Quantität vor Qualität

Quantität vor Qualität

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Gott wollte die Erde in vier Wochen erschaffen. Chuck Norris gab ihm sieben Tage. Menahem Golan und Yoram Globus hätten wohl nur fünf gebraucht und zwei Wochen später Teil zwei veröffentlicht. Mark Hartley huldigt jetzt den beiden Israelis, die in den 80er Jahren die Independent-Filmindustrie auf den Kopf stellten, mit seiner Dokumentation Electric Boogaloo – Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt!

SLEAZE.electric-boogaloo_BronsonMenahem war von Kindheit an verrückt nach amerikanischen Filmen und schon früh begann er in Israel Filme zu drehen, mit denen er dieser Leidenschaft Ausdruck verlieh. Zusammen mit seinem Cousin Yoram gründete er die Produktionsfirma Noah Films, mit der sie in den 60er und 70er Jahren zwar den heimischen Markt in ihrer Hand hatten, der große internationale Erfolg aber leider ausblieb. Um auch Übersee einen Fuß in die Tür zu bekommen, kauften sie 1979 die insolvente Firma The Cannon Group Inc. und erwirtschafteten sich mit Yorams finanzieller Expertise schnell das Geld, um mit einer legendären Flut an Low-Budget-Produktionen die Videotheken der Welt zu füllen. Ihr Portfolio reicht von gefeierten Klassikern wie Akira Kurosawas Runaway Train, Barbet Schroeders Barfly und Franco Zeffirellis Otello über Action-Flops wie Superman IV und Masters of the Universe bis hin zu Skandalfilmchen wie Inga – Ich habe Lust und der Eis am Stiel-Reihe.

Das einstige Cannon-Imperium hat zwar mit zeitweise bis zu 40 Filmen pro Jahr eine Produktivität wie kein anderes Studio an den Tag gelegt, da Qualität und Quantität aber bekanntlich nicht das selbe sind, konnten SLEAZE.electric-boogaloo_Armdrückendie Cousins selten wirklich große kommerzielle Erfolge verzeichnen. Mit Stars wie Chuck Norris in Invasion U.S.A., Charles Bronson in Death Wish II und Sylvester Stallone in Over the Top aber eroberte das Produzentenduo schon damals die Herzen der B-Movie-Szene und viele ihrer Filme gelten seit langem als zeitlose Klassiker. Was Menahem und Yoram an Geschmack fehlte, versuchten sie stets mit Output wett zu machen. Doch jede Welle vergeht irgendwann und da Cannon Films Ende der 80er am finanziellen Abgrund stand, zerstritten sich die beiden Schwergewichte und gingen fortan getrennte Wege.

Mark Hartley liefert mit seiner Dokumentation zwar keine lineare Chronologie vom rasanten Aufstieg bis zum unausweichlichen Fall einer der abgedrehtesten Produktionsfirmen, die die Filmindustrie gesehen hat. Dafür präsentiert er aber ein äußerst sehenswertes Filmportrait über zwei Cousins, die Filme liebten und auszogen, um es mit Hollywood aufzunehmen. Zuspruch bekommt er dabei von über 80 Schauspielern, Regisseuren, Drehbuchautoren, Produzenten und Editoren. In bunten Anekdoten aus der goldenen Zeit Menahems und Yorams erzählen sie beispielsweise davon, wie sie Filme verkauften, zu denen es noch nicht mal ein Drehbuch gab, sowie weitere Einblicke in das Leben hinter den Kulissen der B-Movie-Schmiede. Mark schaffte es leider nicht, die beiden persönlich für seinen Film zu gewinnen, dafür kündigten sie aber ihre eigene Dokumentation Die Go-Go Boys an, die drei Monate vor Electric Boogaloo erschien. Leider starb Menahem Golan am 8. August 2014, kurz nach dem Marks Film in Melbourne Premiere feiert, doch sein gewaltiges Erbe an filmischen Geschmacklosigkeiten wird so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

SLEAZE.electric-boogaloo_CoverTitel: Electric Boogaloo – Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt

Regie: Mark Hartley

Genre: Dokumentation

VÖ: 21.04.2015

Dauer: 106 Minuten

Format: 1.78:1 (16:9)

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

FSK: 16

Verleih: Ascot Elite Home Entertainment

  Daniel

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