Seefeuer – Interview mit Regisseur Gianfranco Rosi

Seefeuer – Interview mit Regisseur Gianfranco Rosi

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Vor Kurzem startete die Dokumentation Seefeuer von Gianfranco Rosi (El Sicario, Room 164) über die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa in den deutschen Kinos. Das Eiland erlangte im Zuge der Berichterstattung vergangener Jahre über die massenhaften Menschenbewegungen aus Krisenländern traurige Berühmtheit. Wir hatten die Möglichkeit, mit dem aus Eritrea stammenden Regisseur zu sprechen, der für seinen Film den Goldenen Bären auf der diesjährigen Berlinale gewann. Herausgekommen ist ein Gespräch über seine Vorliebe des Dokumentarfilmformats, ein blindes und ideenloses Europa und die Tragik mentaler Grenzen, die den Kontinent seit Jahrzehnten überwuchern.

Gianfranco beim Dreh auf See.
Gianfranco beim Dreh auf See.

SLEAZE: Sie haben ja erneut einen Dokumentarfilm gemacht. Warum haben Sie sich für dieses Format entschieden anstelle eines fiktiven beispielsweise? Es gibt ja durchaus eine Art Hintergrundgeschichte, die man dramaturgisch als fiktiv erfassen könnte.
Gianfranco Rosi: Nun, das ist es, was ich tue. Ich mache Dokumentationen. Ich mache keine Spielfilme und mag es nicht, vorher ein Skript zu schreiben. Ich mag es, Realität Tag für Tag zu erfassen und mich von ihr dirigieren zu lassen. Ich mag es, mit der Kamera zu schreiben, während ich arbeite. Also verbringe ich lange Zeit an einem Ort. In diesem Fall war es Lampedusa, wo ich anderthalb Jahre verbrachte. Dort begann ich mit der Arbeit an den Elementen [der Geschichte]. Zuerst war es die Insel. Und nachdem ich eine Idee davon hatte, was diese Insel repräsentieren muss, begann ich damit, mich nach Leuten umzusehen, die ein Teil meines Films sein würden, mit dem Geschichtenerzählen. Und dann fing ich an, mit den Leuten zu arbeiten. Aber nichts in dem Film ist fiktional. Es sind alles Elemente, die aus dem wahren Leben kamen und aus Momenten des Lebens. Ich mag es, in Dokumentationen die Sprache des Kinos zu nutzen, um irgendwie die Realität zu verstärken, durch die Grammatik des Kinos, die Struktur, die Idee des Charakters, die Konflikte. Aber alle Elemente entsprangen der Realität.

Ein Skript hatten Sie also nicht im Kopf?
Nein, nie. Ich hatte eine Idee im Kopf, welche ich in einigen Skizzen zusammenfassen konnte. [Er zeigt mir einige schemenhafte Aufzeichnungen in seinem Notizbuch] Das ist meine Drehbuchidee. Elemente. Ein paar Worte. Einige Dinge. Und dann entwickle ich diese während des Drehs. Aber ich sag den Leuten niemals, was sie tun oder nicht tun sollen. Es sind immer Dinge, die aus der Realität kommen. Es ist eine Dokumentation. Und ich bin auch nicht daran interessiert, diese feine Linie zwischen Dokumentation und Spielfilm zu diskutieren. Es ist solch ein altes Thema. Für mich ist die Sprache Kino. Wir brauchen keine weiteren Informationen. Ich mag die Dokumentation. Es gibt narrative Werkzeuge, die den Menschen dadurch ebenfalls Raum für Interpretationen geben.

Sie sprachen von Lampedusa. Was waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie ankamen? Wie war die Atmosphäre dort?
Es war ziemlich seltsam. Ich wurde vom italienischen Archivinstitut Istituto LUCE gefragt, diesen Film zu machen, um zu zeigen, was Lampedusa ist. Denn Lampedusa ist immer verbunden mit der Tragödie, dem Tod, der Migration, und niemand weiß überhaupt etwas über diese Insel. Als ich also zustimmte, den Film zu machen, gab es paradoxerweise keine Migranten, denn das Center, wo die Migranten für einige Tage verbringen, war verbrannt und musste neu gebaut werden. Die Insel war einfach dieser Ort, gegründet in einem Gefühl von Zeitlosigkeit. Und dann begann ich mehr mit der Insel zu arbeiten und die Dinge änderten sich. Das Center wurde neueröffnet und Migranten kamen wieder durch. [Er schlägt eine leere Seite seines Notizbuchs auf, um einen Sachverhalt zu illustrieren] Aber eines ist sehr wichtig zu wissen: Also, das ist Italien [zeigt auf seine Skizze] und das ist Sizilien, das ist Lampedusa hier. Und das ist Libyen. 2013 bauten sie diese imaginäre Linie im Meer, einer Grenze gleich, wo Boote hin- und herpatrouillieren. Wann immer Migranten ankamen, haben sie sie inmitten des Meeres abgefangen und brachten sie dann nach Lampedusa. Und von Lampedusa nach Italien. Die Leute kommen nicht mehr direkt auf Lampedusa an. Es hat auch die Weise verändert, wie die Insel mit Migration interagiert. Denn es gibt keinen Kontakt mehr zwischen diesen beiden Welten. Es ist eine Art von Trennung, was mein Film auf gewisse Art unterstreicht. Es ist, als würden sich diese zwei Welten fast berühren, aber sie kommen nie wirklich in Kontakt miteinander.

Halb erfroren kommen viele der Flüchtlinge an.
Halb erfroren kommen viele der Flüchtlinge an.

Sie kommentieren Ihre Geschichten nie bzw. selten mit dem gesprochenen Wort. Sie zeigen einfach Bilder. Glauben Sie, dass reine Bilder die einzige Sprache ist, die fähig ist, Leuten Dinge zu erklären oder wenigstens klarer zu machen?
Meine Filme erklären nicht nichts. Ich hinterlasse mehr Emotionen und die Eröffnung zu Fragen, anstelle eine Antwort zu liefern. Ich mag es nicht, einen Film zu machen, der Antworten gibt, sondern lieber einen, der zu Fragen führt. Ich mag es, die Tür zu schließen anstelle sie zu öffnen.

Um nochmal auf die Bilder zurückzukommen: Denken Sie, es ist vielleicht der effektivste Weg, die Dinge „näherzubringen“?
Ich denke, ich sollte keinen Film machen, wenn man mit Worten erklären könnte, was ich mache. Wenn ich einen Film mache, muss der Film etwas anderes geben bzw. liefern als Worte und Erklärungen. Und dieses Andere ist ein emotionales Element. Es geht darum, mehr ein inneres denn äußeres Wort oder eine Erklärung, was geschieht, zu verstehen. Meine Filme haben mehr mit Charaktergeschichten zu tun, ihrer Selbstwahrnehmung und Innerlichkeit. Es ist ein sehr wichtiges Element der Erzählung in meinem Film und nicht auf Grund dessen, was sie tun. Denn dieses bringt uns immer woandershin. Ich kreiere eine emotionale Verschiebung in der Geschichte [er zählt einige Motive seines Films auf]. Alle Elemente sind eine kleine Metapher für etwas anderes, die uns in eine Welt bringen, die anders ist als die, die wir erklären können oder über die man einfach schreiben könnte. Wenn man meinen Film sieht, ist es sehr schwer, ein Skript darüber zu schreiben, denn er ist vor allem auf Emotionen und Bildern gegründet. Selbst nun, da mein Film fertig ist; stellen Sie sich’s davor vor.

Zu Anfang zeigen Sie die Flüchtlinge immer in einer Art von Dunkelheit. War das Absicht?
Ja, es war eine Entscheidung. Denn es war eine Art zu sagen, dass es sehr schwer ist, direkt in Berührung mit ihnen zu kommen. Die Dunkelheit schafft eine Stimmung, die Unmittelbarkeit nimmt, denn auf Lampedusa sind die Migranten nur für zwei, drei Tage. Also hatte ich nicht die Zeit, sie kennenzulernen. Wir versuchten, sie durch die andere Seite der Geschichte kennenzulernen, obwohl es keinen Inhalt gibt, aber aus emotionaler Sicht ist da mehr, das diese Welt öffnet. Es war sehr schwer, ein inneres Element dieser Leute einzufangen, die die Insel nur passieren. Außer in einem Moment, jener mit dem Chor. Das ist ein sehr epischer, starker Moment im Film. Aber es war sehr schwer, mit dem Rest zu tun zu bekommen, vor allem wenn ich keine Fragen stellen wollte. Ich mag es nicht, sie vollzureden. Es ging mir bei der Nacht um eine Art Mysterium und Schutz. Als wir dann den Tod einfingen, war es unter sehr hellem und verstörendem Licht. Also entschied ich mich, nur bei Nacht zu drehen, als die Migranten ankamen.

War es, vielleicht auf unbewusste Art, ein Weg zu zeigen, wie die europäischen Staaten mit der Situation umgehen?
In einem metaphorischen Sinne, ja. Es ist immer ein Weg zu sagen: „Wir sind nicht fähig, zu sehen.“ Wir haben das faule Auge [ein Motiv aus seinem Film], wir sind nicht fähig zu fokussieren und zu akzeptieren. Wir sind nicht fähig ein vollständiges Gefühl dafür zu haben. Also reflektiert der Film einen Zustand des Geistes, der Teil europäischer Politik und was Europa in diesem Moment ist.

Sie kommen aus Eritrea und kamen dann nach Italien. Welche Wichtigkeit hatte diese Erfahrung, als Sie den Film machten?
Es ist nicht meine persönliche Erfahrung, die wichtig ist. Es ist wichtig, auf welche Weise ich als Person damit verbunden bin. Ich kann nicht nur mit Eritrea oder Afrika verbunden sein. Das ist eine große Situation, die den gesamten Nahen Osten, Afrika etc. erfasst. Ich versuche, nicht persönlich in meiner Perspektive zu sein. Es beeinflusst mich teilweise. Was mich beeinflusst, ist wahrscheinlich die Geschichte meines Lebens, also ist das vielleicht Teil meiner Erzählung. Aber nicht auf mentale, bewusste Weise. Ich meine, ansonsten hätte ich diese Reise in Eritrea begonnen. Die Geschichte ist auf Lampedusa konzentriert.

Der Titel Seefeuer (it. Original: Fuocoammare) referiert auf die Attacken im Zweiten Weltkrieg. Denken Sie, die Verbindung zur Vergangenheit ist der Schlüssel zu einer friedvollen Zukunft oder einer Zukunft im Allgemeinen?
Man kann niemals Geschichte vergessen. Wenn man beginnt, sie zu vergessen, ist die Dunkelheit vor uns. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es ist wichtig zu wissen, was vor uns war, um eine Ahnung von den Dingen zu haben, die kommen. Für mich war es immer wichtig, in einem Europa zu leben, in dem Menschen, Gedanken und Ideen frei zirkulieren ohne mentale Grenzen. Zunehmend sehen wir ein Europa, das sich abschottet. Nicht nur mit physischen Grenzen, sondern auch mit mentalen, welche die am schwierigsten zu akzeptierenden sind. Europa spielt derzeit mit seiner eigenen Identität. Wenn England sich durch das Abschneiden von Europa von der Geschichte und Vergangenheit abtrennt, ist es fast eine Niederlage. Es ist sehr gefährlich, wenn ein Land nicht die Verantwortung übernehmen kann, Dinge zu ändern, sondern sich nur selbstverteidigend in die Ecke stellt. Man kann sich nicht nur verteidigen, sondern muss fähig sein, zu handeln und aktiv zu sein. Und diese Handlung entspringt einer Idee, die aus der Vergangenheit in die Zukunft reicht.

Was denken Sie: Was wird in Europa geschehen?
Ich weiß es nicht. In mir fühle ich mich sehr unwohl. Ich fühle mich sehr traurig, beklommen und ein Gefühl von Scham, von Nicht-Fortschritt, Angst. Es ist ein Moment, den niemand kontrollieren kann. Ich verspüre das Fehlen einer Strategie, einer Vision. Jeder ist so sehr mit seiner eigenen kleinen Welt beschäftigt, was sehr furchteinflößend ist. Man kann nicht die große Strategie der Entscheidungsgewalt eines einzelnen Landes überlassen und den Händen ignoranter, blinder Politiker. Denn das ist in England passiert: Es ist das Ergebnis von Ignoranz, Dummheit, Geplapper, Ego und diese Idioten haben noch nicht einmal einen Plan B. Die, die gewonnen haben, wissen nicht, wie sie mit dem Sieg umgehen sollen und die, die verloren haben, wissen nicht, wie sie mit der Niederlage umgehen sollen. Unsere Zukunft liegt in den Händen purer Idioten. Menschen ohne Hirn, Seele, Herz.

Geschafft. In jeder Beziehung. Zumindest vorerst.
Geschafft. In jeder Beziehung. Zumindest vorerst.

Man sieht es an der Politik. Ich frage mich, vielleicht sehen Sie das ebenso: Wo ist neben all der von der Politik propagierten Wirtschaft die humanitäre Seite der Europäischen Union? Z.B. sagt die ungarische Regierung, sie wolle keine Flüchtlinge und baut einfach Grenzen. Was denken Sie, gibt es einen Plan oder gab es nie einen für eine solche Situation?
Es ist totale Blindheit. Wir leben in dieser Situation seit 20 Jahren. Es ist nichts, das gestern passierte. Auf Lampedusa gibt es das seit 20 Jahren. Und Europa hat es komplett vernachlässigt. Und plötzlich wurde letzten Sommer die Balkanroute geöffnet, was zeigt, dass, wenn man die Leute irgendwo stoppt, kommen sie woanders an. Es ist unmöglich, drei Millionen, 30 Millionen, vielleicht 300 Millionen Menschen aufzuhalten. Das ist ein Fakt. Es ist kein Notfall mehr. Es ist ein Fakt des Lebens, der Geschichte. Wir müssen aufhören, das Wort Notfall zu benutzen. Denn Notfall ist ein Hurrikan, ein Flugzeug, das vom Himmel fällt, flutendes Wasser. Dies ist kein Notfall mehr, sondern ein Zustand der Dinge, eine Bewegung. Massen von Menschen sind in Bewegung. Und Europa sagte letzten Sommer nur: „Oh, sie invadieren uns. Wer sind diese Leute?“ Sie realisierten nicht, dass sie sich bewegen können, fliehen können. „Was sollen wir nur tun?“

…[auf die Reaktion diverser Länder bezogen] Grenzen.
Grenzen! Und das ist furchtbar. Das ist es, was mir Angst macht. Dass es keine Strategie gibt. Und es gibt keine Idee, dass jeder von uns etwas abgeben muss. Wir lebten auf eine Weise, dass wir dachten, alles wäre für uns. Der Kuchen muss nun auf mehr Menschen aufgeteilt werden. Und jeder von uns muss etwas abgeben. Das Wort Integration ist ein brutales Wort. Wir wollen einfach, dass Menschen Teil unserer Lebensweise werden. In New York gibt es keine Integration. Dort gibt es nur Transkultur, die sich umherbewegt.

…die ineinander fließt.
Ja, die ineinander fließt. Und jeder muss etwas aufgeben, um in die andere Welt zu gehen. Akzeptanz ist ein besseres Wort.

Ich denke, dass selbst das Wort „Flüchtling“ ein..
..missbrauchtes Wort ist.

Genau. Denken Sie, man sollte sie einfach „Menschen“ nennen?
(lacht zustimmend)

Ich denke, es wäre besser.
Ja, wäre es.

Oder „menschliches Wesen“ oder was auch immer, denn ich denke, Leute neigen dazu, Sprache zu missbrauchen bzw. falsch einzusetzen.
„Flüchtling“ gibt einen Status. Einen pragmatischen Weg, damit umzugehen. Aber wissen Sie, auch die Leute, die das Recht auf eine bessere Bildung bekommen haben, haben das Recht auf Bewegung. Wenn man Kinder hat und sieht, sie haben keine Zukunft in dem Ort. Man will ihnen eine bessere Bildung bieten, bessere Dinge. Man hat das Recht, woanders hinzugehen. Es geht also nicht nur um politische Flüchtlinge, sondern um Menschen, die kein Essen mehr haben, kein Wasser. Sie haben das Recht zu gehen. „Politische Flüchtlinge“ ist ein sehr, sehr kleines Wort für den Umgang damit. Wenn dann Menschen nach politischem Asyl fragen, selbst wenn sie aus einem Land kommen, welches nicht diesen Status [die Anforderungen] hat, mag dieses Individuum diesen Status haben, denn vielleicht ist es aus anderen Gründen verfolgt in diesen Ländern. Also muss man zuhören, was die Gründe der einzelnen Person sind, was in eine verrückte Bürokratie mündet. Wenn jemand aus Tunesien nach Italien kommt und sagt: „Ich will ein Flüchtling sein.“ [Asyl beantragen], heißt es: „Du hast kein Recht, Flüchtling zu sein.“ „Doch, ich habe das Recht als Individuum, ein Flüchtling zu sein, denn dies und das passiert in meinem Land.“ Diese einzelnen Fälle führen in eine große Bürokratie, die wir nicht haben. Also kollabiert alles um uns. Dann gibt es Leute, die drei oder vier Jahre in einem Ort sind, als Flüchtling akzeptiert zu werden.

Es ist ähnlich wie hier in Deutschland. Politiker diskutieren z.B. über die Staaten in Nordafrika im Zuge dessen, ob sie „sichere Staaten“ wären. Nicht wenige wollen sie „sichere Staaten“ nennen.
Ja, genau. Eritrea hat im Gesetz kein Recht auf den Status als Flüchtlingsland. Aber wenn man dort hingeht, findet man Menschen vor, die den Militärdienst für den Rest ihres Lebens ableisten müssen und sie haben kein Recht, davor zu fliehen. Sie leben in einem Regime, das sehr brutal ist z.B. für Frauen und den Einwohnern im Allgemeinen.

 

Das Interview führte unser Autor Alex Warren.

Originaltitel: Fuocoammare
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Gianfranco Rosi
Länge: 108 min
Veröffentlichung: bereits erschienen

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