Pixars Luca: Im Meer der Tränen

Pixars Luca: Im Meer der Tränen

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SLEAZE + LucaMagie bedeutet eben auch, vom Erwartbaren berührt zu werden. Man könnte nörgeln über eine gewisse Schemenhaftigkeit, die an frühere Werke Pixars erinnert. Man könnte lautstark schreien: Kopie!

Sicher, im neusten Film der US-amerikanischen Animationsschmiede erinnert manches an die eigene erzählerische Geschichte: Themen, Handlungsverlauf, Figurenkonstellation.

Luca ist aber vor allem einmal mehr Beweis dafür, wie ein Studio mit ausgeprägter Identität auch 26 Jahre nach seinem abendfüllenden Debüt Toy Story in der Lage ist, emotionale Hammerschläge präzise zu landen und mit Leichtigkeit von Klüften, aber auch von der Schönheit des Gemeinsamen zu erzählen.

Es ist die Angst, die umgeht. In einem kleinen italienischen Küstenort wächst die Furcht vor Seemonstern. Zahlreiche Bildnisse erinnern an die mutmaßliche Gefahr des so einladenden blauen Meeres.

Der titelgebende Luca (im Original gesprochen von Jacob Tremblay) ist einer von ihnen, diesen angeblichen marinen Ungeheuern. Tatsächlich lebt der Junge mit seiner nur allzu menschlichen Familie unter Wasser ein friedfertiges Leben als Hirte von großäugigen Fischen unweit der Kleinstadt.

Doch er will mehr. Er will an die Oberfläche. Wie ist es bei den Menschen? Und wie sind sie eigentlich? Sein neuer, scheinbar furchtloser Freund Alberto (Jack Dylan Grazer) wird es ihm zeigen. Dabei ist die Welt außerhalb des Wassers ein besonders von seiner Mutter (Maya Rudolph) betontes Tabu.

Vom Menschsein

Was anfänglich an eine Variante des Disney-Klassikers Arielle, die Meerjungfrau erinnert, entwickelt sich schon bald zu einem leichtfüßigen Dolce Vita à la Pixar, das die beiden neuen Freunde mit einer eigenen Vespa krönen wollen.

Nur sie zwei und ein Sommer unter der italienischen Sonne, den sie übrigens nur unbemerkt erleben können, weil sie getrocknet die Gestalt von Menschen annehmen. An der Seite ihrer neuen, menschlichen Mitstreiterin Giulia (Emma Berman) öffnet sich eine Tür: Sie müssen ein traditionelles Stadtrennen gewinnen und den arroganten Seriensieger und Vespa-Besitzer Ercole (Saverio Raimondo) schlagen, um sich zumindest einen rostigen der kultigen Motorroller leisten zu können.

Gemeinsam entdecken sie das urige Fischerörtchen und sehnen sich in schwerelosen Traumsequenzen nach ihrem Sommer. Das kindliche Erleben einer neuen Welt strömt wie eine milde Sommerbrise durch den Film, der auf leichten Füßen voraneilt, aber nicht ins Schwitzen gerät.

SLEAZE + Luca
Gestatten: der Jungtyrann des Ortes – Ercole.

Er rückt das Abenteuer des sympathischen und gegensätzlichen Duos, einerseits der ängstliche Luca und andererseits der draufgängerische Alberto, in den Blick ebenso wie die kleinen Nuancen ihres Zusammenspiels.

Tragisches und Melancholisches, Träumerisches und Sehnsüchtiges verbindet sich zu einem heiteren und doch auch ernsten Abenteuer, das die Motivationen seiner Charaktere durch die Generationen hinweg veranschaulicht.

Es war ja schon immer eine große Stärke der Animationskünstler aus dem kalifornischen Emeryville: Rasanz, Komik wie Spannung und die Ergründung existenzieller Erscheinungen unseres Daseins formen eine symbiotische, cineastische Einheit, die zu Herzen geht.

Luca ist keine Ausnahme. Sein angenehmes Plot-Tempo entschleunigt der Film immer wieder selbst und zeigt die Jungs etwa in einer lauen Sommernacht unter klarem Sternenhimmel liegend. Man spürt ihre unausgesprochene Verbundenheit, ihre Liebe füreinander, die sich erst durch das Auftauchen ihrer neuen gemeinsamen Freundin Guilia einer Belastungsprobe ausgesetzt sieht.

Bleib das Kind, das du immer warst und bist

Unbeschwert beobachtet der Film ihre Freundschaft, erzählt von Einsamkeit genauso wie vom Aufeinanderkrachen mutmaßlich nicht zusammenpassender Welten.

Letzteres ist natürlich nur ein von Menschen geschaffenes Phänomen der Ausgrenzung, die der Streifen gegen Ende vielleicht etwas schnell einreißt. Aber womöglich steckt hier auch eine seiner Kernaussagen: Nehmt euch und euren albernen Mythos nicht so ernst, seid keine indoktrinierten Dummköpfe und seid, wie Luca und Alberto auch, die neugierigen, träumenden und aufgeweckten Kinder, die ihr einst ward und die ihr Leben nicht berechnen. Sie (er)leben es.

SLEAZE + Luca
Zwei Jungs und ihre handgemachte Vespa.

Und so fokussiert Pixar einmal mehr an das Grundlegende, an die Gemeinsamkeit und Lust auf die Welt und allem in ihr und daran – und dass die Dinge meist nicht so sind, wie sie scheinen. Wenn Luca auch an dramaturgische Muster früherer Filme des Studios erinnern mag, sehe ich darin vielmehr eine Identität des Erinnerns wie der erzählende Wanderer, der umherzieht und willigen Zuhörern so leichte wie ernste Fabeln mit auf den Weg gibt. Und spätestens am Ende brechen die emotionalen Dämme und sie schaffen es erneut, in einem Meer aus Tränen zu berühren.

Alex

Titel: Luca
Streamingstart: 18.06.2021
Dauer: 95 Minuten
Genre: Animation, Abenteuer, Komödie, Fantasy
Produktionsland: USA
Filmverleih: Walt Disney Studios Motion Pictures

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