges Timing, weil er nach einer sehr turbulenten Zeit an die Macht gekommen ist. Als sich die Sowjetunion ‘91 aufgelöst hat, hatten wir kein Geld und keine Sachen in den Läden. Alles war sehr angespannt. Ich war zwar noch sehr klein, aber ich erinnere mich durchaus noch an viele sehr unschöne Dinge.

Und als dann die Wende kam, gab es tatsächlich noch weniger Dinge in den Läden, die Menschen hatten noch weniger Geld. Es gab eine Inflation. Die grundsätzliche Angst der Menschen war so groß, dass sie mit allem zufrieden gewesen wären, was eine Änderung versprochen hätte. Dann kam Jelzin, der sich sehr stark durch sein Alkoholproblem diskreditiert hatte. Dieser Mensch war natürlich krank, aber von der Bevölkerung wurde er eben als Schande angesehen.

Und dann kam Putin als Kontrast. Ein ehemaliger KGBler, mit Agenda, mit Ideen, mit einer klaren Aussprache, sportlich, charismatisch und alle waren begeistert und hatten Hoffnung. Tatsächlich wurden die Schrauben jedoch immer weiter zugedreht. Es gibt nicht mehr den KGB, den Geheimdienst, der dich jeden Abend vor deiner Wohnung abholen könnte und du daraufhin für immer verschwindest. Aber irgendwie gibt es sie doch. Die Propagandamaschine ist irgendwie viel ausgeklügelter inzwischen, wie ich finde. Die Leute meinen natürlich, alles wäre in Ordnung. Mit etwas Anstrengung könne man alles erreichen. Sie haben Geld, können in den Urlaub fahren, alles ist schön. Nur Freidenken ist eben schwieriger. Aber die Menschen beschäftigen sich auch gar nicht damit und dementsprechend geht es ihnen auch gut. Und diejenigen, die das tun, die verschwinden noch immer.SLEAZE + Kalk

Zum Ende noch ein kleiner Themensprung. In „Punkrock is still breathing“ besingst du eine Situation, in der es kein Warmwasser gibt und man sich dementsprechend nicht duschen könne. Hast du also zum Punkrock gefunden, als du mal mehrere Wochen nicht hast duschen können?

Ja, das ist eigentlich weniger autobiographisch. Das ist eine ausgedachte Situation in tatsächlich existierenden Umständen, weil es wirklich diese Geschichte gibt. Das warme Wasser wird im Sommer für drei Wochen bezirksweise abgestellt. Und wenn man Glück hat, kann man zu Freunden in der Nachbarschaft gehen und da duschen. Oder man macht sich einfach mit einem Wasserkocher ein bisschen Wasser warm und kann sich damit so ein bisschen waschen.

Der Song war dann einfach so ein Gedankenexperiment von mir. Die Person lässt sich in dem Song nicht von den Umständen unterdrücken und sagt „Fuck it“, dann mach ich das eben nicht, wenn ich das nicht so kann, wie ich das möchte. Und das dann als Sprungbrett benutzt, so eine gewisse Freiheit für sich zu entdecken. Alles hinter sich zu lassen, rumzureisen und irgendwelche Leute kennenzulernen in irgendwelchen besetzten Häusern Europas.

Danke, Anna.

Denjenigen, die nun wissen möchten, was denn eigentlich „Emoviolence“ meint, sei wärmsten Kalks gleichnamiges Debüt ans Herz gelegt, welches du dir kostenlos auf Bandcamp anhören und herunterladen kannst.

Pascal

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