Richtig feiern auf dem Fahrrad

Richtig feiern auf dem Fahrrad

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Jeder hat seine Lieblingsclubs in Berlin und weiß auch genau, wo er nicht hingeht, weil die DJs (oder die Gäste) dort beim letzten Mal einfach gar nicht gingen. Freunden die zu Besuch sind wird schnell mal der einzig wahre Club gezeigt, weil man nur da richtig feiern kann. Viele sind sich sicher zu wissen, wo man wie feiern kann. Es gibt ganze Guides darüber, wo welche Musik gespielt wird und welche Leute man dort antreffen kann.

Es gibt aber auch etwas in der Berliner Clubkultur, das nicht besonders ausführlich erforscht ist. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass Forscher sich sogar Zeit nehmen, um herauszufinden, ob Hamster weniger Jetlag haben, wenn sie Viagra nehmen. SLEAZE.Clubkultour.Bar-25-1Doch die Berliner Club Commission und insbesondere Kulturwissenschaftler Eberhard Elfert haben sich ganz genau die Entwicklung der Orte, wo es Clubs gab und gibt, angeschaut. Bereits seit dem letzten Jahr bietet Eberhard dazu Fahrradtouren zu den Clubs rund um elektronisch produzierte Musik an. Das Ganze nennt sich Clubkultour und ab diesem Jahr gibt es sogar drei verschiedene Touren mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Bevor es ab morgen offiziell losgeht, haben wir uns das aber nochmal angeschaut. Im Bus ist Eberhard mit uns alle drei Touren etwas verkürzt einmal durchgegangen. Verkürzt, weil eine Tour etwa drei Stunden dauert und sie durch Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg führt. Besonders wichtig ist hierbei, eine andere Perspektive auf die Clubkultur zu bekommen. Es geht nicht um den wirtschaftlichen Aspekt, sondern der kulturelle Wert dieser Veranstaltungsorte ist besonders wichtig. Oft haben Leute ihre festgefahrenen Eindrücke von der Entstehung der Clubszene Anfang der 90er, doch wird hier die Entwicklung ganz objektiv betrachtet. Eine Sichtweise, die man nirgendwo findet in Berlin. Es gibt sonst keinen richtigen historischen Umgang mit der Clubkultur und die Touren sollen helfen, das Feiern mal aus anderer Sicht wahrzunehmen.

Aus diesem Grund gibt es auch Dinge, die man von Clubkultour nicht erwarten soll. Es gibt keine Tipps, wo es die besten Partys gibt, da dies sehr individuell ist. Außerdem werden die Clubs nicht direkt besucht. Denn das Gefühl beim Feiern lässt sich nicht nachstellen, indem man sich direkt den Ort des Geschehens anschaut. Gerade für Touristen, die einen Tipp für wilde Abende erwarten, haben diese Touren nicht viel zu bieten. Doch wer mehr über den Ursprung der Szene erfahren möchte und wie aus Industrieflächen Clubs wurden, kann hier einiges mitnehmen.

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Das Sexyland – und wo es einst war.

Eberhard stellt Verbindungen her zur Architektur und dem Immobilienmarkt und erzählt von Personen, die die Clubkultur beeinflusst haben. Es ist wirklich einfach, ihm zuzuhören, da er so viel Leidenschaft für dieses Thema hat und selbst bei der verkürzten Tour viele Details nennt. Wenn er etwas vergisst, scheut er nicht davor, den Fakt später dazwischenzuwerfen. Er möchte eindeutig, dass man als Zuhörer alles nachvollziehen kann und so viel Hintergrundwissen wie möglich mitnimmt. Die Entwicklung einzelner Clubs und interessante Anekdoten kommen hier auch nicht zu kurz. In der kurzen Zeit hat Eberhard schon einiges über das unterirdische Sexyland am Rosenthaler Platz, die Bar 25 und unzähligen anderen Kultclubs erzählt. Es werden Fragen geklärt wie der Grund, warum Techno-Musik in den 90ern oft keinen Text hatte und warum es mitten im Deli ein Lagerfeuer gab.

Allen die dabei waren, werden einige Geschichten bekannt sein, doch haben sie das meiste eben noch nie aus historischer Sicht betrachtet, bei der niemand Position bezieht. So hat Eberhard auch erzählt, dass es drei Zielgruppen für die Touren gibt, die sich so auch bestätigt haben. Viele Menschen Anfang 20 interessieren sich sehr für die Entstehung der Clubkultur, während 40 bis 50-Jährige sich die Orte, an denen sie früher unterwegs waren, anschauen möchten. Besonders interessant sind aber die älteren Menschen, die gar nicht so richtig dabei waren und wissen möchten, was da überhaupt wirklich passiert ist in dieser Zeit.

Das "Casino". Der Laden ist leider oft etwas untergegangen.
Das „Casino“ in der Backfabrik ist leider oft etwas untergegangen.

Wer Interesse hat, an einer dieser Touren teilzunehmen, muss sich nur entscheiden. Bei der klassischen Tour geht es vor allem um die Entwicklung und Geschichte der Clubkultur. Es werden die Veranstaltungorte der 90er besichtigt, insbesondere rund um das Grenzgebiet. Hier hat Eberhard auch ein paar Geschichten von Dimitri Hegemann auf Lager, dem Tresor-Gründer. Die Tour „Underground And Easy Jetset“ fokussiert sich auf die Hintergründe der Eröffnung und Schließung verschiedener Clubs und widmet sich auch ihrer Architektur. Etwas ganz Spezielles ist die Tour „Richtig Feiern“. Das „richtig“ ist hier natürlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht zu sehen. Diese Clubkultour geht von 22 bis 1 Uhr an die aktuellen Orte der Club-Szene. Es geht um die Wanderung der Clubs und das dazugehörige Tourismusverhalten in Berlin.

Am meisten empfehlen kann ich inhaltlich die zweite Tour, da bei „Underground And Easy Jetset“ über die einzelnen Clubs gesprochen wird. Hier hätte ich sehr gerne noch mehr gehört und vor allem die Besonderheiten der Clubs sind so skurril, das man sich schon beim Zuhören amüsiert. Da wir am Vormittag und mit Bus unterwegs waren, kann ich mir nicht vorstellen, wie die Tour „Richtig Feiern“ nachts und mit Fahrrad genau abläuft, aber ich stelle es mir sehr stimmig vor. Was die feierwütigen Leute der 90er von damals und heute gemeinsam haben, ist neben dem Faible für elektronische Musik nämlich auch die Tatsache, dass alle am liebsten nachts feiern.

Als mögliche Ergänzung an diese Tour erwähnt Eberhard das Buch „Der Klang der Familie“. Dort geht es genau um die Zeit, auf die sich die Clubkultour konzentriert, nur eben diesmal aus persönlicher Sicht der Protagonisten dieser Zeit.

Alle Informationen über die Touren in Kurzform und vor allem die Termine findest du auf der Webseite. Die Touren lohnen sich wirklich, wenn dir Kulturgeschichte nicht zu trocken ist und du dich wirklich für die Entwicklung dieser Szene interessierst. Kaum ein Ort hat eine so interessante Clubkultur wie Berlin durch die Vergangenheit, musikalische Vielfalt und die Kreativität, die Menschen mit wenig Alternativen aufbringen können.

Maurin

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