Saints Row: Ein Versuch in Open World

Saints Row: Ein Versuch in Open World

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SLEAZE + Open World Saints RowEs ist ein Symbol für die Dysfunktionalität dieser Open World. Mit meinem Charakter stoße ich ein ums andere Mal auf Geschäfte und Bars mit der einladenden Beleuchtung Open, also geöffnet. Besucher tummeln sich herum und halten ein Schwätzchen.

Ich aber darf nicht rein und erkenne, dass es sich hierbei um eine Fassade handelt. Nie werde ich ein wirklicher Teil dieser sogenannten offenen Welt. Nie kann ich tiefer mit ihr oder ihren Bewohnern interagieren.

Der Reboot Saints Row der gleichnamigen Videospielreihe ist ein archaischer Actioner, der schon vor fünfzehn Jahren für Kopfschütteln gesorgt hätte. Willkommen in dieser New Open World von Saints Row.

In der an Las Vegas angelehnten Wüstenstadt Santo Ileso schlüpfst du in Tradition der Serie in die Rolle deiner eigens erstellten Figur. Erneut sind abstruse Charakterschöpfungen möglich mit dem Editor, der sogar als kostenlose Variante separat verfügbar ist.

Zu Beginn erlebt man den bleihalten Alltag bei der privaten Militärfirma Marshall, die sich schnell als zweifelhaftes High-tech-Selbstjustiz-Business herausstellt. Nach einem gescheiterten Auftrag ist der Job weg, was zugleich die Geburtsstunde der titelgebenden Gang Saints ist. Fortan geht es gemeinsam mit den drei Mitbewohnern um die Errichtung des eigenen Gangsterimperiums und die Bekämpfung diverser Gruppierungen.

Eine Welt, die keine ist

Der Weg dorthin ist ein atmosphärisch brüchiger und spielmechanisch ungelenker Pfad. Santo Ileso ist eine Welt, in der man sich nicht lange aufhalten mag, weil sie zu keiner Immersion imstande ist.

Ihre Einwohner sind sich wiederholende KI-Zombies (wir empfehlen an dieser Stelle wortspielerisch passend K.I.Z. und ihr tolles Hurra die Welt geht unter!) ohne nachvollziehbare Routinen und Reaktionen. Lebendige Interaktionen finden weder zwischen ihnen noch mit dem Spieler statt.

Platzierte Zufallsereignisse wie liegen gebliebene Autos, Unfälle und Polizeikontrollen suggerieren ein Geschehen in der von leichtem Westernflair gezeichneten Welt. Allerdings werde ich nie Zeuge der Ereignisse und es reichen zwei Sekunden der Beobachtung, um zu erkennen, dass auf ihnen nichts folgt. Ein Abschleppwagen? Ein Krankentransport? Eine Verhaftung? Fehlanzeige. Nach sich wiederholenden Dialogzeilen folgt oft Stille und das mutmaßliche Ereignis offenbart sich als unbewegte Kulisse.

Zuweilen sind die Straßen gar leergefegt in diesem neonverblendeten El Dorado. Gerade auch dort, wo reges Treiben herrschen müsste. In den Wüstenabschnitten fern der urbanen Fantasie höre ich das Jaulen von Kojoten und Vogellaute und sehe nichts. Es gibt kein einziges Tier.

Saints Row ist ein unfähiger Gaukler, der Leben in einer toten Welt vorspielt, aber jeder Versuch dieses Spiels ist ein gescheiterter. Es scheint fast so, als wusste niemand so recht, etwas mit der Reihe anzufangen. Die Teile drei und vier sowie die Stand-alone-Erweiterung Gat out of Hell zementierten gewissermaßen die Identität des Franchises.

Zu der B-Movie-Cartoon-Action gehörte ein Dildo-Schläger namens Penetrator ebenso dazu wie absurde Over-the-Top-Sequenzen! Ein Beispiel gefällig? Ok! Wie wäre es mit dem Erklimmen einer startenden Atomrakete, während Aerosmiths Steven Tyler die Rockballade I Don’t Want to Miss a Thing trällert? SLEAZE würde an dieser Stelle zwischen „a“ und „Thing“ das Wort „cheesy“ empfehlen.

Egal. Grundsätzlich halte ich es für einen positiven Impuls, neue Wege zu gehen, so wie eben auch die Entwickler von Volition offenkundig neue Wege mit ihrem Reboot gehen wollten. Doch Saints Row erscheint wie ein Spiel, an dem aus zu vielen Richtungen gezerrt und gezehrt wurde und dem es schlicht an Vision fehlt. Das Resultat ist ein altbackener Trash-Actioner alberner Art mit angezogener Handbremse, der darüber hinaus mit etlichen Bugs hadert.

SLEAZE + Open World Saints Row
Neo(n)anarchie: Auch diese bunt beleuchteten Schergen gilt es zu bekämpfen.

Immerhin sitzen einige der Gags in den Dialogen, aber leider fallen sie von den Zungen farbloser Charaktere, zu denen sich nie ein tieferes Verhältnis aufbaut. Sie wollen Witz und eine Prise Drama in sich vereinen und sind doch nicht mehr als austauschbare Gaghülsen. Entsprechend war mein Interesse für den Fortlauf der Geschichte nahe dem Gefrierpunkt. Diese Story leidet zudem unter einem zähen und abgehackten Erzählfluss, der keinen Spannungsaufbau und Zusammenhang kennt. Es ist alles so egal und altbekannt, was in diesem Spiel geschieht. Nichts hat wirklich Gewicht.

Saints Row, die Spielwüste

Diese Open World ist somit ein Nevada ohne Las Vegas. So mündet z.B. die erzählerische Vorbereitung der Missionen früher oder später in einem immergleichen Third-Person-Geballer gegen viel zu häufig auftauchende Gegnerwellen aus der Klonfabrik.

Das findet meist in zu durchlaufenden Schlauchlevels oder eng abgesteckten und zu säubernden Gebieten statt. Blöd nur, dass die mit einem Timer markierten Grenzen teils viel zu klein sind und Feinde außer Reichweite feststecken können.

Noch schwerer fallen solche Fehler angesichts der unnötig weit voneinander entfernten Checkpoints ins Gewicht. Verfolgungssequenzen mit zuweilen aus dem Nichts spawnenden Schergen erinnern manchmal an große Vorbilder à la Uncharted oder Mad Max. Allerdings mit dem Problem, dass Saints Rows Inszenierung Ligen unter den mutmaßlichen Referenzen spielt.

Das Gefühl des Kampfes kommt dazu nicht über seine Funktionalität hinaus, wobei selbst diese nicht immer gewährleistet ist, wenn die gewählte Waffe trotz vollen Magazins nicht mehr schießen will. Theoretisch könnte man mit einem weiteren Spieler gemeinsam im kooperativen Onlinemodus in den Kampf ziehen, doch auf der Suche nach einem Mitstreiter erhielt ich stets eine Fehlermeldung.

Für ein Spiel, das offenkundig auf Dauergeballer setzt, macht es den Spieler erstaunlich verletzlich und gibt ihm wenig Mittel in die Hand. Die Waffenvielfalt bietet mit einigen Ausnahmen ein altbekanntes Repertoire aus diversen Flinten, Pistolen & Co., den es allen an Wucht fehlt.

Gegner sind Bullet Sponges, die massig Projektile, Raketen und explosive Wurfobjekte schlucken, wobei letztere nicht etwa einen der ohnehin stark limitierten Waffenslots nutzen, sondern nur in Form freischaltbarer und mit in Gefechten gewonnener Energie nutzbarer Perks im Rahmen von Levelaufstiegen verfügbar werden.

SLEAZE + Open World Saints Row
Ein Hoverbike? Ein Hoverbike!

Der ebenfalls aufladbare Finisher ist immerhin mit einigen flüssigen Ulk-Animationen versehen, die aber nicht immer an der richtigen Stelle ablaufen. Daneben ist der unpräzise und oberflächliche Nahkampf nahezu unbrauchbar.

Der Fortschritt des eigenen Charakters, seiner Crew oder auch der Ausbau des eigenen Imperiums durch den Kauf neuer Geschäftszweige an fixen Orten auf der Karte bietet ebenso kaum Anreize. Die zugewonnenen Fähigkeiten wie die viel zu harmlose Flammenfaust bewegen sich irgendwo zwischen ganz nett und nutzlos.

Indes strauchelt die KI der manchmal an deiner Seite kämpfenden Mitstreiter dermaßen, dass ihr Fortschritt kaum sichtbar ist. Sie sind eher Last, der man innerhalb einer Zeit hochhelfen muss, wenn sie mal wieder im Kreuzfeuer hängengeblieben sind.

Die Expansion der Saints ist denn auch nicht mehr als ein oberflächliches Gimmick, das den Geldfluss erhöht und diverse Dinge sowie weitere Nebenaufgaben freischaltet, aber von der auf den Straßen Santo Ilesos nichts zu spüren ist.

Unsaubere Schablone ohne Höhepunkte

Die Nebenmissionen beschränken sich ohnehin nur auf primitive Tätigkeiten mit erzählerisch dünnem Alibi. Töte Gegnerwelle hier, klaue Vehikel und töte Gegnerwelle dort und so weiter. Dieses repetitive Missionsdesign ist ein einziges Füllen von Listen bis zur Freischaltung uninteressanter Belohnungen, die nichts weiter als trockene Karotten vor den Augen der Spieler sind. Dabei versagen nicht nur die undynamischen und steifen Gefechte, sondern ebenso die nur aus einer und sich selbst verändernder Kameraperspektive zu betrachtende Vehikelphysik zu Lande, zu Wasser und in der Luft mit ihrem niedrigen Geschwindigkeitsgefühl und den an Rasenmähern erinnernden Motorgeräuschen. Das Fahren erscheint eher wie das behäbige Manövrieren von Plastikbüchsen mit aufgedrückter Driftmechanik per Knopfdruck, während sich Boote und Hubschrauber ähnlich steif anfühlen. Dementsprechend wenig Motivation bleibt für die Option, seine motorisierten Gefährten etwa mit einem Boost aufrüsten und ihr Aussehen verändern zu können.

Die Hauptmissionen sind derweil zwar in einige für sich stehend ulkige Kontexte eingebettet, darunter ein Rollenspiel, in dem man mit Spielzeugwaffen hantiert und Fake-Hiebe verteilt. Letztlich leiden aber auch sie die meiste Zeit unter dem immergleichen Gameplay-Loop in der stets sich gleich anfühlenden Baller-Monotonie.

Die Schablone variiert mit nur wenigen Ausnahmen, darunter eine kleine Stealth-Sektion in einem Gefängnis. Aber auch diese Augenblicke kommen nicht über ihre simple Oberfläche hinaus. Es gibt nichts, was in diesem neuen Saints Row herausragt. Alles ist gefühlt zusammengeschaufelt aus einem längst überkochten Designbrei, der darüber hinaus noch nicht einmal schmackhaft dargereicht wird.

Das Setting setzt attraktive Akzente in Form interessanter architektonischer Bauten und sonnendurchfluteter Wüstenlandschaften. Im Großen und Ganzen hinterlässt es aber auch einen sehr unsauberen Eindruck, was nicht nur an den immer wieder auftauchenden Bugs in der Spielmechanik liegt, sondern an seiner sich abmühenden Technik. Santo Ileso stottert zuweilen trotz der unbelebten, mit nur wenigen Details gefütterten und manchmal fahl beleuchten Kulisse, die dazu noch von teils nicht ausblendbaren Bildschirmanzeigen unnötig überfüllt ist.

SLEAZE + Open World Saints Row
Ein seltener, lichter Moment in Saints Row.

Nach den Vorgängern drei und vier sowie Gat out of Hell verliert sich dieser Reboot in eine identitätslose Designwüste. Die spielmechanische Einfachheit trifft bestenfalls auf eine nur funktionale Ausführung, der Dynamik und spürbare Wirkung fehlt.

Indes ist die offene Welt lediglich ein Versuch in Open World, die augenblicklich als unbelebte Fassade zu erkennen ist. Santo Ileso ist kein Ort des Lebens, sondern sterile Staffage eines durch und durch öden Spielentwurfs, dem es an Charakter und Vision fehlt.

Alex

Titel: Saints Row
Entwickler / Publisher: Deep Silver Volition / Deep Silver
VÖ: 23. August 2022
Plattform: Google Stadia, PC (Microsoft Windows), PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S
Getestet wurde die Xbox Series X-Version von Saints Row.

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