Searching for…? Rodriguez – gesucht und gefunden, im Kino und auf der...

Searching for…? Rodriguez – gesucht und gefunden, im Kino und auf der Bühne!

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Die Geschichte des Musikers Sixto Rodriguez – alias Sugar Man – ist zurzeit in aller Munde. Nicht nur, weil der Musiker erst jetzt, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Albums, damit auf Welttournee ist, sondern auch, weil seine unglaubliche Geschichte Ende Dezember in die deutschen Kinos kommt. Wir haben uns den Film vorab für euch angesehen und eines seiner Konzerte in Brighton besucht.

Rodriguez 2 klein

Es war das erste Mal, dass wir bei einem Konzert gewesen sind, bei dem die Geschichte und die Vergangenheit des Musikers so relevant und zugleich so belastend waren wie bei dem von Sixto Rodriguez. Bis zur Musikdoku „Searching for Sugar Man“, die von diesem krassen Schicksal handelt, wussten wir nicht mal, wer Rodriguez ist, geschweige denn, dass er überhaupt existiert. Wer ist also dieser ominöse Sugar Man? Ein Singer / Songwriter aus Detroit, der Anfang der 70er zwei Alben – „Cold Fact“ und „Coming From Reality“ – veröffentlichte. Die Platten floppten und der Musiker verschwand wie so viele vor ihm unbemerkt in der musikalischen Versenkung, lebte sein Leben, ohne Musik. Das sind die Fakten, der Rest ist Geschichte. Eine Geschichte, die fast so kitschig klingt wie ein Rosamunde-Pilcher-Film. Denn kurze Zeit nach dem Flop gelangt auf wundersame Weise eine Raubkopie seiner ersten Platte nach Südafrika. Innerhalb kürzester Zeit avanciert er dort zum absoluten Superstar, wovon er aber erst viele Jahre später erfahren sollte.

„They told me everybody has got to pay their dues, and I explained that I had overpaid them.“

Der Film „Searching for Sugar Man“ (ab 27. Dezember bei uns in den Kinos) erzählt diese krasse Story auf äußerst berührende, dabei aber nicht verblümt langweilige Art und Weise. Er berichtet von den bizarren Gerüchten, die in Fankreisen rund um Rodriguez’ vermeintlichen Tod kursierten: Er habe sich vor lauter Wut über sein Scheitern auf der Bühne angezündet oder mit einer Pistole selbst hingerichtet. Sie zeichnet ein genaues Bild dieses Ausnahmetalents, beschreibt sein demütiges und unaufgeregtes Leben nach dem (zunächst) zerplatzten Traum vom Rockstar und zeigt schließlich auch das unfassbare Happy End, das sich Rodriguez auf seine alten Tage so sehr verdient hat. Doch anstatt sich in seinem Ruhm zu suhlen und Starallüren zu entwickeln, spielt Rodriguez völlig gelassen vor ausverkauften Konzerthallen, spendet das Geld, das er dabei verdient an Hilfsbedürftige, und kehrt zurück in sein bescheidenes Haus in Detroit, wo er immer noch jeden Tag seiner Arbeit als Bauarbeiter nachgeht. Als Zuschauer versanken wir vor lauter Demut und Bewunderung vor diesem Menschen fast in unserem Sessel. Viel zu gut für diese Welt erscheint uns dieser Typ, der nebenbei auch noch einen Abschluss in Philosophie hat, sich stets politisch engagierte (er kandidierte sogar einmal für das Amt des Bürgermeisters) und sich Zeit seines Lebens aufopfernd um seine Familie kümmerte.

Nun, vierzig Jahre nach dem Release seines ersten und so folgenträchtigen Albums betritt Sugar Man langsam, mit Hilfe seiner Bandkollegen und unter tosendem Applaus die Bühne des altehrwürdigen Brighton Domes. Er wirkt bescheiden, fast ein wenig gebrechlich, wie er da so in der Mitte der Bühne sitzt. Doch der äußere Schein trügt und tut der Show keinen Abbruch. Als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan, performt Rodriguez souverän und mit fester Stimme. Die Band hält sich dabei gekonnt im Hintergrund, um seiner Stimme und den Texten Vortritt zu lassen. Die Menge verliert sich indes in seinen tiefgründigen Lyrics und bewundert dieses Stück Zeitgeschichte vor ihren Augen. Die Highlights des Konzerts sind gleichzeitig auch seine besten Songs: „Sugar Man“, „I Wonder“ und „Cause“, alle begleitet von extatischer Begeisterung des Publikums. Trotz der beeindruckenden Show haben wir ständig dieses Gefühl des Bedauerns, dass wir Rodriguez und seine Musik nicht schon viel früher kennen und schätzen gelernt haben. Dass wir seine Texte nicht zu jener Zeit hören konnten, in der sie für ihn und für eine ganze Generation so relevant, ja fast wie eine eigene Religion waren. Das soll nicht heißen, dass das, was er singt, heute weniger wichtig oder aussagekräftig wäre. Aber natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob diese Lieder von einem jungen Rebellen, der über die Probleme seiner Zeit spricht, gesungen werden oder eben vierzig Jahre später von einem alten Mann.

Aber wie auch immer, Rodriguez live gesehen zu haben ist ein Privileg. Seine starken Songs sprechen für sich selbst. Der Moment, der das Konzert, seine momentane Situation und sein ganzes Leben am besten beschreibt, war mit Sicherheit diese eine Textzeile aus dem Song „Cause“:They told me everybody has got to pay their dues, and I explained that I had overpaid them.

Sugar Man ist endlich da angekommen, wo er schon vor vielen Jahren hätte sein sollen: auf der Bühne, vor seinen Fans. Nichts in seinem Leben scheint ihm geschenkt worden zu sein, umso mehr hat er sich den derzeitigen Hype und Ruhm um seine Person auch wirklich mehr als verdient.

Ric + Mariella

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