Querbeat im Interview: Über Festivalgigs, Moshpits und Generation Gegensätze

Querbeat im Interview: Über Festivalgigs, Moshpits und Generation Gegensätze

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Das Lollapalooza Berlin 2019 ist Geschichte. Ich war dabei und konnte mir ein Bild machen von dem bunten berühmten Hauptstadt-Event. Auf dem Musikfestival voller Popstars stach für mich die 13-köpfige Brass-Band Querbeat irgendwie heraus.

SLEAZE + Querbeat
Darf ich vorstellen? Sänger Jojo Berger inmitten der Festivalmeute

Querbeat eröffneten das Lollapalooza auf der Main Stage mit hip-hoppigen Songs, umgeben von Trompeten, Saxophonen, Posaunen und Tuba. Dank der energiegeladenen Live-Show voller Konfetti und Flamingo-Crowdsurfing herrschte schon in den frühen Mittagsstunden eine aufgeheizte Festivalstimmung.

Ein bisschen was über die Band

Vor ungefähr 18 Jahren haben Querbeat angefangen, Musik zu machen. 2001 waren nämlich bereits sieben heutige Mitglieder Teil der Band, die sich damals als Schulband in Bonn gründete. Die Querbeat-Schulband spielte viel Jazz und entdeckte vor allem den Ska für sich.

Querbeat traten zunächst auf Stadtfesten auf, bis sie einige Jahre später zu einem Teil des Kölner Karnevals wurden und vor allem eigene Interpretationen von Kölner Karnevalssongs auf die Bühne brachten.

2016 veröffentlichte die Band ihr erstes Album mit eigenen Songs Fettes Q. Von nun an ging es für Querbeat steil bergauf. Mit dem nächsten Album Randale & Hurra schossen die 13 Musiker letztes Jahr in die Top Ten der deutschen Charts und spielten eine ausverkaufte Deutschlandtour.

Inzwischen hat die Band mit einer Mischung aus Brass, Pop und Hip Hop ihren ganz eigenen Sound gefunden und erzielte mit ihren Musikvideos auf YouTube schon Millionen von Klicks. Ein richtig eingespieltes Team also.

Auf dem Lollapalooza konnte ich mit Jojo (Gesang, Gitarre), Lenny (Tuba, Posaune) und Chris (Schlagzeug) von Querbeat quatschen und den Jungs nach ihrem Festivalauftritt ein paar Fragen stellen.

Jojo: Das war für uns echt fast zu früh heute Morgen. Quasi vom Bett auf die Bühne.

SLEAZE: Aber ihr habt ja richtig abgerissen für Samstagmittag. Wie habt ihr euren Auftritt so erlebt?

Jojo: Für uns war es krass. Wir müssen ganz ehrlich sagen, dass wir gerade erst unsere dritte Festivalsaison spielen. Deshalb spielen wir noch relativ früh und müssen hoffen, dass viele Leute da sind. Wir freuen uns jedes Mal wie kleine Kids, wenn wir merken, dass da bis zum ersten Wellenbrecher alles voll ist.

Jeder vernünftige Mensch feiert Freitagabend und steht nicht um 10 Uhr auf, um ins Olympiastadion rauszufahren. Insofern waren wir super happy, dass dann doch so viele Leute da waren.

Es gab sogar Moshpits vor der Bühne. Das ist echt interessant, wenn man überlegt, dass Moshpits aus dem Punk kommen und heutzutage zu total viel Musik gemosht wird, oder?

Jojo: Ja, total. Wir waren vorhin kurz im Olympiastadion und haben ein bisschen geguckt. Da hat gerade irgendein DJ aufgelegt.

Lenny: Und da gab‘s auch einen kleinen Moshpit. Das ist heute völlig genreübergreifend.

Jojo: Völlig krass. Wir sind ja ein bisschen Punk-erzogen. Die Ärzte, Beatsteaks, das sind unsere Lieblingsalben. Aus den Live-Erfahrungen mit solchen Bands kennen wir die richtigen Moshpits und nicht nur die Nachwuchs-Moshpits, die gerade so entstehen.

Es ist schon eine interessante Entwicklung, dass ein Moshpit jetzt mittlerweile zum Konzerterlebnis dazugehört. Ich meine, selbst die Trap- und Hip-Hop-Leute zetteln Moshpits an. Ich glaube, es ist Zeit dafür, dass wir als Punk-erzogene Generation mal was Neues für Brass erfinden. Wir müssen uns mal zusammensetzen.

Querbeat war ja ursprünglich mal eine Schulband und sieben heutige Mitglieder von euch waren schon damals in dieser Schulband. Gehört ihr dazu?

Jojo: Wir zwei auf jeden Fall (zeigt auf Lenny). Zu Chris: Und du kamst zwei Jahre später rein.

2001 haben wir angefangen, als Schulband zusammen Musik zu machen. Damals haben wir viel Jazz gespielt und den Ska für uns entdeckt.

Erinnert ihr euch noch an den ersten Auftritt als Schulband?

Alle: lachen Als wäre es gestern gewesen.

SLEAZE + Querbeat
Und so verschmolz die Band mit dem Publikum – Wer braucht schon ne Bühne?

Jojo: Ohne Scheiß. Wir haben super viele Jahre eher öffentliche Proben als Live-Auftritte gehabt, weil uns keiner sehen wollte. Irgendwann dachten wir uns: Ey, wir müssen jetzt mal raus, wir müssen einen Auftritt machen. An der Schule hatten wir einen Sportplatz, da haben wir uns hingestellt und haben gespielt, da am Mittelkreis. Und dann sind echt zwei Leute stehen geblieben und haben geklatscht, nachdem wir gespielt haben.

Lenny: Da hat sich dann eine richtige Traube gebildet.

Jojo: Ja, ne richtige Traube, so drei, vier Leute. Und wir haben gedacht: Geil, das ist ein fetter erster Gig. Und seitdem ist das unser erster Gig.

Im Song Randale und Hurra singt ihr, dass ihr das Megaphon einer Generation seid. Wer ist diese Generation? Wie würdet ihr sie beschreiben? Was macht sie für euch aus?

Jojo: Die Idee von dem Song war so ein bisschen, dass jeder von uns in Gegensätzen lebt. Man hängt zu Hause vor Netflix und denkt sich: Boah geil, noch ne Serie, noch ne Serie. Und draußen findet eigentlich das Leben statt.

Viele Leben sind voller Kompromisse und das arbeiten wir in dem Song auf. Man erwischt sich selber einfach so oft zwischen Rock‘n‘Roll und Sicherheit. Man muss sich um den ganzen Scheiß kümmern, aber eigentlich möchte man am liebsten drei Tage durchsaufen.

Wie probt ihr als 13-köpfige Band und wie koordiniert ihr so viele Instrumente und Einsätze?

Lenny: Wenn wir proben, dann proben wir eigentlich richtig gut, auch sehr kreativ. Aber es ist tatsächlich schwierig mit 13 Leuten. 13 Leute haben 13 Meinungen, das heißt, wir proben einen Song so zwei Minuten und dann wird erst mal ne Viertelstunde diskutiert, bis wir uns drauf geeinigt haben, dass wir die drei besten Ideen nehmen und dann nehmen wir doch die erste. Aber es funktioniert irgendwie.

Habt ihr als Band oder einzelne von euch musikalische Vorbilder? Was inspiriert euch?

Jojo: Unser Drummer Chris legt selber auf und hört sehr viel elektronische Musik. Lenny hat früher schon Jugend-Jazz gewonnen und viel Ska gespielt. Ich bin viel mit College-Rock aufgewachsen. Das heißt, wir haben sehr unterschiedliche Einflüsse, die mittlerweile sehr querbeat sind.

Wir fanden den Namen Querbeat früher übrigens echt scheiße. Inzwischen passt der aber total krass, weil jeder aus einer anderen Richtung kommt und seinen Input reinwirft.

Wir sind irgendwie was zwischen Beatsteaks, Hip Hop und das Ganze mit Blasmusik.

Also das wäre dann so eure Schublade? Obwohl, Schubladen sind blöd, oder?

Jojo: Wer viele Schubladen zu Hause hat, kann uns gern da reinstecken. Wir haben auch nichts gegen Ikea.

Es fällt uns ja selber schwer, uns einzuordnen. Wenn wir an einem neuen Album arbeiten, überlegen wir ja nicht, welches Genre wir bei iTunes sind, sondern wir fangen einfach an.

Wir haben Bock auf energiegetriebene Musik und dass diese Energie live auch rüberkommt. Ich glaube, Energie sage ich jetzt schon zum dritten Mal, das heißt, es ist schon ein mega wichtiges Wort in unserer Musik. Das beschreibt es eigentlich am besten. Eigentlich müsste man unsere Musik als Energie bezeichnen.

Lenny: Energy-Brass!

Das klingt gut.

Jojo: Das klingt gar nicht so scheiße.

Gibt es in eurem CD-Regal ein Album, für das ihr euch heute schämt?

Jojo: Supa Richie. Kennt ihr den noch? Der hat eine Single gemacht. Das ist Matze Knop, dieser Comedian. singt: Suuupa Riiichiie kommt zu dich gefliiegt.

Da würde ich mich jetzt spontan für schämen, aber ich schäme mich eigentlich für nichts. Wir alle schämen uns eigentlich für ziemlich wenig, das muss man dazusagen. Deshalb ist die Frage vielleicht falsch an uns adressiert.

Spielt ihr eigentlich auch in kleinen Clubs?

Jojo: Auf jeden Fall. Das kennen wir vor allem von früher noch sehr gut. Unsere kleinste Bühne war so groß wie ein Billardtisch. Heute spielen wir auch noch super gern Clubkonzerte. Die Energie ist da einfach so richtig explosiv.

Wenn ihr euch entscheiden müsstet, wäre es dann die große Festival-Bühne oder der kleine Club?

Jojo: Das ist ne fiese Frage. Das Geilste wäre, die ganzen Club-Menschen mit auf ein Festival zu nehmen. Einfach so von Club zu Club ziehen und am Ende gibt‘s n großen Gig mit allen aus den Clubs.

Das ist schwierig zu vergleichen. Ein Festival ist anynomer, man sieht weniger direkte Reaktionen in Gesichtern. Im Club ist das immer ein bisschen direkter und man ist mehr drin. Club-Gigs sind eigentlich schon das, was einen prägt. Wir würden, glaube ich, nie aufhören, Club-Gigs zu spielen.

SLEAZE + Querbeat
Querbeat beim Rocken am Brocken 2019

Wenn ihr auf einem Festival wie dem Lolla spielt, seht ihr dann nur die Masse oder pickt ihr euch auch einzelne Leute raus? Wie nehmt ihr euer Publikum wahr?

Jojo: Das ist von Musiker zu Musiker unterschiedlich. Beim Singen versuche ich, alle Reihen so ein bisschen durchzugehen, um auch reagieren zu können, wenn mal was ist. Ich sehe das Publikum nicht als anonyme Masse.

Chris: Ich bin immer im Tunnel. Ich sehe immer nur Schlagzeug.

Hubi: Mal gucke ich ins Publikum und mal nicht, aber ich kriege schon mit, was da passiert. Es ist cool, wenn man die Leute einen anlächeln sieht. Dann lächelt man trotz Spielen innerlich zurück und es entsteht so eine Connection, das ist total cool.

Jojo: Ich hab mal gesehen, wie zwei Leute Stress gehabt haben. Wenn man das erste Mal im Pogo ist, kriegt man irgendwie nicht mit, wie das läuft. Da will ich am liebsten dazwischengehen. Deswegen beobachte ich das auch immer. Man will ja nicht warten, bis es eskaliert.

Bei uns bewegt man sich halt. Du kannst dich nicht vorne in den ersten Moshpit stellen und einfach nur gucken wollen, das geht nicht. Das ist bei uns so schwierig. Da gibt es Leute, die erwarten was anderes und finden sich dann in nem Moshpit wieder. Manche fühlen sich dann angesteckt, aber es gibt auch Konservative, die sich fragen, wo sie gelandet sind: Ey, was rempelst du mich an?! Denen will man am liebsten übers Mikro erklären: Kollege, das ist ein bad Vibe, der gehört hier nicht hin.

Wie spät haben wir es eigentlich?

Lenny: Zwanzig vor sechs.

Jojo: Spielt Billie Eilish schon? Wollen wir rübergehen?

Ja, lasst uns mal rübergehen.

Jojo: Na, dann… vielen Dank!

Danke euch!

Und dann nahm das Lollapalooza Festival seinen Lauf.

Nele

 

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