Polewater: Trinkwasser aus Eisbergen?

Polewater: Trinkwasser aus Eisbergen?

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SLEAZE + Polewater
Einfach (und) schön: die Antarktis

Manchmal versinke ich in Gedanken und gerate in eine scheinbar endlose Schleife, in der ich mir den Kopf über die Welt zerbreche. Wie kann es sein, dass gerade ich das Glück habe, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt geboren worden zu sein?

Vom Haben und Nicht-Haben

Wahrscheinlich kannst du dir, wenn es dir so geht wie mir, auch kaum ausmalen, wie privilegiert du eigentlich bist. Wenn dich jemand fragen würde, ob du viel besitzt, würdest du vielleicht erst mal mit nein antworten. Dabei hast du viel mehr als so viele Menschen auf der Welt. Und gleichzeitig, was genauso wichtig ist, hast du so Vieles nicht. Du hast keine Angst, dass jeden Moment dein Haus in Trümmern liegen könnte und nicht die Sorge, wovon du morgen satt werden sollst.

Ich trinke, also bin ich

Für dich ist selbstverständlich, dass du so viel sauberes Wasser zu deiner Verfügung hast, wie du willst. Du kannst sogar dein Wasser in eine Maschine stecken und es sprudelig machen. Und wenn du keinen Bock auf (einwandfreies) Leitungswasser hast, kannst du dir im Supermarkt von verschiedensten Marken dein Lieblingswasser aussuchen – wahlweise natürlich auch mit Geschmack.

Gleichzeitig gibt es (laut UN-Weltwasserbericht 2019) über zwei Milliarden Menschen auf der Welt, die keinen Zugang zu sauberem und durchgängig verfügbarem Trinkwasser haben. Zwar sind ungefähr zwei Drittel der Erde mit Wasser bedeckt, jedoch sind davon nur 0,3 Prozent trinkbar. Vor allem in verschiedenen Regionen Afrikas, Südamerikas und Asiens herrscht ein dramatischer Wassermangel. Zusätzlich verschlimmert das sich wandelnde Klima die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort.

Aus Eisberg mach Trinkwasser

Wie kann man diesen von Wassermangel bedrohten Menschen helfen? Der Berliner Projektmanager Timm Schwarzer hatte vor über zehn Jahren eine Idee: Polewater. Gemeinsam mit Kollege Heiner Schwer und Ingenieur Andreas Gagneur plant er seitdem ein riesiges Projekt, dessen Kern das größte Süßwasserreservoir der Erde ist: die Antarktis.

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Auch Lebensraum dieser schrägen Vögel.

Hier sind (laut Umweltbundesamt) ca. 70 Prozent des weltweiten Süßwassers im Eis gefangen. Und das Eis schmilzt – einer Studie der Universität von Kalifornien zufolge – immer schneller. Mit 252 Milliarden Tonnen pro Jahr verliert die Antarktis damit sechsmal so schnell Eis wie in den 80er Jahren. Die Erderwärmung treibt die Eisschmelze immer weiter voran.

Viele abgebrochene Eisblöcke driften gen Norden, manche treiben immer weiter, bis sie schließlich im offenen Meer schmelzen. Und hier kommt Polewater ins Spiel. Das Berliner Unternehmen um Timm Schwarzer will solche Eismassen zum Beispiel zur südafrikanischen Küste verfrachten und das aufgefangene und gereinigte Schmelzwasser schließlich in Regionen mit Wassermangel bringen.

Krisenhilfe aus der Antarktis?

Zunächst einmal geht es dabei nur um Eisberge, die außerhalb der antarktischen Schutzzone, also oberhalb des 60. Breitengrades Süd, im Südatlantik treiben. Die von Polewater bevorzugten Zielobjekte sind vier Millionen Tonnen(!!!) schwere Tafeleisberge. Die sollen mithilfe von Satelliten gefunden werden.

Eine spezielle Software errechnet dann verschiedene Daten zur Position und Geschwindigkeit, zur Klasse und zum Volumen, zu Maßen, Temperatur, Bewegungen und Schmelzverhalten des Eisblocks. Timm & Co wollen die gewaltigen Eis-Kolosse anhand von Hochseeschleppern und einem speziellen Schlepp-Geschirr über bestimmte Meeresströmungen weiter- bzw. umlenken.

Das erste Ziel soll wie gesagt die Küste Südafrikas sein. Dort soll in ca. 20 bis 30 Kilometer Entfernung eine mobile schwimmende Wasserstation aufgebaut werden, die das Schmelzwasser der Eisberge abpumpen, reinigen und in bis zu 50 Millionen Liter fassende, auf dem Wasser schwimmende Beutel füllen.

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So soll es mal aussehen bei Polewater.

Dass auf dem Weg schon ein großer Teil des Eisbergs „verloren geht“, ist klar. Die Ernte werde letztendlich etwa zehn Prozent des Eiskolosses betragen, das entspräche aber immer noch rund 400 Millionen Liter Trinkwasser (so Andreas Gagneur in der brand eins). Das Wasser soll neben an Wassermangel leidenden Regionen auch in Katastrophengebiete gebracht werden können, um erste Hilfe zu leisten.

An der Idee Polewater wird jetzt schon seit ungefähr acht Jahren gearbeitet. Was aber vor allem noch fehlt, ist ein Investor, denn das erste Eisberg-Projekt soll ca. 50 bis 60 Millionen Euro kosten (so Timm Schwarzer zur Berliner Morgenpost).

Nur die Spitze des Eisbergs

Womöglich ist es sehr gefährlich, wenn sich ein gigantischer Eisklotz mal nicht planmäßig bewegt. Aber wenn das wirklich alles so klappen sollte, wenn dieses Schmelzwasser der abgetriebenen Eisberge nicht einfach nach und nach im Ozean untergehen würde, sondern Menschenleben retten könnte, dann klingt das erst mal nach einer abgefahrenen, wenn auch sehr aufwändigen Idee.

Das, wie ich später erkennen sollte, ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Ein Blick hinter Polewaters Fassade ändert für mich die Sicht auf die Dinge:

Auf ihrer Website inszenieren sich Polewater als sehr nachhaltig und umweltfreundlich. Dem Unternehmen würde „die Umwelt noch mehr am Herzen liegen, als alle Eisberge dieser Welt“ und es verspricht „höchste Nachhaltigkeit“.

Allerdings würde ich infrage stellen, wie nachhaltig es wirklich ist, Millionen Tonnen schwere Eis-Kolosse quer durch den Atlantik zu transportieren. Allein die Hochseeschlepper werden für diese Lasten riesige Mengen an Treibstoff verbrauchen.

Und dann ist ja auch noch die Frage, wie man Nachhaltigkeit bewertet. Denn auch wenn es makaber klingt und daher kaum jemand in seine Überlegungen einbaut, ist Nachhaltigkeit immer auch eine Rechnung.

Man kann sich also z.B. die Frage stellen, ob es nachhaltiger ist, die Millionen Liter Wasser aus dem Meer zu holen und damit viele Menschen zu retten. Oder ob der es auf unserem von Menschen überbevölkerten Planeten sinnvoller wäre, der Natur ein Stück weit ihren Lauf zu lassen und so anderen Tierarten mehr Raum zu lassen – die  natürlich auch wieder von dem Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel bedroht sein können…

 „…denn was umsonst ist, ist auch nichts wert.“

Na gut, da haben sie es vielleicht ein bisschen übertrieben mit dem Nachhaltigkeits-Image. Das ist aber noch nicht der eigentliche Haken an der Sache. Also weiter im Text.

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(Nachhaltiges) Wasser zum Mitnehmen?

90 Prozent des Polewaters ist für Krisenregionen mit Wassermangel bestimmt, okay. Das gibt es „allerdings nicht umsonst, denn was umsonst ist, ist auch nichts wert“, erklärt Timm Schwarzer in der brand eins. Diese absurden Worte zeigen meiner Meinung nach, worum es Polewater geht: um Geld. Polewater sind keine Non-Profit-Organisation, keine Hilfsorganisation im eigentlichen Sinne. Polewater sind ein gewinnorientiertes Unternehmen (auch wenn sie bis jetzt noch nicht richtig Geld verdient haben).

Zusätzlich wollen Polewater einen gewissen Prozentsatz des zu gewinnenden Trinkwassers in Flaschen abfüllen und als (höchstwahrscheinlich teures) „Premium-Wasser“ vermarkten: „Darüber hinaus ist POLEWATER feinstes Trinkwasser und aufgrund seiner Beschaffenheit die herausragendste Variante unter den weltweiten Wassersorten.“, heißt es auf der Polewater-Website.

Wenn man jederzeit einwandfreies Wasser aus der Leitung haben kann, ist es dann nicht alles andere als nötig, sich supertolles, teures Premium-Wasser mit schlechter Ökobilanz in Plastikflaschen zu kaufen? Und davon abgesehen werden sich die Menschen, die Ersteres nicht haben, Letzteres wohl kaum leisten können.

Interessanter Ansatz mit „aber…“

Und so ist die eigentlich interessante Idee zwiespältig. Ist es sinnvoll und richtig, in dieser Art zu „helfen“? Klar, es ist gut, wenn der Meeresspiegel nicht steigt, aber es gibt  weniger teure und logistisch unkompliziertere Methoden, Menschen ohne Trinkwasser-Zugang zu helfen. Verschiedene Hilfsorganisationen haben zum Beispiel durch Brunnenbau- oder Wasserreservior-Projekte Unterstützung leisten können.

Aber: Vor allem muss sich den Ursachen für Wassermangel gewidmet werden. Eine große Rolle spielen hierbei das stetige Bevölkerungswachstum, die Übernutzung von Wasserressourcen durch Landwirtschaft bzw. unser Konsumverhalten, Wasserverschmutzung und der Klimawandel. Und: Ausbeuterischen Geschäften von Megakonzernen wie Nestlé muss ein Ende gesetzt werden. Ich denke, in Sachen Umdenken ist da noch viel zu tun. Ob Polewater da seine Boote wirklich in die richtige Richtung lenkt?

Nele + danilo

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