Post an Wagner

Post an Wagner

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Für den Journalisten Franz Josef Wagner wurde beim Axel-Springer-Verlag extra die Position des Chefkolumnisten geschaffen.
In seiner BILD-Kolumne „Post von Wagner“ schreibt er über alles, was ihm vor die Flinte läuft: Menschen, Gegenstände oder auch Farben.
inFemme schießt zurück. In ihrem Weblog antwortet sie Wagner auf seine Post. Dies und weitere Wutanfälle oder Beobachtungen gibt es unter
www.infemme.twoday.net.

Wagner schreibt an das Nobelpreis-Komitee.

Lieber Wagner,

dein heutiger Brief an das Nobelpreis-Komitee ist ein rechtes Mit-dem-Fuß-Aufstampfen. Toll! Ein beleidigter Junge beschwert sich über den ihm unbekannten Literatur-Nobelpreisträger Le Clézio. Der pure Egoismus muss das Komitee geritten haben, nicht zu dir nach Hause gekommen zu sein und dich, in deinem Ohrensessel sitzend, um Rat gefragt zu haben. Du hättest die Brille abgesetzt, dir den Bügel nachdenklich in den Mund geschoben und vermutlich mit leicht zusammengekniffenen Augen so etwas gesagt wie: „Ich atme Worte. Ich tanze durch Sätze und ziehe in Kapiteln die Vorhänge zu. Das ist meine Welt. Ich lebe Lesen. Der Nobelpreis für Literatur geht an Katja Kessler.“

Die Akademie ist deiner Meinung nach ein stieseliger Verein, bei dem es zugeht wie bei der grätzigen, unverheirateten Tante, bei der man die Schuhe ausziehen muss, die immer zu wenig Kakao in die heiße Milch tut und die immer zwar leise, aber sehr artikuliert und langweilig spricht. Und vor lauter Schmollen entgeht dir ein wichtiges Detail. Du schreibst polemisch über die Akademie: „Bitte nur nicken, die Akademie liest gerade ein Buch eines Forschers, der in der Bärensprache mit den Indianern spricht.“ Hallo? Wagner? Du nimmst doch sonst alles, was du schreibst, für bare Münze. Wenn also deiner Meinung nach der Forscher BÄRISCH kann, hättest du doch eigentlich sofort versuchen müssen, ihn zu finden, damit er Knut fragen kann, ob ihm der Geruch deiner Eltern auch fehlt. Um dann später zu merken, dass du dir das ja auch nur als Stilmittel ausgedacht hast. Dann hättest du dich, gönnerhaft lachend, kopfschüttelnd selbst in den Arm genommen.

Zu guter Letzt sprichst du der Akademie noch das Recht ab, überhaupt lesen zu können. Aber solltest du da nicht lieber ein bisschen die Füße in den Brokatpuschen mit Goldbommeln (evtl. Geschenk von Helmut Kohl) still halten? Schließlich klingen alle deine Briefe wie von einem religiösen Schlagwort-Fundamentalisten, der rechtsdrehendes LSD genommen hat. Und trotzdem darfst du schreiben. Oder nicht?

Herzlichst,

inFemme

Wagner schreibt an die schreckliche Woche. inFemme schreibt an Wagner.

Lieber Wagner,

manche fragen Gott, warum so viel Schlimmes passiert. Du schreibst einen Brief an die schreckliche Woche, in der ein Finne blutig um sich schoss, ein Schrebergarten-Mörder seine Nachbarn umgebracht hat, Dörflein starb und so weiter und dokumentierst die Zeit, die du für Trauer oder Wut gebraucht hast. „Dicht folgte eine schlechte Nachricht auf die nächste. Man hatte gar keine Zeit, erschüttert zu sein.“
Vor allem du nicht, denn du musstest, wie du selbst schreibst, schließlich jeden Tag draußen Tennis spielen und zugucken, wie sich die Blätter so schön herbstlich färben. Wagner, Wagner, Wagner. Ich weiß nicht, ob es schlau ist, sowas zu schreiben. Vermutet haben es sicher schon viele, aber jetzt hast du uns schriftlich gegeben, dass dein Tag ca. so aussieht:

7:00 Aufstehen und kurzes Stoßgebet nach oben.
7:01 Brief schreiben und online an die BILD schicken.
7:01 Opulent frühstücken mit Kaviar und Hackbrötchen (Kobe-Rind) und allem Pipapo.
9:30 Tennis.
12:30 Mittagessen mit z.B. Udo Walz.
14:00 Verdauungsspaziergang. Ignorieren von mind. zwölf Bettlern.
14:45 Spritztour mit dem dicken Firmenwagen.
16:01 Kurz schlecht fühlen wegen der Welt und so.
16:01 Schnell auf einen Café mit Weinbrand in die Paris Bar.
23:58 Verscakt! kruz überlgeen, nee, Auto nchit steehn lsasen, mrogen ghets früh zum Brnuchen.

Na denn ma Prost,

inFemme

Wagner schreibt an Ulrike Folkerts und Freundin. inFemme schreibt an Wagner.

Lieber Wagner,

in deinem Brief an Ulrike Folkerts und Katharina Schnitzler schreibst du über deine Erleichterung, „dass verliebte Lesben den gleichen Quatsch reden wie verliebte Heteros“. Du dankst den beiden für ihr gefühlsduseliges Gefasel, weil jetzt für dich Lesben nicht mehr Mannsweiber mit Motoradwesten sind, die sich gegen den Schwanz auflehnen. Jetzt ist deine Welt wieder ein bisschen schöner geworden mit herzlichen Blümchen und Bienchen, die lieb küssen statt stechen. Weil du endlich alle Lesben über den schönen rosa Kamm mit Schnörkeln scheren kannst. Sie sind für dich nämlich ab sofort alle weibliche Frauen mit ganz normalem Gefasel und – ganz wichtig – ohne das Männliche.
Du bist pauschaler als zwei Wochen Mallorca.

Herzlichst,

inFemme

P.S.: Auch, wenn du jetzt traurig wirst: Die meisten Lesben sind nicht lesbisch, weil sie sich gegen Schwänze auflehnen, sondern weil sie ihnen völlig egal sind. Das gilt auch für deinen!

Wagner schreibt an Knut. inFemme schreibt an Wagner.

Lieber Mensch Wagner,

was hat der Tod von Knuts Ziehvater nur mit dir gemacht? Statt Knut auf deine spezielle Art zu trösten, fragst du ihn in deinem Brief einfach nur, ob er sich genauso fühlt wie du nach dem Tod deiner Eltern. Und es würde sicher keine Menschenseele mehr wundern, wenn die BILD-Zeitung morgen ein Interview mit Knut druckt, in dem er berichtet, wie er seine Trauer verarbeitet (schlafen, essen, rumlaufen). Allerdings wüsste dann auch jeder, dass das gelogen ist, weil sich erstens die BILD eh immer die Hälfte ausdenkt und sie zweitens wahrscheinlich wie du auch kein Bärisch spricht. Aber du musst nicht verzagen: Ich kann nämlich bärisch! Willst du zum Beispiel Knut dein Beileid bekunden, heißt das auf Bärisch „Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle.“ Es ist wichtig, dass du dabei wild mit den Armen fuchtelst und ganz laut schreist. Dann werdet ihr Euch schon bald schluchzend in den Armen liegen und vom Haar-Duft Eurer Verstorbenen schwärmen.

Bärlichst,

inFemme

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