Plagiarius – die Mörderpuppe

Plagiarius – die Mörderpuppe

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Wir alle sind doch irgendwie geprägt von dem Bedürfnis, uns das Leben möglichst einfach zu machen. Das fängt meist in der Schule an. Da macht sich die Masse der Faulen über die Hausaufgaben des Klassenstrebers her. Ein kräftiger Tritt in den Allerwertesten als Belohnung inklusive. Weiter geht’s an der Uni. Warum auch auf die abendliche Semesterparty oder den Urlaub im sonnigen Süden verzichten, wenn sich die Chance bietet, die Hausarbeit direkt aus erster Hand beim Profi abzukupfern.

„Wo kein Kläger, da kein Richter“, heißt es so schön.
Bei unentgeltlichen Aufgaben ist diese Arbeitserleichterung eine Art Kavaliersdelikt. Dennoch ist bereits hier der Tatbestand des Diebstahls geistigen Eigentums und eine Urheberrechtsverletzung gegeben, wenn Zitate nicht auch also solche gekennzeichnet werden.
Im geschäftlichen Umfeld sieht die Sache schon anders aus. Wie oft wird über die illegale Einfuhr chinesischer Plagiate nach Deutschland gemeckert. Der Marken- und Ideenklau geht aber auch in Europa um.

Der Veröffentlichung solch schamloser Patent- und Produktanmaßungen nimmt sich mittlerweile im 31. Jahr die „Aktion Plagiarius“ an. Unter dem Titel „Negativpreis“ werden seit 1977 Plagiatoren an den sprichwörtlichen Pranger gestellt. Je dreister der Diebstahl, desto größer die Chance, einen der Preise abzusahnen. Inwiefern dies Motivation für feiste Kopierer darstellt: Man weiß es nicht.
Ins Leben gerufen hat den jährlich während einer Pressekonferenz verliehenen Preis der Design-Professor Rido Busse. Auslöser war der Besuch der Messe „Ambiente“ in Frankfurt. Busse sah eine Briefwaage eines Herstellers aus Hong Kong, die eine exakte Kopie einer seiner Kreationen darstellte.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. Der Professor und Inhaber der Agentur Busse Design aus Ulm sah Handlungsbedarf. Die Öffentlichkeit sollte auf die handwerklich schlechten und oft kostspieligen Duplikate aufmerksam gemacht werden, die ihm und seinen innovativen Kollegen das Leben schwer machten.
Grund für die Wut war weniger die Kränkung des kreativen Egos als wirtschaftliche Fakten. Bis heute ist der volkswirtschaftliche Schaden durch diese P(lag)iaterie erheblich.
Schätzungen belaufen sich allein für Deutschland auf mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr, weltweit wird die Summe auf bis zu 300 Milliarden Euro beziffert. Auch Arbeitsplätze bleiben auf der Strecke, wenn mehr als zehn Prozent der eingeführten Waren mehr oder weniger billige Nachahmungen und Kopien sind, an denen sich die Hersteller eine goldene Nase verdienen.
Apropos „goldene Nase“: Die spielt auch beim Plagiarius eine wichtige Rolle.

Wenn der Preis im Rahmen der „Ambiente“, also jener Messe, auf der Busse damals die miserable Kopie der eigenen Idee ausfindig machte, verliehen wird, erhalten die unverschämtesten der Plagiatoren einen schwarzen Zwerg. Und an diesem Zwerg versinnbildlicht eine goldene Nase die Profitgier der Fälscher.
Wer glaubt, Fälschertum sei eine rein asiatische Angelegenheit, wird sich beim Blick auf die Preisträger der vergangenen Jahrzehnte oder beim Besuch des Museum Plagiarius in Solingen wundern. Die geklonten Produkte mit Anwärterschaft auf einen der vorderen Plätze aus allen Bereichen kommen zunehmend auch aus dem eigenen Kulturkreis.
Gefahren werden nur allzu gerne außer Acht gelassen, wenn sich die Möglichkeit bietet, ohne hohe Ausgaben für Produktion und Ideenfindung in Serie zu gehen. So bergen gerade Medikament-Kopien ein hohes Risiko, vom Unfallrisiko bei Billigprodukten ganz zu schweigen.
Tatsächlich hat der Plagiarius etwas bewegt. Gerade europäische Ideen-Diebe streben aus Angst vor schlechter Presse, die der Preis in der Regel für ein Unternehmen bringt, juristische Klärung der Sachlage an. So kommen die Erfinder dann doch noch zu ihrem Recht.
So bleibt nur eine offene Frage: Wann kommt die erste Kopie des Plagiarius selbst?

Matthias

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