Schwere Stille- Scorseses‘ Silence

Schwere Stille- Scorseses‘ Silence

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Gut Ding braucht Weile, sagt man ja bekanntlich. Auch in der Film- und Fernsehbranche ist es das Credo mancher Filmemacher. Einige der erfolgreichsten oder besten Filme der letzten hundert Jahre haben viel kostbare Zeit in der sogenannten „Development Hell“ verbracht. Dieser reißerische Begriff bedeutet, dass es der Film lange Zeit nicht in die Produktion schafft, sei es, weil das verantwortliche Studio kein grünes Licht gibt, oder weil das Konzept dauernd überarbeitet wird. Klassische Beispiele dafür sind etwa Alien vs. Predator, welcher eigentlich schon 1990 schon gedreht werden sollte, aber im Endeffekt erst 2004 in die Kinos kam. Leider.
Oder die lange Leidensgeschichte der Produktion von Der seltsame Fall des Benjamin Button, die theoretisch schon im Jahr 1922 (ja, ernsthaft!) angefangen hat. Ebenso James Camerons Kassenschlager Avatar. Diese Geschichte von „Pocahontas im Weltall“ sollte bereits zehn Jahre zuvor den Kinogängern die hart erarbeiteten Mäuse aus der Tasche locken.

Auch auch das neuste Werk von dem Regietalent und chronischen Meisterwerk-Erschaffer Martin Scorsese befand sich in der Entwicklungshölle. Nach Meilensteinen wie Taxi Driver oder meinem persönlichen Favoriten Shutter Island scheint Martin es nun geschafft zu haben, sein sogenanntes „passion project“, Silence, in die Kinos zu bringen. Den Film hat er nämlich auch schon seit 1990, als er die Filmrechte an Shūsaku Endōs Buch kaufte, auf der Pfanne. Nach endlosem hin und her kommt er nun am 2. März auf die Leinwände Deutschlands.

Es handelt sich bei Silence um eine sehr interessante Geschichte. Und zwar wird das abenteuerliche Leben zweier portugiesischer Missionare erzählt. Die beiden überzeugten Idealisten begeben sich im Jahr 1638 nach Japan, wo sie einen anderen Missionar finden wollen, der angeblich vom Glauben abgefallen ist. Das Problem ist allerdings, das der christliche Glaube in Japan zu der Zeit nicht wirklich gerne gesehen wird. Genauer gesagt gibt es eine, der europäischen Hexenverfolgung nicht unähnlichen, Inquisition. Christen werden so lange gequält bis sie von ihrem Gott absagen. Oder sie werden verbrannt. Sollte den Christen ja irgendwie bekannt vorkommen. Wie auch immer, die beiden Priester begeben sich auf eine Reise durch das von den Shogunen streng kontrollierte Japan, auf der ihr Glaube immer wieder an ihre Grenzen kommt, und sie oftmals entscheiden müssen, wem sie mit dem Glauben eigentlich helfen wollen.

Man muss schon sagen, die Tatsache, dass der Film seine Premiere im Vatikan feierte spricht schon für sich. Es ist wirklich ein Film der sich viel um den christlichen Glauben und dessen Moral dreht. Und dabei ist der Film erstaunlich persönlich und, nun ja, ich sage jetzt einfach mal spirituell. Das machte es für einen überzeugten Atheisten wie mich streckenweise ziemlich anstrengend. Teilweise fühlte es sich an, als würde man im zweiten Semester eines Theologiestudiums bei einer Diskussionsrunde festsitzen. Andererseits hatte ich vor dem Film auch keine Ahnung, dass einst Priester unter großer Gefahr nach Japan reisten, um die Bevölkerung zu missionieren. Und von dieser fiesen Inquisitionsnummer habe ich auch noch nie gehört. Ein weiteres Manko ist definitiv auch die, wesentlich langweiligere, zweite Hälfte des Films, bei der einem erst auffällt wie verdammt lange der Film ist. Mit über zweieinhalb Stunden Laufzeit hat man schon etwas zu tun, und gerade die zweite Hälfte des Films zieht sich so lang wie Kaugummi.

Andrew Garfield ist der Wanderer über dem Nebelmeer

Aber wenn man davon absieht, dass die übertriebene Religiosität, für meinen Geschmack jedenfalls, zu sehr im Vordergrund steht, und er halt ziemlich langatmig ist, gibt es auch viele gute Worte über den Film zu verlieren. Er ist mit Andrew Garfield, Ex-Spiderman einer gefloppten Reboot-Reihe, und Adam Driver, der den meisten seit letztem Jahr wohl eher als neuer Star Wars Schurke Kylo Ren bekannt ist, auch ziemlich gut besetzt. Man nimmt den beiden die Rolle der tief gläubigen Ordensbrüdern tatsächlich ab, und mit Liam Neeson ist auch noch eine echte Legende mit an Bord.

Auch visuell ist der Film wirklich überwältigend. Das mystisch wirkende Japan wird in langsamen Kamerafahrten durch den wabernden Nebel eingefangen, was der Geschichte noch eine gewisse Bedrohlichkeit gibt. Das ganze Produktionsdesign sieht fantastisch aus, und das Japan des 17. Jahrhunderts wirkt roh und realistisch. Interessant ist auch der Soundtrack. Es gibt nämlich im Grunde keinen (der Name ist Programm), es wird stattdessen mehr mit Hintergrundgeräuschen wie das Zirpen der Grillen oder Vogelgesang gearbeitet. An manchen Stellen läuft höchstens etwas traditionelle japanische Musik.

Abschließend kann ich nur sagen, dass die erste Hälfte des Films hervorragend ist. Man ist direkt drin in der Geschichte, fiebert mit den Charakteren mit und nimmt viel vom historischen Japan mit. Aber dann kommt die zweite Hälfte, und es wird melodramatisch, langweilig und in Bezug auf die religiösen Themen total selbstgerecht. Nun, trotz allem ist Silence ein sehenswerter Film, der grade auf der großen Leinwand überzeugen kann.

Simon

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