Río Tinto – Der Fluss des (rostigen) Blutes

Río Tinto – Der Fluss des (rostigen) Blutes

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(zu finden in Heft Nr. 19, Seite 9)

In Spanien, genauer gesagt in Andalusien entspringt in Sierra Morena, im Norden der Provinz Huelva, ein Fluss, der auf 100 km Länge sich weigert, ein idyllisches Blau anzunehmen. Der Río Tinto ist rot, blutrot. Gut okay, eigentlich eher rostrot, aber blutrot klingt dramatischer. Bei einem fantasievollen Blick von weit oben könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich da eine Ader des Planeten befindet, durch die sich das „Welt-Blut“ kontinuierlich zum Weltmeer, in Form des Atlantischen Ozeans, durchschlängelt und dort ergießt. Da wir aber alles dunkle, pessimistische Zeitgenossen sind, die das Okkulte lieben, sehen wir darin viel lieber unzählige permanente Menschenopfer, Hexenriten und einen dämonischen Fluss voller Blut.Río Tinto

Was so eine kleine Erzlagerstätte alles für Auswirkungen haben kann. Im Falle des Río Tintos ist die Verwitterung von sulfidischen Schwermetallmineralien an der roten Farbe des Wassers schuld. Hohe Konzentrationen von Eisen und Kupfer sind überall im Río Tinto zu finden. Daneben gelangt durch die Oxidation bei der angesprochenen Verwitterung, auch Schwefelsäure in den Fluss. All das sollte einen nicht dazu animieren, täglich im Fluss zu baden und das herrliche, rote Wasser zu konsumieren. Die Potenz steigert es jedenfalls nicht. Man sollte des Weiteren annehmen, dass auch Fische und sonstige Lebewesen diesen Säure-Schwermetall-Cocktail meiden würden – außer natürlich dämonische Kreaturen. Es gibt aber in der Tat possierliche säureliebende Mikroorganismen, so genannte „acidophile“ Tierchen, die diese stark saure Mischung vorziehen.

Ebenfalls gibt es durchaus viele Menschen, die den Río Tinto lieben und daraus schon seit vielen Tausenden von Jahren Profit ziehen. Um genau zu sein haben schon die Römer (und davor sogar das iberische Königreich Tartessos, 3000 vor Christus) in der Necrópolis de la Dehesa die wertvollen Rohstoffe der Region abgebaut. Es gibt entlang des Flusses viele Minen. Neben Kupfer und Eisen wird mittlerweile auch nach den profitableren Silber- und Golderzen gebuddelt. Diese Minen zählen zu den ältesten aktiven Minen überhaupt. Geneigten Andalusien-Touristen wollen wir an dieser Stelle das Bergwerksmuseum in Minas de Ríotinto ans Herz legen. Dort kann man auch Tickets zum Besuch einer der größten Tagebaustätten Europas, der Corta Atalaya, kaufen oder eine Fahrt mit einer alten Bergwerkseisenbahn buchen.

Kein Zweifel, der Río Tinto steht für Profit und Reichtum – trotz seiner eher lebensfeindlichen Bestandteilen und unappetitlichen Farbe (seine extreme Konsistenz wird von NASA-Wissenschaftlern mit möglichen unterirdischen Flüssen auf dem Mars verglichen). 1873 wurde die Rio Tinto Group gegründet, welche heute mit jährlich über 40 Milliarden Dollar Umsatz zu den größten Bergbaugesellschaften der Welt zählt. Ein Multi-Milliarden-Dollar-Konzern mit dem Namen eines unnatürlich-roten Flusses, welcher eine dämonische Aura verstrahlt – ja, das passt doch wieder einmal herrlich in unser diabolisches Weltbild!

Pascal Scheib

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