Rennspiel Grid: Knallhartes Fast-Food-Racing

Rennspiel Grid: Knallhartes Fast-Food-Racing

Nachdem wir GRID unserem Spiele-Liebhaber Flo gegeben haben, der allerdings nach eigener Aussage nicht der größte Rennspiel-Freund ist, übergeben wir das Steuer nun an unseren leidenschaftlichen Konsolen-Raser Alex. Mal sehen, wie er das Spiel findet.

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Das Rennspiel Grid genieße ich am liebsten in kleinen, schnellen Portionen. Bei dem Spiel handelt es sich um den vierten Teil der titelgebenden und 2008 gestarteten Reihe aus dem Hause Codemasters, das zugleich ein Reboot derselben darstellt.

SLEAZE + Rennspiel GRID
Was wäre ein Rennen ohne Kurven?

Der schnörkellose Arcade-Racer eignet sich bestens für den kleinen Rennhunger zwischendurch. Auf lange Sicht konnte er mich aber nicht sättigen.

Harter Rivalenkampf                         

Die britische Spieleschmiede, seit Jahren bekannt für Rennspielreihen à la DiRT und Formel 1, setzt actionreiche Blech-an-Blech-Gefechte in den Mittelpunkt seiner jüngsten Rundenhatz. Hierfür hat man die ohnehin schon aggressive KI mit einem Rivalensystem ausgestattet, im Zuge derer persönliche Rachefeldzüge an der Tagesordnung sind.

Nimmst du einen Computergegner besonders hart auf die Hörner, wird er zu deiner Nemesis, woraufhin der neue Todfeind fortan ebenfalls blockieren, schneiden und sogar ganz bewusst in dich hineinfahren wird, um sein Asphaltterritorium zu markieren.

Das sorgt für hitzige Duelle, zeigte sich während meiner stundenlangen Testrennen aber teilweise inkonsequent. Manchmal reichen bereits leichte Berührungen aus, um den Zorn deiner Mitstreiter auf dich ziehen, während ein anders Mal selbst heftigere Zusammenstöße folgenlos hingenommen werden.

Zudem erhält Grid den Anflug einer taktischen Teamkomponente. Im Laufe der Karriere, die im Grunde nichts weiter ist als eine Aneinanderreihung diverser Rennveranstaltungen, schaltest du via Level-Aufstieg neue Kameraden frei, die sich in Attributen wie Loyalität, Angriff, Verteidigung und fahrerisches Können unterscheiden.

Zum größten Teil bist du so nie allein auf den globalen Rundkursen unterwegs, sondern kannst deinem Gefährten auf vier Rädern einfache Befehle geben: Entweder soll er Druck auf seine Vordermänner machen oder seine Position mit allen Mitteln verteidigen.

Das führt denn auch tatsächlich zu einer spürbaren Veränderung seines Fahrverhaltens, vorausgesetzt, er entscheidet sich aus teils nicht immer nachvollziehbaren Gründen nicht für die Befehlsverweigerung.

Vertrauensverlust

Fahrerisch setzt das Rennspiel seine driftlastige Arcade-Linie fort. Gerade bei erhöhten Geschwindigkeiten neigt dein Fahrzeug in bereits leichter Kurvenlage zum Übersteuern. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob du in einem knatternden Mini Cooper, röhrenden Muscle Car oder einem hochgezüchteten Prototyp unterwegs bist.

Der Hang zum qualmenden Drift liegt der Reihe seit dem nunmehr elf Jahre alten Erstling inne, wobei es sich in der nun vorliegenden Neuauflage nicht mehr ganz so knackig und wuchtig und sogar zu rutschig anfühlt. Es ist ein wenig so, als fahre man mit leichtgewichtigen Metallklumpen über dezent mit Seife eingeriebene Strecken.

Zwar setzte bei mir nach gewisser Zeit eine Gewöhnung an die Fahrphysik ein, doch volles Vertrauen in meine Boliden konnte ich nie wirklich aufbauen. Zu unberechenbar reagierten sie auf so manches Manöver.

Dies zeigte sich vor allem an meiner bald einsetzenden Angst vor den gestreiften Randsteinen. Für ein Arcade-Spiel neigen die Fahrzeuge für meinen Geschmack etwas zu sehr zum plötzlichen Kontrollverlust bei Berührung dieser so genannten Curbs.

Ich denke mit Freude an die Anfänge der Rennspiel-Reihe in Form von Race Driver: Grid zurück: In dem über zehn Jahre alten ersten Teil raste ich am Steuer eines schnaufenden Ford Mustang vollen Mutes durch die Häuserschluchten San Franciscos, suchte nach dem perfekten Einlenkpunkt und rauschte mit hohem Adrenalinausstoß über die Randsteine nahe der Höchstgeschwindigkeit.

SLEAZE + Rennspiel GRID
Willkommen in China: Mit amerikanischen Muscle Cars durch Shanghai

Das neuste Grid bescherte mir nur selten derlei magische Augenblicke. In ihrer Nervosität und Unberechenbarkeit fehlt den Fahrzeugen hier die klare Linie.

Zweikämpfe zwischen Spannung und Kopfschütteln

Der Thrill entsteht daher vor allem in den Kämpfen mit den KI-Fahrern, wobei GRID dich in diese geradezu hineinzwingt. Dieser Zwang war für mich Fluch und Segen zugleich.

Zum einen sorgt die Orientierung an raue Rad-an-Rad-Action immer wieder für hart geführte Autoschlachten. Zum anderen versucht es Codemasters hier zu sehr, dich in die Rolle des blechernen Stieres zu drängen, zumindest im Karrieremodus mit seinen wenigen Konfigurationsmöglichkeiten.

Das Problem ist, dass fast alle Kurse extrem eng sind. Dies liegt zunächst einmal darin begründet, dass es zu einem großen Teil direkt durch Städte wie San Francisco, Shanghai und Havanna geht. Doch selbst offizielle Rennstrecken, wie etwa der britische Klassiker Silverstone, fühlt sich selbst im Vergleich zu anderen Racingtiteln seltsam einengend an.

Hinzu kommt, dass man fast immer im hinteren Teil des Feldes startet und nur wenige Runden Zeit hat, nach vorne aufzuschließen. Der Karrieremodus zwingt dir nämlich eine umgekehrte Startaufstellung auf, die sich an der Position im laufenden Event orientiert.

In Einzelrennen startest du ebenfalls weit hinten im Feld. Zwar gibt es die Möglichkeit einer Qualifikation über eine Runde. Allerdings halte ich diese Option angesichts der ohnehin kurzen Rennen von meist wenigen Minuten für absurd. Die im Zweikampf mit den Kontrahenten liegende Stärke des Spiels wird so unnötig ausgebremst.

Ich habe mich oft nach einer simplen Einstellung für eine zufällige Startaufstellung gesehnt. Die in wenigen Schwierigkeitsgraden verstellbare Rennspiel-KI legt zum Teil nämlich einen dermaßen inkonsequenten Fahrstil an den Tag, dass dir nichts anderes übrig bleibt, dich innerhalb von zwei, drei Runden so breit und durchschlagskräftig wie nur irgend möglich zu machen.

Das erinnerte mich manchmal eher an Zerstörungs- als an Autorennen. Besonders in engen Kurvenkombinationen und bei hohem Verkehrsaufkommen bremst die computergesteuerte Konkurrenz selbst auf höheren Stufen fast auf Schrittempo ab und blockiert dir somit komplett jegliche reguläre Überholmöglichkeit.

Dagegen weiß sie schnelle Passagen oft besser zu meistern, was auch daran liegt, dass sie in diesen nicht so krass zum Driften neigt wie der eigene Untersatz.

Gut, dass rabiates Rasen vom Spiel selbst nicht bestraft wird, die Computerkonkurrenz zufällige Fehler einbaut und das Schadensmodell auch auf höchster Stufe mehr als großzügig ist. Es verzeiht harte Einschlage in der Regel und solltest du es doch einmal zu bunt getrieben haben, kannst du optional die seit einigen Jahren im Genre herumwandernde Rückspulfunktion nutzen.

Resümee des rasenden Reporters?

Letztlich ist Grid eine kurzzeitig sattmachende, aber auf lange Sicht zu leere Rennspielportion. Ob nun offline oder online, es fehlt dem Rennspiel an Substanz, um auch längerfristig den Hunger nach spannenden Pistenrasereien zu stillen. Neben seiner soliden Auswahl klassischer Spielmodi, wie freie Rennen und Karriere, verführt es mit seiner Kurzzeitaction hin und wieder auf die Strecke.

SLEAZE + Rennspiel GRID
Die Fahrer hier sind manchmal etwas abgehoben.

Die Duelle sind trotz der leicht schwammigen sowie etwas zu rutschfreudigen Fahrphysik kurzweilig und im besten Fall über mehrere Kurven hart umkämpft, oft aber auch einfach nur ein irrwitziges Herumgequetsche durch eine sich festfahrende Blechlawine.

Als kleiner Snack funktioniert das auch technisch nur mittelmäßige, da wenig detailreich und leicht verwaschen aussehende Spiel (getestet wurde auf einer regulären PS4) vorzüglich. Auf lange Sicht lässt mich das Rennspiel GRID aber mit Appetit auf mehr Inhalt, Tiefe und letztlich Fahrspaß zurück.

Alex

Titel: GRID
Publisher: Codemasters
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows, Google Stadia

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