Nightcrawler: Zwischen Ruhm und Wahn

Nightcrawler: Zwischen Ruhm und Wahn

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SLEAZE.nightcrawler1Wie eng Erfolg und Wahnsinn in der Medienbranche miteinander verknüpft sind, bewies Sidney Lumet bereits im Jahr 1976 mit seiner Satire NETWORK. In dieser erzielt ein scheidender Nachrichtenmoderator mit der Live-Übertragung einer Selbstmordankündigung ungeahnte Quotenerfolge. Die Sensationsgier der Medien sowie des Publikums stellt auch in Dan Gilroys NIGHTCRAWLER eines der Hauptthemen dar.

Der Film geht jedoch in seiner Darstellung weiter als eine reine Mediensatire und präsentiert das ausgeklügelte Psychogramm eines Soziopathen vor einem düsteren Los Angeles im Stil der 80er Jahre. So erinnert NIGHTCRAWLER nicht nur in seiner Ästhetik an den Kinohit des Jahres 2011: DRIVE. Ein unbändiges Erfolgsstreben ist es, welches den Protagonisten oder eher Antagonisten Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) in seiner eigenen Interpretation des American Dream antreibt.

Der Kleinkriminelle erscheint bereits zu Beginn des Films als ausgemachter Sonderling. Im Verlauf des Filmes entwickelt er sich jedoch zu einem Psychopathen wie aus dem Lehrbuch. Der Film zeigt so, wohin Ehrgeiz und das unreflektierte Streben nach Erfolg führen können. Hatte er sich zu Beginn noch mit Diebstahl über Wasser gehalten, entdeckt Lou durch Zufall eine unerwartete berufliche Aufstiegsmöglichkeit: Er beobachtet sogenannte „Nightcrawler“ bei ihrer nächtlichen Arbeit – der Aufnahme von Verbrechens- oder Unfallopfern, welche sie anschließend an Fernsehsender verkaufen. Durch Charme, maßlose Egozentrik und die vollkommene Abwesenheit von Reue oder Empathie gegenüber anderen Menschen erarbeitet Lou sich konstant seinen Weg an die Spitze, bis er schließlich vor nichts mehr zurückschreckt. Je drastischer die Aufnahme, desto mehr Geld lässt sich damit machen. Doch wie weit darf man gehen für eine gute Aufnahme?

Irgendwann reicht ihm die Realität nicht mehr als Lieferant grausiger Aufnahmen. Getrieben von Allmachtsfantasien manipuliert er die Menschen in seiner Umgebung, SLEAZE.nightcrawler3wird so zum Regisseur des Geschehens. Die Angestellten von Channel 6, an welchen er die Clips verkauft, allen voran die TV-Veteranin Nina Romina (René Russo), scheinen von Moral und Anstand ebenfalls wenig zu halten. Nina ist eine Getriebene, besessen von der Suche nach dem nächsten blutigen Drama, welches hohe Einschaltquoten garantiert und dadurch ihre Karriere sichert. Irgendwann ist ihr Verhalten nicht mal mehr von ihren Kollegen nachvollziehbar und verschwimmt mit den Charakterzügen Lous. Als raffinierte Satire verpackt stellt Dan Gilroy so die Medienbranche als einen Hort der Wahnsinnigen dar.

Die Autofahrten sind ein bisschen zu rasant, die Verfolgungsjagden ein bisschen zu waghalsig. Doch beschreibt gerade dieses „zu viel“ Lous unersättliches Streben nach Ruhm und Anerkennung überdeutlich. Der nüchterne Ton in dem er von seinen schillernden Ambitionen erzählt, ist an Absurdität kaum zu übertreffen. Teils bewirkt dies, dass der Film unfreiwillig komisch wirkt. Das Lachen bleibt dem Publikum allerdings bereits wenige Sekunden später wieder im Hals stecken, wenn Lou freudig davon berichtet, dass das von ihm gefilmte Opfer einer Messerattacke mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben wird.

Der Film ist alleine wegen der Leistung Jake Gyllenhaals empfehlenswert, der nach BROKEBACK MOUNTAIN, PRISONERS und ENEMY nun wieder in einer äußerst beeindruckenden Rolle zu sehen ist. Er spielt den gefühlskalten Psychopathen mit solcher Überzeugungskraft, dass er Jack Nicholson Konkurrenz machen könnte. Insgesamt hat Dan Gilroy mit NIGHTCRAWLER ein beeindruckendes Spielfilm-Debüt geschaffen, das schon Freude auf seinen nächsten Film aufkommen lässt.

 

Kinostart: 13. November 2014

FSK: ab 16

Regie & Drehbuch: Dan Gilroy

Genre: Thriller

Länge: 119 Minuten

Vertrieb: Concorde Filmverleih

 

Elena

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