Raptihl macht Rundumschlag

Raptihl macht Rundumschlag

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Na, wo sind die Hipster, die nur „Willst du“ kennen? So begrüßte Alligatoah sein Publikum bei seiner letzten Tour „Reise nach Jerusalem“ in Berlin. Zugegeben, das Lied hat seine Popularität auf eine ganz andere Ebene gehoben und sogar die größten Indie-Pop- und Deutschpoeten-Fans hören plötzlich Hip Hop. Wer Alligatoah und vor allem Trailerpark vorher schon kannte und feierte, ließ sich von seinen Freunden auf die Schulter klopfen und fing an von damals zu reden, als er noch richtigen Rap machte. Tatsache ist und bleibt aber, das Alligatoah schon von Anfang an anders war und aufgefallen ist. Nach dem riesigen Erfolg mit „Triebwerke“ im letzten Jahr bin ich umso gespannter (und hoffe es natürlich), ob „Musik ist keine Lösung“ auch so verdient durch die Decke gehen wird.SLEAZE.Alligatoah.Foto2

Ankündigen braucht man Lukas Strobel schon mal nicht, dass tut er schon selbst mit dem Intro „Comeback des Jahres“ und der kleinen Hommage „Es geht wieder mal den Bach herunter“. Das wäre hier dann ausnahmsweise mal eine Referenz, die nicht nur Hardcore-Fans verstehen dürften. Videos zu drei der Lieder gibt es sogar schon, allesamt großartig den Text wiedergebend, mal bildlich und mal buchstäblich. Lachen konnte ich mir nicht verkneifen bei „Denk an die Kinder“, spätestens bei den Imitationen anderer Entweder-du-liebst-oder-hasst-sie-Musiker.

Im gleichen Stil wie „Münchhausen“ gibt es auch auf „Musik ist keine Lösung“ einen dreiteiligen Track, natürlich mit Pointe. Der Titel „Mama kannst du mich abholen“ sagt hier eigentlich schon alles. Einige erkennen sich darin bestimmt mehr wieder, als ihnen lieb ist. Mein persönliches Highlight ist „Hab ich Recht“. Sowohl inhaltlich als auch musikalisch ein absoluter Alligatoah-Song und er spiegelt unglaublich gut alle Besserwisser und Heuchler wider.

Musikliebhaber im Allgemeinen behaupten gerne, ihnen ginge es hauptsächlich um die Texte. Die müssen für viele tiefgründig und im besten Fall intelligent sein. Klar ist das auch wichtig, doch tatsächlich hört man nun mal erst die Melodie oder sortiert eben nach Genre, ähnlich wie man bei Menschen zuerst das Äußere wahrnimmt. Alligatoah ist hier für mich eine Ausnahme. Man ertappt sich beim Hören von „Musik ist keine Lösung“ immer wieder dabei, akribisch hinzuhören, da man keinen Witz, keine Stichelei und auch keine extrem protzige Äußerung verpassen will. Die Nostalgiker, die Alligatoah von früher lieben, dürfen spätestens bei „Das bedeutet Krieg“ in Freudentränen ausbrechen. Es gehört aber nicht zu den eingängigsten Stücken, die sich eher am Anfang der Platte befinden. Für nachgerückte „Willst du“-Verehrer ist hier also etwa ab Mitte der Platte schon EndSLEAZE.Alligatoah.Foto3e mit euphorischem Mitsingen.

Die Bedeutung des Albumtitels „Musik ist keine Lösung“ wird im letzten Track ausführlich besungen und das überraschend ernst. Teilweise ist es schon fast angsteinflößend, wie gut die Marotten der Menschen hier in Worte gepackt werden und im ersten Moment ist das auf jeden Fall belustigend, nur um eine Sekunde später festzustellen: Scheiße, so sind wir wirklich. Zu finden sind hier mehr ironische Seitenhiebe als sonst auf aktuelles politisches Geschehen, Social-Media-Plattformen und andere Abgründe der Menschheit. Sogar etwas lernen kann man hier noch. Ob sich „Lass liegen“ nur auf Umweltverschmutzung und Verschwendung bezieht, überlasse ich allerdings lieber deinem Interpretationsansatz.

Aber Achtung – alles mit dem Hintergrund, dass Alligatoah definitiv provozieren will und sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Er nennt seine Musik schließlich selbst Schauspiel-Rap.

Musikalisch ist dieses Album seinem Vorgänger auf jeden Fall sehr ähnlich, vielleicht noch vielseitiger, doch sind die Texte um einiges gesellschaftskritischer und regen so auf merkwürdige Weise zum Nachdenken an. Trotzdem sind die Formulierungen wie gewohnt perfekt pointiert und voller Sarkasmus.

Neuere Fans können sich beruhigen, die berüchtigten Gesangsparts, die alles radiotauglicher gemacht haben sind auch hier in hohem Maße vorhanden. Wer schon lange Fan ist, kann sich an den zynischen, intelligenten Texten erfreuen, die noch genauso originell sind wie schon immer. Inklusive ist auch mal wieder das garantierte Verkneifen von Lachern, wenn man besagtes Album in der Öffentlichkeit hört.

Maurin

Interpret: Alligatoah
Album: Musik ist keine Lösung
VÖ: 27.11.2015
Label: Trailerpark

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