Rise Against… diesen Moment

Rise Against… diesen Moment

TEILEN

Du kennst ihn, diesen Moment.
Du sitzt zuhause, vor deinem Laptop, schräg gegenüber der Kaffeetasse deines Vertrauens und hast dir etwas vorgenommen. Vorgenommen, etwas für die Uni zu machen. Oder die Schule. Oder Arbeit. Nennen wir es Bachelor-Arbeit, Hausaufgaben oder Angry-Birds-Marathon. Oder du willst vielleicht auch einfach nur endlich mal wieder das virtuelle hemplische Sofa aufräumen, was noch vor geraumer Zeit so etwas Ähnliches wie deine Festplatte gewesen ist.
Auf jeden Fall suchst du jetzt für eben genau diesen Moment, und die vielleicht nächsten ein bis zwei Stunden, welche du an deinem Laptop verbringen wirst, spontan eine passende musikalische Untermalung. Irgendetwas Gutes. Damit die fast-geräuschlos knisternde Steckdose unter deinem Schreibtisch und der imaginäre Deckenventilator nicht deine so-gut-an-Lärm-gewöhnten Trommelfelle ruinieren.

Sucht jemand Streit?

Und weil du ja alles, was du bisher gehört hast, schon einmal gehört hast (klingt fast logisch), suchst du etwas Neues. Ein neues Album, was du noch nicht kennst, welches nebenbei laufen kann. Ein Scheibe die dich unterhält und dabei der Stille den Kampf ansagt. Dich dabei gleichzeitig aber auch nicht ablenkt oder gar stört, während du dich höchstkonzentriert deiner virtuellen Do-To-Liste für Ganz-hart-Motivierte widmen kannst. Du klickst daraufhin also in deinem Winamp-Interpreten-Ordner (Kennt das denn noch jemand?) oder in der dir spontan-zusagendsten Spotify-Stimmungsplaylist herum und findest am Ende ein dir bis dato unbekannten Longplayer. Die Musik läuft und schon kann es mit der Arbeit losgehen. Soweit, so gut gemeint.

Jetzt gibt es ab diesem Moment allerdings zwei Arten von Musik.

Die eine lässt dich, trotz vorheriger Selektion, welche sich auf dem Akribie-Level eines Jackson Pollocks beim Fertigen eines Action-Paint-Gemäldes befand, nicht in Ruhe arbeiten. Sie lässt dich nicht mehr los, weil du zwischendurch immer wieder stoppen, skippen, wiederholen musst, damit du diese oder jene Stelle, die Zeile, das Riff noch einmal anhören kannst. Warum? Weil sie etwas hatte, weil sie dich als alten Anglizismen-Liebhaber einfach „gecatcht“ hat. Wie genau, kannst du selbst vielleicht nicht immer sofort definieren, aber spontan ploppen in deinem Hirn immer wieder die Worte „Cool, das klang ja echt fett.“ auf.
Und die andere Art von Musik?
Die läuft einfach nur durch, ohne dass sie merklich deinen musikalischen Nerv trifft, vielleicht sogar ohne dass du sie wirklich bemerkst. Weil sie dich nicht überrascht, keine Abwechslung bietet, alle Songs relativ gleich klingen, dich die unzähligen Barregriffe der Saitenfraktion irgendwann langweilen oder die Stimme des Sängers, so gut sie auch ist, ab der Hälfte des Albums nur noch ein monotones Nebengeräusch darstellt.
Hmm, was soll ich dir sagen, nach dem ersten Mal durchhören war das neue Rise Against-Album bei mir eher Zweiteres.

Die Wölfe sind los

Aber um eine Binsenweisheit von vorn herein klarzustellen: Bands, die dem geneigten Durchschnittshörer ihr neues Material kredenzen möchten, können es eben diesem trotzt aller Finessen oftmals nicht recht machen. Warum?
Werden neue Pfade eingeschlagen oder der bisherige musikalische Tellerrand im Rückspiegel immer kleiner → Mist, weil es nicht mehr das Gleiche ist.
Wird gefühlt nur das letzte Album noch einmal neu aufgenommen, das Arrangement der Songs kaum verändert und der Sound beibehalten → Mist, weil dabei keine Weiterentwicklung zu erkennen ist. Kommentare wie „Ach, die machen ja immer das Gleiche…“ hat jeder schon einmal gehört.
Mit dieser eindimensionalen Fangeschmackshürde müssen sich sämtliche Interpreten, Künstler und neugegründeten Rumpelkapellen schon seit Anbeginn der Zeit herumschlagen.
Dem heiligen St. Mauritius aber sei Dank, ist dieser Zustand ja meist bei den betreffenden Personen nur von relativ kurzer Dauer. Nach zwei bis drei intensiveren Durchhör-Sessions bemerken die meisten, dass sich die Lieblingskombo bei ihrem neuen Longplayer ja doch etwas gedacht hat. Und dieser oder jener Song nach mehrmaligen Hören richtig gut reingeht.

Soviel zur Einleitung…

Jetzt aber mal Butter bei die Fische, wie ist das nun also bei „Wolves“ und meinem persönlichen Tellerrand? Wie bereits kurz angeteasert, gehört das neue Werk der ehemaligen Transistor Revolt“-Jungs im Vergleich zum Vorgänger meiner Meinung nach eher in die Kategorie „Never change a running system“.
Euphemistischer ausgedrückt: Die Vierer-Kombo ist sich treu geblieben.
Es gibt keine abstrusen Neuerungen oder großartige musikalischen Experimente. Es wird bei den ein, zwei, dr… elf Songs nicht wirklicher härter oder softer als es beispielsweise bei dem Vorgänger „The Black Market“ der Fall gewesen ist. Die Stimme von Tim McIlrath kennt man und sie tut das, was sie am besten kann. Nämlich das typische
Rise Against-Gefühl ab der ersten Note bestens vermitteln. Auch die Gitarren und die Rhythmusgruppe produzieren grundsolide die Instrumentalunterhaltung, die man eben von den vier Jungs aus Chicago gewohnt ist. Rise Against haben ihren Sound gefunden und an dem ändert sich auch auf dem neuen Album n
ichts. Und auch wenn das fast etwas abgestumpft oder abwertend klingt, soll es das jetzt aber definitiv nicht. Ganz im Gegenteil.
Rise Against machen da weiter, wo sie mir ihrem letzten Werk aus dem Jahre 2014 aufgehört haben und die Fans werden sie dafür lieben. Hymnen zum Mitgrölen und allerfeinster Ohrwurmqualitäten sind auch auf der neuen Scheibe wieder reichlich vertreten, wie auch schon die erste Single-Auskopplung „Violence“ bestens unter Beweis stellt.

Gewohnheit degradiert Qualität zum Durchschnitt – diesen äußerst weisen Spruch des 1754 verstorbenen Philosophen Max Musterma… ach nee halt, den hab ich mir ja gerade ausgedacht. Was ich damit sagen wollte: Gewohnheit degradiert Qualität zum Durchschnitt soll in diesem Fall bedeuten, dass ich dieses Album der Illinoiseraner (O.o) höchstwahrscheinlich ziemlich stark finden würde, wenn es das Debüt der Ami-Kombo wäre. Was für eine verrückte Welt. Also wenn ich das bisherige musikalische Portfolio der Peta- und Sea-Shepherd-Unterstützer innerlich ausblende, ist es eine starke Platte. Wenn nicht, dann geht sie im restlichen Musikozean der Sich-gegen-jemanden-Auflehner unter wie ein Massentierhaltungsbefürworter in einer Diskussionsrunde mit Jona Weinhofen.
Du siehst, ich bin etwas zwiegespalten, aber so ist das nun mal bei Musik. Irgendwas ist immer. 😉

Mein Fazit: Für mich persönlich hatte das vorherige Album etwas mehr Charakter, mehr Wiedererkennungswert. Die „Wölfe“ klingen etwas beliebiger, es fehlen mir einige Ecken und Kanten. Vielleicht bin ich einfach einer dieser Musikhörer, die lieber von Bands überrascht werden als das sie kaum Veränderung wahrnehmen. Auf der anderen Seite klingt die Platte dadurch rund, unheimlich homogen und wie aus einem Guss.
Aufgrund dessen bin ich mir sicher, dass auch „Wolves“, welches am 09. Juni 2017 mit einem geschätzten Gesamtgewicht von 102,70 Gramm das Licht der Welt erblicken wird, nicht weniger erfolgreich sein wird als sein Vorgänger. Schon allein aus dem Grund, weil es einfach Rise Against sind. So wie man sie kennt, so wie man es im positivsten Sinne erwartet. Die Jungs haben ihren Sound gefunden, und wenn man das von einer Band sagen kann, können sie ja schließlich nicht viel falsch gemacht haben.

Wie immer gut, wie immer auf den Punkt, wie immer Rise Against.

Axel

Interpret: Rise Against
Albumtitel: Wolves
Label: Virgin Records / Capitol Records
VÖ: 09.06.2017

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT