Scary Stories to Tell in the Dark – Horror ohne Grauen

Scary Stories to Tell in the Dark – Horror ohne Grauen

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In diesem Film ist der Horror seine Komfortzone. Pünktlich an Halloween startet auch in Deutschland der Gruselstreifen Scary Stories to Tell in the Dark, der hierzulande erstmals Mitte September auf dem Fantasy Filmfest zu sehen war.

SLEAZE + Scary Stories
Auf der Suche nach Spannung.

Sein Grauen schöpft der neuste Film von André Øvredal (Trollhunter) aber weniger aus den eigenen Fähigkeiten als vielmehr seiner starren Orientierung an bekannten Schablonen des Horrorgenres.

Eingebettet ist er in einem seichten Coming-of-Age-Drama, ohne auch nur ansatzweise in komplexere Seelenwelten seiner jugendlichen Charaktere einzutauchen. Schon die Figurenkonstellation lässt nichts Originäres erahnen.

Es gibt das kreative wie bedachte Mädchen Stella (Zoe Margaret Colletti) und ihre beiden verzweifelt auf Komik getrimmten Freunde Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur). Die sicher auftretende, etwas introvertierte Schriftstellerin in spe findet in den nervösen Extrovertierten ihre Gefährten durch die kleinstädtische Schulzeit Ende der 60er.

Ein bekanntes Ensemble als typische Nerdfantasie, das durch das Auftreten eines ruhigen Fremden in Gestalt von Ramón (Michael Garza) sowie den obligatorischen Bullies – allen voran Brutalo Tommy (Austin Abrams) – das Klischee einer so schon oft gesehenen Filmjugend abrundet.

Der eigentlich titelgebende Filmplot handelt von jenen Scary Stories, deren Hauptrollen die Teenager bald selbst ausfüllen. Sie müssen einen Fluch rund um sich real manifestierende Erzählungen überwinden, um nicht zu verschwinden oder gar zu sterben.

Gruselgeschichten als Kabinett der Klischees und der Langeweile

Die Überlebenshatz ist eine trostlose, da uneigenständige Angelegenheit. 1996 machte der Slasher-Film Scream durch seinen Metahorror auf endlos recycelte Konstrukte des Genres aufmerksam, bediente sich ihrer selbst und schuf etwas Einzigartiges.

Scary Stories to Tell in the Dark greift mit großen Händen ebenfalls kräftig ins Buffet des Horrorgenres, schaufelt das Mahl aber ohne Eigenidee in sich hinein. Der Film ertrinkt in seiner brav strukturierten Erzählsuppe.

SLEAZE + Scary Stories
So hübsch ist der Film leider nicht immer.

Wenn du schon einmal den ein oder anderen Horrorfilm gesehen hast, wirst du lange vor dem Abspann wissen, in welcher Reihenfolge Figuren zu Opfern werden und wann Ereignis X auf Wendung Y folgt. Du wirst ebenfalls wissen, wer die Gnade des Drehbuchs erhält und überleben darf.

Zugleich wirst du erahnen, dass es zwischen den beiden Ruhepolen Stella und Ramón irgendwann knistern wird. Der so von der Last der Klischees leergeschwitzte Plot erhält die zusätzliche Bürde, zu viel erzählen zu wollen.

Hinter Stella steckt ein mit Selbstzweifeln versehenes Familiendrama, das ihr zugleich die Fähigkeit zur Empathie und letztendlich ultimativen Heldenstatus und Katharsis im Kampf gegen den Fluch verleiht. Und klar, auch Ramón trägt seinen dramatischen Hinkelstein zunächst allein mit sich herum.

In einem sind sich beide außerdem einig: Sie sind Gutmenschen ohne Fehl und Tadel und als Charaktere viel zu glatt, um auch nur ansatzweise menschlich zu sein. Ihre inneren Konflikte sind denn auch nur fehlgeleitete Gefühlsschemata ohne Herz. Sie sind Langweiler.

Ein typischer Fall von Jumpscare-Overkill

Gemeinsam stolpern sie durch eine filmische Geisterbahn kurz vor der Schließung. Der Titel Scary Stories to Tell in the Dark (nach der gleichnamigen Kurzgeschichtenreihe von Alvin Schwartz) könnte vor allem als Versprechen ohne Einlösung verstanden werden.

Seine Schockwirkung erhofft sich der Film nämlich vor allem durch den Einsatz berüchtigter Jumpscares, die inflationär einen Großteil des Spannungsaufbaus stemmen sollen.

Im Wesentlichen verhält es sich hiermit folgendermaßen: Ein neues Monster nähert sich seinem Opfer, woraufhin kurze Stille mit anschließendem Knalleffekt folgt.

Der Streifen hat es sich rasch in seiner Komfortzone gemütlich gemacht und verlässt allerspätestens im Finale seine ohnehin schon mickrigen Horrorambitionen, indem er in einer actionreichen Verfolgungsjagd mündet.

Immerhin haben es einige verzerrte und bizarre Kreaturen in den Film geschafft, die abgesehen von einigen allzu entlarvenden Wesen aus dem Computer in ihrer physischen Darstellung überzeugen.

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Das is aber mal gruselig! Oder?

Womöglich ist in diesen alleinstehenden Glanzpunkten der Einfluss von Guillermo del Toro (The Shape of Water) – so etwas wie Hollywoods großer Monstermaestro – zu spüren, der als Produzent sowie Co-Autor der Geschichte an Bord ist.

Letztlich ist Scary Stories to Tell in the Dark aber eine zu oft verwendete Gruselschablone mit biederem Figurenensemble, der Kühnheit, Vision und wahrer Horror bis hinab in die Tiefen unserer Selbst völlig fehlt.

Alex

Titel: Scary Stories to Tell in the Dark
Kinostart: 31.10.2019
Dauer: 106 Minuten
Genre: Horror, Mystery, Thriller
Produktionsland: USA, Kanada
Filmverleih: 20th Century Fox, Entertainment One

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