Schulhofspass der 90er – Eine Retrospektive

Schulhofspass der 90er – Eine Retrospektive

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Die 90er waren keine einfache Zeit für junge Menschen. Die Spätfolgen von Tschernobyl, der Tod von Lady Di, das Zugunglück von Eschede und Aqua’s „Barbie Girl“. Um sich von vorher genannten Katastrophen zumindest etwas abzulenken, wurde dieses Jahrzehnt zur Blütezeit der kreativ-kindlichen Schulhofaktivitäten. Zumindest dann, wenn die jungen Geister dieser kurzen Epoche nicht vor dem Fernseher hingen, um die zahllosen Geniestreiche des Privatsenders Nickelodeon zu konsumieren. In unserer Retrospektive präsentieren wir euch daher die vergessenen Perlen der Freizeitbeschäftigungen aus dieser Zeit. Könnt ihr euch noch erinnern?

Sticker und Stickeralben

90er: StickeralbumDie Freude, selbstklebende Bilder in extra dafür vorgesehene Heftchen zu kleben. Wer kennt sie nicht? Prinzipiell ging es hierbei darum, möglichst seltene und ausgefallene (sprich: teure) Sticker und Klebebildchen aufzutreiben, zu sammeln und in ein Album zu kleben. Der Sammelleidenschaft wurden hier keine Grenzen gesetzt: Glitzis, Holos, Stoffis, Dreidimensional(is?) und die klassischen Normalos. Eine Leidenschaft, die durch eine wirklich spannende Art und Weise belohnt wurde, seine Zeit zu vergeuden. Zumindest während der großen und kleinen Pausen des langweiligen Schulalltags zwischen Multiplikation und Sexualkundeunterricht. Getrennt waren die Bildchen meist nach Themengebieten (Raubkatzen, Blumen, Außerirdische usw.) und Herkunft bzw. Lösungsmitteleinsatz (China, Taiwan, Südkorea, Ukraine). Für die besonders testosterongetriebenen Kids existierte natürlich auch das Panini-Pendant mit Fußballern und Formel-1-Fahrern. Allerdings bei weitem nicht so stilvoll und nur über die gesamte Armada von Ferrero-Produkten zu erstehen.

Höhepunkt: Wenn man einen (sackhässlichen) Glitzi gegen drei atemberaubende Stoffis getauscht und somit den bis dato erfolgreichsten Deal seines Lebens abgeschlossen hat.

Tiefpunkt: Als die Leute angefangen haben, zuhause selbst unsagbar schlechte Duplikate anzufertigen inkl. eigenem Ausschneiden. Das Todesurteil für die ganze Branche und Hauptgrund des traurigen Niedergangs dieser klebrigen Disziplin.

 Jo-Jos

90er: Jo JoLange vor Diabolos, Keulen, Slacklines und Segeldrachen waren Jo-Jos (auch: Yo-Yos) das Must-Have bei den aktiven Sprutzen der 90er. Selbstverständlich nur die mit Fliehkraftkupplung oder umgangssprachlich auch einfach „Bremse“ genannt. Das und die daraus resultierende Fähigkeit, ganz tolle Tricks damit zu machen, sorgten für Reihen von hypnotisierten Elfjährigen im Klassenraum und auf dem Pausenhof. Ein besonderer Spaß war es dann auch, mit Mutti und Vati komplett überteuerte Ersatzteile für die geschundenen Spaßrollen im Segelladen des Vertrauens zu kaufen. Zusätzlich dazu, die beiden zu überzeugen, wie lebensnotwendig Jo-Jos denn wirklich für die Street-Credibility eines Heranwachsenden sind. Und wer hätte gedacht, dass schon die jungen und wahrscheinlich halbnackten Griechen um 440 v. Chr. ihre Jo-Jos im spärlichen Gepäck hatten. Wahrscheinlich hatten diese genau dieselben Ersatzteil-Schwierigkeiten mit ihren halbnackten Eltern.

Höhepunkt: Als man zum ersten Mal den klassischsten aller Tricks, die „Affenschaukel“, hinbekommen hat.

Tiefpunkt: Als sich das Gerät zum achtunddreißigsten Mal verheddert hat, kurz bevor man die Affenschaukel hinbekommen hat.

 Pokémon

90er: PokemonDass Sammelleidenschaft ein wahrlich hervorragender Motivator für Kinder ist, zeigte schon unser Ausflug in Stickergefilde. Auf die Spitze getrieben wurde diese Philosophie nur von den verrückten und allzeit kampfbegeisterten Taschenmonstern (Pocket Monsters bzw. Pokémon) von Nintendo aus Fernost. So waren es damals hauptsächlich die rote, blaue und gelbe Edition des süchtig machenden Daddlers für den Gameboy, die für schlaflose Nächte und gnadenlose (mitunter blutige) Duelle im Kinderzimmer der 90er sorgten. Ziel des Spiels war und ist bis heute, einerseits unangefochtener Pokémon-Champion zu werden (a.k.a. jeden durch Kämpfe zu besiegen, der es wagt, deinen Charakter herauszufordern) sowie alle existenten Monster zu fangen und zu trainieren. Dass die Spiele des Pokémon-Franchise an sich nur mäßig spannend und auch recht stupide sind, tut der kindlichen Lust am Sammeln und auf-die-Fresse-hauen bis zum heutigen Tage keinen Abbruch. Absolutes, geradezu heroinähnliches Suchtpotenzial einer ganzen Generation waren die Folge.Warum die Viecher nie wirklich krepiert sind und wie ein mindestens zwei Meter großer Drache in einen faustgroßen Ball passt, wurde bisher übrigens noch nicht geklärt. Hach, diese Japaner!

Höhepunkt: Als man das erste Mal die Top Vier besiegt und dabei nicht mehr als vier Hypertränke aufgebraucht hat. Ein Moment, der die Kindheit geprägt hat.

Tiefpunkt: Die neuesten Adaptionen Pokémon Schwarz und Weiß aus dem Jahr 2011. Einhundertfünfzig kleine Mutanten zu sammeln ist nachvollziehbar. Mittlerweile sogar sechshundertneunundvierzig (in Ziffern: 649!) davon aufzutreiben ist mäßig bis wahnsinnig übertrieben. Kein Wunder, dass sich die heutigen Blagen nicht mehr wirklich konzentrieren können.

 Tamagotchi

90er: Tamagotchi

Bleiben wir doch gleich mal bei japanischen Wuselviechern. Die Rede ist von der fiepend-nervigen Höllenausgeburt aus Hartplastik, dem Tamagotchi. Irgendwann Ende der 90er überschwemmte dieses kleine digitale Haustier zuerst den asiatischen und später auch den europäischen Markt. Warum, weiß bis heute niemand so genau. Auch hier ging es im Wesentlichen darum, ein kleines Etwas aufzupäppeln und zu umsorgen. Hunger, Durst und digitale Haufen wollten ebenso beseitigt werden wie fehlende Zuneigung. Gruseliger weise entwickelte das künstliche Kükenmonster auch eine eigene Persönlichkeit, die im Wesentlichen daraus bestand, mehr oder weniger anstrengende Geräusche von sich zu geben. Neben der Mondlandung und der Erfindung des Internets konnte die Technik und der Drang, nach Höherem zu streben hier wieder einmal zeigen, zu welchen Wundern die Spezies Mensch in der Lage ist. Schlussendlich war es dann aber doch die größte Freude, seinen virtuellen Kackapparat zu Grabe zu tragen. Und so wie das Tier im Plastikei, starb schließlich auch dieser Trend.

Höhepunkt: Das grenzwertig verwahrloste Minihühnchen nach quasi non-existenter Pflege endlich von seinem Leid erlöst zu haben.

Tiefpunkt: Dass der kleine Kacker nach dem dritten Tag ohne Essen immer noch unter den Lebenden weilt.

 Pogs

Das Spielen mit Pogs (auch: „Chupa Caps“) lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Werfe eine Plastik- oder Metallscheibe („Slammer“) auf Pappscheiben. Fertig. Aber fangen wir von vorne an. Denn der Ursprung des klassischen Pog-Spiels stammt bereits aus den 20er Jahren, als Milchglasflaschen noch zum Standardrepertoire des gemeinen amerikanischen Haushalts gehörten. Besagte Pappscheiben waren zu diesem Zeitpunkt nämlich nichts anderes als die mit einer Wachsschicht überzogenen Deckel dieser Flaschen. Und da es zu Zeiten der großen amerikanischen Depression scheinbar nicht allzu viel zu tun gab, entwickelten sich bald etliche Spiele um die kleinen Flaschenverschlüsse. Soviel zur Geschichte. Das Revival des Scheibenspiels bahnte sich dann etwa siebzig Jahre später an. Womöglich, da die nun aktive Generation ebenso wenig zu tun hatte wie die schieberbemützten Kids zu Zeiten der Prohibition. Wie bereits angedeutet, ist das Spielprinzip mehr als simpel. Wessen Pappe-Pogs nach dem Wurf des Slammers mit der Rückseite nach oben liegen bleiben, gehören dem Werfer und gehen auf sein Punkte-Konto. Gespielt wurde einzig und allein auf Sieg. Mitunter auch um einzelne Pogs oder womöglich auch um sanfte Drogen oder Zigaretten, abhängig vom Hintergrund der Spieler. Im Übrigen überreizte auch hier wieder die Lust am Sammeln die kindliche Auffassungsgabe, aber das nur am Rande.

Höhepunkt: In einem Schlag den ganzen Stapel umhauen und so dem Gegner das pogbezogene Fürchten lehren.

Tiefpunkt: Wem wollen wir hier was vormachen? Das Spiel war Glückseligkeit in Reinform. Punkt.

Skateboards

Wohl der bekannteste Zeitvertreib mit dem größten Potential: Rollbrettfahren. Obwohl der Sport spätestens seit den 70ern bekannt ist, wollten zur Jahrtausendwende plötzlich Tausende Kinder der neue Tony Hawk sein. Vermutlich ausgelöst durch die ersten Videospiele aus der gleichnamigen Serie für die Playstation, war das Cruisen auf Holzbrettern um das Jahr 2000 das neue Ding am Funsport-Firmament. Natürlicherweise haben es etwa 85 Prozent der Rotzlöffel nie über den ersten Ollie hinausgebracht. Mich eingeschlossen. Was niemanden, wirklich niemanden, daran hinderte, bekloppte Baggie-Jeans und eine schranksprengende Vielfalt von Skater-Shirts beim Titus Skateshop zu kaufen. Und auch in diesem Fall freuten sich die Eltern dieser skate-euphorischen Generation, Unsummen für teure Bam-Margera-Signature-Decks ausgeben zu dürfen – natürlich zur Förderung der lieben Kleinen. Das Schauen von coolen Skatevideos zählte in dieser Phase übrigens auch als Skaten.

Höhepunkt: Den ersten Ollie hinter dem Haus zu stehen. Ein klassisch gutes Gefühl.

Tiefpunkt: Sich einen dreifachen Splitterbruch des Unterarms zuzuziehen und das, obwohl man nur die (zugegebenermaßen äußerst flache) Behindertenrampe runterfahren wollte.Besser bekannt als das Ende der erhofften Skater-Karriere.

 Flummis

Dazu lässt sich überraschenderweise nicht viel sagen. Irgendwann in den nebligen Gefilden der Neunzigerjahre war das Werfen und Fangen von kleinen Gummibällen der absolute Hit – genauso wie Eurotrance und Buffalos. Und genau wie über diese gemeinen Auswüchse des postsowjetischen Deutschlands sollte man, wenn möglich, auch kein Wort mehr über Flummis verlieren.

Höhepunkt: Wenn man den kleinen Gummiball gegen die Wand wirft und er zurückkommt.

Tiefpunkt: Wenn man den kleinen Gummiball gegen die Wand wirft und er nicht zurückkommt.

 Christoph

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