Rock, Unwetter, Schweiß und viel Alkohol

Rock, Unwetter, Schweiß und viel Alkohol

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SLEAZE.rock-am-ring-2015.1Während ich gestern um diese Uhrzeit noch gemütlich mit Bier auf meinem Campingstuhl saß, sitze ich heute schon wieder, komplett verbrannt, im Büro. Es ist natürlich wieder viel Alkohol geflossen und noch viel mehr Schweiß. Bei satten 33° Grad hatte ich bereits am Freitag die ersten Züge eines Sonnenbrands, mittlerweile könnte man mich neben einen Hummer in die Tiefkühlabteilung legen.

Am Mittwoch ging es im vollgepackten Auto los. Eine 8-stündige Fahrt samt eingeschlafenen Gliedmaßen und nicht vorhandener Klimaanlage. Wie inzwischen wohl jeder weiß, fand das diesjährige Rock am Ring NICHT am Ring statt, stattdessen verschlug es uns auf den 33km entfernten Flugplatz Mendig, also Rock-ganz-nah-am-Ring. Ich persönlich hatte im Voraus so meine Befürchtungen, was die Umsetzung des Festivals auf dem neuen Gelände anging, einige erwiesen sich als berechtigt, andere wurden problemlos gelöst. Als wir um 22 Uhr (endlich) auf dem Gelände ankamen, gab es schon die ersten Verwirrungen.

Wo muss ich hin? Wo bin ich? Warum liegt hier so viel Staub? Auch die Ordner konnten nicht so recht weiterhelfen. Während uns eine nette Dame an der Kreuzung empfahl, die dritte Ausfahrt vom Kreisverkehr zu nehmen, erzählte uns ein Mann 500m weiter ganz selbstsicher, dass wir einfach 100m über die Bahngleise laufen müssten. Aus dem 100m-Lauf wurden dann mal eben zwei Stunden. So zogen einige ihren Kühlschrank auf einem Bollerwagen zwei Stunden lang über den Schotterweg, mit jedem Schritt bildeten sich mehr Wutäderchen im Gesicht. Das simple Ankommen gestaltete sich um einiges härter als eine zweistündige Prodigy-Show im Moshpit, das muss man erst mal schaffen. Auch die Camping-Plätze (zumindest das General-Camping) wurden eher schlecht als recht aufgebaut. So kamen schon in der Nacht zum Donnerstag so viele Besucher auf dem Gelände an, dass Marek Lieberberg den Bauern zusätzliche 30 Hektar Land abknüpfen musste. Grund dafür waren falsche Berechnungen, man hätte das Volumen vom Nürburgring einfach noch nicht auf das neue Gelände überträgen können. Ein Bild von der Vogelperspektive zeigt wie viel Platz einige Camps mit ihren Pavillons und Zelten einnehmen, sowas sollte man jedoch mit einberechnen.

Endzeit-Stimmung und Loveparade-Gefühle

Für jemanden wie mich, bei dem sich schon ab 20 Grad Schweißperlen auf der Stirn bilden, waren der Donnerstag und Freitag wie ein Dauerspaziergang in der Sauna. Das Make-Up wurde zu diesem Zeitpunkt schon komplett aufgegeben. Man wünschte sich nichts mehr als eine eiskalte Erfrischung. Dieser Wunsch ging in Erfüllung, nur nicht ganz wie geplant.

So beging am Freitagabend das heftige Unwetter über dem Flugplatz. Insgesamt schlugen drei Blitze auf dem Gelände ein. Einer davon erwischte acht Bühnenarbeiter im Backstage-Bereich auf einer der drei Bühnen, die aber Gott sei Dank nur leicht verletzt wurden. Kurz darauf bat Marek Lieberberg persönlich die 96.000 Fans zurück zu ihren Zelten zu gehen und Fritz Kalkbrenner musste seinen Auftritt abbrechen, um größere Schäden zu vermeiden. In der Zwischenzeit verabschiedeten sich unsere beiden Pavillons und es begann heftig zu regnen. Wir bekamen ein heftiges Gewitter mit leichtem „The Day after Tomorrow“-Feeling und nassen Zelten. Um fünf Uhr früh war der ganze Spuk dann vorbei und das Festival konnte, wie geplant, weiter gehen werden. Einige der Gäste kamen durch Metall indirekt mit den Blitzen in Kontakt und klagten unter anderen über Herz-Kreislauf-Probleme. Schwerverletzte oder gar Tote forderte das Unwetter jedoch zum Glück nicht.

Eins lernen wir jedoch aus der Sache: Blitze in Festivalsymbole einzubauen verärgert scheinbar Mutter Natur. So kam es schon 2012 auf SLEAZE.rock-am-ring-2015.4dem With Full Force zu 51 Verletzten unter den Besuchern. Das Logo: ein Blitz. Langsam kristallisiert sich eine Verschwörung heraus. Nächstes Mal also bitte eine Sonne mit einigen Wölkchen als Symbol wählen, dann klappt’s auch mit dem Wetter.

Die Bühnen, die Acts und das „Drumherum“

Insgesamt verteilten sich die Bands auf drei verschiedene Bühnen: die Seat Volcano Stage, die Becks Crater Stage und das Alternatent. Während die ersten beiden Bühnen ausreichend Platz boten und gut zugänglich waren, gefiel mir das Konzept vom Alternatent so gar nicht. Auf einem Festival möchte ich sowohl vorne in der ersten Reihe stehen können als auch hinten mit einem Bier sitzen, mich gemütlich unterhalten und trotzdem den Bands lauschen können. Bei dem Alternatent stand vor mir ein (bis auf den Ein- und Ausgang) komplett geschlossenes Zelt, begrenzt für eine bestimmte Anzahl von Leuten und dem Sauerstoffgehalt eines Dixi-Klos.  So war es ein einziger Krampf, zu Bands wie Hollywood Undead oder Three Days Grace zu kommen. Vor dem Zelt bildeten sich riesige Menschenansammlungen, von dem jedes Mitglied der Meinung war, wenn er nur genug drückt, kommt er noch rein. Als 1,67cm großer Mensch brach damit meine persönliche Hölle aus. Ein offenes Zelt oder ganz einfach eine offene Bühne wäre hier meiner Meinung nach gerechter und sinnvoller gewesen.

Coole Idee: Lidl auf einem Festival. Nehmt euch ein Beispiel, Konkurrenz.
Coole Idee: Lidl auf einem Festival. Nehmt euch ein Beispiel, Konkurrenz.

Mit der neuen Location wurde auch erstmalig der „Lidl-Rockshop“ eingeführt, der für viele ein Segen war. Neben Zelt, Pavillon und Grill waren es bislang die Lebensmittel und die Getränke, die einem im Auto den Platz raubten.  Dank dem Rockshop konnte man das Essen getrost zuhause lassen und gemütlich auf dem Gelände einkaufen gehen. Während man sich bislang auf den Festivals von 5-Minuten-Terrinen und Dosenravioli ernährte, wurde man jetzt mit frischen Brötchen, Kaffee, Salaten und sogar Smoothies versorgt. Fast schon zu gesund, aber zum Ausgleich hat man ja das Bier. Auch die Preise lagen im saftig-grünen Bereich. Bei uns kostete kein Einkauf mehr als 15 Euro. So sparte man sich den stressigen Einkauf vor dem Festival. Hier also ein ganz dickes Plus. Ich hoffe stark, dass man in Zukunft öfter Supermärkte auf Festivals einbaut, so haben beide Seiten was davon. Interessant wäre wohl nur, wie das Pizza Mario & Co fänden. Auch an Fressalien und Getränken wurde man reichlich versorgt, Fleisch- und Pflanzenfresser gleichermaßen. So gab es vegane Burger, Gyros im Fladenbrot oder auch frisch gemachte Smoothies. Auch der Jägermeister Gasthof stand wie bereits berichtet für alle feierwütigen und durstigen Menschen offen. So konnte man die Wartezeit in der prallen Sonne mit einem Besuch im Gasthof zusammen mit kalten Jägermeister-Shots austauschen. Den nächsten Stop legt der röhrende Hirsch nächste Woche beim Southside Festival ein – falls du in der Nähe bist…

Mangelhaft war mal wieder die Wasserversorgung. Während man auf dem Campinggelände durch den Rockshop und Wasserstellen ausreichend versorgt wurde, sah auf dem Festivalgelände recht trocken aus. Höchstens ein Liter im Tetrapack und vier Euro für 0,3 Liter Wasser? Meiner Meinung nach unverantwortlich bei Temperaturen von >30° Grad. Wer Bier, Cola oder sonstiges will ist mit vier Euro gut dabei, das ist okay. Aber denselben Preis für Wasser zu verlangen, ist pure Geldmacherei. Rock am Ring ist dabei leider kein Einzelfall. Diese Erfahrung musste ich bis jetzt auf jedem Festival machen. Hier war der Lidl-Rockshop der Retter in Not und versorgte die Gäste, zumindest auf dem Campingplatz, mit ausreichend Wasser. Mit sechs Lieferungen pro Tag wurde stets für ausreichend Nachschub gesorgt.

Fazit
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Tiere aus Dosen – trotz Dosenpfand. Das ist Rock am Ring.

Rock am Ring ist und bleibt eines meiner Lieblingsfestivals. Spätestens wenn dir der erste Besucher mit seiner Dosenbier-Rüstung begegnet oder dir ein Bollerwagen entgegenkommt, der von einem Mann im Bananenkostüm gezogen wird, schließt man das Festival und seine Fans ins Herz. Nirgendwo anders habe ich bis jetzt so viel positive Energie erlebt wie am Ring / in Mendig. Mit persönlichen Highlights wie Slipknot, The Ghost Inside oder auch Modestep war das diesjährige Rock am Ring wieder ein inneres Blumenpflücken.  Während ich diesen Text schreibe, habe ich schon meine Zusage für Rock am Ring 2016 auf Facebook bestätigt. Bleibt nur noch zu klären, wer mein Dosenbier trägt.

Anne

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