Red Dead Redemption 2 Soundtrack – Musikalisch durchs Wild-West-Epos

Red Dead Redemption 2 Soundtrack – Musikalisch durchs Wild-West-Epos

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Weit mehr als ein halbes Jahr liegt meine Reise durch den Wilden Westen an der Seite von Arthur Morgan zurück. Es sagt viel über ein Spiel aus, wenn ich auch Monate nach dem erstmaligen Abschließen der Hauptgeschichte immer wieder nach West Elizabeth, Lemoyne und anderen Gegenden zurückkehre und mich noch nicht bereit fühle, einen erneuten Durchgang zu starten.

SLEAZE + Red Dead 2 Soundtrack
Der Clint Eastwood von Rockstar Games: Arthur Morgan

Das große Drama um den getriebenen Revolvermann mitsamt seiner Gang auf der Flucht hat nichts von seiner Wirkung verloren. Red Dead Redemption 2 hat tiefe Spuren hinterlassen. Kürzlich ist der erste Teil des Soundtracks erschienen, der einige der berührendsten Momente der Story maßgeblich mitgestaltete.

Zunächst sei an dieser Stelle erwähnt, dass es sich bei der ausschließlich digital erschienenen Musikauswahl bei Weitem nicht um die vollständige Musik aus dem Spiel handelt. Insgesamt hat Rockstar Games beim Musikverlag Lakeshore Records, nachdem auf YouTube schon seit Monaten etliche Stücke die Runde machen, nun zunächst dreizehn Lieder in teils erweiterten und veränderten Fassungen herausgebracht, die gleichzeitig zu den bekanntesten von RDR 2 zählen.

Es ist eine Mischung aus gesanglichen wie komplett instrumentalen Kompositionen. Grob zeichnen sie größtenteils Wendepunkte und Klimaxe des Hauptplots nach, wenn auch in nicht chronologischer Reihenfolge.

Eine musikalische Reise vom Ende der Welten

Den Auftakt des komplett vom mehrfachen Grammy-Gewinner Daniel Lanois produzierten Albums macht D’Angelos ungemein lässiger Song Unshaken. Der ist erst nach vielen Stunden Spielzeit in Red Dead 2 zu hören und könnte einer Band in einer versteckten Piratenbucht für Gestrandete und Untergetauchte entsprungen sein. Diese Vorstellung findet im Spiel selbst gewissermaßen einen passenden Kontext.

SLEAZE + Red Dead 2 Soundtrack
Ein Hallelujah für die Musik.

Warum sich die Verantwortlichen dazu entschieden haben, die Titel nicht in der Reihenfolge ihres Auftauchens anzuordnen, ist nicht bekannt. Es macht aber auch überhaupt nichts, denn durch das gesamte Spiel und so auch seiner Musik laufen starke Motive, die sich melodisch, textlich und letztlich emotional als rote Linie durch das Epos ziehen.

„May I stand unshaken amid, amidst a crashing world” heißt es gleich zu Beginn des Auftaktsongs: „Möge ich unerschütterlich stehen inmitten einer zerbrechenden Welt“, die das spätere Lied Crash of Worlds noch einmal in einer verkürzten und nur minimal instrumental begleiteten Variante des Stückes aufgreift.

Rockstars Open-World-Epos erzählt von dieser Welt, die für einige ihrer Bewohner aus verschiedenen Gründen zusammenbricht. So wird auch für Arthur und seine Gang, die wie eine Familie für ihn ist, der Platz immer kleiner.

Sie sind in die Enge Getriebene (Passage aus Unshaken: „I once was standing tall, now I feel my back’s against the wall” / Ich stand einst erhobenen Hauptes, nun spüre ich wie ich mit dem Rücken zur Wand stehe), um die sich die Schlinge zunehmend enger schnürt. Arthur selbst bringt es auf den Punkt, wenn er etwa sagt: „Wir sind Diebe in einer Welt, die uns nicht mehr will” oder „Wir sind mehr Geister als Menschen”.

Musik ist weit mehr als nur eine Beilage

Rockstar hatte schon immer ein feines musikalisches Gespür für seine Spiele. Die Grand Theft Auto-Reihe beispielsweise ist bekannt für ihre zahlreichen Radiostationen, die fundamental dazu beigetragen haben, die virtuellen Interpretationen von Orten und Epochen lebendig werden zu lassen.

Da machte es qualitativ nie einen Unterschied, ob es sich um die Geschichte eines Ganoven in New York City (Liberty City) der Moderne, eines Tony-Montana-Verschnitts im neonfarbenen Miami (Vice City) der 80er oder der Abbildung Kaliforniens inklusive Los Angeles (Los Santos) handelte.

Die wilde Western-Fantasie bildet hier keine Ausnahme und führt alle Spielelemente eng zusammen. So auch die Musik, die untrennbar mit dem poetischen Ton des Gesamtwerks verbunden und nicht nur hübsche Beilage ist, sondern prägender Teil des Ganzen. Anders als bei GTA handelt es sich hier zum größten Teil um eigens für das Spiel kreierte Stücke (der Score war bei beiden Reihen seit jeher original). Auf dem Album gibt es keinen einzigen Titel, der per Lizenz eingekauft wurde.

Musik und Gesamtwerk fließen in Red Dead 2 auch durch diesen Umstand stufenlos ineinander. Wenn die Story Leute voller Hoffnungen und Träume in ihren Blickpunkt rückt, so drückt sich deren Konflikt mit ihren teils harschen Lebensumständen etwa auch im zweiten, sanft gehauchten und gebrummten Moonlight wie selbstverständlich aus.

Die Melodie dürfte Spieler an Zeiten des Aufbruchs in der Anfangsphase des Spiels erinnern, in der tiefer Winter dem lebensbringenden Frühling weicht. An späterer Stelle des Albums findet sie sich noch einmal als Mountain Hymn wieder.

Musikerin Rhiannon Giddens singt erinnerungswürdige Zeilen, die an die brutalen Leben der Cowboys erinnern, um ihnen gleich darauf Mut zu machen: „You did your worst, you tried your best, now it’s time to rest” (Du hast dein Schlimmstes getan, du hast dein Bestes versucht, nun ist es Zeit, sich auszuruhen) und „See the fire in your eyes” (Sieh das Feuer in deinen Augen).

SLEAZE + Red Dead 2 Soundtrack
Goldene Aussichten im Wilden Westen.

Was bleibt anderes als Weitermachen?

Hinter allem Zerren und Aufbäumen verbirgt sich eine Art fatalistische Hoffnung. Was wir, was Arthur und seine Mitstreiter getan haben, lässt sich nicht mehr ändern. „That’s The Way It Is”, so ist es eben, heißt denn auch das elegische und irgendwie auch versöhnliche und von Daniel Lanois eigens vorgetragene Lied Nummer drei, das einem Abschied und dem Aufbruch hin zu Neuem gleichkommt.

Wir mögen Feuer und Zerstörung in diese Welt gebracht haben („The building of a shrine, only just to burn”), so ist es unveränderlich nun mal, doch auf all den vor uns liegenden Wegen lasst uns eines wagen: „Shine light into darkness”, scheine Licht in die Dunkelheit, so die erhobenen Worte gegen Ende des langsamen, traumartigen Songs, die zugleich eine der heftigsten und aufwühlendsten Sequenzen des Spiels abschließen.

Heiterer, thematisch aber nicht minder schwergewichtig fragt Willie Nelson in Cruel World später schunkelartig: „Must I go on?” (Muss ich weitermachen), um sich diese Frage kurz darauf selbst mit einem Ja zu beantworten („I’m moving on”) und der grausamen Welt nach einem „zu schnellen” und „zu langen” Leben auf welche Art auch immer den Rücken zu kehren („Cruel, cruel word, I’m gone”).

Gleich zweimal findet sich der Titel auf der digitalen Platte, gegen Mitte und ganz am Ende, wo er noch einmal von Josh Homme vorgetragen wird. Der Song erscheint geradezu wie ein mit einem großen, befreienden Seufzer begleitetes Loslassen nach Monaten und Jahren von einer viel zu aufregenden, schnellen Welt („This big ol‘ world sure got me running ‚round”) und der Bereitschaft, sich endlich niederzulassen („I know now that I am homeward bound”).

SLEAZE + Red Dead 2 Soundtrack
Einfach nur ko oder genießt er grad den neuen Soundtrack?

Umrahmt sind die Gesangseinlagen auf dem ersten offiziellen Soundtrack zu Red Dead Redemption 2 zusätzlich mit Daniel Lanois‘ reduziertem Red sowie fünf vollständig instrumentalen Musikkapiteln, die etwa mit romantischen Gitarrenklängen und brummigen Bässen die Reise durch Rockstars Western vor dem inneren Auge heraufbeschwören.

Zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Sommer soll zudem der Original Score von Woody Jackson im Rahmen eines weiteren Albums erscheinen. Mein Pferd ist jedenfalls gesattelt und neben Whiskey, Karotte und Flinte mit Kopfhörern bestückt.

Alex

Titel: The Music of Red Dead Redemption 2
Veröffentlicht: gerade erschienen
Verlag: Lakeshore Records

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