Pöbel MC & Milli Dance im Interview

Pöbel MC & Milli Dance im Interview

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SLEAZE + Pöbel MC & Milli Dance
Wer kann, sollte die beiden unbedingt live erleben!

Interessant an Interviews ist oft – neben den tatsächlichen Antworten – die Art und Weise, wie die Befragten auf deine Fragen reagieren. Assoziationen, die für einen selbst offensichtlich sind, müssen es für andere natürlich überhaupt nicht sein. Fragen, die besonders keck wirken sollen, um die Situation beispielsweise etwas aufzulockern, einen Einstieg zu finden oder weil einem selbst ein bisschen der Witz fehlt und man meint, dass es diesen benötige, können als das entlarvt werden, was sie eigentlich darstellen: witzlos und unnötig.

All das kann passieren, muss aber nicht. Pöbel MC & Milli Dance waren so nett, mir ein paar Fragen zu ihrer ersten gemeinsamen Veröffentlichung namens „Soli-Inkasso“, welches am 9. März auf Audiolith erschien, zu beantworten und mich über die Sinnhaftigkeit mancher von mir gestellten Fragen nachdenken zu lassen. Danke dafür!

SLEAZE + Pöbel MC & Milli Dance
Milli spendiert Blumen – oder Pommes. Foto: Malte Dörge

SLEAZE: Was darf auf „Soli-Inkasso“ erwartet werden? Und inwiefern unterscheidet sich die Veröffentlichung von euren vorigen, vor allem auch in Hinblick darauf, dass es ja euer erstes gemeinsames Album ist?

Pöbel MC: Ich finde Soli-Inkasso ist ein sowohl inhaltlich als auch musikalisch und atmosphärisch sehr vielseitiges Tape geworden. Es ist recht albern und nimmt sich doch vielfach ernst, verzichtet auf ein durchkonfiguriertes Image und macht sich ob seiner Haltung angreifbar. Ich kann mir vorstellen, dass die Platte auf diese Weise einigen Leuten Spaß bereitet.

Verglichen mit meinen vorherigen Releases sind meinte Parts auf Soli-Inkasso womöglich etwas zugänglicher. Da ich noch nicht allzu lange Rapkram mache, suche ich immer noch ein bisschen rum, werde aber wohl so oder so stets experimentierfreudig bleiben. Ansonsten war es schön, mit Milli zusammenzuarbeiten. Ich genieße seine Musikalität und habe als Produzent der Platte viel für kommende Projekte gelernt.

Milli Dance: In meinem Fall und für mich persönlich unterscheidet es sich vor allem dadurch, dass ich ein 11-Track-Release mit einer anderen Person mit gleichen Anteilen geschrieben habe, was bei WTG ja etwas anders läuft. Der Arbeitsprozess war in Bezug auf Texte und Aufnahmen sehr viel dialogischer.

Soundtechnisch wurde hier und da auch etwas vom sonstigen Film abgewichen, wobei es natürlich in keinster Weise ein kompletter Stilbruch ist. Was dürfen die HörerInnen erwarten? Energie, Albernheiten, Ernsthaftigkeit, gute Beats und ein Top-Sound, wie ich finde. Pöbel und Flexscheibe haben am Mix sehr, sehr gute Arbeit gemacht.

Auf elf Tracks haben sich insgesamt sieben verschiedene Personen Beats gebastelt, was die Platte sehr abwechslungsreich macht. Ein klares musikalisches Konzept kann ich bei den elf Songs nicht erkennen, wobei ich persönlich die Abwechslung, die dies mit sich bringt, mag. War das geplant oder habt ihr einfach angefangen zu sammeln, und daraus dann ein Album gemacht?

Pöbel MC: Ja, wir hatten das Glück, dass uns viele sehr gute Beatmaker Sachen zugeschickt haben, mit denen wir dann rumexperimentieren konnten. Diese Fragmente habe ich dann meist nach Recording-Sessions mit Milli arrangiert und weiter ausproduziert. Ein übergeordnetes Konzept (wie es bei einem Album wohl wäre) gab es nicht, nur Lust und Laune und die Persistenz unserer Überzeugungen.

Milli Dance: Ursprünglich ging es auch gar nicht um mehr als ein paar Tracks machen und die vielleicht im Netz hochzuladen. Wurde dann alles etwas ernsthafter und die Ideen für Songs mehr. Wir haben uns einfach auf Beats geeinigt und geschrieben, was sehr fruchtbar war und gegenseitig inspirierend. Also passt das mit dem Sammeln wohl am besten.

Schon als ich mir die ersten Videoauskopplungen angesehen habe, musste ich immer wieder an „Endlich wird wieder getreten“ von WTG denken. Direkt habe ich mir eure Kollabo und das, was mich da bei den anderen Songs noch zu erwarten hat, unter „Endlich werden wieder Schellen verteilt“ zusammengefasst. Heute könnten einige Schellen verteilt werden. Nennt mir doch bitte eure Top Five mit einer kurzen Begründung.

Pöbel MC: Weder „Pöbel & Dance“ als Track noch als Video haben – bis auf Millis Beteiligung – irgendwas mit „Endlich wird wieder getreten“ zu tun, daher habe ich da keine derartige Assoziation. Auch verstehe ich diesen Schellenfokus auf unsere Mukke nicht so recht. Wer sich die Parts genauer anhört, entdeckt ‘ne Menge mehr. Top-Five-Schellenverteilung gibt’s nicht im Internet. Schellen gibt nur in der Realität und da hält man‘s am besten wie die klugen Maler: „real bad boys move in silence“.

SLEAZE + Pöbel MC & Milli Dance
Können auch in Farbe pöbeln.

Milli Dance: Du siehst doch, was los is. Wo fängt man da an? Ansonsten das, was Pöbel sagt.

Nichts ist so witzlos wie Ranglistenjournalismus

Eine weitere Frage in diese Richtung. In „Loseroptik“ heißt es „sei ein Vorbild und halt dein Maul“. Selbes Schema, Top Five mit kurzer Begründung bitte.

Pöbel MC: Da fallen mir keine fünf ein. Vielleicht… eins: Ranglistenjournalisten. Witz.

Milli Dance: Alle außer uns. Ernst.

Im Intro heißt es „Es bleibt, was es ist, ein Beat und ein Text“. Ich musste direkt an Debatten darüber denken, inwiefern Musik politisch sein kann, darf oder sollte. Klar, letztlich ist jedes Verhalten oder Nicht-Verhalten politisch. Die Frage ist doch nur, inwiefern Musik als Plattform gewissen Themen überhaupt gerecht werden kann. Wie steht ihr zu explizit politischem Rap? Ich meine diesbezüglich bei euch auch eine gewisse Ambivalenz herauszuhören.

Pöbel MC: Positionierungen sind wichtig, müssen aber nicht immer handlungsleitend sein. Mir geht es da künstlerisch vor allem um eine gute Mischung aus Handreichung und stabiler Grundhaltung. Wer nur in seiner Zeckenblase rumtodert, wird niemanden Neues erreichen, wer nur mit dem Puller in der Hand seine Privilegien abfeiert, ist ein Opfer.

Milli Dance: Ich stehe folgendermaßen dazu: Wenn du Musik machst, nur um politische Ansichten zu verbreiten, merkt man das auch. Machst du Musik / schreibst Texte, weil dir das Spaß macht und dir „Kunst“ etwas bedeutet und zusätzlich hast du eine politische Haltung, die du damit rüberbringst, klingt das Ganze auch gut und hat einen künstlerischen Wert. Ansonsten muss Musik generell gar nichts.

Die Bedeutung politischer Haltungen in Musik und Kunst kann sehr bedeutsam sein, ist aber auch immer nur eine Widerspiegelung oder Verstärkung vorhandener Bewegungen / Sachverhalte / Tendenzen etc. und sollte daher auch nicht überhöht werden. Jemand, der einen guten Song zu einem gesellschaftlich relevanten Thema schreibt, hat einen guten Song zu einem gesellschaftlich relevanten Thema geschrieben. Das kann man feiern, sogar sehr, weil es einen berührt oder irgendwie was mit einem macht, viel mehr sollte man daraus in Bezug auf politische Bedeutung aber auch nicht machen.

Im Spannungsfeld zwischen Wohlgefallen und Würgereiz

„Sososo“ thematisiert verschiedenste aktuelle Lifestyle-Erscheinungen wie beispielsweise Instagram und den damit einhergehenden Job der Influencer*innen. Gleichzeitig klingt der Song für mich jedoch sehr nach einem Trap-Track. Irgendwie verwirrt mich der Song und reizt mich vermutlich unter anderem auch deshalb. Was ist tatsächlich die Idee dieses Songs?

Pöbel MC: Der Song ist von der Pharmalobby finanziert und soll den in Deutschland noch etwas schleppenden Lean-Konsum ankurbeln :)… Die verschiedenen Ebenen des Songs genauer aufzuschlüsseln würde ihm irgendwie schaden, das kann sich jeder selbst zusammenreimen. Es ist schön und passend, dass wir mit der Produktion im Spannungsfeld zwischen Wohlgefallen und Würgereiz angekommen sind. Das beschreibt mein ambivalentes Verhältnis zu derlei Ästhetik ganz gut.

Milli Dance: Die Idee des Songs ist, dass wir den Trap-Beat von Platzpatron unfassbar gut fanden und darauf Parts geschrieben haben. Das klingt erstmal komplex und unverständlich, aber wir sind einfach zwei total verrückte Hühner. Chapeau!

SLEAZE + Pöbel MC & Milli Dance
Wer kann, sollte die beiden unbedingt live erleben! Foto: Malte Dörge

Mir persönlich gefällt „Aufbruchsstimmung“ wohl am besten, nicht nur weil ich die Stimmung des Songs an sich mag, sondern auch weil ich ihn textlich als sehr gut ausgearbeitet empfinde. Zum einen weist ihr auf die Schwierigkeit banaler Schuldzuweisungen hin, zum anderen scheint die Betonung – meiner Meinung nach – darauf zu liegen, Zusammenhänge zu erkennen und verstehen zu lernen. Er versucht einen Blick auf das Ganze zu richten. Was bedeutet der Song für euch? Was war euer Anliegen, als ihr ihn geschrieben habt?

Pöbel MC: Der Impuls zu dem Track ging von Milli aus. Mein Part greift gesondert strukturelle und psychologische Aspekte (auch gegenwärtiger) politischer Entwicklungen heraus und versucht so vielleicht, ein bisschen für sich selbst und die eigene Verantwortung zu sensibilisieren. Etwa sind mit Punchlines à la „beginnst im Wind zu biegen und es normal zu finden – Selbstschutz malt dem Unrecht ein ohnmächtiges Grinsen“ diverse zutreffliche Alltagssituationen und Personen, inklusive mir selbst, gemeint.

Milli Dance: Die Alltäglichkeit des „Bösen“, Menschenverachtung, die Bereitschaft, andere unter dem Vorwand der Gesetzmäßigkeit in den Tod zu schicken, den Einzug von gestern noch undenkbarer Aussagen in den alltäglichen Sprachgebrauch, die schleichende gesellschaftliche Transformation, Verrohung und Gewaltbereitschaft gegenüber allen, die nicht zu was auch immer dazugehören und die jederzeit wieder mögliche Herrschaft der Barbarei in einem Track darzustellen.

Vielen Dank. 🙂

„Soli-Inkasso“ erschien letztens bei Audiolith und hier bekommst du noch mal konkrete Einblicke in das Album.

Pascal

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