Red Dead Redemption 2: Der nächste Gamechanger

Red Dead Redemption 2: Der nächste Gamechanger

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Grenzen sind für Spießer und Büroleichen. Vor über einem Monat begann ich meine Reise im virtuellen Wilden Westen. Red Dead Redemption 2 von Rockstar Games hat mich seit jeher bereits weit über hundert Stunden in die wohl lebendigste Open World entführt, die es bisher zu sehen gab.

SLEAZE + Red Dead Redemption 2
Ein Cover von Johnny Cash?

Ein Ende ist nicht absehbar, wenngleich ich die gefühlt letzten Atemzüge zumindest der Hauptgeschichte allmählich im Nacken spüre. Aber was heißt das schon in einem Spiel, das mich teils tagelang an den Bildschirm festhält, ohne jenem Plot zu folgen?

Das liegt nicht etwa daran, dass dieser uninteressant wäre, sondern vielmehr am inneren, erzählerischen Zusammenhalt aller Dinge in dieser so wilden, unberechenbaren, offenen Welt. Überall gibt es stets aufs Neue weitere Geschichten am Wegesrand zu bestaunen.

Red Dead Redemption 2 beschwört ein fiktives, sich höchst real entfaltendes und anfühlendes Wild-West-Universum herauf samt existenzieller Schicksale, einer atmenden Flora und Fauna sowie der Verankerung im Hier und Heute. Damit ist das Spiel der nächste große Gamechanger nicht nur der Spielwelt, denn erzählerisch sprengt der Titel Ketten und zeigt Grenzen den Mittelfinger der Ambition.

Red Dead Redemption 2 erzählt von großen, zeitlosen Themen

Der große Handlungsbogen spannt sich um Hauptcharakter Arthur Morgan und die Van der Linde-Gang, eine Gruppe von Outlaws, die 1899 und damit im zunehmend gezähmten Wilden Westen nach einem missglückten Raub auf der Flucht ist. Sie sind Menschen, denen ihr Platz in der sich rasch veränderten Welt mehr und mehr entrissen wird.

„We’re thieves in a world that don’t want us no more”, heißt es einmal. Diebe in einer Welt, die sie nicht mehr haben will. Die Zeit der Gesetzlosen steuert mit aller Härte dem Ende entgegen. Angesichts des modernen Migrationsdiskurses ist die Bezeichnung „Flüchtling” nicht abwegig.

Die schmutzigen Schornsteine der so genannten Zivilisation verrauchen in bedrohlicher Rasanz das Leben in Freiheit. An die Stelle offenen Konflikts mit Revolver und Flinte treten die öffentliche Debatte, der Kompromiss, das Gesetz und irgendwie auch die Falschheit.

Rauheit auf beiden Seiten. Rockstar inszeniert einen existenziellen Konflikt zwischen Natur und Zivilisation und erzählt gleichsam von der Unveränderlichkeit des eigenen Wesens. Wir ändern uns niemals, sondern werden immer mehr zu jenen, die wir wirklich sind, sagt ein Charakter sinngemäß.

Rockstar reißt Grenzen des Erzählens ein

Red Dead Redemption 2 verdient die Bezeichnung Epos als eine lange, weitgefächerte Erzählung. Sein Hauptplot ist nur eines von vielen Teilen derselben. Denn Rockstar schafft es mit der gesamten Story, also der Gesamtheit aller in RDR 2 zu findenden Dinge wie Spielwelt und Charaktere, eine große Geschichte zu erzählen. Das gigantische Ausmaß dieses passiven, da nicht immer den Plot vorantreibenden, Storytellings ist ein wesentliches Element für die Befreiung aus narrativen Gefängnissen.

SLEAZE + Red Dead Redemption 2
Ein klassischer Western.

Zudem fordert es dich als Spieler heraus, weil die Entwicklerschmiede in einem erfrischend entschleunigtem Erzähltempo reitet. Die Entdeckung der Langsamkeit bedeutet mitnichten ein Verlorengehen von Intensität. Das Gegenteil ist der Fall. Rockstar öffnet dir eine Tür in eine Welt, die von dir auf deine ganz eigentümliche Weise entdeckt werden kann. Du bist an der Seite von bzw. als Arthur dein eigener Entdecker und Beobachter.

Dafür reißt das Spiel bestehende Grenzen ein und fügt sie zu einem übergangslosen Ganzen zusammen. Reite ich beispielsweise ins Gebiet einer neuen Mission, so reite ich übergangslos in beteiligte Figuren und in Zwischensequenzen hinein – lediglich schwarze, sich einblendende Filmbalken kündigen ihren Beginn an.

Spaziere ich durchs Lager meiner Gang, lausche ich zufällig den Gesprächen meiner Gefährten, die allesamt ihre eigenen Schicksale und Lebensgeschichten mit sich tragen und sogar mit Problemen auf mich zukommen. Kommt es zur aufgeheizten Konfrontation mit einem Bewohner dieser Welt, habe ich je nach Naturell des Betroffenen die Möglichkeit zur Entschärfung. Sie sind keine unmündigen KI-Kloppse, sondern können für mich als Schmied im Umgang mit dieser Welt Freund und Feind zugleich sein.

Das Novum von Red Dead 2 ist die konsequente Untrennbarkeit der in sich ineinanderfließenden Spielelemente, die es in dieser Form und Radikalität noch nicht gab. So sehr Rockstar von Existenzen in körperlichen wie seelischen Grenzregionen einerseits erzählt, so sehr feiern sie die neue Grenzenlosigkeit des Open-World-Genres auf der anderen Seite.

SLEAZE + Red Dead Redemption 2
Die Zukunft kommt schnell und stampfend.

Der Wilde Westen und die Entdeckung einer neuen Selbstverständlichkeit

Diese mündet in einer lässigen Natürlichkeit, denn was immer dir realistisch und folgerichtig erscheinen mag, entpuppt sich auch als virtuelle Realität. Es ist natürlich selbstverständlich, dass…

…ich während eines Waldritts von einem im Weg stehenden Astes knallend vom Pferd geworfen werde.

…sich jeglicher Rauch, Baum, Busch, die Wolken und andere Dinge entsprechend der Windrichtung neigen und verformen.

…ich auf glattem Eis nicht unmittelbar zum Stehen komme, sondern leicht schlittere.

…Vögel die Augen von Leichen auspicken.

…hungrige Kojoten nur darauf warten, an die Toten jenes Lagers zu kommen, in dem Momente zuvor noch eine Konfrontation zwischen Fremden und mir blutig eskalierte.

…sich Steine an steilen Hängen lösen, wenn ich sie nur stark genug beeinflusse.

…ich zunächst vom vor mir Reitenden darauf hingewiesen werde, ihn nicht zu verfolgen und er schließlich bei Nichtbefolgung seiner Aufforderung panischer wird und womöglich die Waffe zieht.

…ich unbewaffnet von einem angreifenden Puma kaltgemacht werde.

…ich in einem See einer von Industrie verdreckten Stadt vergiftete Fische angle.

…ich den mitten im Wald gefundenen Tresor mit Dynamit aufsprengen kann, nachdem ich seine beiden offenkundigen Räuber zuvor verjagt oder getötet habe.

…und so weiter. Wo in vielen anderen Spielen nur die Reaktionen des Spielers auf festgelegte Momente oder Abläufe zählt, reagiert die Spielwelt eigenständig zurück. Auch hier mögen umfangreiche Programmskripte hinter den Ereignissen stecken, doch sind diese dermaßen unberechenbar und vielfältig in Red Dead 2 geschrieben, dass sie die Illusion der Spielwelt aufrechterhalten.

Ungewissheit, die fasziniert

Diese Vielfalt und Allgegenwärtigkeit der Unberechenbarkeit bestimmt die vorsichtige Begegnung mit diesem fiktiven Amerika und seinen Gegensätzen. Während ich im Gebirge zuvor noch durch tiefsten Schnee stapfte, empfangen mich nach einem zunehmend grüner werdenden Abstieg klare Flüsse, dichtes Laubwerk und weitflächige Ebenen, in denen ich das brummende, geradezu ehrfurchtgebietende Stampfen einer aufgescheuchten Bisonherde schon von weitem vernehme.

SLEAZE + Red Dead Redemption 2
Ein unzertrennliches Paar: Arthur samt Pferd

Und nie kann ich mir sicher sein, was auch nur wenige Meter weiter geschieht. Auf wen mag ich treffen? Welches Mysterium entdecke ich an der Brücke, zu der mich blutige Spuren hinleiten? Soll ich, als der Gesetzlose, der ich bin, die Gruppe Banditen vor mir den Zug ausrauben lassen? Soll ich mir ihre Beute schnappen oder nun, da das Blechungeheuer ohnehin schon unbewegt ruht, selbst zum Raub ansetzen? Immerhin gilt es, das Lager meiner Gefährten, meiner Freunde und Familie gewissermaßen, zu versorgen.

Rockstars Red Dead Redemption 2 ist ambitioniertes, einzigartiges Erleben

Red Dead Redemption 2 ist ein spielbarer Roman. Allein das finale Skript der Hauptgeschichte sei rund 2.000 Seiten lang, wie Co-Autor Dan Houser und Mitgründer von Rockstar Games, gegenüber Vulture verriet. Der Stapel an Dokumenten wäre inklusive der Nebenmissionen und zusätzlichem Dialog „acht Fuß hoch”, schätzt Dan, also über 2,40 Meter.

2.200 Tage an Motion-Capture-Aufnahmen mit 1.200 Schauspielern (700 davon mit Dialog) habe es demnach gebraucht, die literarische Grundlage zum Leben zu erwecken. In Jahren ausgedrückt sind es über sechs. Bei GTA III (2001) aus eigenem Hause, dem wohl einflussreichsten Grundsteinleger der modernden 3D-Open World, waren es noch fünf Tage.

Diese Zahlen könnte man als Reflektion der Studioambitionen deuten: „Wir haben immer versucht, groß zu träumen”, sagte etwa Motion-Capture-Regisseur Ron Edge. Das gesamte Spiel enthält 300.000 Animationen, 500.000 Zeilen Dialog „und noch viel mehr Zeilen Programmcode”, wie es in dem Artikel über die Entstehung von Red Dead Redemption 2 heißt, dessen Entwicklung rund acht Jahre dauerte (via Gamerant).

Red Dead 2 löst sich darüber hinaus in seiner Grundstimmung sehr deutlich von der großen Grand Theft Auto-Reihe, die vielerseits vor allem als Satire auf die Moderne, speziell die USA, wahrgenommen wird.

Der Western fährt trotz absurder Figuren und Augenblicke die von Rockstar bekannte Ironie und den beißenden Sarkasmus spürbar zurück. Dieser Wilde Westen schafft ein komplexes Gesellschafts- und Menschenbild und wandelt ganz natürlich zwischem großen Drama, lustigen wie zutiefst verstörenden, traurigen und schmerzenden Augenblicken, denen ich mich auch nach Abschalten der Konsole tief verbunden fühle.SLEAZE + Red Dead Redemption 2Red Dead Redemption 2 könnte eines Tages auch von Nichtspielern als Klassiker neben Hemingway’schen Büchern, Kubrick-Filmen oder Bildern Picassos anerkannt werden. Nie entfernte sich ein Spiel soweit davon, „klassisches” Spiel zu sein in seiner Ambition, Erlebnis zu sein. Diese Grenzzerstörung hat es eben mit den aus meiner Sicht interessantesten Stoffen der Kunst gemein.

Somit ist Red Dead Redemption 2 ein wahrer Gamechanger und ein Spiel wie kein zweites.

Alex

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