Schau mal einer (zuhause) an

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Von Superhelden bis bedrückendem Flüchtlingsdrama

Der Juni hält neben hochinteressanten Kinostarts auch für die heimische Film-Schau einiges Sehenswertes parat. Vom anarchischen Superhelden Deadpool über den Goldene Palme-Gewinner 2015 Dämonen und Wunder – Dheepan, einem naturalistischen Drama, bis zum tief menschelnden Stop-Motion-Kracher Anomalisa. Doch sieh am besten selbst:

2. Juni

The Big Short: Adam McKays (Anchorman) humorvolle Abrechnung mit der wahnwitzigen Finanzwelt vor der Finanzkrise wurde 2015 für zahlreiche Filmpreise nominiert und gewann u.a. den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, das wiederum auf dem gleichnamigen Buch von Michael Lewis basiert, der auch schon die Vorlage für Bennett Millers Moneyball schrieb. Mit Christian Bale (Knight of Cups), Ryan Gosling ( The Place Beyond the Pines), Brad Pitt (By the Sea) und Steve Carrell (Foxcatcher) ist der Film um eine Gruppe von Spekulanten, die gegen die kurzsichtigen, gierigen Großbanken wettet, namhaft besetzt.

Wettet gegen die Willkür der Finanzindustrie: Michael Burry
Wettet gegen die Willkür der Finanzindustrie: Michael Burry

Anomalisa: Charlie Kaufman ist vor allem für seine originellen, ausgefallenen Drehbücher bekannt. (Wir haben ja bereits vor einer Weile über ihn berichtet.) Mit Vergiss mein nicht!, Being John Malkovich oder Adaptation schuf er die Vorlagen für einige der kreativsten Filme der letzten zwanzig Jahre. 2008 bewies er dann auch mit der doppelbödigen Tragikomödie Synecdoche, New York sein Talent als Regisseur. Für den Stop-Motion-Animationsfilm Anomalisa tat er sich zuletzt mit Duke Johnson zusammen und kreierte so ein von tiefer Menschlichkeit und Sensibilität getragenes Werk um einen erfolgreichen Autor von Ratgeber-Büchern, der von seinem Leben angeödet ist und auf eine Frau trifft, die ihn auf der Stelle fasziniert. In den Sprechrollen sind u.a. David Thewlis (Macbeth) und Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight) zu hören.

3. Juni

Die Suche: The Artist verzauberte 2011 mit seiner beschwingten, aber auch dramatischen Stummfilmästhetik große Teile der Kritik und des Publikums. Vom Regisseur des Erfolgsfilms, der vorher etwa mit den Agentenparodien OSS 117 – Der Spion, der sich liebte und OSS 117 – Er selbst ist sich genug, auf sich aufmerksam machte, nimmt sich in seinem neusten Film Die Suche dem längst vergessenen Tschetschenienkonflikt an, der hunderttausende Opfer nach sich zog.

9. Juni

Dope: Das vielgelobte Drama hatte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2015, das schon für manch Filmemacher das Absprungbrett für eine erfolgreiche Filmlaufbahn bedeutete. In Rick Famuyiwas Film steht die Clique um den künftigen College-Studenten gehenden Malcolm (Shameik Moore) im Mittelpunkt – am liebsten soll es nach Harvard gehen, doch lebt er in den so genannten Bottoms, einer gefährlichen Nachbarschaft in Inglewood, Kalifornien. Als er wegen eines Mädchens, Nakia (Zoë Kravitz), die Party eines Drogendealers besucht, verschlägt es ihn nach einer Razzia in zwielichtige Kreise, denn der ihm zugesteckte Stoff will irgendwie verkauft werden – um den skrupellosen Drogenboss Austin (Roger Guenveur Smith) nicht zu verärgern. Ein Spießrutenlauf für Malcolm auf dem schmalen Grat zwischen Gesetz und Kriminalität beginnt.

17. Juni

Where to Invade Next: Michael Moore steht für dokumentarisches Brachialkino. Filme wie Bowling for Columbine oder Fahrenheit 9/11 hielten der amerikanischen Gesellschaft bereits auf humorvolle und verstörende Weise den Spiegel vor. In seinem Where to Invade Next fällt er, ähnlich dem US-Militär, in andere Länder ein, doch nicht etwa zur territorialen Erschließung oder Ressourcengewinnung, sondern mit der Frage, wie sich die Arbeits- und Lebensbedingungen daheim verbessern ließen.

Invasion mal anders: Michael Moore auf in ferne Landen
Invasion mal anders: Michael Moore auf in ferne Landen

Unsere kleine Schwester: Der immer wieder auf internationalen Filmfestivals vertretene Regisseur Hirokazu Koreeda (Like Father, Like Son) beschäftigt sich in seinem Unsere kleine Schwester mit dem Beziehungsgeflecht einer Gruppe von Schwestern: Nach dem Tod ihres Vaters, zu dem sie seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatten, nehmen sich drei Schwestern einer weiteren an, als diese nicht mehr weiß, wo es nun hingehen soll mit ihr. Drum nimmt das Trio die Kleine bei sich in einem alten Haus ihrer Großmutter in einem Küstenort unweit von Tokio auf. Anfangs noch von Unsicherheit geprägt, erfährt das Verhältnis bald eine zunehmende Vertrautheit.

23. Juni

Deadpool: Mit Deadpool (Ryan Reynolds) hat es ein weiterer Recke aus dem Superheldenkosmos in die Filmwelt geschafft. Marvels „untypischer“ Held aus der Welt der X-Men ist so etwas wie der eigensinnig Überdrehte, der sich durch tiefschwarzen Humor, einem losen Mundwerk und einer direkten Wendung ans Publikum von manch einem Kollegen abzuheben versucht. Der Grund für seine sexy Verkleidung ist übrigens eine Frau – nämlich seine Freundin, die prostituierte Vanessa (Morena Baccarin). Denn nachdem Ex-Elitesoldat Wade, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, von seiner Krebserkrankung erfährt, unterzieht er sich einem riskanten Experiment des skrupellosen Ajax. Zwar fortan mit enormen Selbstheilungskräften ausgestattet, aber hässlich, versucht er Ajax dazu zu bringen, ihn wieder hübsch zu machen. Unterstützung findet er dabei etwa von Mitstreitern der X-Men.

Midnight Special: Jeff Nichols gilt als einer der inzwischen höchst angesehenen Jungregisseure der USA. Mit Filmen, wie Take Shelter und Mud erntete er so manche Anerkennung. Seine Filme Midnight Special und Loving waren gleich beide auf großen Festivals in diesem Jahr vertreten. Letzterer hatte seine Premiere im Wettbewerb von Cannes, während Erstgenannter auf der Berlinale gezeigt wurde. Das Sci-Fi-Drama handelt vom kleinen Jungen Alton (Jaeden Lieberher), der mit seinem Vater Roy (besetzt mit Jeffs Stammdarsteller Michael Shannon) auf der Flucht ist. Denn der Sohn hat besondere Fähigkeiten, weshalb er auf das Tragen einer Sonnenbrille angewiesen ist. Ob religiöse Extremisten oder Polizei, die Hatz artet in einer landesweiten Menschenjagd aus, an der sich auch Regierungskreise beteiligen. Um mehr über den Jungen zu erfahren, nimmt NSA-Spezialist Sevier (Adam Driver) den Ziehvater des Jungen, Sektenguru Calvin und seine Gemeinde für ein Verhör in Gewahrsam. Roy und Kumpel Lucas (Joel Edgerton) versuchen derweil, Alton zu schützen und ihm zu helfen, sein Schicksal zu erfüllen, das den Lauf der Welt beeinflussen könnte.

24. Juni

Heli: Das atmosphärisch dichte Drama ist inmitten eines von Drogenkrieg zerrütteten Mexiko verortet. Regisseur Amat Escalante (Sangre) inszeniert in ansprechenden Bildern die Geschichte um eine Familie, die von eben jenem Konflikt erfasst wird: Um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu sichern, arbeitet der junge Heli in einer Automobilfabrik. Seine Familie, das ist seine Frau und sein Kind, seine 12-jährige Schwester Estela (Andrea Vergara) sowie sein Vater. Mit Beto (Juan Eduardo Palacios) hat Estela bereits ihren ersten Verehrer, der sie gerne sofort heiraten würde, doch dafür braucht er Geld. In unachtsamer Gutgläubigkeit versteckt er eines Tages kiloweise Kokain auf dem Dach des Familienhauses Estelas, was das hiesige Drogenkartell, eine Sondereinheit der Polizei sowie das Militär auf den Plan ruft.

Dämonen und Wunder – Dheepan: Jacques Audiards (Ein Prophet) Drama gewann im vergangenen Jahr die Goldene Palme in Cannes. Der Film erinnert an die aktuelle Zuspitzung der Flüchtlingsströme, nur dass es sich bei der in der Geschichte gezeigten Familie um eine Gruppe Unbekannter um Dheepan (Antonythasan Jesuthasan) aus Sri Lanka handelt, die in einer „Problemsiedlung“ in Frankreich Asyl finden. Dort konfrontiert mit Problemen, wie der Sprache und einer brodelnden Gewalt, sind die aufeinander angewiesenen Flüchtlinge gezwungen, sich zusammenzuraufen. Und der entfernte Krieg im Heimatland droht Dheepan und seine neue Familie im Angesicht der sich zu entladenden, drohenden Zustände einzuholen.

Fern der Heimat, fern der Familie: Flüchtling Dheepan
Fern der Heimat, fern der Familie: Flüchtling Dheepan

Der Perlmuttknopf: Mit seiner 1973 erschienenen, fünfstündigen Trilogie Die Schlacht um Chile erregte der chilenische Regisseur Patricio Guzman erstmals großes Aufsehen. Mit Nostalgia De La Luz – Nostalgie des Lichts war er 2010 zuletzt auf der internationalen Bühne zu sehen, etwa in Cannes. Sein Perlmuttknopf nun ist eine flüssige, breitflächige Angelegenheit: Über das Wasser, das den Großteil der chilenischen Landesgrenzen ausmacht, versucht er sich der verlustreichen Geschichte der indigenen Völker West-Patagoniens zu nähern. So behauptet manch einer, Wasser hat ein Gedächtnis. In Verbindung dazu steht auch Jemmy Button, der Mitte des 19. Jh. von Patagonien nach England verschleppt und schließlich kulturell dort assimiliert wurde. Erinnern tut das Wasser aber auch an die brutale Diktatur Augusto Pinochets von 1973-1990: Einige Leichen seiner Opfer wurden einfach ins Meer geworfen.

Alex Warren

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