Instagram-Evolution: Wie das Selfie entstand

Instagram-Evolution: Wie das Selfie entstand

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SLEAZE + Selfie
Eines der berühtemsten Selfies der letzten Jahre.

Sub: Ohne das Selbstie geht es heute nicht mehr. Kaum ein Touri (unser Obersleazel mal ausgenommen), der nicht immer mal wieder ein Selfie vor (vermeintlich) beeindruckender Kulisse schießt. Nun fragten wir uns, ob vielleicht mehr dahintersteckt als pures Angeber-Posen.

Das erste Selbstbildnis ging für den Künstler Überlieferungen nach nicht besonders gut aus. Im 5. Jhd. vor unserer Zeitrechnung verewigte sich der griechische Bildhauer Phidias auf dem Schild einer von ihm geschaffenen Athene-Statue und wurde hierfür später eingekerkert. Elender Poser!
Gelegentlich wünscht man einigen Hobbyfotografen, die die Kamera an der Vorderseite des Smartphones inflationär benutzen, das gleiche Schicksal (muss ja auch nur kurz sein, hähä).

Doch unser Kulturkreis war zum Glück nicht immer so selbstsüchtig wie heutzutage: Bis zur Renaissance war es überhaupt verpönt, sich selber in einem Bild darzustellen. Erst mit den kulturellen Umbrüchen im 15. und 16. Jahrhundert begannen Maler, sich selbst zunächst in eine Menschengruppe auf dem Bild zu platzieren. Charakteristisch war hierbei der Blick des sich selbst Darstellenden, der aus dem Gemälde hinausführte und den Blickkontakt mit dem Betrachter suchte. Kurze Zeit später folgten komplette Selbstbildnisse von Albrecht Dürer oder Jan von Eyck. Dieser Quantensprung wurde durch das neue Selbstbewusstsein der Maler möglich, die sich nicht länger nur als reine Handwerker sahen.

Mit der Erfindung der Fotografie gab es dann die ersten Selfies. Durch lange Belichtungszeiten und genügend Zeit, ins Bild zu gehen, war ein Selfie-Stick überflüssig (ist er aber sowieso immer, Anm. d. Red.). So richtig hip wurde das Selfie spätestens mit der Verbreitung der handlichen digitalen Fotokameras, gefolgt von den Smartphones und der damit einhergehenden Demokratisierung der Fotografie.SLEAZE + Selfie
Durch soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Facebooks nervtötendes Adoptivkind Instagram verbreiten sich Selfies auf der ganzen Welt. Aber woher kommt eigentlich der Wunsch teils wildfremde Menschen am eigenen Bild teilhaben zu lassen? Reine Eitelkeit und Gier nach Aufmerksamkeit? Nur zum Teil! Einer
Studie der Brigham Young Universität vom letzten Jahr nach gibt es drei verschiedene Gruppen von Selfie-Mades und -Mates.

Vom Selfie zum Uglie

Zum einen wären hier die Kommunikatoren, die ihre Follower mit dem Bild zu einem Dialog animieren möchten und somit an einer Kommunikation in beide Richtungen interessiert sind.
Die
Autobiografen wiederum versuchen, besondere Momente ihres Lebens festzuhalten, und obwohl sie möchten, das ihre Bilder gesehen werden, sind sie in erster Linie nicht an Feedback interessiert. Als gutes Beispiel wäre hier der amerikanische Astronaut Scott Kelly anzuführen, der während seines Weltraumaufenthalts zahlreiche, zum Teil spektakuläre Selfies anfertigte. Die dritte und letzte Gruppe der Selbstdarsteller, deren Augenmerk darauf liegt, sich in möglichst gutem Licht zu präsentieren, stellten bei der Studie überraschenderweise nur eine Minderheit dar.

SLEAZE + Selfie
Es geht doch nichts über ein Nonsense-Selfie.

Ein interessanter neuer Trend ist es auch, nicht besonders gelungene, gar hässliche Bilder von sich online zu stellen. Motto: Hässlich ist das neue Schön. Wie bei einigen Meme Threads auf Reddit haben diese Aufnahmen manchmal einen humoristischen Hintergrund. Aber vielmehr handelt es sich um einen bitter nötigen Gegentrend zu den narzisstischen Selbstaufnahmen und offensichtlich gestellten Selfies, die die sozialen Netzwerke fluten. Es ist eine Art Satire. Besonders für Frauen, die sich unter Druck gesetzt fühlen, immer hübsch und begehrenswert auszusehen, ist das sogenannte “Uglie” (= ugyl + Selfie) eine Form des Protests und fast schon ein feministischer Akt. Gleichzeitig scheint aber dieser Trend manchmal in die dritte Kategorie der Selbstdarsteller zu driften, denn wie präsentiert man sich in besserem Licht, als allen zu zeigen, dass man auf die Meinung der anderen pfeift und sich so als vor Selbstbewusstsein strotzender Mensch zeigt. Ja, alles nicht so einfach!

So oder so: Egal, welcher Typ dieser Phidias damals gewesen sein mag – für ihn kommen diese Erkenntnisse zu spät. Sein Martyrium wurde mit Gotteslästerung und nicht mit falschen Motivationen begründet. Möglicherweise hätte die „Löschfunktion“ seine Leiden verhindern können, doch zu seinen Ungunsten wurde die erst viele, viele Jahrhunderte später erfunden.

Ev

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